Zum Jahresabschluss eine Erinnerung: Wie Horst Köhler und Thilo Sarrazin den DDR-Anschluß ausbrüteten

Aus einer Buchbesprechung in der jungen Welt:

https://www.jungewelt.de/2014/09-26/053.php?sstr=K%F6hler%7CSarrazin

Der Hamburger Publizist Otto Köhler veröffentlichte 2011 im Verlag Das Neue Berlin eine Neuauflage seines 1994 erschienenen Buches »Die große Enteignung. Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte«. Das hinzugefügte erste Kapitel befaßt sich mit dem Anteil Horst Köhlers, 1990 Staatssekretär im Bonner Finanzministerium, und seines Fachreferenten Thilo Sarrazin am Entwurf der Währungsunion mit der DDR. Ein Auszug:

Seit neun Wochen ist die Mauer auf, alles ist vorbereitet, jetzt fällt die Entscheidung. In Bonn läßt der Bundesminister der Finanzen Theo Waigel seinen Vertrauten Horst Köhler zu sich kommen. Keiner sagt ein Wort, sie sprechen nur mit den Augen. Bis schließlich der Minister den Mund öffnet und Köhler anweist: »Kobra, übernehmen Sie!«

Darauf hat Köhler seit zwei Monaten gewartet, vorbereitet ist er längst. 1989 war er noch Leiter der Abteilung »Geld und Kredit«, seit Jahresbeginn 1990 ist er beamteter Staatssekretär im Finanzministerium. Mit seinem Team, wie man solche Leute heute nennt, hat er alles sorgfältig ausgearbeitet. 

Dies hat Kobra Köhler selbst so bezeugt in einem Beitrag für das viel zu wenig bekannte Buch, das Waigel noch während seiner Ministerzeit herausgab und das die Aufschrift trägt: »Tage, die Deutschland und die Welt veränderten«. (…)

Am 29. Januar 1990 war Köhlers Auftrag erfüllt, und Sarrazin hatte einen Plan vorgelegt, die DDR schleunigst in den Machtbereich der D-Mark einzugliedern. (…) Der künftige Autor von »Deutschland schafft sich ab«: »Mit der schlagartigen Einbeziehung der DDR-Wirtschaft in den D-Mark-Wirtschafts- und Währungsraum gewinnt der Reformprozeß eine neue, gänzlich anders geartete Qualität: Die Hirn zermarternden, fast unlösbaren Fragen, wie in einem planwirtschaftlichen System zügig und ohne zu große soziale Kosten ein funktionierendes Preissystem, Wettbewerb, ein funktionierender Kapitalmarkt verwirklicht werden können, lösen sich in ein Nichts auf, denn mit dem Tage der Umstellung ist dies alles da.« Oder alles weg, in den Händen der Treuhand und ihrer Komplizen geschmolzen. (…) Arbeitslosigkeit etwa: Sie war in dem von Köhler in Auftrag gegebenen und gebilligten Sarrazin-Papier für den Osten fest eingeplant.

3 Gedanken zu “Zum Jahresabschluss eine Erinnerung: Wie Horst Köhler und Thilo Sarrazin den DDR-Anschluß ausbrüteten

  1. Das hier besprochene Buch lässt folgende Schlüsse zu, d.h. es muss nicht zwingend so sein – aber, es spricht einiges dafür:
    1) Die „Abwicklung“ der DDR von Seiten der Bundesrepublik wurde von Menschen durchgeführt, die sich vor allem einige Vorteile, auch für sich selbst, davon versprachen.
    2) Die Menschen in der ehemaligen DDR waren ihnen herzlich egal, wobei das herzlich eher ein trauriger Wortwitz ist.
    3) Bei der Lektüre kam mir des öfteren das Wort „Verbrecher“ in den Sinn. Wahrscheinlich legale Verbrechen, moralisch/ethisch aber nicht vertretbar.
    Lesenswert

  2. Tja, „Deutschland schafft sich ab“, oder viehlmehr „Sarrazin schafft Deutschland ab“, oder, noch besser, „Patriotismus geht anders (wie ich Deutschland zum Nulltraif an die Hochfinanz verscheuert hab)!“

    Aber auf das Buch werden wir wohl lange warten können…!

    Henrik Osterloh, Braunschweig

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