Alkohol: Obergrenze für risikoarmen Konsum neu definiert: 100g pro Woche!

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Das betrifft auch viele Linke, Progressive und solche, die sich dafür halten.
Einige aus meinem Bekanntenkreis haben diese Wochenration schon am Dienstag verbraucht:
https://idw-online.de/de/news692461dkfz logo
Auszüge:

Ein regelmäßiger Konsum von mehr als 100 Gramm Alkohol pro Woche verkürzt das Leben erheblich, wie ein internationales Forscherkonsortium in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift “Lancet” veröffentlicht.
Wer dauerhaft mehr als zwei Liter Bier oder eine Flasche Wein pro Woche konsumiert, riskiert mehr Schlaganfälle, tödliche Aneurysmen und Herzversagen sowie eine insgesamt höhere Gesamtsterblichkeit.

In der Untersuchung verglichen die Wissenschaftler unter der Leitung von Angela M Wood und John Danesh, Universität Cambridge, die Trinkgewohnheiten von 600.000 Menschen aus 19 Ländern weltweit. An dem Projekt beteiligt waren auch Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum.
Die Daten stammten aus 83 prospektiven Studien, die zwischen 1964 und 2014 Teilnehmer eingeschlossen haben. Bei der Auswertung wurden Alter, Tabakkonsum, Bildungsniveau und Beruf berücksichtigt.

Die Grenze, oberhalb derer die Gesamtsterblichkeit deutlich anstieg, lag bei 100 Gramm Reinalkohol pro Woche. Das entspricht in etwa zwei Litern Bier oder knapp einer 0,75 l-Flasche Weißwein.
Mit steigendem Alkoholkonsum steigt das Sterblichkeitsrisiko: Ein Alkoholkonsum von mehr als 200 g pro Woche verkürzt die Lebenserwartung um ein bis zwei Jahre, ein Konsum von über 350 g pro Woche sogar um bis zu fünf Jahre. *) Überraschenderweise fanden die Wissenschaftler keine nennenswerten Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der alkoholbedingten Sterblichkeit.

Mit höherem Alkoholkonsum stieg das Risiko für Schlaganfälle, tödliche Aneurysmen und Herzversagen, tödlichen Bluthochdruck und außerdem die Gesamtsterblichkeit.
Die Forscher beobachteten allerdings auch in dieser Studie das bekannte Phänomen, dass bei moderatem Alkoholkonsum weniger Herzinfarkte auftraten.
Doch insgesamt stellen die Ergebnisse die weitverbreitete Annahme in Frage, dass sich moderates Trinken günstig auf die Sterberate an Herz-Kreislauferkrankungen auswirkt.

„Derzeit variieren die Empfehlungen zum gesundheitlich risikoarmen Alkoholkonsum innerhalb der westlichen Länder erheblich“, sagt Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum.
„Sinnvoll wäre es, hier weltweit eine Vereinheitlichung anzustreben. Die aktuelle Studie schafft eine gute Grundlage dafür.“

Derzeit definiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als gesundheitlich unbedenkliche Obergrenze eine Höchstmenge von 140 g pro Woche für Männer und 70 g für Frauen.
In den USA dagegen gelten 196 g pro Woche als Obergrenze, die Briten wiederum raten Männern wie Frauen, wöchentlich nicht mehr als 140 g Alkohol zu sich zu nehmen.

Ein verbreitetes Missverständnis möchte Rudolf Kaaks ausräumen:
„Die Obergrenze ist kein Ziel, das man mit seinem Trinkverhalten anpeilen sollte. Sie darf keinesfalls als Empfehlung missverstanden werden, wöchentlich diese Alkoholmenge zu konsumieren.“

Angela M Wood et al: Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data on 599,912 current drinkers in 83 prospective studies. The Lancet 2018, DOI: 10.1016/S0140-6736(18)30134-X

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland.
Ansprechpartner für die Presse:

Dr. Sibylle Kohlstädt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
E-Mail: S.Kohlstaedt
E-Mail: presse
www.dkfz.de

*) Klassisches Gegenargument des unheilbaren Alkoholikers:

„Was wären das für beschissene nüchterne Jahre !“

Jochen

In Bayern schreiben viele Krankenhäuser rote Zahlen: »Oder die Klinik geht ganz vom Netz«

mdb weinberg

mdb weinberg

Harald Weinberg, MdB(Die Linke) mit einem konkreten Vorschlag gegen das Kliniksterben in ländlichen Regionen
https://www.jungewelt.de/artikel/320521.oder-die-klinik-geht-ganz-vom-netz.html
Auszüge:

Bayerns Kliniken stecken zum Teil tief im Minus. Das hat die Zeitung Merkur in der vergangenen Woche berichtet.
Demnach rechnen gegenwärtig 44 Prozent der etwa 350 Kliniken im Freistaat damit, am Ende des Jahres ein Defizit ausweisen zu müssen. Können Sie solche Meldungen noch überraschen?

Nein, diesen Trend beobachten wir schon seit Jahren. Die Krankenhäuser sind immer stärker unter finanziellen Druck und dann ins Defizit geraten.
Dabei sollte man nicht vergessen: Bei einem Klinikum sollten nicht rote oder schwarze Zahlen im Vordergrund stehen, sondern eine vernünftige Gesundheitsversorgung der Patienten. Dafür müssen die Einrichtungen ausfinanziert werden.

Das ist offenbar nicht der Fall. Welche Folgen können die Defizite haben?

Mittelfristig führen sie zur Privatisierung von Häusern, die derzeit von den Gebietskörperschaften getragen werden. Denn diese müssen für die Verluste der Kliniken aufkommen. Wenn nun aber etwa ein Kreiskrankenhaus hohe Defizite aufweist, muss der Kreis, da er nicht selbst über Geld verfügt, die Kreisumlage erhöhen – wobei irgendwann die Bürgermeister, die sie erbringen müssen, den Aufstand proben.
Also entledigt man sich des Problems, indem man das Haus verkauft. Geschieht das nicht, werden bei den entsprechenden Häusern entweder Stationen geschlossen, oder die Klinik geht ganz vom Netz.
Neben einigen anderen Ursachen hat gerade der Kostendruck dazu geführt, dass seit 2009 insgesamt 35 Geburtshilfestationen in Bayern geschlossen wurden. Denn die dort erbrachten Leistungen lassen sich schlecht planen – und sind deshalb besonders vom System der Fallpauschalen betroffen.

Eine Klinik bezieht ihre Mittel aus zwei Quellen: Für Investionskosten, etwa Sanierungen oder den Ausbau von Stationen, kommt das Bundesland auf.
Die Krankenkassen begleichen hingegen die Ausgaben für Personal und medizinische Leistungen; sie rechnen dabei die gewährten Mittel über Fallpauschalen ab. Wo entsteht die Unterfinanzierung?

In beiden Bereichen. Die Bundesländer haben die für Investitionen gewährten Mittel immer weiter heruntergefahren. In Bayern stehen wir im Bundesvergleich noch recht gut da. Doch auch hier werden jährlich nur 650 der eigentlich benötigten 850 Millionen Euro gezahlt.
Dieser Kostendruck auf den Kliniken wird durch das System der Fallpauschalen noch verstärkt. Mit ihm ist im wesentlichen ein Festpreissystem eingeführt worden: Eine bestimmte Prozedur wird in Garmisch genauso vergütet wie in Ansbach. So sollte eine Transparenz hergestellt werden, was die Ausgaben der Kliniken angeht.
Tatsächlich ist in der Folge viel rationalisiert worden. Weil die Häuser über die Fallpauschalen zueinander in Wettbewerb gesetzt wurden, kann es sich keines von ihnen erlauben, nicht in neue medizinische Ausstattung und Sanierungen zu investieren. Da ihnen die Länder dafür nicht genügend Mittel geben, nehmen sie Fremdkapital auf. So entstehen aber im Budget neue Kostenpunkte, Darlehen müssen abbezahlt und Zinsen getilgt werden.
Um das zu schaffen, werden die Einnahmen über die Fallpauschalen herangezogen, die dafür gar nicht gedacht sind. Man finanziert also lieber die Baustelle als das Pflegepersonal.

Einrichtungen, die einem kapitalstarken privaten Klinikkonzern angehören, dürften diesem Druck eher standhalten als kleine Krankenhäuser in Gemeindehand.

