Nachtschichtarbeit löst wohl Krebs aus

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN 

Diese Einschätzung hat nun ein international besetztes Gremium aus 27 Wissenschaftlern für die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC_Logo(IARC) bestätigt.
Etwa 20 Prozent aller Beschäftigten arbeiten außerhalb der typischen Arbeitszeit.
Bereits 2007 hatte eine Arbeitsgruppe der IARC Nachtschichtarbeit als „wahrscheinlich für Menschen krebserregend“ (probably carcinogenic to humans) eingestuft. Schichtarbeit, bei der der Tag-Nacht-Rhythmus gestört wird, fällt damit in die Gruppe 2A, zu der auch Glyphosat oder rotes Fleisch gehören.

Diese Einschätzung wurde nun in einer Folgeevaluation bestätigt. Grund für die Neubewertung war die relativ hohe Zahl neuer Studien zum Thema, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind. Die Einschätzung der 27 Wissenschaftler ist in „Lancet Oncology“ erschienen.
https://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045(19)30455-3/fulltext

Ihre Schlussfolgerung ziehen die beteiligten Wissenschaftler auf der Basis einer beschränkten Datenlage in Studien am Menschen, einer guten in Tierexperimenten und einer starken biologischen Plausibilität, wie sie in ihrer Begründung schreiben.

„Es war eine in weiten Teilen durchaus kontrovers geführte Diskussion der wissenschaftlichen Daten zum Thema. Einige neuere Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Nachtschichtarbeit und Krebs, andere wiederum zeigten überzeugend Risiken auf. Und die Einordnung der biologischen Befunde ist teils hoch kompliziert“, sagt Prof. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, der als einziges deutsches Mitglied in der Expertenkommission an der neuen Klassifikation mitwirkte.

„Es gibt eine relativ deutliche Assoziation zwischen Nachtarbeit und malignen Tumoren der Brust, der Prostata und des Darms. Allerdings lassen sich, bedingt durch die Studiendesigns, andere Erklärungen nicht vollkommen ausschließen – darum mussten wir uns den Entscheidungskriterien der IARC gemäß für die Gruppe 2A, wahrscheinlich krebserregend, entscheiden“, so Zeeb.

Jochen

Schluss mit den Qualen – Tierwohl ist Pflicht! – Online-Appell unterzeichnen

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Hallo,

kranke Lungen, gebrochene Knochen, entzündete Euter: Jedes vierte Tier, das auf unserem Teller landet, war krank.
Die Verbraucher*innen ahnen davon nichts. Julia Klöckners (CDU) Tierwohl-Label wird das auch nicht ändern.
Die Agrarministerin plant gerade ein Gütesiegel für Fleisch, mit dem die Qual in den Megaställen weitergeht: Die Kennzeichnung ist freiwillig – und gilt nur für Schweine.

TIERWOHL IST PFLICHT!
Um das Leid der Tiere zu beenden, braucht es jetzt ein verpflichtendes und strenges Gütesiegel für alle Fleisch- und Milchprodukte.
Ich habe deshalb gerade den Campact-Appell „Schluss mit den Qualen – Tierwohl ist Pflicht!“ unterzeichnet.
Bitte mach auch Du mit:

https://campact.org/tierwohl-label

Beste Grüße
Jochen

An die Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU):

Millionen Schweine, Rinder und Hühner werden in deutschen Ställen gequält. Doch Ihr „Tierwohl-Label“ ändert daran nichts: Wir Verbaucher*innen wissen an der Ladentheke mit diesem Qualitätssiegel weiterhin nicht, wie die Tiere gehalten werden.
Die Standards sind viel zu niedrig. Der Einsatz des Labels ist freiwillig. Und nur Schweinefleisch soll gekennzeichnet werden.

Deshalb fordern wir ein Tierwohl-Label, das:

  • verbindlich für alle Hersteller ist und für alle Fleisch- und Milchprodukte gilt.
  • für alle Kennzeichnungsstufen anspruchsvolle Standards enthält. Bereits bei der untersten Stufe müssen Tiere deutlich mehr Platz bekommen als bisher.
  • Grausame Methoden wie das Abschneiden der Ringelschwänze bei Schweinen untersagt. Die oberste Stufe sollte dem Bio-Standard entsprechen.
  • anfangs bundesweit, möglichst schnell aber auch EU-weit eingeführt wird.

Jochen

Kein Rot ohne Grün – Zum Freitagsschülerstreik

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Passend zum Freitag morgen, an dem wieder in vielen Großstädten UND mit Unterstützung der Offenen Linken Ries e.V. in Oettingen(Bayern) Schülerdemos der Initiative »Fridays For Future« stattfinden, ein Artikel der jungen Welt.
Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg gretawird übrigens für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Zu diesem Thema siehe auch https://josopon.wordpress.com/2015/03/31/naomi-klein-kapitalismus-vs-klima-die-entscheidung-fur-eine-sinnvolle-umkehr-ist-noch-moglich/
Auszugsweise https://www.jungewelt.de/artikel/351040.klimastreik-kein-rot-ohne-gr%C3%BCn.html

und dazu noch ein aktueller Gastkommentar aus dem Neuen Deutschland.

Kein Rot ohne Grün

Am heutigen Freitag streiken Schülerinnen und Schüler weltweit gegen den Klimawandel. Die Linke muss sich endlich deutlich zu einem Ökosozialismus bekennen
Von Lorenz Gösta Beutin

»Die großen Unternehmen in den Industrieländern haben die globale Erwärmung maßgeblich verschuldet.« Der Peruaner Saúl Luciano Lliuya aus Huaraz weiß genau, wovon er redet. Sein Haus liegt unweit des Andensees Palcacocha.
Die zwei riesigen Gletscher Palcaraju und Pucaranra der Cordillera Blanca hängen über dem glasklaren Wasser wie ein Damoklesschwert. Unaufhaltsam schmelzen die Jahrhunderte alten Eismassen, immer wieder krachen abgebrochene Gletscherbrocken ins grün-blaue Wasser des Bergsees. Kommen die Eismassen ins Rutschen, wie Wissenschaftler von der Universität Texas in einer Simulation berechnet haben, droht eine bis zu 30 Meter hohe Flutwelle, die die tiefer gelegenen Dörfer überschwemmen wird.
Trotz der unmittelbaren Gefahr stehen Betroffene des Klimawandels, wie Familienvater Lliuya ohne staatliche Hilfe da. Auch die privaten Verursacher der Klimakrise schauen weg. In Deutschland hat der Bergbauer aus Peru daher mit Hilfe einer deutschen NGO Klage gegen den Energieriesen RWE eingereicht. Der größte CO2-Klimakiller-Konzern Europas soll für die möglichen Schäden haften und für den notwendigen Schutz vor dem Klimawandel auf der anderen Seite der Erde zahlen. Nur ein hoher Damm kann die Menschen aus Huaraz noch vor dem Schlimmsten bewahren.

Tausende Kilometer weiter nordöstlich. Der Hambacher Forst liegt ein paar S-Bahnstationen vom Kölner Hauptbahnhof entfernt. Einige wenige Schritte über Waldboden, aufgerissene Sandpisten und eine stillgelegte Autobahn sind es zu Fuß bis zur Abbruchkante eines der größten Braunkohletagebaue der Welt.
Eine Klimaaktivistin wird von fünf gepanzerten Polizisten mit Schusswaffen im Gürtel weggetragen. Die Kabelbinder ziehen sich so eng um ihre Handgelenke, dass sich das Blut staut. Anti-Kohle-Aktivisten halten hier im Rheinland einen der ältesten Eichenwälder des Kontinents besetzt, leben in schwindelerregender Höhe in Baumhäusern und haben auf diese Weise die Abholzung der grünen Lunge verhindert.
Der Kampf um den »Hambi«, aber auch das Wissen um die Schäden an fernen Orten wie Peru, hat in den vergangenen Monaten zehntausende Menschen in ganz Deutschland auf die Straßen gebracht. Das Aktionsbündnis »Ende Gelände« hat Tausende zum zivilen Ungehorsam aufgerufen und Bagger, Tagebaue und Kohlebahnschienen in Ost und West lahmgelegt. Auch das größte Polizeiaufgebot in der Geschichte Nordrhein-Westfalens, unter fadenscheinigen Gründen von der schwarz-gelben Landesregierung in Düsseldorf geschickt, konnte den immer breiter werdenden Widerstand gegen die Kohlebagger nicht brechen.
Bis heute will die herrschende Politik keine Verantwortung für den Hambacher Forst übernehmen, dessen Rodung das Oberverwaltungsgericht Münster im Oktober des vergangenen Jahres vorläufig stoppte.

Fridays for Future

»Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!«. Ende 2018, während des Weltklimagipfels im polnischen Kattowice: In Kiel ziehen hunderte Mädchen und Jungen durch die Straßen. Sie schwänzen die Schule, jeden Freitag, um ihre Wut auf die untätige Politik in die Stadt zu tragen.
Woche für Woche demonstrieren in ganz Deutschland Schülerinnen und Schüler unter dem Motto »Fridays for Future« gegen die Klimapolitik der Bundesregierung, die eigentlich eine Politik des Nichthandelns ist. Seit Jahren wird der klimapolitisch notwendige Kohleausstieg verschleppt, auf Kosten der Gesundheit der Menschen neben Tagebau und Kraftwerk, auf Kosten des Klimas und auf Kosten der Energiewende, dem Ausbau von Windenergie und Solarkraft.
Jede Erstklässlerin hat längst verstanden, was da passiert: Die Energiekonzerne wollen mit ihren alten Kraftwerken noch so lange wie möglich Geld verdienen und bremsen, wo sie können. Und die Große Koalition spielt dieses Spielchen bereitwillig mit. Schalten die Kohlekonzerne trotzdem mal einen ihrer dreckigen Meiler ab, bekommen sie über die »Sicherheitsreserve« sogar noch eine Art Abwrackprämie in Milliardenhöhe hinterhergeworfen.

