Reiche reicher als gedacht – Kluft zwischen Arm und Reich destabilisiert Wirtschaft

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Hier kommt ein Institut zu Wort, das ernstzunehmende empirische Wissenschaft betreibt:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/950132.reiche-reicher-als-gedacht.html
Auszüge:
Das Missverhältnis zwischen Arm und Reich in Deutschland ist gravierender als vermutet, besagt eine Studie gewerkschaftsnaher Wissenschaftler –
die wachsende Ungleichheit bedrohe sogar die Wirtschaftsentwicklung.

Berlin. Die Reichen in Deutschland sind offenbar noch reicher, als bisher gedacht, und die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.
»Einkommen und Vermögen von Millionären und Milliardären sind in Deutschland schlecht erforscht und werden deshalb höchst wahrscheinlich unterschätzt«, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Mitteilung der IMK.
Wie groß der Reichtum »am oberen Ende der Verteilungsskala« genau sei, lasse sich dabei mangels verlässlicher Erhebungen und aussagekräftiger Steuerdaten nicht sagen.
»Sicher ist aber, dass der Abstand zwischen Arm und Reich wächst – was auf die Wirtschaft destabilisierend wirkt.«

Große Ungleichheit ist aus Sicht des IMK nicht nur aus sozialer Sicht problematisch, sondern auch keine gute Voraussetzung für eine solide Wirtschaftsentwicklung:
Einkommensschwache Haushalte und eine Mittelschicht mit stagnierenden Einkommen könnten nicht so viele Güter kaufen, wie für Vollbeschäftigung nötig wäre.
Investitionen in neue Maschinen und Gebäude erschienen deshalb nicht rentabel. Und so legten die Reichen ihr Geld eher an den Finanzmärkten an.
Dieser »Überersparnis« stehe eine zunehmende Verschuldung unterer und mittlerer Einkommensklassen oder des Auslands gegenüber, erklären die IMK-Forscher Jan Behringer, Thomas Theobald und ihr Ko-Autor Prof. Dr. Till van Treeck, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen.

Viele international führende Ökonomen, so die Forscher, sähen die wachsende Ungleichheit als eine wesentliche Ursache für die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und 2009.
Aus diesem Grunde fordern sie von der Politik, die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung genau zu beobachten, um gegebenenfalls eingreifen zu können.
Es sprächen »gewichtige Indizien« dafür, dass die wirtschaftliche Ungleichheit in Deutschland derzeit meist unterschätzt wird.
So gebe es etwa Hinweise darauf, dass das Nettovermögen der reichsten Haushalte in Deutschland während der 2000er Jahre weitaus schneller gewachsen ist als die durchschnittlichen Einkommen.

Vor allem wisse man zu wenig über Einkommen und Vermögen von Millionären und Milliardären. Der extreme Reichtum sei schwer messbar, da er sich auf eine sehr kleine, auf Diskretion bedachte Personengruppe konzentriere, die von freiwilligen Haushaltsumfragen kaum erfasst werde.
Verlässliche Informationen dürften sich eher aus Steuerstatistiken ablesen lassen, so die Wissenschaftler. Aber hier fehle es an aktuellen Zahlen.
Da zudem hierzulande keine Vermögensteuer mehr erhoben werde, hätten auch die Finanzämter den Überblick über die Besitztümer der Superreichen verloren.
Selbst bei den laufenden Einkommen sei die Zuordnung zu einzelnen Personen oft nicht möglich, denn seit Einführung der pauschalen Abgeltungssteuer bräuchten die meisten Kapitalerträge nicht mehr in der persönlichen Steuerklärung aufgeführt zu werden.

Angesichts fallender Lohn- und entsprechend steigender Gewinnquoten sei eine weitere Zunahme der Ungleichheit in Deutschland mehr als wahrscheinlich. So seien die einbehaltenen deutschen Unternehmensgewinne letztlich den reichsten Haushalten zuzurechnen, da diese die größten Anteilseigner oder Firmeninhaber seien, argumentieren die Wissenschaftler.
Auch im Einklang mit den Forschungsergebnissen des französischen Ökonomen Thomas Piketty sei damit zu rechnen, dass wachsende Ungleichheit bei den Einkommen auch zu mehr Ungleichheit bei den Vermögen führen wird.
»Mehr noch: Weil Bezieher hoher Einkommen mehr sparen können und die Kapitalrendite erfahrungsgemäß häufig über der Wachstumsrate der übrigen Einkommen liegt, kann man beinahe sicher mit einem weiteren Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich rechnen«, schreiben sie.

Dafür spricht nach Analyse der Forscher zum Beispiel das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Nettovermögen, das Haushalte im obersten Zehntel der Vermögensverteilung besitzen, und dem mittleren äquivalenzgewichteten Einkommen, das die Situation eines durchschnittlichen Haushaltes abbildet.
Um möglichst aussagefähige Ergebnisse zu erhalten, haben van Treeck, Behringer und Theobald zwei Datenquellen miteinander kombiniert: das sogenannte Sozio-ökonomische Panel (SOEP) und die Gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanz.
»Nach ihrer Berechnung, welche die hohen Nettovermögen noch immer unterschätzen dürfte, verfügten die vermögensreichsten zehn Prozent der Haushalte 2012 über durchschnittliche Nettovermögen von knapp 1,4 Millionen Euro pro Kopf. Das entsprach dem 80-fachen des mittleren Pro-Kopf-Einkommens für ein Jahr.
2002 hatte das Verhältnis erst beim 50-fachen gelegen«, heißt es in der Mitteilung des IMK.

Hier gelte es gegenzusteuern, mahnen Behringer, Theobald und van Treeck.
In Deutschland wären nach ihrer Auffassung heute zumindest die Wiedereinführung der Vermögenssteuer sowie die Abschaffung der Abgeltungssteuer geboten.
Kapitalerträge würden dann nicht mehr pauschal, sondern progressiv – mit dem persönlichen Einkommensteuersatz – besteuert.

Jochen

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