„Wunderding für bessere Bildung“ – Auf dem digitalen Trip

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Kritisch sieht das die junge Welt:
http://www.jungewelt.de/2016/06-14/015.php
Auszüge:

Was richten die neuen Medien eigentlich in den Köpfen unserer Kinder an? Die Frage ist so brisant wie aktuell und doch völlig unterbelichtet.
Welche Folgen hat es, wenn der Nachwuchs im Grundschul-, mitunter schon im Kindergartenalter mit Handys und Tablets hantiert, durchs Internet surft, Computerspiele zockt oder in sozialen Netzwerken verkehrt?
Man weiß es nicht genau, ist aber schon irritiert beim Anblick von Jugendlichen, die pausenlos und wie apathisch auf ihr Smartphone stieren. Oder von Erwachsenen, die in ihrem Sendungs- oder Allzeit-auf-Sendung-Bedürfnis die einfachsten Kommunikations- und Anstandsregeln vergessen. Und man argwöhnt: digital gleich asozial?

Die Sorge von Kinderärzten ist hingegen schon sehr konkret. »Für einen Menschen, dessen Erfahrungswelt sich früh über digitale Medien konstituiert, ist die Gefahr groß, dass er sich später in der realen Welt nicht mehr zurechtfindet«, sagt Uwe Büsching, praktizierender Pädiater aus Bielefeld (s. Interview unten). Elektronische Medien hätten »erhebliche negative Auswirkungen auf die Ausbildung von Phantasie, Kreativität, kindlicher Intuition und Spontaneität«.
Büsching ist kein Technikverächter, er erlebt allerdings bei seiner täglichen Arbeit aus nächster Nähe, dass sich Heranwachsende unter dem Einfluss ihrer medialen Umwelt verändert haben. Auch ist er längst nicht der einzige, der vor Risiken und Nebenwirkungen warnt. Seine Haltung ist die der großen Mehrheit der Vertreter seines Berufszweigs.

In der gesellschaftlichen Gesamtsicht wirkt Büschels Zunft allerdings wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Dass junge Menschen möglichst früh und möglichst umfassend Kontakt zu digitalen Medien herstellen und – wie es immer heißt – den »kompetenten und verantwortungsbewussten« Umgang damit erlernen sollen, geht praktisch schon als Binsenweisheit durch.
Beispielhaft dafür steht eine Stellungnahme von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) anlässlich der Konferenz »Digitaler Wandel in der Bildung: Perspektiven für Deutschland« am vergangenen Freitag in Berlin. »Ein reflektierter und konstruktiver Umgang mit digitalen Medien ist für Kinder und Jugendliche heutzutage genauso bedeutsam wie Rechnen, Lesen und Schreiben«, heißt es da und wie selbstverständlich: »Die Nutzung digitaler Medien kann zu einer Verbesserung der Unterrichtsqualität beitragen«, ebenso ließen sich »aktuelle bildungspolitische Herausforderungen wie die Integration von Flüchtlingen und die Inklusion besser bewältigen.«

Die Frage, ob Bildung und IT überhaupt zusammengehören, stellt sich gar nicht erst und hat sich nie gestellt. Dabei legt die Forschung ganz andere Schlüsse nahe. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine starke Mediennutzung mit Sprachentwicklungs- und Lernleistungsstörungen einhergeht, dass ein früher Gebrauch später zu Schulproblemen führen kann oder dass Laptops im Klassenzimmer ein großes Ablenkungspotential bergen.
Dazu kommt die Suchtproblematik: Laut neuestem Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), gelten bundesweit 560.000 Menschen als computersüchtig, davon 250.000 bei den 14- bis 24jährigen.

Nur muss das, was sich unterhalb der Suchtschwelle abspielt, notwendig gesund sein? Nach Mortlers Angaben verbringen 16 Prozent der Neuntklässler täglich knapp fünf Stunden und länger vor dem Computer. Über den zunehmend bewegungsunfähigen Nachwuchs wurde schon viel geschrieben, auch über Phänomene wie Cybermobbing oder Online-Sexavancen gegenüber Minderjährigen.
Was aber im Gehirn der Kleinen und Kleinsten passiert, wenn sie ihre Erfahrung immer mehr auf dem errichten, was sie übers Tablet, Smartphone und durch Computerspiele verinnerlichen, ist noch ein großer, blinder Fleck in der Wissenschaft.

Das, was man bisher weiß, ist durchaus alarmierend. So ergab die sogenannte BLIKK-Studie des Instituts für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH) und des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), dass sich heute nicht einmal mehr 40 Prozent der neun- und zehnjährigen Kinder länger als eine halbe Stunde ohne digitale Medien beschäftigen können (s. unten).
Die Politik verschließt davor die Augen. Alles egal – Hauptsache digital.

Licht ins Dunkel: BLIKK-Medien-Studie

Übermäßiger Medienkonsum kann in eine Sucht umschlagen. Das weiß man, und auch Zahlen hat die Wissenschaft zur Hand. Nach einer neueren Umfrage unter Eltern im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit leiden fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter krankhaften Folgen ihrer Internetnutzung.
Nicht geklärt ist dagegen die Frage, ab welchem Ausmaß die Nutzung digitaler Medien schädlich ist und was ein »normaler«, unbedenklicher Umgang damit ist.

Die Studie »BLIKK-Medien« der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH) und des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) soll diese Lücke schließen. Beteiligt sind bundesweit mehr als 100 Kinderarztpraxen, die im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3 (nach dem ersten Lebensmonat) bis J1 (zwölf bis 14 Jahre) Daten zur Mediennutzung von Kindern, ihrem familiären Umfeld und ihrer psychosozialen Gesundheit durch schriftliche Befragungen der Eltern erheben.

Wie einer der beiden Projektleiter, der Bielefelder Kinderarzt Uwe Büsching, gegenüber junge Welt erläuterte, sei es Ziel, frühzeitig schädlichen Mediengebrauch aufzudecken und Eltern sowie Kindern und Jugendlichen zu helfen, die Chancen der neuen Medien zu nutzen und Gefahren zu meiden. Ferner wolle man Antworten darauf finden, welche langfristigen Auswirkungen ein erhöhter Mediengebrauch auf die körperliche, geistige, soziale und schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Ergebnisse werden zum Jahresende erwartet.

(rwu)

Jochen

Ein Gedanke zu “„Wunderding für bessere Bildung“ – Auf dem digitalen Trip

  1. Nach meiner Erfahrung als Lehrkraft an Grund- und Hauptschulen, Mutter und Großmutter: Kritische Intelligenz kann sich nur entwickeln auf der Grundlage von Begegnung mit realen Gegenständen, handelndem Umgang mit solchen, Versuch und Irrtum und individuellem Nachdenken über die Wirkungen des eigenen Tuns. Alles andere ist Dressur – möglicherweise im Interesse des Pferdebesitzers auch erfolgreiche Dressur.

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