Auch die Autokonzerne stehen bei den Klimastreiks in der Kritik. Hier muss eine linke Klimapolitik, die die Machtfrage stellt, ansetzen: Es reicht nicht, sich auf den Energiebereich zu beschränken, auch beim Verkehr ist viel zu wenig passiert. Eine radikale, sozialökologische Verkehrswende würde bedeuten, den öffentlichen Nahverkehr besser und günstiger zu gestalten, Verkehr zu vermeiden, die Städte autofrei zu machen und den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor zu befördern.
Das aber hieße, die heilige Kuh der »Autonation Deutschland« schlachten. Wer diesen Weg geht, muss sich mit den Konzernen und deren Lobby anlegen. Dass sich die Schüler auch an dieses Thema heranwagen, zeigt ihre Entschlossenheit.

Von den Drohungen aus der Politik, das Fehlen in der Schule zu bestrafen, lassen sich die Jugendlichen nicht abschrecken. Auch nicht von Morddrohungen gegen die Organisatoren der Streiks. Die Häme, die CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak jüngst über Greta Thunberg, die 16 Jahre alte »Fridays-For-Future«-Begründerin aus Schweden, ausschüttete, oder die Verschwörungstheorie von Kanzlerin Angela Merkel, wonach die Klimaschutzdemonstranten Teil einer ferngesteuerten »hybriden Kriegsführung« gegen Deutschland seien, lässt die Klimastreikenden kalt.
Die Arroganz der Macht bewirkt – wie so oft – das Gegenteil. Denn trotz Störfeuer und Vereinnahmungsversuchen wird es am heutigen 15. März zum größten Klimastreik in der Geschichte der Menschheit kommen. Von New York bis Rio de Janeiro, von Berlin bis Kapstadt, von Bombay bis Sydney, rund um den Globus und in Oettingen werden Hunderttausende für die Rettung des Planeten und gegen die menschengemachte Klimazerstörung auf die Straße gehen. Die Klimastreiks werden wohl als der nächste Schritt hin zu einer neuen, starken und hoffentlich langatmigen Klimaschutzbewegung in die Geschichtsbücher eingehen.

System Change

»System change, not climate change« ist auf manchem Plakat zu lesen, »Systemwandel statt Klimawandel«. Dieser Schlachtruf fand sich in den vergangenen Jahren bei den Aktionen des zivilen Ungehorsams von »Ende Gelände«. Die Diskussionen über Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem sind auch Bestandteil des Widerstands im Hambacher Forst.
Dass dieser Ruf auch bei den Klimademos der Schüler präsent ist, macht die Dringlichkeit der Forderung deutlich. Und auch eine politische Kraft wie die Partei Die Linke, in deren Programm die Überwindung des Kapitalismus als Ziel formuliert ist, kann die Klimafrage nicht weiter unbeachtet lassen. Denn dabei geht es immer auch um globale Fragen von Gleichheit und Ausbeutung.
Die Linke in Deutschland steht für gesellschaftliche Alternativen in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Die Grundlage, auf der das zu erreichen ist, ist eine halbwegs intakte Umwelt. Eine Umwelt, die nicht gnadenlos ausgebeutet wird, eine Wirtschaftsordnung, die nicht dem Kapital dient, sondern den Menschen, sind dafür die Voraussetzung.

Das Ziel, für das wir eintreten, ist nicht ab­strakt, sondern sehr konkret. Im Programm von Die Linke ist es auf den Punkt gebracht: »Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der kein Kind in Armut aufwachsen muss, in der alle Menschen selbstbestimmt in Frieden, Würde und sozialer Sicherheit leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse demokratisch gestalten können.«
Das ist heute nicht gegeben – weder in Berlin, noch in Bangladesch oder Botswana. Um diese bessere Welt für alle – und dieser Abschied von nationaler Beschränktheit muss unser Anspruch sein – zu erreichen, brauchen wir nicht weniger als ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem: den demokratischen Sozialismus. Spätestens heute im Jahr vier nach Abschluss des Pariser Klimaabkommens muss jedem denkenden Linken klar sein: Angesichts der rasant voranschreitenden Klimaveränderung kann es kein Rot mehr ohne Grün geben. Der Sozialismus der Zukunft ist ein Ökosozialismus.

Linke Klimapolitik

Eine linke Klimapolitik will den Kapitalismus nicht grün machen. Die Klimafrage ist auch eine Klassenfrage. Im Kapitalismus müssen Ökologie und Klimagerechtigkeit notwendigerweise ein Widerspruch bleiben. Bis zum heutigen Tag hat der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsform nicht nur sein glänzendes Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht eingelöst.
Durch die ihm eigene Art des Produzierens, die alles zur Ware macht, die Verschleiß an die Stelle von Dauerhaftigkeit setzt und Wettbewerb statt Kooperation vorschreibt, werden Millionen von Menschen in Armut, Abhängigkeit und Ausbeutung gestürzt.

Das Wirtschaften auf der Grundlage fossiler Brennstoffe bedeutet Gewalt und Zerstörung. Kriege um Öl, um Land, um Handelswege und Absatzmärkte werden aus Wirtschaftsinteressen geführt, sei es zwischen politischen und religiösen Gruppierungen oder zwischen Staaten. Atomkraftwerke, Frackinggas und Kohlenmeiler werden gebaut, weil die Renditen mit diesen schädlichen Formen der Energiegewinnung am größten sind.
Die Folge: Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Wüsten breiten sich aus, Millionen Menschen verlieren ihre Lebensgrundlagen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus.
Für uns heißt das: Nur ein Systemwechsel, der den neoliberalen Kapitalismus gleich mit beseitigt, kann die Klima- und Umweltkrise lösen, und der Menschheit so eine Zukunft garantieren.

Wir leben in einer Welt, die als globales Dorf bezeichnet wird. Doch in diesem Dorf wird nicht zusammen, in diesem Dorf wird gegeneinander gearbeitet. In diesem Dorf wohnen einige Wenige in guten Häusern, haben genug zu essen und zu trinken auf dem Tisch, leben in Frieden und Sicherheit, bestimmen über die Geschicke der Dorfgemeinschaft.
Die große Mehrheit aber bekommt vom Wohlstandskuchen viel zu wenig ab, lebt in kümmerlichen Behausungen oder auf der Straße. Der Reichtum der westlichen Industrieländer und auch der Schwellenländern speist sich aus der schreienden Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich. Der menschengemachte Klimawandel ist vor allem ein von den Industrienationen gemachter Klimawandel.
Ginge es auch nur einigermaßen gerecht zu, müsste der reiche Norden die Hauptlast der Kosten tragen, um diesen Wandel zu bändigen und die Schäden gering zu halten.

Die Klimafrage ist zum Katalysator einer linken, kapitalismuskritischen Bewusstseinsbildung geworden. Im Kapitalismus mit Massenproduktion und Massenkonsum unterliegt der Mensch der Ausbeutung. Aber wo Näherinnen, Paketzusteller und Bäuerinnen für immer mehr Profite ausgebeutet werden, wo die Armen an lauten Autobahnen und dreckigen Kohlekraftwerken wohnen, da wird auf die Natur, auf Tiere und Pflanzen erst recht keine Rücksicht genommen.
So wie es heute läuft, das wird vielen mehr und mehr klar, kann es nicht weitergehen.

Was also tun? Zu den grundlegenden Werten der Linken gehören Demokratie (von unten), Freiheit (für alle, auch die Schwachen), Gleichheit (keine Gleichmacherei), Gerechtigkeit (sozial und global), Internationalismus und Solidarität (gelebt, nicht als Pflichtübung). Nur unter Berücksichtigung dieser Werte sind Frieden, Emanzipation des Einzelnen und der Vielen und eben die Bewahrung der Natur zu erreichen.
Ja, wir kämpfen für einen Systemwechsel. Weil der Kapitalismus, der auf Ungleichheit, Ausbeutung, Expansion, Konkurrenz und Wachstum beruht, mit diesen Zielen unvereinbar ist. Das zeigt die Geschichte, das zeigt die Gegenwart. Gedeckt ist unser Ziel vom Grundgesetz, das keine unmittelbare Festlegung und Gewährleistung einer bestimmten Wirtschaftsordnung vorschreibt.
Eigentum verpflichtet, für die Gewährleistung des Allgemeinwohls sind Enteignungen mit Entschädigungen von der Verfassung gewünscht. Das gilt für Wohnraum, Land und Verkehrsmittel genauso wie für Windkraftanlagen, Solarparks und Kraftwerke.

Der Strom der Zukunft muss anders fließen. Die Energiewende soll eine demokratische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger garantieren. Das Grundrecht auf Energie darf nicht durch Stromsperren ausgehebelt werden. Eine Klimapolitik, die der Freiheit verpflichtet ist, macht mächtigen Unternehmen Vorgaben, statt das Gesetz des Stärkeren walten zu lassen.
Nichts anderes nämlich bedeutet die neoliberale Logik von Deregulierung, Verzicht auf Ordnungsrecht und Steuersenkungen, Energieprivilegien und Millionensubventionen für große Konzerne im Energiesektor, für Autowirtschaft, Airlines, Reedereien, Schwerindustrie, Immobilien und Landwirtschaft.
Nichts anderes bedeutet das Kalkül der Marktgläubigen in allen Parteien, die hoffen, die kapitalistische Wirtschaft sei imstande, die Welt aus dem Klimaschlamassel zu ziehen.

