Die große Umverteilung – Warum haben sich Aktienkurse und Warenproduktion entkoppelt ?

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Eine komplizierte Frage lsst sich nach einer empirischen Studie zweier US-Universitten mit Daten der OECD beantworten.
Die Ergebnisse passen in Pikettys Theorie. Einfacher wird das hier erklrt:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1117935.finanzmarkt-die-grosse-umverteilung.html
Auszge:

Die Brsen feiern Aufschwung. Die Aktienkurse steigen, weil Reichtum von Beschftigten an die Finanzmrkte geflossen ist. Das drfte der Grund fr die nchste Krise sein.

Von Stephan Kaufmann

Die Brse scheint in einer eigenen Welt zu leben. Die Aktienkurse steigen. Gleichzeitig droht ein weltweiter Handelskrieg, das Schicksal Grobritanniens ist ungeklrt, die globale Nachkriegsordnung zerfllt – und zudem mehren sich die Warnungen vor der nchsten Rezession.
Davon unberhrt eilt die US-Brse von einem Rekord zum nchsten. Ihr jngster Aufschwung mag den Zufllen der Spekulation geschuldet sein.
Der langfristige Anstieg der Aktienkurse aber hat einen handfesten Grund: die Umverteilung von den Beschftigten zu den Aktionren.

Seit Jahresbeginn geht es mit den Kursen in Europa, Nordamerika und Asien bergauf. Dabei ist die Konjunkturentwicklung wacklig: Das Wirtschaftswachstum in Europa lsst nach. In den USA und China ist es strker, lebt aber von staatlicher Konjunkturfrderung und Niedrigzinsen.
Doch ist dies nur scheinbar ein Widerspruch. Denn die Kopplung der Aktienmrkte an die Wirtschaftsleistung ist seit Langem aufgehoben.
Die alte Regel, dass Brsen langfristig parallel zur Produktion der Unternehmen steigen und sie insofern abbilden, gilt nicht mehr.

Das belegt eine Studie der Universitten Berkeley und New York. Die US-konomen untersuchten Aktienmrkte und Realwirtschaft seit 1959 – und gelangten zu einem Rtsel: Bis 1989 wuchs die Wertschpfung der Unternehmen auerhalb des Finanzsektors krftig und mit ihnen die Brsenkurse.
Seit 1990 jedoch laufen die Kurse der Wertschpfung davon. Wie kann das sein?

Die Antwort: Es lag nicht an den niedrigen Zinsen und auch nicht daran, dass sich die Aktienmrkte schlicht von der Realwirtschaft entkoppelt htten.
Wichtigster Grund war vielmehr, dass der produzierte Reichtum ab 1990 zwar nur mig stieg, grere Anteile davon jedoch an die Aktienmrkte gingen – zu Lasten der Arbeitnehmer.
Seit 30 Jahren erleben nicht nur die USA, sondern die ganze Gruppe der etablierten Industrielnder eine groe Umverteilung von den Beschftigten hin zu den Finanzmrkten.

Diese Umverteilung spiegelt sich in vielen Indikatoren wider. So stieg allein in den vergangenen 20 Jahren der reale Pro-Kopf-Lohn in den groen konomien – USA, Westeuropa, Japan – um etwa zehn Prozent, die Produktivitt der Beschftigten dagegen um fast ein Drittel.
Das bedeutet: Es schrumpfte der Anteil des Wohlstands, der an die Arbeitnehmer floss.
Das Wachstum der realen Lhne blieb deutlich hinter der Gesamtproduktivitt zurck, so die Industrielndervereinigung OECD.

Steuern sinken

Bekannt ist dieses Phnomen als sinkende Lohnquote, also als sinkender Anteil der Entgelte fr Beschftigte am Nationaleinkommen.
Laut OECD fiel die Lohnquote von ihrem Hoch von ber 65 Prozent in den Siebzigern auf zuletzt 56 Prozent. Dieser Trend sei in allen Branchen zu beobachten.

Die Grnde dafr sind bekannt: erstens die Globalisierung, also die Nutzung von Billiglohn-Standorten wie China und die damit verbundene verschrfte globale Konkurrenz der Arbeitnehmer.
Zweitens die Technologie: Die Verbilligung von Produktionstechnik schuf fr die Unternehmen einen Anreiz, Arbeitskrfte durch Maschinen zu ersetzen, um Kosten zu senken. Beide Faktoren schwchten den Einfluss der Gewerkschaften.

Ein dritter Faktor ist laut Internationalem Whrungsfonds (IWF) die Politik. Um die Arbeitskosten zu senken, bauten EU-Lnder in den vergangenen Jahren Arbeitnehmerrechte ab. Sie schwchten den Kndigungsschutz, ersetzten Vollzeit- durch Teilzeitjobs, senkten Mindestlhne und Arbeitslosenuntersttzung. All dies hat den Druck auf die Arbeitnehmer erhht und zum Rckgang der Lohnquote in Europa beigetragen, so Dilyana Dimova in einem Arbeitspapier des IWF.

