Die neue Afrika-Politik: BMZ arbeitet mit Militär für die Interessen der deutschen Industrie !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Die Tendenz der starken Verknüfung von Wirtschaft,- Sicherheitsinteressen und Entwicklungszusammenarbeit haben im Prinzip USAID und DFID seit dem 11. September verfolgt.
Deutschland hat sich bislang v.a. auf Wirtschaftsinteressen spezialisiert, die nun stärker auftretende Verbindung mit der Sicherheitspolitik schließt den Tendenzen von Grossbritanien und USA an (siehe auch Verbindung zur neuen Ausrichtung der ‚Verantwortung‘ in der Ausenpolitik – ein Thema, das wir vor ein paar Wochen via Email bereits diskutiert haben).
Im Prinzip werden hier über die Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit die Eingrenzung von zivilgesellschaftliche Handlungsräumen unterstützt oder zumindest hingenommen, v.a. progressiven menschenrechtsorientierten Akteuren (also nicht der ‚herkömmlichen service delivery orientierten NGOs‘) sind betroffen und die damit verbunden Initiativen zur Verankerung von Versammlungs- und Meinungsfreiheit – Grundfeiler der politischen Partizipation.
Folgend leite ich Euch den link zu einer Veröffentlichung, die Tanja 2011 mit meinem Team bei Trocaire in Ireland vorangebracht hat, sie ist kurz nach ihrem Aufenthalt in Äthiopien entstanden: http://www.trocaire.org/sites/trocaire/files/pdfs/policy/Democracy_in_Action.pdf

Äthiopien ist ein prägnantes Länderbeispiel bei dem genau die Verknüpfung von Wirtschaft- und Sicherheitspolitik im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit erkennbar wird.

ACT Alliance hat ungefähr zur selben Zeit eine Studie mit schockierend änlichen Ergebnissen veröffentlicht:

http://www.actalliance.org/resources/publications/Shrinking-political-space-of-civil-society-action.pdf

Parallelen dazu lassen sich in der großen Studie der Stiftung für Wissenschaft und Politik finden:
http://www.swp-berlin.org/de/publikationen/kurz-gesagt/das-eurokorps-ist-doch-ein-afrikakorps-fuenf-gute-gruende-fuer-ein-deutsches-engagement-in-afrika.html

Das Allerneueste dazu: Nato-Generalsekretär beruft SWP-Direktor Volker Perthes in Expertengruppe
Perthes war lange Jahre Vorsitzender der Deutschen Jungdemokraten und gehörte mal zum radikaldemokratischen Flügel.

Ganz aktuell (März 2014) – wie ich finde allerdings nicht mehr so aussagekräftig – ist der Artikel im Anhang, diesemal gemeinsam von ACT Alliance und CIDSE herausgegeben: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58836

BERLIN
(Eigener Bericht) – Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung will in Afrika einen Wandel zum „Chancen-Kontinent“ wahrgenommen haben und kündigt in einem neuen Strategiepapier entsprechende Aktivitäten an.
Wie aus dem Dokument mit dem Titel „Die neue Afrika-Politik“ hervorgeht, beabsichtigt Entwicklungsminister Gerd Müller wie sein Amtsvorgänger, in den Bereichen Landwirtschaft, Bildung und Gesundheit in Afrika mit der deutschen Industrie zu kooperieren.
Die Verschränkung der Entwicklungspolitik mit außenpolitischen und militärischen Zielsetzungen bleibt ebenfalls erhalten.
Kritiker warnen indessen vor einer „Versicherheitlichung“ der Afrika-Politik, weil diese ihrer Beobachtung nach zu einem Abbau von Freiheitsrechten führt.
Auch die PR-Rede vom „Chancen-Kontinent“, die geeignet ist, in deutschen Wirtschaftskreisen Interesse am Afrika-Geschäft zu wecken, wird von Experten als „surreal“ eingestuft.

Etat-Erhöhung für Afrika

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sieht Afrika auf dem Weg vom „Krisen“- zum „Chancen-Kontinent“.
„Die wachsende Wirtschaft, die natürlichen Ressourcen, das erhebliche landwirtschaftliche Potenzial, die junge und wachsende Bevölkerung, technologische Innovationen: All das sind Rahmenbedingungen, die große Potenziale für eine nachhaltige Entwicklung in vielen afrikanischen Ländern bieten“, heißt es in einem neuen Strategiepapier, das das BMZ vor wenigen Tagen veröffentlicht hat.[1]
Minister Gerd Müller (CSU) will den Etat für den Kontinent, auf den über die Hälfte der BMZ-Mittel entfallen, um 100 Millionen auf 1,3 Milliarden Euro erhöhen – ein Ausdruck der Bemühungen Berlins, seinen Einfluss in Afrika zu stärken.
Als Kernpunkte der neuen Afrika-Politik nennt das Bundesministerium die Errichtung von „Grünen Zentren für nachhaltige landwirtschaftliche Wertschöpfung“, ein Frühwarnsystem für steigende Nahrungsmittel-Preise, die Gründung von Berufsbildungszentren für ländliche Entwicklung, weitere Bildungsinitiativen sowie Maßnahmen im Gesundheitsbereich.

