Die industrielle Landwirtschaft – Intensiv und ineffizient

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Kleinbauern produzieren energieeffizienter als Großbetriebe.
Sehr ausführlicher Übersichtsartikel in der jungen Welt:
http://www.jungewelt.de/2014/04-14/019.php
Auszüge:

Analyse. Die industrielle Landwirtschaft ist an den Verbrauch fossiler Brennstoffe ­gekoppelt.
Die Energiebilanz ihrer Produkte ist negativ.

Peter Clausing

Alljährlich am 17. April hat die globale Kleinbauernorganisation La Via-Campsina ihren Aktionstag. Die Organisation sagt, daß Kleinbauern energieeffizienter produzieren als Großbetriebe.
Seit Jahr­tausenden besteht der Sinn des Ackerbaus in der Umwandlung von Sonnenenergie in »eßbare«. Das geschieht mit Hilfe der Photosynthese, deren Effizienz zwar gering ist, denn jener Anteil der ein­ge­strahlten Sonnenenergie, der in Biomasse umgewandelt wird, beträgt weniger als zwei Prozent.
Trotzdem wird über das Jahr und die Fläche verteilt in Früchten und Knollen genügend Energie ak­kumuliert, um die Weltbevölkerung zu versorgen. Die Sonnenstrahlung steht gratis zur Verfügung.
Der Anteil an Energie, der darüber hinaus in die Erzeugung und Verarbeitung von Nahrung gesteckt wurde, war für lange Zeit von geringer Bedeutung.
Diese Situation hat sich in den vergangenen hun­dert Jahren dramatisch geändert. Zwar wurden in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen der Welt die Hektarerträge erheblich gesteigert.
Erkauft wurde dieser Zuwachs jedoch mit einem extrem hohen Ein­satz fossiler Energieträger, die vor allem zur Synthese und Ausbringung von Agrochemikalien und zum Betreiben von Pumpen für Flächen mit künstlicher Bewässerung benötigt werden.
Doch in­zwischen ist die Euphorie über die Wunder der »grünen Revolution« verflogen, und es macht sich Ernüchterung breit. Trotz des fortgesetzten Einsatzes erdölbasierter Ressourcen stagnieren die Erträge oder sinken sogar.
Eine wesentliche Ursache ist die nachlassende Bodenfruchtbarkeit aufgrund der vernachlässigten organischen Düngung und der Versalzung bestimmter Böden nach jahrelanger Be­wässerung. Zur Versalzung kommt es besonders in semiariden Regionen, wo die Verdunstung höher ist als der Niederschlag. Global leiden 50 Prozent der bewässerten Flächen unter Versalzung.