Im Prinzip stimmt das, wobei es auch Ausnahmen gibt. Mittlerweile heißt es auch in der politischen Debatte, dass Häuser, die über weniger als 200 Betten verfügen, nicht rentabel geführt werden können.
Betroffen sind also meistens die kleinen Häuser in strukturschwachen Regionen. Wenn sie geschlossen werden, bricht aber viel weg, denn sie sind in der Gegend meist der größte Arbeitgeber. Und gerade für ältere, immobile Patienten verschlechtert sich auch die Gesundheitsversorgung.

Wenn das die Auswirkungen der Fallpauschalen sind, welches Finanzierungssystem würden Sie dann an dessen Stelle setzen wollen?

Die sauberste Lösung wäre es, wenn die Kassen mit den Kliniken Jahresbudgets aushandeln würden. Kommt eine Einrichtung damit nicht aus, wird sie das begründen müssen. Mittel, die nicht verbraucht werden, können ins nächste Jahr mitgenommen werden.
Die Finanzierung über die Fallpauschalen, die nur zu falschen Anreizen geführt hat, wäre damit weg.
Interview: Johannes Supe

Jochen

Hoffnung nach 15 Jahren Wachkoma: Patient reagiert durch Nervenstimulation auf Außenreize

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Neurologen ist es durch die gezielte Vagusnervstimulation gelungen, den Bewusstseinszustand eines 35-Jährigen zu heben, der sich 15 Jahre lang nach einem Autounfall im Wachkoma befand. Das Ergebnis stelle, so die Forscher in Current Biology, die allgemeine Überzeugung in Frage, dass Bewusstseinsstörungen, die länger als zwölf Monate andauern, unumkehrbar seien.1,2

https://www.coliquio.de/index.php?base=content&action=user&subaction=mednews&element_uid=3106

Während sich einige Wachkoma-Patienten (auch apallisches Syndrom oder Syndrom reaktionsloser Wachheit) spontan wieder erholen, galt bislang ein Wachkoma von mehr als zwölf Monaten als irreversibel, da wichtige Verbindungen zwischen subkortikalen Zentren und dem Thalamus verloren gehen.3

Ein Team um Martina Corazzol und Angela Sirigu vom Centre National de la Recherche Scientifique in Bron bei Lyon hat jetzt untersucht, ob sich die thalamo-kortikalen Verbindungen durch die Stimulation des Nervus vagus, der das Gehirn mit vielen anderen Teilen des Körpers verbindet, wieder aktivieren lassen. Die Vagusnervstimulation (VNS) wird bereits zur Behandlung von Epilepsie und Depressionen eingesetzt.

Wie die Forscher berichten, zeigte der Patient schon einen Monat nach Implantation eines Vagusnervstimulators deutliche Verbesserungen und Anzeichen dafür, dass er aus seinen vollständigen Wachkomazustand in einen Zustand mit zumindest minimalen Anzeichen von Bewusstsein zurückkehrt. So konnte der Patient beispielsweise einem Gegenstand mit den Augen und mit einer Bewegung des Kopfes folgen. Seine Mutter hatte den Eindruck, dass ihr Sohn wacher sei und zuhöre, wenn ihm jemand ein Buch vorlese. Auch einfache klinische Tests verliefen positiv. Wenn der Untersucher sich mit dem Kopf plötzlich näherte, riss der Patient die Augen auf, als würde er sich erschrecken, beobachteten die Wissenschaftler.

Zudem spiegelten sich die sichtbaren Verbesserungen auch im EEG und in PET-Scans wieder, die nun wieder eine stetige Hirnaktivität in jenen Teilen des Gehirns aufzeigten, die allgemein als Marker für ein vorhandenes Wachbewusstsein gelten.

Die französischen Forscher planen jetzt eine klinische Studie, um den möglichen Nutzen der Vagusnervstimulation an einer größeren Gruppe von Patienten zu untersuchen.

Jochen

Hartz-IV: Schwarze Pädagogik gegen Erwachsene – fortgesetzt durch Detlef Scheele, SPD als neuer BA-Chef

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Über dieses Thema arbeite ich schon eine ganze Weile, nachdem ich festgestellt habe, dass fast alle meiner depressiven Patienten Opfer schwarzer Pädagogik sind.
Dieser instituionalisierte Sadismus hate seinen Gipfel in der im Nationalsozialismus propagierten Säuglingserziehung. Es geht um das Brechen des Willens und die Erziehung zum absoluten Gehorsam, wie z.B. von der Psychoanalytikerin Alice Miller in „Am Anfang war Erziehung“ beschrieben.
In Bayern und Baden-Württemberg hat es nach 1945 in der Pädagogik und an den Hochschulen keine konsequente Entnazifizierung und keinen Neuanfang gegeben. Selbst heute 20jährige erzählen mir noch, dass sie darunter leiden mussten.