Chancen für die Industrie

Bei der Umsetzung des Programms zählt Müller weiterhin auf die enge Zusammenarbeit mit der deutschen Industrie. „Das Verdienst meines Vorgängers war es, die Wirtschaft stärker einzubinden“, lobt der CSU-Politiker den FDP-Mann Dirk Niebel.[2] In diesem Sinne plant er, die „Grünen Zentren“ „gemeinsam mit der deutschen Agrarwirtschaft“ aufzubauen [3] und im Verein mit der deutschen Wirtschaft neue „Ausbildungspartnerschaften“ ins Leben zu rufen. Zudem kündigt er die Bereitstellung einer größeren Zahl an Hermes-Kreditausfallversicherungen für deutsche Exportunternehmen an.
Auch an den Kooperationen mit der „Bill and Melinda Gates Foundation“ und der „New Alliance for Food Security and Nutrition“, an der unter anderem die Multis Monsanto, Bayer, Swiss Re und Unilever beteiligt sind, will das BMZ festhalten. Als Partner aus dem öffentlichen Sektor nennt es nicht zuletzt die industrienahe Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

„Vernetzte Sicherheit“

Den größten Anteil der für Afrika vorgesehenen Gelder erhalten neben Ägypten und der Demokratischen Republik Kongo die drei ost- bzw. südostafrikanischen Staaten Kenia, Tansania und Mozambique, die vermutlich vor einem neuen Erdöl- und Erdgasboom stehen.
Als neues „Zielland“ bestimmte Müller zudem die Zentralafrikanische Republik, wo die Bundeswehr die geplante EU-Militärintervention unterstützt.
Auch Mali bekommt zusätzliche Mittel; dort schulen 250 deutsche Soldaten Armeeangehörige im Rahmen einer EU-Ausbildungsmission.
Jenseits Afrikas bleibt die deutsche „Entwicklungshilfe“ ebenfalls im Bundeswehr-Einsatzgebiet Afghanistan präsent; für den Schutz des Entwicklungspersonals sollen dort internationale und deutsche Truppen sorgen: „Wir können uns nicht komplett auf afghanische Sicherheitskräfte verlassen“, erklärt Müller.[4]
Während der Minister sich offiziell als Gegner deutscher Kampfeinsätze in Afrika inszeniert, orientiert er sich mit diesem Ansatz konsequent an Niebels Konzept der „vernetzten Sicherheit“, das auf das „zivile und militärische Zusammenwirken in fragilen Ländern“ setzt.[5]

750 Millionen für die Afrikanische Union

Wie sein Amtsvorgänger sieht auch Müller die gemeinsame Unterstützung der Afrikanischen Union (AU) durch das BMZ, das Auswärtige Amt und das Verteidigungsministerium als ein Beispiel für eine solche zivil-militärische Zusammenarbeit an.
Entsprechend fordert das Ministerium, der AU, die laut deutschen Plänen auf dem Kontinent Ordnungsfunktionen im Sinne des Westens übernehmen soll (german-foreign-policy.com berichtete [6]), für die Zeit von 2014 bis 2016 im Rahmen der sogenannten Afrikanischen Friedensfazilität aus dem Europäischen Entwicklungsfonds 750 Millionen Euro für Militäreinsätze und ihre „zivile“ Komponente zur Verfügung zu stellen.
Dabei sind die repressiven Aufgaben der AU nicht auf Militäreinsätze beschränkt. „Auch im Bereich des integrierten Grenzmanagements“ hat sie nach Auffassung Deutschlands und Frankreichs stärkere Aktivitäten zu entfalten.[7]
Die Grenzabschottung innerhalb Afrikas wurde schon in den vergangenen Jahren systematisch von der deutschen Entwicklungspolitik unterstützt.[8]