Kämpfe verbinden

Das Gebot der Gleichheit heißt, dass der Zugang zu Energie auch für Millionen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika möglich gemacht werden muss. Gerechtigkeit in der Klimapolitik bedeutet, dass der reiche Norden für die Schäden der fossilen Industrialisierung aufkommt. Dass RWE für den Schutz vor dem Klimawandel bezahlt, und, wenn alle Dämme brechen, das zerstörte Haus des peruanischen Kleinbauern wieder aufbaut.
Internationalismus meint, dass wir vor dem Kauf eines SUV daran denken, dass der Untergang ganzer Inselstaaten direkte Folge von Bequemlichkeit und Statussucht ist. Solidarität heißt, dass wir Klimaflüchtlingen die Hand reichen, und ihnen im Fall der Fälle in Deutschland und Europa eine neue Heimat bieten, heißt, dass die Geschlechterungerechtigkeit endlich überwunden wird. Frauen besitzen nur ein Prozent des globalen Vermögens, während sie viermal so häufig von Klimawandelfolgen betroffen sind wie Männer.

Schauen wir uns an, wer politisch aktuell gegen »Fridays for Future« hetzt, wer beim Klimaschutz auf die Bremse tritt, dann sehen wir, wo unsere Gegner stehen: Es sind jene, die sich eine andere, solidarische Gesellschaft nicht vorstellen können – und wollen. Weil sie andere Interessen vertreten:
Es sind die Lindners, Merkels, Ziemiaks dieser Welt, die das neoliberale Mantra, dass es keine Alternative zum Bestehenden gebe, gebetsmühlenartig wiederholen.
Und es sind die Höckes und Gaulands, die die Gesellschaft weiter nach rechts rücken wollen. Zu ihrer Agenda gehört nicht nur ein ungeschminkter Rassismus und der Hass auf Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen, auf Werte wie Gleichheit, Freiheit und Demokratie. Sondern auch die Leugnung des menschengemachten Klimawandels. Sie bedienen Ängste und Ressentiments.
An dieser Stelle verbinden sich all die sozialen Kämpfe gegen die Neoliberalen und die rechten Hetzer, für soziale Gleichheit, für den Ausbau der Demokratie, für gleiche Rechte, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft, und eben für Klimagerechtigkeit, für den Erhalt der Lebensgrundlagen der Menschheit.
Eine solche Politik, die in der Lage ist, diese Kämpfe miteinander zu verbinden, ist eine von unten, eine emanzipatorische Klassenpolitik, die sich konsequent auf die Seite derjenigen stellt, die unter Ausbeutung und Herrschaft leiden, die für die ganz andere Gesellschaft der Freien und Gleichen eintritt.

Die Dringlichkeit endlich wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, nimmt mit jedem gestiegenen Zentimeter des Meeresspiegels und jedem Dürresommer weiter zu. Weil der Kampf um Klimagerechtigkeit eine Frage des Überlebens ist, gerät die Klimapolitik zu einer der zentralen sozialen Fragen der Zukunft. Es wird Zeit, sie endlich auf breiter Grundlage anzugehen.

Lorenz Gösta Beutin ist Energie- und Klimapolitiker der Linken im Bundestag und Sprecher seiner Partei in Schleswig-Holstein.

Gastkommentar : Schüler politisieren die Zukunft

Die Soziologen Dennis Eversberg und Matthias Schmelzer über notwendige Unterstützung für Fridays For Future

Was sie denn eigentlich ändern wolle, wurde Greta Thunberg im Februar in Davos gefragt. Sie antwortete so schlicht wie ernsthaft: »Everything«, alles, – und wurde ausgelacht. Darin kommt das ganze Elend der klimapolitischen Situation dieser Tage wie im Brennglas zum Ausdruck. Denn die Erkenntnis, die in diesem simplen »Alles« steckt: dass sich eben nicht nur diese oder jene Kleinigkeit, das eine oder andere Stellschräubchen, sondern die ganze Welt, wie wir sie kennen, radikal verändern muss, ist ja nicht Gretas Privatmeinung. Vielmehr bringt sie genau das zum Ausdruck, was Klimaaktivist*innen seit langem fordern und worin ihnen nun auch der Konsens der Klimaforschung explizit recht gibt: Um aus dem Schlamassel noch halbwegs tragbar rauszukommen, braucht es in globalem Maßstab abrupte Systemumbrüche in »beispiellosem Ausmaß« in allen Sektoren. So konstatierte es der Weltklimarat 2018 in seinem Sondergutachten trocken, aber drastisch.

Wenn sie sich nicht auf eng bildungspolitische Fragen beschränkten, waren Schulstreiks wie jetzt von »Fridays For Future« (F4F) in der globalen Protestgeschichte immer wieder Teil sehr breiter sozialer Mobilisierungen, die zu weitreichenden Umbrüchen führten – von der Novemberrevolution über die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung bis hin zum Widerstand gegen die Apartheid. Wie die Ableger »Parents4Future« oder »Scientists4Future« zeigen, ist denkbar, dass sie auch diesmal ein breiteres gesellschaftliches Umdenken anzeigen. Ein Umdenken, das die Wahrheit der Klimakatastrophe und ihre Konsequenzen für den radikalen Umbau der fossilen Produktions- und Lebensweise endlich anerkennt.

Das setzt aber voraus, sich jetzt nicht vereinnahmen zu lassen. Nicht von Politikerinnen, die es sich mit den Erwachsenen, die sie gewählt haben, nicht verderben wollen. Aber auch nicht von all denen, die versprechen, dass mit ihren überlegenen, neuen, grünen Technologien in Zukunft bestimmt alles gut wird, aber für uns alles weitergehen kann wie bisher. Wenn Politikerinnen wie Olaf Scholz jetzt damit winken, »dass Deutschland auch wirtschaftlich davon profitiert«, wenn die Klimakrise bearbeitet wird, »dass es in Sachen Umwelt- und Klimapolitik dann an der Spitze steht«, dann stehen sie damit genau für jenes überkommene wachstumsfixierte Denken, jene technologischen Scheinlösungen und jene neokoloniale Ignoranz, gegen die die Schulstreiks aufbegehren.

Was es braucht, damit die Erkenntnis, dass »alles« sich ändern muss, fruchtbar wird, ist Solidarität. Nach innen, global, von uns allen. Wie jede Form des zivilen Ungehorsams stellt auch ein Schulstreik die Solidarität der Protestierenden direkt auf die Prüfung: Verantwortung einzufordern, verlangt, füreinander einzutreten und gemeinsam die Konsequenzen zu tragen. Solidarität heißt zu erkennen, dass das nicht für alle gleich einfach ist, und den weniger Privilegierten, die das Fehlen an einzelnen Tagen schulisch zurückzuwerfen droht, aktiv unter die Arme zu greifen.

Solidarität ist aber auch in einem globalen Sinn gefragt. Denn die Folgen der Klimakatastrophe tragen ja jetzt schon Millionen Menschen anderswo auf der Welt, deren Lebensgrundlagen austrocknen, versalzen, im Meer versinken. Es ist der Bewegung zu wünschen, dass sie sich mit denen zusammentut, die sich seit Jahren als globale Klimagerechtigkeitsbewegung dem Klimawandel entgegenstellen – oft ebenso mit Aktionen zivilen Ungehorsams wie bei Ende Gelände. Sie sollte einsteigen in den hier schon begonnenen Dialog mit den heute von der Klimaerhitzung Betroffenen in Wüsten und auf Südseeinseln. Wenn es gelingen soll, eine Koalition der Kräfte der nötigen radikalen Umkehr gegen die herrschenden Kräfte der radikalisierten Vergangenheit zu bilden, dann zusammen mit ihnen. Das hieße, sich selbst als globale Gerechtigkeitsbewegung zu erkennen. Liebe Schüler*innen: Ihr seid nicht allein, Ihr teilt Eure Betroffenheit mit vielen Millionen in anderen Weltgegenden – es wird Zeit für Solidarität.

Und schließlich braucht F4F auch die Solidarität von uns allen. Als »Parents4Future«, »Scientists4Future«, »Farmers4Future« oder einfach als Einzelne, die Gretas »Alles« eingesehen haben, sollten auch wir heute und in den kommenden Jahren demonstrieren.

Fridays For Future will die Zukunft retten und politisiert damit einen völlig auf den Hund gekommenen Begriff. Denn was ist »Zukunft« noch für die, die hier den Ton angeben? Mehr Autos, mehr Flugreisen, am liebsten künftig auch noch Flugtaxis, um dem selbst verursachten Stau davonfliegen zu können. Flugtaxis sind keine Zukunft. Sie sind eine ins Absurde radikalisierte Vergangenheit. Gegen diese Fantasielosigkeit der »erwachsenen« Visionen von immer mehr Heil durch immer mehr Technologie stellt F4F uns ernsthaft die Frage, was das eigentlich ist: Zukunft. Zukunft, das wären andere, postfossile Lebensweisen. Und damit daraus global etwas werden kann, müssen die vor allem eines sein: solidarisch.
Darüber endlich gemeinsam nachzudenken, das wäre ein Verdienst von Fridays For Future
.

Dennis Eversberg und Matthias Schmelzer forschen am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Wandel von Mentalitäten im Zuge postfossiler Transformation, zu sozialen Bewegungen und zu Postwachstumsgesellschaften. Eversberg gehört zum Institut für Protest- und Bewegungsforschung, Schmelzer ist in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv.

Jochen

Achtung ADHS-Kinder und Eltern: ERHÖHTES PARKINSON-RISIKO DURCH METHYLPHENIDAT (RITALIN(R), GENERIKA)?

