Informatiker zerlegt digitale Patientenakte der Allianz-Tochter Vivy und 3 anderer Anbieter

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Sehr sehenswertes Video:
Die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb von 50 Jahren meine elektronischen Patientenakten wirklich geheim bleiben, beträgt 8% – das berechnet der Referent nach den Risikoabschätzungen der Anbieter selbst.
eCard-neindankeInteressant auch, wie der Allianz-Konzern Online-Redaktionen versucht zu nötigen, die Information zu zensieren, wie schnell die Behebung der Fehler postuliert wird und wie oberflchlich und lückenhaft die Fehlerbeseitigung vorgenommen wird – als ob der Fehler in der Tatsache der AUfdeckung liege.

Das ist doch sehr ähnlich wie bei Ed Snowden und Julian Assange.
Wichtig ist der von ihm erklärte Unterschied zwischen Gesundheitsakte (freiwillig) und Patientenakte (zwangsweise ab 2021). Siehe dazu auch meinen Beitrag hier:

https://josopon.wordpress.com/2018/12/23/abschaffung-der-arztllichen-schweigepflicht-wer-braucht-die-zentrale-patientendatei/

Mit dieser wenig erfreulichen Mitteilung endet mein Blog für 2018. Ich danke meinen Lesern v.a. für ihre Rückmeldungen.
Die Leute aus dem Ries und dem Ostalbkreis mchte ich nochmal auf den Aufstehen!-Treff am 8.Januar 2018, 20:00 in 86732 Oettingen, Hotel Goldene Gans, Königsstraße 5 hinweisen. Ich bin an dem Abend selber voraussichtlich leider verhindert.

Auf dem 35. Chaos Communication Congress (35C3), der zurzeit in Leipzig stattfindet, beschäftigte sich auch ein Redner mit den digitalen Patientenakten.

Er zog ein niederschmetterndes Fazit.

Bereits vier Minuten nach Vortragsbeginn lachte das Publikum einmal laut auf – es war der Moment, als der vortragende Fachmann für IT-Sicherheit, Martin Tschirsich, die Datenübermittlung bei der digitalen Patientenakte Vivy vorstellte.
Dafr nutzt die App eine Fünfstellige-Session-ID, die der Patient an den behandelnden Arzt schickt, um diesem ein Dokument zu zeigen.
Das entspräche nicht unbedingt den gängigen Sicherheitsvorstellungen, urteilte Tschirsich.

Im weiteren Vortrag folgte noch eine lange Liste anderer gravierender Sicherheitsmängel bei Vivy und anderen digitalen Patientenakten.
Tschirsich urteilte: Sicherheit ist ein Wettbewerbsnachteil.
Und er warnte, dass hier gerade ein langfristiger Schaden ber Generationen hinweg entstünde.
Eine Aufnahme des gesamten Vortrags finden Sie hier.
https://media.ccc.de/v/35c3-9992-all_your_gesundheitsakten_are_belong_to_us#t=2322%20

Aus den Kommentaren ärztlicher Kollegen:

1 ———————————————————————————————————————————

Es ist für mich immer wieder beeindruckend zu sehen, mit welcher Leichtigkeit und Lockerheit diese Computer-Kids die ach so strengen „Sicherheitsmanahmen“ der Betreiber jener vielgepriesenen Datenplattformen, auf denendie Patienten ihre Gesundheitsdaten speichern sollen, zerlegen und ad absurdum fhren.

Ich verstehe zwar (fast) kein Wort von dem, was da gesagt und vorgeführt wird, aber die Heiterkeitsausbrüche im fachkundigen Publikum bei jedem Zaubertrick, wo mit ein paar Mausklicks und ein bisschen Code die supersicheren Passwörter und die persönlichsten Daten für jeden lesbar wurden, zeigen eindrücklich, welchen Scharlatanen und welchen undurchdachten und hastig zusammengeschusterten Technologien die Menschen sich auszuliefern bereit sind.

Kleines Schmankerl am Rande: Wer sich nicht nur den (m.E. brillianten) Vortrag, sondern auch noch die anschließende Diskussion angeschaut hat, der konnte noch in einen ganz besonderen Genuss kommen. Auf die Frage aus dem Publikum, ob denn diehier versammelten Kapazitäten den Ärzten eine guten Rat geben könnten, wie sie ihre sensiblen Daten, Befunde, Berichte etc. ohne die Gefahr von Hacks, Abgriffen oder Verfälschungen von Arzt zu Arzt senden könnten, wusste zunchst und auf Anhieb niemand etwas zu sagen, bis dann ein Zuruf aus dem Publikum das Schweigen brach.

Er war zwar ziemlich leise zu hören und schwer zu verstehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nur eine Silbe war und dass das Wort

„FAX“

lautete.

2 ——————————————————————————————

Wie zu hören war, wird Vivy für bislang mind, 13 Mio Nutzern der betreffenden KK (GKV und Privat) von den Kassen mit 5 € /Monat bezahlt.

13 Mio x 5 € = 65 Mio € x 12 Monate = 780 Mio € pro Jahr !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Und verdient dran?