Die verschrfte Konkurrenz der Standorte um Investoren hat zudem zu einem Steuersenkungswettlauf gefhrt. In den Industrielndern ist der Steuersatz fr Unternehmensgewinne seit 1998 von 41 Prozent auf zuletzt 27 Prozent zurckgegangen.
Krass war die Entwicklung in den USA: So betrug der Anteil der Unternehmensteuern 1950 noch 50 Prozent der gesamten Unternehmensgewinne – vergangenes Jahr waren es nur noch zehn Prozent.

Was sind die Folgen? Sinkende Lohnanteile und Steuern bedeuten zum einen steigende Unternehmensgewinne. Die Kapitaleigner haben mehr, die Arbeitnehmer weniger. Das allein rechtfertigt steigende Brsenkurse.

Lohnzurckhaltung und Steuersenkungen wurden meist begrndet mit dem Argument, hhere Gewinne wrden die Unternehmen zu mehr Investitionen und zur Schaffung von Jobs bewegen.*) Doch ist diese Rechnung nicht aufgegangen.
Die Umverteilung von Arbeit zu Kapital hat nicht die erwarteten Folgen fr die Investitionen gehabt, stellt die OECD fest.
Anstatt in neue Fabriken und Anlagen zu investieren, erhhten die Unternehmen die Dividenden an die Aktionre, kauften eigene Aktien zurck und legten den Rest an den Finanzmrkten an. Das treibt zustzlich die Kurse nach oben.

Firmen werden Finanzanleger

Das erfreut die Finanzanleger – und berrascht viele Wirtschaftsexperten. Denn die Entwicklung widerspricht einigen Grundannahmen: Laut konomischem Modell leihen sich eigentlich die Unternehmen von den privaten Haushalten Geld und investieren es in Produktionsanlagen, erzielen Gewinne, von denen die privaten Haushalte in Form von Dividenden und Zinsen profitieren.
In der konomischen Realitt jedoch horten die Unternehmen ihre Einnahmen, sie sind selbst zu Finanzanlegern geworden.
Ihre Ersparnisse – also was ihnen nach Ausgaben fr Dividenden, Zinsen und Investitionen brig bleibt – sind in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen, stellt Nils Redeker in einer Studie fr die Universitt Zrich fest.

Ergebnis ist die Zunahme der Ungleichheit. Denn von der Entwicklung profitieren Eigner von Betriebs- und Finanzvermgen – und die sind sehr ungleich verteilt.
Der OECD zufolge gehren in den Industrielndern den reichsten zehn Prozent der Haushalte 60 Prozent des gesamten Kapitals, in den USA sogar 70 Prozent. Die reichsten fnf Prozent der US-Amerikaner halten 75 Prozent des Aktienreichtums.
Die Kapitalgewinne flieen vor allem an diese kleine Gruppe. Der Rest – zumeist Lohnabhngige – fllt zurck.

Das System erzeugt sein Problem

Dies wiederum macht das gesamte System fragil. Denn aufgrund der Umverteilung zu Ungunsten der Lohnempfnger bleibt deren zahlungsfhige Nachfrage zurck, was die Unternehmen als Absatzschwierigkeiten und verschrfte Konkurrenz zu spren bekommen.
In den USA treibt dies die Verschuldung der Haushalte in die Hhe, denn die Konsumenten ersetzen verlorenes Einkommen mit Kredit – ihre steigende Verschuldung war ein wesentlicher Grund fr die Finanzkrise ab 2008.
Lnder wie Deutschland dagegen ersetzen fehlende inlndische Nachfrage durch vermehrten Export ins Ausland. Ergebnis sind die hohen Leistungsbilanzberschsse Deutschlands – ein wesentlicher Grund fr die Eurokrise ab 2009.

In den Worten der OECD: Da der fallende Anteil der Lhne am Einkommen nicht durch vermehrte Investitionen kompensiert wird, sind Lnder strker auf Kredite und / oder Netto-Exporte angewiesen, um die Gesamtnachfrage aufrechtzuerhalten. Das knnte zu wirtschaftlicher Instabilitt und globalen Ungleichgewichten beitragen.
So grbt sich der Aufschwung der Unternehmensgewinne und der Brsen langsam selbst das Wasser ab. Denn der wachsende Reichtum der Kapitalseite beruht auf der relativen Verarmung der Arbeitnehmer.
Auf Dauer wird dies zur nchsten Krise fhren, zu einer Entwertung von Finanz- und Unternehmensvermgen.
Der Kampf der mchtigen Standorte um die Frage, bei wem diese Entwertung stattfinden wird, luft bereits: Es ist der sogenannte Handelskrieg, der die Brsen derzeit nervs macht. Zu Recht.

*) Das waren die Grundannahmen der New Labour Economy von Tony Blair, Gerhard Schrder und seinem Finanzminister Eichel. Schon damals wussten realistische konomen wie der leider verstorbene Jrg Huffschmied und Heiner Flassbeck, dass diese Rechnung nicht aufgehen kann.
ber Kommentare auf meinem Blog unter https://josopon.wordpress.com/ wrde ich mich freuen.
Wenn Ihr den Nachrichtenbrief nicht mehr beziehen wollt, schickt mir bitte eine kurze Elektropost.

Jochen

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