„Versicherheitlichung“ der Afrika-Politik

Vor einer „Versicherheitlichung“ der Afrika-Politik warnt eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD). Ihr Autor Denis Tull urteilt, die zunehmende Konzentration des Westens auf die repressive Bekämpfung von Piraterie und Terrorismus habe die Regierungen des Kontinents dazu verleitet, bürgerliche Freiheiten einzuschränken.
„Die Priorisierung sicherheitspolitischer Ziele über andere Ziele … hat in vielen Staaten der Region die Zunahme von Repression (durch Gesetze) und die Stärkung der Sicherheitsapparate“ gefördert, schreibt Tull.[9] Er verweist dabei auf einen kritischen Kenia-Report, welcher der „Anti-Terrorism Police Unit“ des Staates extra-legale Erschießungen sowie Misshandlungen von Inhaftierten zur Last legt und dem 2012 verabschiedeten „Prevention of Terrorism Act“ eine äußerst vage, auch auf Oppositionelle und Minderheiten anwendbare Definition von Terrorismus bescheinigt.[10]
Tull rät zudem, Berlin solle sich in Afrika stärker in Opposition zu Frankreich begeben: „Innerhalb der meisten frankophonen Gesellschaften Afrikas ist Frankreich längst diskreditiert. Vor allem unter afrikanischen Großstädtern (Intellektuellen, Zivilgesellschaftlern, Studenten etc.) herrscht eine zum Teil virulente Antipathie gegenüber Frankreich“.
Tatsächlich bemüht sich Berlin seit geraumer Zeit, seinen Einfluss in Afrika auf Pariser Kosten auszubauen (german-foreign-policy.com berichtete [11]).

Surreales „Africa Rising“

Darüber hinaus relativiert die Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung die Einschätzung des BMZ, wonach Afrika sich von einem „Krisen“- zu einem „Chancen-Kontinent“ wandle.
„Von Kamerun und Zentralafrika aus betrachtet, mutet der ‚Africa Rising‘-Diskurs fast surreal an“, konstatiert die Untersuchung.
Als Beleg führt sie einen Beitrag an, den die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) kürzlich veröffentlichte.[12] Darin bescheinigt der langjährige Leiter des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) Robert Kappel vielen afrikanischen Staaten zwar Wachstumsraten; diese gehen ihm zufolge aber nicht mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, einer zunehmenden Industrialisierung und mehr Wertschöpfung einher. Vielmehr sei das Handelsvolumen mit Fertigwaren in den letzten 30 Jahren sogar gesunken, während die Produktivität der Landwirtschaft seit Mitte der 1990er Jahre auf niedrigem Niveau stagniere. „Africa Rising? … Hyper-Optimismus“ sei „nicht angebracht“, urteilt Kappel.

In Erwartung der ressortübergreifenden Strategie

Das BMZ-Strategiepapier „Die neue Afrika-Politik“ gilt in Berlin als Positionsbestimmung für ein ressortübergreifendes Afrika-Konzept.
Ein Treffen auf Ministerebene zwecks näherer Abstimmung hat bereits stattgefunden; es zeigt, welchen Ressorts die Bundesregierung zentrale Bedeutung für den Kontinent beimisst: An der Zusammenkunft nahmen neben Entwicklungsminister Müller Außenmininister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen teil.

[1] Die neue Afrika-Politik des BMZ – Afrika auf dem Weg vom Krisen- zum Chancen-Kontinent. www.bmz.de.
[2] „Hier sitzt Müller, nicht Niebel“. www.zeit.de 23.01.2014.
[3] Die neue Afrika-Politik des BMZ – Afrika auf dem Weg vom Krisen- zum Chancen-Kontinent. www.bmz.de.
[4] „Hier sitzt Müller, nicht Niebel“. www.zeit.de 23.01.2014.
[5] Entwicklung für Frieden und Sicherheit. www.bmz.de.
[6] S. dazu Militär für Afrika (I) und Militär für Afrika (II).
[7] Erklärung des Rates des Deutsch-französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats (DFVSR) vom 19.02.2014. www.auswaertiges-amt.de.
[8] S. dazu Einflusskampf in Westafrika und Kämpfe im Sahel (II).
[9] Deutsche Afrika-Politik. Ein Beitrag zu einer überfälligen Debatte. www.library.fes.de.
[10] Kenya Needs to End Human Rights Abuses by ist Anti-Terrorism Police Unit. www.opensocietyfoundations.org.
[11] S. dazu Nur ein erstes Signal, Deutschland 001 und Die Agenda 2020.
[12] Robert Kappel: Africa Rising? Warum der Hyper-Optimismus nicht angebracht ist. www.kfw-entwicklungsbank.de.

Über Kommentare auf meinem Blog unter https://josopon.wordpress.com/ würde ich mich freuen.

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