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

a-t_LogoDiese alarmierende Schlagzeile hat das industriekritische und werbungsfreie Arznei-Telegramm gerade veröffentlicht:
https://www.arznei-telegramm.de/html/htmlcontainer.php3?produktid=088_01&artikel=1810088_01k
Aus meiner Erfahrung mit 10 Jahren Tätigkeit in stationärer Drogentherapie weiss ich, dass eine Methylphenidat-Verordnung für Kinder eine Eintrittspforte in späteren Konsum von Aufputschmitteln sein kann.
Drüber hinaus sollten sich Eltern klar werden, dass eine Diagnose ADHS von nun an ihr Kind lebenslang begleiten wird, wenn es gesetzlich krankenversichert ist.
Das kommt in die geplante lebenslang begleitende elektronische Patientenakte, die für jede Lebensversicherung oder Verbeamtung offen gelegt werden muss.
Es wird später weder eine Berufsunfähigkeitsversicherung erhalten noch verbeamtet werden.
Und hier auszugsweise der Bericht:

Das amphetaminartige Psychostimulans Methylphenidat (RITALIN, Generika) wird seit Jahrzehnten bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) angewendet (a-t 1996; Nr. 4: 38-9).
Die Auswirkungen einer langjährigen Psychostimulanzieneinnahme auf die Gehirnreifung von Kindern sind jedoch nicht bekannt.
Nach tierexperimentellen Daten könnte Methylphenidat bei chronischer Anwendung PARKINSON-artige Erkrankungen begünstigen (a-t 2002; 33: 16 und 2005; 36: 33-5).1)

Eine retrospektive Kohortenstudie2) untersucht nun erstmals den Zusammenhang zwischen ADHS, der Einnahme von Psychostimulanzien und dem Risiko für Erkrankungen der Basalganglien und des Kleinhirns, darunter Morbus PARKINSON, sekundärer Parkinsonismus, andere degenerative Erkrankungen der Basalganglien und essenzieller Tremor.
Anhand von Registerdaten und elektronischen Patientenakten von Einwohnern des US-Bundesstaates Utah werden 31.769 Patienten mit dokumentierten Aufmerksamkeitsdefizitstörungen mit oder ohne Hyperaktivität sowie hyperkinetischen Verhaltensstörungen* identifiziert (Geburtsjahr 1950 bis 1992) und mit 158.790 Personen gleichen Alters und Geschlechts, aber ohne dokumentiertes ADHS verglichen.
Zu den Ausschlusskriterien gehören Drogen-, Alkohol- oder Amphetaminmissbrauch in der Anamnese.
Im untersuchten Zeitraum zwischen 1996 und 2016 werden bei 0,52% der ADHS-Patienten und bei 0,19% in der Kontrollgruppe Erkrankungen der Basalganglien oder des Kleinhirns diagnostiziert (adjustierte Hazard Ratio [HR] 2,4; 95% Konfidenzintervall [CI] 2,0-3,0).
Bei Teilnehmern mit ADHS und bekannter Psychostimulanzieneinnahme (n = 4.960) fällt die Risikoerhöhung dabei signifikant größer aus (HR 6,0; 95% CI 3,9-9,1) als bei ADHS-Patienten, für die keine entsprechende Behandlung dokumentiert ist (HR 1,8; 95% CI 1,4-2,3).
Bei bekannter Einnahme ausschließlich von Methylphenidat (1.941 Patienten) ist das Risiko sogar achtmal höher als bei den Kontrollen (HR 8,0; 95% CI 4,2-15,1).2

* Im Folgenden als ADHS-Patienten bezeichnet.

Die Studienautoren halten es am ehesten für wahrscheinlich, dass die Einnahme von Psychostimulanzien Marker einer schweren Ausprägung des ADHS sein und die Störung per se mit zunehmender Schwere das Risiko PARKINSON-artiger Erkrankungen steigern könnte.2) Sie bieten dafür aber keine hinreichende Begründung an.
Aufgrund des vermuteten Wirkmechanismus amphetaminartiger ADHS-Mittel – Hemmung der Wiederaufnahme von Dopamin im Striatum3) – erscheint uns eine Störung des dopaminergen Innervationssystems durch Psychostimulanzien plausibler. Die aktuellen Ergebnisse passen zudem zu Daten aus Beobachtungsstudien, die auf ein erhöhtes PARKINSON-Risiko durch Amphetaminmissbrauch hinweisen.4,5)

Methylphenidat und andere Psychostimulanzien sollten ausschließlich bei Kindern mit gesicherter ADHS-Diagnose, nur nach strenger Indikationsstellung und zeitlich begrenzt angewendet werden.
Dringend bedarf es weiterer Studien zu der potenziellen schweren Störwirkung, –Red.

1 SADASIVAN, S. et al.: PLOS ONE 2012; 7: e33693 (9 Seiten)
2 CURTIN, K. et al.: Neuropsychopharmacology, online publ. 12. Sept. 2018
3 Novartis: Fachinformation RITALIN, Stand Mai 2018
4 MORATALLA, R. et al.: Prog. Neurobiol. 2017; 155: 149-70
5 CURTIN, K. et al.: Drug Alcohol Depend. 2015; 146: 30-8

© 2018 arznei-telegramm, publiziert am 19. Oktober 2018

Diese kritische Zeitung kann ich nur empfehlen. Sie spart nachweislich eine Menge überflüssiger und schädlicher Medikamente ein.

Jochen

Mit Müsli gegen Arthritis

Mal was zum gesunden Alltagsleben. Von Arthritis sind im Alter sehr viele Menschen betroffen.

https://idw-online.de/de/news687101

FAU_NuernbergDass eine gesunde Ernährung unser allgemeines Wohlbefinden steigert, ist altbekannt. Jetzt haben Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) herausgefunden, dass eine ballaststoffreiche Kost den Krankheitsverlauf von chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen positiv beeinflussen und zu einer Stärkung der Knochen führen kann. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler im renommierten Fachmagazin Nature Communications (DOI: 10.1038/s41467-017-02490-4) veröffentlicht.

Schlüssel für die Wirkung unserer Ernährung auf die Gesundheit sind die Darmbakterien: Eine gesunde Darmflora besteht aus einer Vielzahl von Bakterienarten. Jeder erwachsene Mensch trägt etwa zwei Kilogramm an gutartigen Bakterien in seinem Darm. Diese Verdauungshelfer zerlegen Ballaststoffe in einzelne Bestandteile, so dass der Körper sie aufnehmen kann. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die für den Körper wichtig sind. Diese liefern Energie, regen die Darmbewegung an und wirken entzündungshemmend. Die Darmbakterien bekämpfen darüber hinaus Krankheitserreger, die in den Verdauungstrakt gelangen. Bekannt ist, dass die Zusammensetzung der Darmflora schützende, aber auch krankmachende Effekte haben kann. Ein intaktes Zusammenleben der verschiedenen Bakterien schützt die Darmwand und verhindert, dass sie für Krankheitserreger durchlässig wird.

In der aktuellen Veröffentlichung in Nature Communications zeigen die FAU-Forscher, dass es jedoch nicht die Darmbakterien selbst sind, sondern ihre Stoffwechselprodukte, die das Immunsystem beeinflussen und damit auch auf Autoimmunerkrankungen wie die rheumatoide Arthritis wirken. Unklar ist noch, wie die Verständigung zwischen Darmbakterien und Immunsystem abläuft und wie gegebenenfalls die Bakterien positiv beeinflusst werden könnten. Im Fokus der Forscher stehen dabei die kurzkettigen Fettsäuren Propionat und Butyrat, die innerhalb von Gärprozessen der Darmbakterien gebildet werden. Diese Fettsäuren sind unter anderem in der Gelenkflüssigkeit zu finden und man nimmt an, dass sie einen wichtigen Einfluss auf die Funktionstüchtigkeit der Gelenke haben.

Die FAU-Wissenschaftler um Dr. Mario Zaiss von der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie am Universitätsklinikum Erlangen konnten zeigen, dass eine gesunde, ballaststoffreiche Ernährung die Darmflora so verändert, dass mehr kurzkettige Fettsäuren, vor allem Propionat, gebildet werden. Sie konnten eine erhöhte Konzentration der kurzkettigen Fettsäure unter anderem im Knochenmark nachweisen, wo das Propionat bewirkte, dass sich die Zahl der knochenabbauenden Zellen verringerte und damit auch den Knochenabbau deutlich verlangsamte. Propionat wird schon seit den 1950er Jahren als Konservierungsmittel in der Backindustrie verwendet und ist als prominenter Vertreter kurzkettiger Fettsäuren nach EU Richtlinien als Nahrungsmittelzusatzstoff überprüft und zugelassen.

„Wir konnten zeigen, dass eine bakterienfreundliche Ernährung entzündungshemmend ist und zugleich einen positiven Effekt auf die Knochenfestigkeit hat“, sagt Studienleiter Dr. Mario Zaiss. „Unsere Erkenntnisse bieten einen vielversprechenden Ansatz für die Entwicklung innovativer Therapien bei entzündlichen Gelenkerkrankungen sowie für die Behandlung von Osteoporose, die häufig bei Frauen nach der Menopause auftritt. Wir können heute noch keine konkrete Empfehlung für eine bakterienfreundliche Ernährung geben, aber ein morgendliches Müsli und ausreichend Obst und Gemüse täglich hilft, einen artenreichen Bakterienmix aufrechtzuerhalten.“

Dr. Susanne Langer Kommunikation und Presse
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Informationen für die Medien:
Dr. Mario M. Zaiss
Tel.: 09131/85-43212
mario.zaiss „AT“ uk-erlangen.de

Welche Hausmittel helfen gegen Erkältungen?

Seit Dienstag abend hat mich wieder einmal eine Erkältung erwischt. Aus diesem Anlass hier eine kleine Zusammenfassung empirisch gesicherter Heilmittel aus dem Spektrum der Wissenschaft http://www.spektrum.de/wissen/zehn-hausmittel-gegen-erkaeltung/1519103:

Was hilft, um wieder rasch auf die Beine zu kommen? Wir nehmen zehn Hausmittel aus aller Welt unter die Lupe: ein Blick in die globale Erkältungsapotheke.