Mehr Aufwand als Ertrag

Seit der Erdölkrise Mitte der 1970er Jahre interessieren sich Wissenschaftler verstärkt für die Ener­giebilanzen landwirtschaftlicher Produktion. Im Jahr 1980 erschien ein erstes Handbuch voller Tabel­len, in denen für verschiedenste Fruchtarten und unterschiedliche Produktionsbedingungen entspre­chende Aufwand aufgelistet wurde.1 Die jeweiligen Verbräuche werden in dem Buch summiert und dem Energiegehalt der geernteten Produkte gegenübergestellt. Faßt man die gewonnenen Erkenntnisse zusammen, wird schnell klar, daß bei industriemäßiger Großflächenwirtschaft mehr (fossile) Energie verbraucht wird, als am Ende in der verzehrten Nahrung steckt.
Im Gegensatz dazu verhält es sich beim kleinbäuerlich-ökologischem Anbau umgekehrt. Im Extrem­fall ergibt sich ein Unterschied um das bis zu Hundertfache zwischen den beiden Anbausystemen. Werden bei der Intensivlandwirtschaft außer jener Energie, die in der eigentlichen Produktion steckt, auch die für den Transport zu den Märkten, die zur Herstellung von Verpackungsmaterial aufge­wen­dete Energie und weitere Faktoren berücksichtigt, kommt es zu einem Aufwand von zehn Kilo­kalo­rien und mehr, um eine Kilokalorie in Nahrung zu »erzeugen«. In der kleinbäuerlichen Landwirt­schaft, bei der auf den Einsatz von Agrochemikalien und schwerer Technik verzichtet wird und wo durch agrarökologische Methoden trotzdem gute Erträge gesichert werden, können aus einer Kiloka­lo­rie extern zugeführter Energie bis zu zehn Kilokalorien in Nahrung entstehen.2
Zwar stellt dieser deutliche Effizienzunterschied zwischen den beiden Anbauformen den Extremfall dar, aber die Schlußfolgerung, daß kleinbäuerlich-ökologischer Anbau energieeffizienter ist als indu­strie­mäßige Produktion, hat Allgemeingültigkeit. Das klingt zwar plausibel, ist aber nicht selbstver­ständlich, denn bei den Effizienzberechnungen wird der Energieaufwand zum Ertrag ins Verhältnis gesetzt. Es könnte also sein, daß der durch externe Inputs erzielte Ertragszuwachs so groß ist, daß die zusätzlich eingesetzte Energie kompensiert wird.
Aber das ist, wie die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen zeigen, nicht der Fall.
Wofür wird die Energie eigentlich verbraucht, die in derlei Berechnungen einfließt? In der modernen Landwirtschaft kommen fossile Träger bei folgenden Aktivitäten zum Einsatz: bei der Herstellung, dem Transport und der Ausbringung von Saatgut und Agrochemikalien, bei der Bodenbearbeitung (Pflügen, Eggen usw.), beim (zum Teil globalen) Transport der Ernte, des Schlachtviehs und der land­wirtschaftlichen Abprodukte3, bei der technischen Trocknung bzw. gekühlten Lagerung der Ernte­pro­dukte, beim Betrieb von Pumpen (Bewässerung, Gülle), bei der Beheizung von Gewächshäusern und Belüftung von Stallanlagen sowie bei der Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte (sowohl in­dustriell als auch im privaten Haushalt).
In jüngerer Zeit ist man dazu übergegangen, bei den Berech­nungen noch weitere Faktoren zu berücksichtigen. In jüngerer Zeit ist man zu sogenannten Life-Cycle-Analysen übergegangen, bei denen sämtliche Wirkungen (in diesem Fall der Energie­ver­brauch) während der Produktion, Nutzung und eines Produktes berücksichtigt werden, einschließlich der vor- und nachgeschalteten Prozesse.
Da der Energieaufwand auf die Energiemenge der verzehrten Nahrung bezogen wird, spielen nicht nur die Erträge eine Rolle, sondern auch die Verluste bei Trans­port und Lagerung sowie die Vergeudung bzw. Vernichtung von Lebensmitteln in Supermärkten, Restaurants und privaten Haushalten. Spätestens seit dem 2012 erschienenen Buch »Die Essens­ver­nichter« von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn wissen wir, daß die Vergeudung von Nahrungs­mitteln in den Industrieländern ein erschreckendes Ausmaß angenommen hat. Erhebungen in Groß­britan­nien, wo das Phänomen am gründlichsten untersucht wurde, haben gezeigt, daß 30 bis 50 Pro­zent der in den Handel gelangenden Nahrungsmittel im Müll landen.
Während dies in der Öffentlich­keit vor allem unter dem Blickwinkel des in der Welt herrschenden Hungers diskutiert wird, stellt es auch eine unnötige Belastung des Klimas und eine immense Energieverschwendung dar.

Die Folgen des »Peak Oil«

Dabei herrscht weitgehend Konsens darüber, daß es nach Erreichen des »Peak Oil«, dem Zeitpunkt, an dem das globale Ölfördermaximum erreicht ist, zu einem deutlichen Anstieg des Ölpreises kom­men dürfte. Die Internationale Ener­gieagentur prognostiziert, daß es bis zum Erreichen des Peak Oil noch ein weiter Weg sei.
Doch diese Prognosen werden von Fachleuten zunehmend angezweifelt und als politisch motiviert betrachtet. So vertreten Steve Sorrell und seine Kollegen von der britischen Universität Sussex die Ansicht, daß ein beachtliches Risiko existiere, daß der Peak Oil spätestens im Jahr 2020 erreicht werden wird. Dafür spricht auch, daß die globale Ölfördermenge seit dem Jahr 2005 nicht weiter gestiegen ist. Hohe Ölpreise sind bei dem derzeit dominierenden landwirtschaft­lichen Modell gleichbedeutend mit hohen Lebensmittelpreisen.
So hatte der Rohölpreis, der im Jahr 2008 zeitweilig die 100-Dollar-Marke (pro Barrel) überstieg, damals einen wichtigen Anteil an der Preisexplosion der Lebensmittel, die in über 40 Ländern zu sogenannten Hungerrevolten führte. Die Zahl der Menschen, die ständig Hunger leiden, erhöhte sich um geschätzte 150 bis 250 Millionen.
Fünf Jahre nach diesem Debakel sind »Geberländer« und sogenannte Philanthropen wie die von der Bill & Melinda Gates Founda­tion damit befaßt, die afrikanischen Kleinbauern von fossilen Treib­stoffen abhängig zu machen, statt sie bei der Implementierung von agrarökologischen Produktions­systemen zu unterstützen.
Diese »Entwicklungshilfe« erfolgt fünf, oder vorsichtig geschätzt, fünfzehn Jahre vor dem Erreichen des Peak Oil. Das Motiv kann folglich nicht die Bekämpfung des globalen Hungers sein, sondern – wie oben erwähnt – die kurzzeitige Erschließung von Absatzmärkten für Agrochemikalien und kommerzielles Saatgut auf Kosten von Klima und Ernährungssouveränität.