Diese Pädagogik, die Abrichtung zum Untertanen, wie schon von E.A.Rauter in den 1970er Jahren in „Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht“ (hier das Video:https://www.youtube.com/watch?v=ntIKo8XNiag),
findet ihre Fortsetzung im Schulwesen, wie von Freerk Huisken beschrieben hier im Video: https://www.youtube.com/watch?v=yO6l9gSTH24
und weiter in der allgemeinen Propaganda, Meinungsmache und Staatsverdummung, wie von Albrecht Müller und Prof.Rainer Mausfeld beschrieben, z.b. hier: https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack

Hannemann

Und, wie hier die Initiative gegen Hartz und auch schon in Inge Hannemanns Buch „Die Hartz-IV-Diktatur beschrieben, als institutionalisierter Sadismus in den Jobcentern: http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-schwarze-paedagogik-gegen-erwachsene.php.

Wie unten noch näher erklärt, blüht den Arbeitslosen auch nach dem Führungswechsel bei der Bundesanstalt f.Arbeit weiterhin eine „fürsorgliche Belagerung“!

Auszüge:

Schwarze Pädagogik bezeichnet eine überkommene Vorstellung von Erziehung, in der Kinder zu „ihrem Besten“ wortwörtlich geprügelt wurden: Zwang und körperliche Strafen, Ohrfeigen als Allheilmittel, Schläge mit dem Rohrstock auf den nackten Hintern dienten dazu, Kindern „anständiges Verhalten“ beizubringen.

Vorauseilender Gehorsam
Als „brav“ galten die Gewaltopfer, wenn sie abends die Hände auf der Bettdecke falteten, keine kritischen Fragen stellten und den Tätern in voraus eilendem Gehorsam zu Diensten waren. Diese autoritäre Erziehung gilt als ein wesentlicher Nährboden des Hitler-Regimes.

In moderner Pädagogik No Go
In der modernen Pädagogik gilt diese Erziehung durch psychische und physische Gewalt nicht nur als überholt, sondern als absolutes No-Go: Die Kinder werden traumatisiert, sie entwickeln keine eigene Identität, und psychische Störungen sind die Folge.

Jobceter setzen auf Entmündigung
Bei den Jobcentern feiert die autoritäre Erziehung indessen ein Comeback, auch wenn die Mitarbeiter auf körperliche Gewalt verzichten (müssen). Dafür sind die psychischen Zwangsmaßnahmen und die Entmündigung Erwachsener umso deutlicher. So stellten die Jobcenter Regeln für „gesunde Lebensführung“ auf und fordern die Hartz-Betroffenen auf, ihren Lebensstil zu ändern.

Mythos gesunde Lebensführung
Dahinter steckt erst einmal die meist falsche Vorstellung, dass die Hartz-IV Abhängigen selbst schuld an ihrer Misere seien: Wenn sie mehr Sport treiben würden, weniger Fast Food äßen, früh ins Bett gehen, nicht rauchten oder Alkohol tränken, fänden sie schon wieder einen Job. Hier spiegelt sich die ebenso autoritäre wie politisch opportune Propaganda, dass nicht etwa die radikale Ausbeutung, der Abbau des Sozialstaats oder generell die fehlenden Jobs die Ursachen der Erwerbslosigkeit seien, sondern unterstellte Defizite der Betroffenen.

Kein Respekt für Menschen
Wer in Hartz IV rutscht, für den gelten offen sichtlich Mindeststandards an Privatheit nicht mehr, die im Berufsleben selbstverständlich sind. Einen Arbeitgeber hat das Privatleben eines Arbeitnehmers nicht zu interessieren, insofern es sich nicht direkt auf die Arbeit auswirkt.