1. Honig

Ein rauer Hals und hartnäckiger Husten können sich bei einer Erkältung lange halten, selbst wenn man mit der Schnupfennase schon längst durch ist. Hier kommt der Honig ins Spiel. Honig wird in vielen Kulturen wegen seiner beruhigenden und antientzündlichen Wirkung bei Verbrennungen, zur Wundheilung und auch bei Erkältungskrankheiten genutzt.

Die WHO nennt und empfiehlt Honig in diesem Zusammenhang auf Grund zweier Eigenschaften: Honig steigert die Produktion von Sekret und Schleim in den Atemwegen, ein trockener Rachen und gereizte Bronchien beruhigen sich. Im Honig gibt es außerdem antioxidativ wirkende Inhaltsstoffe, zum Beispiel Polyphenole, die auf die Ausschüttung von Immunbotenstoffen wirken und laut einer Studie womöglich manchen Viren und Bakterien das Leben schwer machen.

Einige kleine Studien belegen die Wirksamkeit des Honigs zur Hustenlinderung bei Kindern. Von 105 erkälteten Kindern und Jugendlichen (zwischen 2 und 18 Jahren) etwa husteten diejenigen deutlich weniger und schliefen besser, die zur Nacht etwas Honig genommen hatten. Das Hustenmittel Dextromethorphan schnitt im Vergleich nicht so gut ab.

Honig ist eine günstige und ungefährliche Alternative. Nicht angewendet werden sollte er jedoch bei Kindern unter einem Jahr. Das unreife Immunsystem bietet noch keinen sicheren Schutz vor Clostridium botulinum, einem Bakterium, das den Honig gelegentlich verunreinigen kann.

Kommentar: Honig enthält auch in niedriger Dosierung Pollen-Allergene aus der Region, der allergischem Asthma vorbeugen kann.

2. Die Kleine Klette

Ekrem Sezik, Pharmazeut von der Gazi-Universität in Ankara, hat zusammen mit seinen Kollegen 46 türkische Städte bereist, um eine Art Katalog aller in Anatolien verwendeten Hausmittel und Heilkräuter zu erstellen. Die traditionelle Medizin des Landes ist reichhaltig. Die Forscher kamen auf insgesamt 291 Heilmittel und 103 genutzte Pflanzenarten, von denen einige bei Erkältungen zum Einsatz kommen.

Der Fruchtsaft der Spitzgurke (Ecbalium elaterium) etwa soll, in die Nasenlöcher getropft, bei Entzündungen der Nasennebenhöhlen helfen, der Kräuterabsud einer Salbei-Art (Silvia russellii) und der Sud abgekochter Früchte des Stechwacholders (Juniperus oxycedrus) bei Schnupfen und Husten, die Samen des Gemeinen Leins (Linum usitatissimum), in Milch gekocht und als Breiumschläge auf Brust und Hals gelegt, die Symptome mildern.

Hart im Nehmen muss derjenige sein, der sich auf eine Behandlung mit der „Kleinen Klette“ (Arctium minus) einlässt. Die Blätter dieser stacheligen Pflanze werden in Essig oder Schafmilch eingelegt und direkt auf die Haut platziert, was dem Erkälteten (der bei der ganzen Prozedur warm gehalten werden muss), wen wundert es, die Schweißperlen auf die Stirn treibt.

3. Mal nichts tun

Manchmal ist weniger mehr. Weniger „machen“, damit die Erkältung verschwindet – und das kann heißen: ab aufs Sofa oder ins Bett. Warm einpacken, ruhen und schlafen. Eine der häufigsten Dinge, die Erkältete quer durch Europa tun, wenn sie krank sind: im Bett bleiben.

Gut so! Denn erstens kann derjenige, der in seinen eigenen vier Wänden bleibt, wenn der Kopf schmerzt und die Nase trieft, die Erkältung an weniger Menschen weitergeben als im Büro. Und zweitens unterstützen Ruhephasen das Immunsystem bei der Abwehr der Erkältungsviren. Werden die Immunzellen bei der Abwehr eines Infekts aktiv, schütten sie zahlreiche Botenstoffe aus (zum Beispiel den Tumornekrosefaktor), die direkt auf das Schlafzentrum im Gehirn wirken und den Drang steigern, das Bett aufzusuchen.

Dem sollte man nachgehen. Das energieintensive Immunsystem nutzt nämlich den Schlaf, also die Zeit, in der andere Körperprozesse heruntergefahren sind, zum Auftanken, zum Beispiel um den Vorrat an verbrauchten Immunzellen wieder aufzufüllen. Außerdem steigert der Schlaf die Merkfähigkeit des Immunsystems. Gedächtniszellen werden angelegt, die verhindern, dass man bei der nächsten Erkältungswelle mit dem gleichen Virus wieder flachliegt.

4. Holunderbeeren

Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra), beheimatet in Europa, Teilen Afrikas und Asiens, ist ausgesprochen robust und frostunempfindlich. Er gehört zu den weltweit am meisten genutzten Medizinpflanzen. Seine Blüten und reifen Früchte enthalten wirksame Substanzen, die offenbar auch einem erkältungsmäßig angeschlagenen Menschen wieder zu alter Fitness verhelfen können. Vitamine (A, B1, B2, B6, B9, C und E) sind reichlich enthalten, außerdem Kupfer, Zink, Eisen, Kalzium, Magnesium, Carotinoide, Phytosterole und Polyphenole wie die Flavonoide. Von Letzteren enthalten Holunderbeeren sogar mehr als Blaubeeren, Schwarze Johannisbeeren, Goji-Beeren oder Cranberrys.

Eine Studie mit Flugreisenden von Australien nach Übersee zeigte die Wirksamkeit von Holunderbeerenextrakt. Die Reisenden in der Holunderbeeren-Gruppe bekamen zwar signifikant nicht seltener eine Erkältung, waren aber wesentlich schneller damit durch – im Durchschnitt zwei Tage. Die Inhaltsstoffe im Holunder wirken antientzündlich, antiviral, schleimlösend und unterstützen die Immunabwehr. Aber Achtung: Unreife Beeren enthalten zyanogene Glykoside, aus denen die giftige Blausäure entstehen kann.

5. Umckaloabo

Der Name ist Programm: Umckaloabo, ein Begriff aus der Sprache der Zulu, beschreibt die Schmerzen in der Brust bei starkem Husten, die südafrikanische Medizinmänner traditionell mit einem Extrakt der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) behandelten. Den Weg nach Europa trat das Heilmittel bereits vor rund 120 Jahren an, als sich ein an Tuberkulose erkrankter englischer Major in Lesotho erfolgreich damit behandeln ließ – und das Wundermittel auch zu Hause anpries.

Laut einer Analyse des Chochrane-Instituts können Pelargonien-Extrakte die Symptome einer Bronchitis bei Erwachsenen und Kindern lindern. Die Studienlage für Erkältungen allgemein und Entzündungen der Nasennebenhöhlen ist dünn, doch kommt es laut weniger Studien bei Erwachsenen zu einer Verbesserung der Symptome, Kopfschmerzen lassen nach, das Nasensekret fließt ab. Die Krankheitsdauer scheint sich unter dem Einfluss von Umckaloabo zu verkürzen, besonders dann, wenn es gleich zu Beginn der Erkältung eingenommen wird. Für die Effekte ist offenbar keine Einzelsubstanz verantwortlich, sondern der spezielle Cocktail an Cumarinen, Gerbstoffen, Flavonoiden, Polystyrolen und ätherischen Ölen in den Wurzeln der Pflanze, das unter anderem den Schleim löst und das Immunsystem günstig beeinflussen soll.

Kommentar: Bei mir hat es schon öfter geholfen. Es hat aber allergene Eigenschaften und soll NICHT an Kinder gegeben werden.

6. Obst und Fruchtsaft

Mehr Appetit auf frisches Obst, Orangensaft oder andere Fruchtsäfte – laut einer Untersuchung von Ärzten quer durch Europa greifen viele Erkältete im Fall der Fälle zum Obst. Das mag daran liegen, dass ein säuerlich süßer Geschmack selbst die belegte Zunge ein wenig zu reizen vermag und Flüssigkeit insgesamt den strapazierten Schleimhäuten guttut.

Ist der Körper zudem mit der Abwehr von Erkältungsviren beschäftigt, leiden die Körperzellen nicht nur durch die Virusvermehrung, sondern auch durch die Aktivität der Abwehrzellen – Entzündungsstoffe werden frei und mehr Sauerstoffradikale gebildet. Das, was der Verschnupfte als unangenehme Symptome empfindet, sind im Prinzip die Begleiterscheinungen eines aktiven Immunsystems. Die Nase läuft, das Gewebe rötet sich, die Schleimhäute schwellen an. Orangen oder Zitronen enthalten viel Vitamin C, das die bei der Immunreaktion anfallenden toxischen Sauerstoffradikale entschärfen kann und dadurch Schäden am Gewebe entgegenwirkt. Eine sehr gute beziehungsweise überreiche Versorgung mit diesem Vitamin kann laut Studien die Häufigkeit von Erkältungen zwar nicht senken, sehr wohl aber die Dauer und Heftigkeit der Symptome verringern.

Mein Geheimtipp: Rosa Pampelmusensaft mit Ouzo

7. Ingwer

In der Erkältungszeit findet Ingwer wieder mehr Absatz – zur Freude der Händler. Aber wirkt er auch? Und wenn ja, in welcher Form? In der asiatischen und afrikanischen Medizin wird die Ingwerwurzel vielfältig eingesetzt, bei Verdauungsproblemen, Migräne, Rheuma, Erkältungen.

In der Tat: Aufgüsse von frischem (nicht von getrocknetem) Ingwer verhindern in Laboruntersuchungen, dass sich RSV (Respiratory-Syncytical Viren) an Zellen der Atemwege anheften und eindringen. Verschiedene Inhaltsstoffe (Sesquiterpene) haben laut britischer Forscher eine antivirale Aktivität gegen Rhinoviren, die hauptsächlichen Verursacher der klassischen Erkältung.