Die Allianz als Haupt-Anteilseigner an diesem System.

Und wer sitzt hier beratend im Vorstand und Aufsichtsrat??? Ich höre jetzt lieber auf…

Mit der TI (die das Ganze zugegebenermassen etwas sicherer machen könnte, aber das ist einfach noch nicht gut genug untersucht) ist es nicht anders.

Die eine Firma schustert der anderen die Kohle zu und politisch-lobbyistisch wird das unterstützt und gesteuert.

Wir haben keinerlei Chance hier etwas auszurichten als uns zu verweigeren. Und zwar ALLE!!!
(Und das wird erfahrungsgemäß niemals passieren)

3————————————————————————————————————————————————————————————

Das Verhalten der Allianz, der hautnah die Folgen ihrer hingerotzten „Gesundheitsapp“ und die Gefahren einer unüberlegten Digitalisierung um die Ohren gehauen werden, finde ich typisch deutsch. Nichts wird „innerhalb von 24 Stunden“ suffizient behoben, stattdessen mit Anwalt und Schadenersatz gedroht und eine Desinformationskampagne gefahren, eine kleine Lücke gestopft und eine große andere belassen. Die konzeptionellen Fehler der Software sind so grundlegend, dass es jedem ernsthaften CISO grausen würde – und es geht trotzdem weiter mit diesen perversen Insellösungen. 

Man sehe sich den Bericht über den XEROX-Bug von Daniel Kriesel vom 31C3 an und lerne über den (zumindest etwas professionelleren, weil erzwungenen) Umgang eines 140k Unternehmens mit solchen Katastrophen. Wäre dieser Bug tatsächlich einer breiten Öffentlichkeit bekannter geworden, wären die Folgen für XEROX unübersehbar gewesen.

Es reicht mir nicht, dass eine Softwarefirma oder eine Privatperson Gesundheitssoftware anbieten darf, die durch konzeptionelle Lücken, die jeder Informatikstudent im ersten Studienjahr oder jeder engagierte Laie austesten und aufdecken kann, offen wie ein Scheunentor (oder von mir aus auch nur mit „kleinen Fehlern“ behaftet) ist. Ich erwarte keine durch zufällige Veröffentlichungen aufgedeckten, müden Bugfixes für Bananensoftware („reift beim Kunden“) und ein Statement a la „wir sind auch dabei, was für ein unterhaltsamer Bericht, haben wir aber sofort gefixt“. Das habe ich bei meiner „Praxissoftware“ leider schon zur Genüge.

„Ein reales Risiko für die Gesundheitsakten der Nutzer bestand zu keinem Zeitpunkt“ – wer kann das denn ernsthaft behaupten? Martin Tschirsich ist ein ehrlicher Mensch, der seine Entdeckungen öffentlich macht und den Herstellern bekannt gibt. 

Was aber, wenn jemand Zero-Day-Exploits verheimlicht und in böswilliger Absicht nutzt, mich erpresst, als Arzt in Nöte stürzt und vor Gericht bringt, weil ich meine Schweigepflicht vermeintlich missachtet hätte (wobei ich ja Softwareverantwortlichen vom arroganten Zuschnitt der Allianz et al. vor Gericht erst einmal beweisen müsste, dass es nicht deren insuffiziente Software war, mittels derer man sich Zugriff auf senible Patientendaten auf meiner Festplatte verschaffen konnte)? Ist das dann auch noch unterhaltsam?

Ich erwarte eine ausgereifte Software und die gesetzliche Grundlage für die Verschiebung der Haftung für Schweigepflichtverstöße mit aktiver Beweislast auf die Seite der Softwarehersteller. Geht nicht? Dann geht in meinen Augen auch keine digitale Patientenakte, Patientenfernwartungsanwendung, Telematik oder iPad-App deren einziger Nutzen im Moment darin besteht, dass Oma Krawallke beim nächsten Kaffeekränzchen ihre letzten Röntgenbilder herumzeigen kann.

Ein Patient ist kein Server, den man via RDP mal eben fernwarten kann, das ist für mich eine Perversion des Arztberufs.

Wer das „von gestern“ nennt, der hat möglicherweise erst einmal wenig Ahnung von den Risiken moderner Informationstechnologie, schlimmer aber: der schert sich in meinen Augen keinen Deut um den Schutz der Intimität des Arzt-Patientenverhältnisses und hat keinerlei Gespür für die Bedürfnisse seiner Patienten.

4—————————————————————————————————————————————————————————–

Im Moment kann man nur zur Datensparsamkeit raten.

Informationen über genetische Risiken, aktuelles Risikoverhalten, Alkohol-und Drogenanamnesen haben in einer Praxisverwaltungssoftware nichts mehr zu suchen. Das gilt auch für Informationen, die für den Patienten strafrechtlich relevant werden könnten.

Abrechnungsdiagnose, Leistungsziffern, Befunde – und fertig. Das alleine ist schon riskant genug.

Doppelte Buchführung ist angesagt.

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