Was könnten die vermutlichen Folgen des Erreichens des globalen Ölfördermaximums für Länder wie Deutschland sein? (Dabei spielen selbstverständlich nicht nur Peak Oil, sondern auch andere Faktoren wie der Klimawandel, der weitere Verlust an Biodiversität und der demographische Wandel ein wich­tige Rolle.)
Es gibt zahlreiche Prognosen, die sich mit mehr oder weniger verläßlichem Zahlen­mate­rial zu bestimmten Kennziffern in Zeithorizonten bis zum Jahr 2050 bewegen. Jedoch sind Über­legungen zu den gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus solchen Hochrechnungen ableiten, so gut wie nicht auffindbar.
Wahrscheinlich wird das Überschreiten des Fördermaximums nicht die gleiche Dynamik haben wie das abrupte Ausbleiben der Importe für Kuba nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers im Jahr 1990. Dort reduzierten sich die Erdöleinfuhren von 1992 im Vergleich zu 1989 auf weniger als ein Viertel und die Importe von Düngemitteln und Pestiziden auf weniger als ein Viertel bzw. ein Drittel. Im gleichen Zeitraum verlor die kubanische Bevölkerung im Durchschnitt (!) neun Kilogramm an Körpermasse.
Dieser dramatische Einschnitt wurde in Kuba gesamtgesellschaftlich getragen, und innerhalb weniger Jahre entstand eine neue Landwirtschaft mit agrarökologischen Fundamenten.
Jörg Friedrichs, Dozent für Politikwissenschaften an der Universität Oxford, zieht aus der energetischen Zäsur in Kuba die allgemeine Schlußfolgerung, daß »je kürzer und je weniger ein Land oder eine Gesellschaft den Phänomenen von Individualismus, Industrialisierung und Konsumdenken ausgesetzt war, eine adaptive Rückkehr zu gemeinschaftlichen Werten und einem Lebensstil der Subsistenz umso wahrscheinlicher [wird].«5

Zu dem, was angesichts der zu erwartenden Veränderungen in Deutschland notwendig wäre, äußert sich unter anderem die Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. in ihrer im März 2012 verabschiedeten »Erklärung für eine ökosozialistische Wende von unten!«7: »Auch hierzulande stellt sich die Frage der sozialen Gerechtigkeit dringender denn je. In Zukunft geht es nicht mehr einfach um eine mög­lichst gerechte Aufteilung des ›Wohlstandskuchens‹, sondern um knapper werdende Ressourcen und um ein qualitativ anders gestaltetes Leben.
Es darf auf keinen Fall die Situation eintreten, daß sich die Reichen weiterhin einen hohen Umweltverbrauch leisten können, während es den Armen am Nötigsten fehlt

Die Diskussion um die Energiewende in Deutschland dreht sich fast ausschließlich um einen Wandel in der Stromerzeugung. Welche Konsequenzen eine Treibstoffverknappung für die größtenteils hoch­mechanisierte Landwirtschaft haben würde, bleibt bislang noch völlig ausgeblendet. In der alten Bun­desrepublik gab es 1960 in in diesem Bereich 4,5 Millionen Beschäftigte. Bis 1989 war diese Zahl auf 685000 geschrumpft. Die Entwicklung in der DDR verlief ähnlich.
Wird es eine Bewegung »zurück aufs Land« geben. Und wenn ja, auf wessen Land? Schon heute klagen junge Menschen, die den ernst­haften Wunsch haben, ihre Zukunft als agrarökologisch wirtschaftende Bäuerinnen und Bauern zu gestalten, daß ihnen dies aufgrund der exorbitanten Pacht- und Bodenpreise verwehrt bleibt. Szenarien zu entwerfen, wie die konkreten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Ernährung in 20 oder 30 Jahren aussehen werden, ist hochspekulativ.
Eines scheint jedoch sicher: Es wird konfliktgeladener zugehen als heute.

Anmerkungen siehe Originalartikel

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