Die im Ingwer vorkommenden Scharfstoffe (Gingerole, Shogaole) kurbeln zudem den Stoffwechsel an, wärmen, lassen die Nase laufen und wirken Entzündungsprozessen entgegen.

8. Tamarinden-Rasam

In Südindien versucht man einer Erkältung mit einer heißen Suppe aus Tamarinde (das sind die Früchte des Tamarindenbaums Tamarindus indica) und Pfeffer beizukommen. Tamarinde, gekocht mit etwas Ghee und schwarzem Pfefferpulver, hat eine klärende Wirkung. Dreimal am Tag getrunken, bringt sie die Augen zum Tränen, die verstopfte Nase ist sofort frei.

In der Frucht des Tamarindenbaums stecken jede Menge bioaktiver Substanzen. Tamarindenextrakte wirken sich günstig auf das Fettprofil, den Blutdruck und das Körpergewicht aus. Eine Anwendung bei Gerinnungsstörungen und der Alzheimerdemenz wird diskutiert. Einem Erkälteten könnte der hohe Gehalt an Polyphenolen und deren antioxidativen Eigenschaften helfen, das Abwehrgetümmel zwischen Immunsystem und Schnupfenvirus schneller zu überstehen.

Die Tamarinde enthält außerdem Substanzen mit antimikrobieller Aktivität. Nach Experimenten mit antibiotikaresistenten Keimen (Staphylococcus aureaus, Pseudomonas aeruginosa) sind für diesen Effekt laut brasilianischen Forschern Polyphenole (Flavonoide) verantwortlich. Eine Erkältung wird zwar durch Viren verursacht, liefert aber gelegentlich den Nährboden für eine Superinfektion mit Bakterien; eine Bronchitis oder Ohrenentzündung können schmerzhafte Komplikationen einer zunächst harmlosen Erkältung sein.

9. Wärme

Heißer Tee, heiße Suppe, warm einpacken – vielerorts wird mit Wärme gegen die Erkältung angearbeitet, deren erste Symptome ein unangenehmes Frösteln und Kältegefühle sind. Ein Zeichen, dass die Immunabwehr in Gang kommt, und nicht, dass „Kälte“ die Ursache des Schnupfens ist. Kein Wunder also, dass es den Frierenden hinzieht zum warmen Federbett, Schal, heißen Suppen und Getränken. Aber bringt Wärme wirklich etwas?

Flüssigkeit an sich ist schon einmal gut, weil dadurch die Schleimhäute angefeuchtet werden. Warme oder gar heiße Flüssigkeiten fördern die Schleimproduktion und das Abfließen, die Sekrete lockern sich, das Husten fällt leichter. Durch die Wärme weiten sich die Blutgefäße, Mund und Rachenraum sind besser durchblutet, Immunzellen werden herangeschafft und Überreste des Abwehrgeschehens abtransportiert. Eine Hühnersuppe, eine asiatische Knoblauchsuppe oder ein peruanisches Lapacho-Dampfbad schaffen Erleichterung einfach erst einmal dadurch, dass sie Wärme in den Körper bringen.

10. Nasendusche

Die Nasenspülung ist eine alte Methode zur Behandlung von Infekten der oberen Atemwege, die ihre Ursprünge wahrscheinlich in Indien in der ayurvedischen Heilkunst hat. Aber bringt sie bei einer Erkältung etwas? Durch das Spülen mit salzhaltigem Wasser soll hartnäckiger Schleim hinausbefördert werden. Ist die Nase zu sehr verstopft, wird es problematisch, die Spülflüssigkeit kann womöglich nicht gut ablaufen.

Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2015 sucht nach der wissenschaftlichen Evidenz der Methode bei einer bestehenden Erkältung. Die Mediziner fanden insgesamt fünf klinische Studien, die sich mit der Wirksamkeit von Nasenduschen bei Kindern und Erwachsenen beschäftigten. Beim Großteil der (meist kleinen) Studien bringt die Spülung im Verhältnis zur Kontrollgruppe keinen klaren Vorteil. Nur bei einer größeren Studie mit erkälteten Kindern zeigte sich ein Benefit: Die kleinen Nasenduscher konnten besser durch die nicht ganz so verschnotteten Nasen atmen. Fazit der Fachleute: Möglicherweise habe die Nasenspülung einen Vorteil; die meisten hierzu bisher durchgeführten Studien seien aber zu klein und „Nasenspülung“ zudem ein vager Überbegriff für sehr unterschiedlich durchgeführte Praktiken.

Also bleibt gesund, ist besser so !

Jochen

 

Wie ging Tschernobyl tatsächlich in die Luft?

http://www.spektrum.de/news/wie-ging-tschernobyl-tatsaechlich-in-die-luft/1520357

Das Unglück von Tschernobyl gilt als bislang schlimmster Unglücksfall der Kernkraftindustrie. Nun wurden die ersten Sekunden des GAUs neu untersucht – mit bedenklichem Ergebnis.

In der Nacht zum 26. April 1986 ereignete sich der bislang schwerste Unfall in einem Kernkraftwerk: Ein Test im Reaktor 4 von Tschernobyl lief völlig aus dem Ruder; am Ende explodierte der Block und jagte radioaktives Material in die Atmosphäre, das nachfolgend die unmittelbare Umgebung wie auch weiter entfernte Regionen Europas kontaminierte. Auch noch mehr als 30 Jahre später ist die Analyse dieses GAUs nicht abgeschlossen, wie die Studie von Lars-Erik De Geer von der schwedischen Agentur für Verteidigungsforschung und seinen Kollegen im Journal der American Nuclear Society darlegt. Die Physiker haben untersucht, was in den ersten Sekunden der Explosion genau ablief und welcher Art sie gewesen sein muss.

Augenzeugen hatten damals berichtet, dass zwei Explosionen am oder im Reaktor stattgefunden hätten. Nach den Daten von De Geer und seinem Team handelte es sich bei der ersten im Gegensatz zu bisherigen Annahmen um eine Kern- und nicht um eine Dampfexplosion. Diese löste erst das zweite Ereignis aus. Bislang war man von einer umgekehrten Reihenfolge ausgegangen. De Geer und Co vermuten, dass es im Reaktorkern nach Erreichen des überkritischen Zustands gleich zu einer ganzen Serie von Kernexplosionen kam, die radioaktives Material und Schutt aus der zerrütteten Reaktorhülle bis in die hohe Atmosphäre jagten. Drei Sekunden später folgte dann die Dampfexplosion, welche die Hülle des Reaktorblocks endgültig zerstörte und weitere Spaltprodukte sowie Reste des Baus in niedrigere Luftschichten riss. Luftströmungen verteilten die Substanzen dann über die nähere und weitere Umgebung.

calculated_surface_air_133Xe_concentration_map_at9-00UTC_1986-April29

A calculated surface air 133Xe concentration map at 09:00 UTC on April 29 for one maximum power channel with a 75-ton explosion injecting its full debris into the 2.5- to 3.0-km altitude interval between 21:00 and 22:00 UTC on April 25, 1986. Note that “●” indicates the power plant and “○” marks Cherepovets. The inset in the lower right shows the cloud at the altitude of 3 km at midnight the day before the detection.

Die Theorie basiert unter anderem auf der neuen Analyse von Xenonisotopen, die in der Umgebung von Moskau und Skandinavien niedergingen. Vier Tage nach dem Ereignis registrierten Wissenschaftler des V.G. Khlopin Radium Institute im damaligen Leningrad demnach Xenonisotope in Cherepovets, einer Stadt nördlich von Moskau und eigentlich weit weg von den hauptsächlichen Fallout-Regionen des GAUs. Bei diesen Isotopen handelte es sich allerdings laut der neuen Untersuchung um Material, das durch eine Kernspaltung kurz zuvor entstanden sein muss – was nahelege, dass eine Kernexplosion stattgefunden haben muss, so die Physiker. In Skandinavien tauchten hingegen andere Xenonisotope auf, die aus dem Reaktorkern stammten und während des normalen Betriebs produziert wurden. Dazu passen Wetterdaten, nach denen das Xenon von Cherepovets durchaus mit hohen Atmosphärenströmungen aus Tschernobyl gedriftet sein könnte – während Winde das Xenon in niedrigeren Luftschichten nach Skandinavien trieben. Ein Fischer hatte damals einen blauen Blitz während der Explosion beobachtet, was ebenfalls auf eine Kernexplosion hindeutet.

Und auch Spuren am zerstörten Reaktorbehälter sprechen dafür: Teile der zwei Meter dicken Stahlplatte unterhalb des Kerns schmolzen im direkten Einflussbereich als Folge der extremen Temperaturen, die dabei auftraten. Im restlichen Behälter blieb diese Platte hingegen intakt, doch wurde sie fast vier Meter nach unten gepresst – Zeichen dafür, dass die Hitze der Dampfexplosion nicht ausreichte, um den Stahl zu schmelzen. Ihre enorme Wucht drückte sie jedoch in die Tiefe. Seismische Daten aus dem Umfeld Tschernobyls legen jedenfalls diesen Ablauf nahe.

„Wir vermuten, dass thermische Neutronen mehrere Kernexplosionen am Grund einiger Brennstoffkühlkanäle auslösten, wodurch ein Strahlstrom aus Schutt durch die Befüllungskanäle nach oben schoss. Dessen Wucht riss die 350 Kilogramm schweren Verschlüsse der Röhren weg, so dass der Strahlstrom durch die Decke jagen und Material bis in eine Höhe von 2,5 bis 3 Kilometer reißen konnte. Die dort vorhandenen Winde begünstigten die Route nach Cherepovets“, sagt De Geer.

Die Dampfexplosion folgte schließlich 2,7 Sekunden später.

© Spektrum.de

Die Entlarvung der Klimawandel-Leugner – USA-Umweltminister Pruitt reiht sich ein !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Scott_Pruitt

Klimawandel-Leugner Scott Pruit

Guter Artikel im IPG-Journal:
http://www.ipg-journal.de/rubriken/nachhaltigkeit-energie-und-klimapolitik/artikel/die-entlarvung-der-klimawandel-leugner-2205/

Aktuelles aus der USA-Regierung weiter unten !

Wie die Öl- und Gasindustrie seit Jahrzehnten erfolgreich die Klimapolitik beeinflusst.

Auszüge:

Selbst fünfundzwanzig Jahre nach der Verabschiedung des UN-Rahmenübereinkommens zum Klimawandel am 9. Mai 1992 hat die Welt noch kein Abkommen zur wirksamen Bekämpfung der Erderwärmung umgesetzt. Jetzt, da US-Präsident Trump die Vereinigten Staaten aus dem Pariser Abkommen zurückgezogen hat, sollten wir uns genauer mit den für diese Verzögerung verantwortlichen Kräften beschäftigen.

In den 1990ern stützte sich das Amerikanische Petroleuminstitut (API) – der größte Öl- und Gashandelsverband und die einflussreichste Lobbygruppe in den USA – wiederholt auf die Wirtschaftsmodelle der beiden Ökonomen Paul Bernstein und W. David Montgomery, um zu argumentieren, eine klimafreundliche Politik wäre verheerend teuer. Sie prognostizierten Arbeitsplatzverluste und wirtschaftliche Kosten, die den Nutzen für die Umwelt bei weitem übertreffen würden. Aufgrund der erfolgreichen Lobbyarbeit des API wurden Klimaschutzmaßnahmen denn auch zurückgestellt.

Die gleichen Argumente wurden 1991 ins Feld geführt, um die Idee der Kohlendioxidkontrollen zu torpedieren, 1993 gegen die so genannte BTU-Steuer der Clinton-Regierung (ein Energiezuschlag, der Energiequellen auf der Grundlage ihres Wärme- und Kohleinhalts besteuert hätte), 1996 gegen die Ziele der UN-Konferenz in Genf (COP2), 1997 gegen die Ziele der UN-Konferenz in Tokio (COP3) und 1998 gegen die Umsetzung des Kyoto-Protokolls. Der Lobby-Plan des API wiederholte sich immer wieder, und zwar erfolgreich.

Die Öl- und Gasindustrie stellte die Berichte, die sie bei Bernstein und Montgomery in Auftrag gab, als sachlich, unabhängig und als Produkt einer echten Wirtschaftsdebatte dar – dabei hatte Bernstein einst bei dem Hawaiianischen Stromversorgern gearbeitet und Montgomery war ein ehemaliger stellvertretender Staatssekretär für Politik im US-Energieministerium.
1997, bei den Vorbereitungen für das Treffen in Kyoto, behauptete beispielsweise die Ölgesellschaft Mobil in einer Werbung im The Wall Street Journal und der The New York Times, die Kosten einer Emissionsbegrenzung könnten zwischen 200 und 580 US-Dollar pro Tonne Kohle liegen, und berief sich dabei auf eine Studie, die gerade von Charles River Associates veröffentlicht worden sei. Mobil erwähnte weder, wer den CRA-Bericht geschrieben hatte (Bernstein and Montgomery sind die beiden erstgenannten Autoren), noch, wer ihn finanziert hatte (API).

Die Botschaft von Mobil war irreführend, aber war die Analyse von Bernstein and Montgomery tatsächlich fehlerhaft? Nehmen wir nur dies: Sie ignorierten die negativen Kosten des Klimawandels und behaupteten, die Preise für saubere Energie könnten nie wettbewerbsfähig sein, was schlichtweg falsch ist. Sie nahmen das Ergebnis vorweg, von dem sie behaupteten, es nachzuweisen.

Die Öl- und Gasindustrie wurde reich dafür belohnt, dass sie das Vertrauen der Öffentlichkeit missbrauchte. Die Amerikaner wählten schließlich einen Präsidenten, George W. Bush, der die Behauptungen der Industrie glaubte und die USA aus dem Kyoto-Protokoll zurückzog.*)

Sechzehn Jahre später stand Trump im Rosengarten des Weißen Hauses und verkündete mit der gleichen Spitzfindigkeit, das Pariser Abkommen würde der US-Wirtschaft schwer schaden und die USA bis 2025 etwa 2,7 Millionen Arbeitsplätze kosten, hauptsächlich in der Bauindustrie. Er bezog sich dabei auf die Firma „National Economic Research Associates”.

Falls Sie sich jetzt fragen, wer ihn geschrieben hat: Die ersten beiden Autoren des von Trump zitierten Berichts, der gerade im März veröffentlicht wurde, sind Bernstein und Montgomery. Diesmal wurden sie vom American Council for Capital Formation beauftragt, einem Think Tank aus Washington, der Lobbyarbeit macht und schon öfter aufgefallen ist, weil er ausgesprochen mangelhafte Arbeiten in Auftrag gibt und damit die Klimapolitik herausfordert.

Während der 1990er Jahre hat die Öl- und Gasindustrie mit ihren Verbündeten die Kunst perfektioniert, Amerikas Unterstützung der wichtigen globalen Klimawandel-Initiativen zu blockieren. Die Meister sind zurück, wie es scheint, und ihr Repertoire hat sich nicht geändert. Musste es auch nicht.

Die Branche gibt nicht nur Studien in Auftrag, die behaupten, Klimapolitik würde der US-Wirtschaft schaden, sie behauptet auch ständig, Maßnahmen zur Bekämpfung der Erderwärmung seien besonders schädlich für die USA, würden die Risiken nicht reduzieren und könnten eine Armutslinderung verhindern. Diese drei zusätzlichen Argumente erscheinen auch in Trumps Ankündigung zum Pariser Abkommen.

Wenn eine Schildkröte auf einem Pfahl sitzt, weiß man, dass sie da nicht von alleine hingelangt ist. Das Wiederauftauchen derselben vier Argumente, die vor einem Vierteljahrhundert von einer Branche entwickelt wurden, die von einer Verzögerung der Klimapolitik profitiert, sieht sehr aus wie die vier strampelnden Beine der Schildkröte.
Und diese Argumente konnten gerade deswegen mit so großem Erfolg angeführt werden, weil ihr Ursprung und wahrer Zweck vor der Öffentlichkeit versteckt wurden.

Wenn die Geschichte ein Indiz ist, können wir in den nächsten Monaten Folgendes erwarten: von der Industrie finanzierte wirtschaftliche „Studien”, auffällige Online-Inhalte, Berichte von Think Tanks und smarte Front-Gruppen, die als NGO auftreten.
Dies sind die Bestandteile einer Strategie, die die Fossilbrennstoffindustrie und andere seit Jahr und Tag erfolgreich anwenden, um die Klimapolitik zu blockieren, zu behindern und zu kontrollieren.

Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Branche die Klimapolitik weiter behindert. Das bedeutet, dass wir dem Geld folgen müssen, das die Pseudo-Wissenschaft der Verzögerungen finanziert, um die willigen Wissenschaftler zu entlarven, die die öffentliche Debatte mit falschen Bildern manipulieren.

Dieselben Argumente – und Personen –, die die Fossilbrennstoffindustrie vor Jahrzehnten bereits verwendet haben, um die Klimapolitik zu blockieren, sind zurück. Um der Menschheit willen dürfen wir nicht zulassen, dass sie wieder Erfolg haben.

(c) Project Syndicate

* Dazu ein Schulreferat von 2002 hier: https://www.pausenhof.de/referat/wirtschaft/die-umweltpolitik-der-usa-unter-praesident-george-w-bush/1215

und ein aktuelles Buch von Naomi Klein:

https://josopon.wordpress.com/2015/03/31/naomi-klein-kapitalismus-vs-klima-die-entscheidung-fur-eine-sinnvolle-umkehr-ist-noch-moglich/

Trump-Regierung will Obamas Klimaplan stoppen

http://www.tagesspiegel.de/politik/us-umweltpolitik-trump-regierung-will-obamas-klimaplan-stoppen/20434682.html#

Die US-Regierung wird den Klimaplan von Ex-US-Präsident Barack Obama stoppen. US-Umweltminister Scott Pruitt sagte am Montag bei einem Auftritt im US-Bundesstaat Kentucky, er werde am Dienstag in Washington einen Gesetzentwurf zur Abschaffung des sogenannten Clean-Power-Plan der Vorgängerregierung unterzeichnen.

Der Clean Power Plan (Plan für saubere Energie) von Obama sah vor, den Kohlendioxidausstoß von Kraftwerken bis 2030 um 32 Prozent unter das Niveau des Jahres 2005 zu senken. Dazu sollten vermehrt erneuerbare Energien die fossilen Brennstoffe ersetzen. Mit dem Plan wollte Obama auch dafür sorgen, dass die USA ihre Verpflichtungen aus dem globalen Pariser Klimaschutzabkommen vom Dezember 2015 erfüllen. Die neue US-Regierung will aus dem Klimaabkommen aussteigen. (AFP)

Jochen

Mäuse machen es den Menschen nach – bedrohen seltene Arten auf kleinen Inseln

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Auf der Atlantikinsel Gough treiben überdimensionierte Mäuse ihr Unwesen und bedrohen seltene Arten. Doch bald sollen die Nager wieder ausgerottet werden:
http://www.spektrum.de/news/monstermaeusen-geht-es-an-den-kragen/1502303
von Daniel Lingenhöhl
Auszüge

Um das Jahr 2005 machten die beiden Wissenschaftler Ross Wanless und Andrea Angel von der University of Cape Town auf Gough eine gruselige Entdeckung: Sie beobachteten, wie Mäuse die Jagd auf Albatrosküken lernen. Sie attackieren die Jungvögel, obwohl die um ein Mehrfaches größer sind als die Nagetiere, und fressen sie quasi bei lebendigem Leib auf. Die Tiere verenden meist erst, wenn der Blutverlust zu groß wird. Doch bei den Mäusen handelt es sich auch nicht mehr um die normalen Hausmäuse (Mus musculus), die wohl 1888 versehentlich auf der Atlantikinsel eingeschleppt wurden. Über die Generationen wurden die Nager langsam größer und wiegen mittlerweile doppelt so viel wie ihre Verwandtschaft in der ursprünglichen Heimat.

Diese Mausgiganten gelten mittlerweile als größte Gefahr für die See- und Landvögel Goughs. Neben Albatrossen sind auf Gough auch viele andere Seevogelarten betroffen, wie Ben Dilley von der University of Cape Town und seine Kollegen berichteten: Schon wenige Stunden nach dem Schlüpfen töteten die Mäuse die mit Kameras überwachten Sturmvogel- und Sturmtaucher-jungen – die Verlustraten betrugen zwischen 60 und 100 Prozent; geschätzte eine Million Küken werden jede Saison gefressen. Auf Dauer führen diese Zahlen selbst für langlebige Seevögel zum Aussterben, zumal manche der Arten nur auf Gough nisten wie der Tristanalbatros (Diomedea dabbenena) und der Hakensturmvogel (Pterodroma incerta). Auch die Gough-Ammer (Rowettia goughensis), ein nur hier vorkommender Singvogel leidet unter der Plage.

Doch Abhilfe scheint endlich in Sicht: Ein Plan zur Bekämpfung der Mäuse wurde bewilligt, nachdem feststand, dass das Projekt erfolgreich verlaufen kann. Ab 2019 sollen auf der Insel Giftköder ausgebracht werden, um die Nagetiere letztlich auszurotten.
Gefördert und durchgeführt wird das Vorhaben von der britischen Regierung – Gough ist ein Überseeterritorium –, National Fish and Wildlife Foundation und der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), wie die Organisation in einem Blog schreibt. Seit dieser Woche befinden sich drei RSPB-Mitarbeiter auf dem Weg nach Gough, um in den kommenden 13 Monaten die Mausbekämpfung vorzubereiten.

Dieses Unterfangen ist nicht einfach, denn Gough gehört zu einer der am weitesten vom Festland gelegenen und isolierten Inseln der Erde: Der nächste größere Hafen liegt in Südafrika, 2800 Kilometer entfernt. Jegliches Material muss per Schiff herantransportiert und über steile Klippen auf das Eiland gehievt werden. Zudem bewohnen nur einige Meteorologen dauerhaft Gough. Wetter und steiles Gelände erschweren zusätzlich die Arbeit, denn die Insel liegt mitten in der südatlantischen Westwindzone: Stürme und Dauerregen treten regelmäßig auf.
Problematisch ist auch die Anpassung der Mäuse an das saisonale Nahrungsangebot: Im Gegensatz zu anderen Regionen, in denen Mäuse oder Ratten Inselarten gefährden, sind die Nager auf Gough im Winter sogar oft noch besser genährt als im Sommer – sie stürzen sich also vielleicht weniger bereitwillig auf angebotene Köder, weil sie unter Hunger leiden. Und folglich geht ihr Bestand auch weniger stark zurück als auf anderen Inseln, auf denen die Tiere erfolgreich und vollständig dezimiert wurden.

Umgekehrt haben Ökologen immer bessere Erfahrungen mit schwierigen Ausrottungskampagnen. Selbst auf der großen subantarktischen Insel Südgeorgien, wo das Wetter noch rauer ist, wurden Ratten erfolgreich bekämpft. Zum Einsatz kamen gebräuchliche Rodentizide, die nicht sofort zum Tod der Ratten führen, sondern einige Tage verzögert über die Leber die Blutgerinnung der Tiere unterbinden. Dadurch wird verhindert, dass Artgenossen spitzkriegen, woran ein Tier verendet ist. Stattdessen verbluten sie erst später in ihren Höhlen, denn das eingesetzte Mittel Brodifacoum macht die Ratten lichtempfindlich: Sie verkriechen sich zum Sterben in ihre Bauten.
Die beteiligten Wissenschaftler sind daher für Gough ebenfalls zuversichtlich. Einen Lichtblick kann der RSPB schon für 2017 vermelden: Die Tristanalbatrosse können auf die erfolgreichste Brutsaison seit mindestens einem Jahrzehnt zurückblicken – wenn die Jungvögel nach Jahren auf hoher See wieder in ihre Heimat zurückkehren, ist sie dann hoffentlich mäusefrei.

Für Menschen gibt es auch einen Köder: Geld. Damit verkriechen sie sich auch in ihre Bauten, vor ihre Bildschirme, und entfremden einander immer mehr.

Jochen

Krebsmedikamente in der Entwicklung billiger als gedacht – brisante Studie

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Vorgestern lief im BR-Fernsehen eine Doku zu Medikamentenfälschungen.
Wenn man nicht seit 20 Jahren die Universitäten aushungern würde und die Medizinprofessoren nur noch auf Drittmittelforschung angewiesen wären, wären die Patente für Arzneimittel in öffentlicher Hand, die Preise auf dem Niveau von Kuba und es würde nicht die Sparpolitik in der Forschung von den Beitragszahlern kompensiert werden müssen.
Und wo die Arzneipreise sinken, wird auch der Gewinn beim Fälschen zusammenbrechen.
Diese simplen Zusammenhänge werden den Leuten aber systematisch vorenthalten.
Die hohen Preise werden von den Pharmafirmen stets mit den hohen Forschungskosten begründet.
Dabei ist bekannt, dass die Ausgaben für Werbung, Lobbying und Beeinflussung von Ärzten das Vierfache der Foschungskosten beträgt und die Gewinnentnahmen und Ausschüttungen an die Aktionäre steigen.
Hier nun aus dem nicht der linken Szene zuzordnenden Spektrum der Wissenschaft eine brisante Studie:
http://www.spektrum.de/news/krebsmedikamente-billiger-als-gedacht/1501883
Auszüge:

Krebsmedikamente billiger als gedacht

Wie viel kostet es, ein Medikament zu entwickeln? Angesichts immer höherer Kosten im Gesundheitssystem eine brisante Frage – eine neue Studie gibt eine ebenso brisante Antwort.

Pharmaforschung sei teuer, heißt es aus der Industrie, wenn es um die hohen Kosten neuer Medikamente geht. Allerdings ist Pharmaforschung anscheinend zumindest teilweise deutlich preiswerter als behauptet – und damit auch einträglicher.
Zu diesem Schluss kommen jedenfalls Vinay Prasad von der Oregon Health and Science University und Sham Mailankody vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York anhand der Daten von zehn Krebsmedikamenten, die von 2006 bis 2015 in den USA zugelassen wurden.
Wie sie in „JAMA Internal Medicine“ berichten, liegt der Median der entsprechenden Entwicklungskosten bei 650 Millionen US-Dollarnur etwas mehr als ein Fünftel der üblicherweise veranschlagten Kosten von über zweieinhalb Milliarden Dollar.

Vinay Prasad ist ein bekannter Kritiker des US-Gesundheitssystems, unter anderem befasste er sich in der Vergangenheit mit überzogenen Heilsversprechen individualisierter Krebstherapie. Nun nimmt er die seiner Meinung nach überdimensionierten Profite neuer Krebsmedikamente aufs Korn.
Er analysierte dafür die Daten von Unternehmen, die je nur ein einzelnes Produkt entwickelten, so dass die Kosten für das Medikament den gesamten Forschungskosten des Unternehmens entsprechen. Zusammengenommen spielten die zehn betrachteten Medikamente bereits mehr als das Siebenfache ihrer Entwicklungskosten ein, und sie werden es auch noch mehrere Jahre tun.
Krebsmedikamente zu entwickeln sei lukrativer, als die Hersteller es gemeinhin zugeben, so das Fazit der beiden Autoren.
Allerdings ist unklar, ob die Analyse die Kostenstruktur der gesamten Medikamentenentwicklung wiedergibt – teilt man die Forschungsbudgets der Industrie durch die Zahl der je Unternehmen zugelassenen Medikamente, kommen weit höhere Kosten pro Präparat heraus https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4847363/.

Changing R&D models in research-based pharmaceutical companies

Alexander Schuhmacher,Oliver Gassmann, and Markus Hinder

Abstract

New drugs serving unmet medical needs are one of the key value drivers of research-based pharmaceutical companies. The efficiency of research and development (R&D), defined as the successful approval and launch of new medicines (output) in the rate of the monetary investments required for R&D (input), has declined since decades.
We aimed to identify, analyze and describe the factors that impact the R&D efficiency. Based on publicly available information, we reviewed the R&D models of major research-based pharmaceutical companies and analyzed the key challenges and success factors of a sustainable R&D output.
We calculated that the R&D efficiencies of major research-based pharmaceutical companies were in the range of USD 3.2–32.3 billion (2006–2014).
As these numbers challenge the model of an innovation-driven pharmaceutical industry, we analyzed the concepts that companies are following to increase their R&D efficiencies: (A) Activities to reduce portfolio and project risk,
(B) activities to reduce R&D costs, and
(C) activities to increase the innovation potential.

While category A comprises measures such as portfolio management and licensing, measures grouped in category B are outsourcing and risk-sharing in late-stage development.
Companies made diverse steps to increase their innovation potential and open innovation, exemplified by open source, innovation centers, or crowdsourcing, plays a key role in doing so. In conclusion, research-based pharmaceutical companies need to be aware of the key factors, which impact the rate of innovation, R&D cost and probability of success.
Depending on their company strategy and their R&D set-up they can opt for one of the following open innovators: knowledge creator, knowledge integrator or knowledge leverager.

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Jochen