Das heißt: Er kann, darf und muss eingreifen, wenn der Arbeitnehmer zum Beispiel betrunken zur Arbeit erscheint. Ob der Lohnabhängige aber in seiner Freizeit ins Kraftstudio geht oder auf dem Sofa liegt, Brokkoli oder BigMc isst, geht ihn einen feuchten Kehrricht an. Die Jobcenter nehmen hingegen die Hartz-Abhängigen in die Pflicht: In so genannten motivierenden Gesundheitsgesprächen ermahnen sie die Betroffenen, Sport zu treiben oder sich ausgewogen zu ernähren.

Angst vor Sanktionen
Dabei haben sie das Mittel in der Hand, Sanktionen zu verhängen, wenn die Betroffenen nicht „kooperieren“. Die Erwerbslosen können die Angebote „zur Verbesserung ihrer Gesundheit zwar ablehnen“, doch diakonische Verbände stellen fest, dass die Jobcenter dies nicht hinreichend vermittelten.

Vielmehr seien viele Betroffene so eingeschüchtert, dass sie alles machen, was das Jobcenter „anbietet“, aus Angst, sonst Probleme zu kommen. Da die Sanktionen dazu führen können, dass die Bestraften hungern und frieren, ist die Angst nur zu berechtigt.

Krank macht die Erwerbslosigkeit
Zudem belegen diverse Studien, dass die Erwerbslosigkeit und das Hartz-System selbst Lebensprobleme erst verursachen. Mit anderen Worten: Hartz-IV Betroffene leiden nicht deswegen an Angststörungen, Depressionen oder Suizidgedanken, weil sie zu wenig joggen, sondern, weil sie im Hartz-IV-System gefangen sind.

Während die Jobcenter „Gesundheit“ im Sinne von Sport und ausgewogener Ernährung propagieren, achteten sie, laut den Diakonien, kaum darauf, die soziale Teilhabe der Betroffenen zu verbessern, wobei die soziale Isolation viele Erkrankungen befördert.

Opfer sind selbst schuld?
Die Jobcenter deuten in klassischer Tradition der schwarzen Pädagogik das gesellschaftliche Problem der Erwerbslosigkeit in ein individuelles Problem der erwerbslosen Menschen um – Opfer werden zu Schuldigen gemacht. (Dr. Utz Anhalt)

Übrigens: Unser „sozialer“ SPD-Schulze hat sich ganz ausdrücklich für die Beibehaltung der Sanktionen ausgesprochen. Auch er ein Opfer schwarzer Pädagogik ?

Nachtrag, gefunden im neuen Thomè-Newsletter:

Neuer BA – Chef Detlef Scheele will „Verfolgungsbetreuung“ von SGB II – Beziehern


Zum 1. April 2017 ist SPD Mitglied Detlef Scheele neuer BA Chef geworden. Er hat in seinem Antrittsinterview klar die Richtung aufgezeigt, wo er bei der SGB II-Leistungsgewährung hin will. Er befürwortet eine „fürsorgliche Belagerung“ und dass der Fallmanager den „Arbeitslosen und seine Familie öfter sehen solle“.
Mit anderen  Worten: Verfolgungsbetreuung. Nicht Fördern, sondern den Druck weiter erhöhen und wo es geht aus dem Leistungsbezug raus drängen, denn die „Vermittlungszahlen sind deutlich anstiegen, wenn die Kontaktdichte sich erhöhe“. 

Auch spricht sich Scheele gegen eine „Rückabwicklung“ der Arbeitsmarktreformen aus.
Wer mit solchen Hardliner-Positionen antritt, macht klar wie die SGB II – Leistungsgewährung die nächsten Jahre aussehen wird.

Näheres dazu: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/detlef-scheele-neuer-ba-chef-setzt-bei-hartz-iv-empfaengern-auf-fuersorgliche-belagerung-a-1141331.html

Und noch einmal in eigener Sache, für die Leute aus dem Kreis Donau-Ries und Umgebung:

Logo_Offene_LinkeDas „Soziale Forum / offene Linke“ gründet sich am Dienstag, 4.April, in Nördlingen als Verein

Wir als Sozial Engagierte, Pazifisten, Linke, Grüne, Christen, Gewerkschafter und ehemalige Sozialdemokraten wollen das „Soziale Forum / offene Linke“ als einen überparteilich fungierenden Verein begründen, der zu Begegnungen einlädt zwischen einerseits sozial engagierten Bürgern, die über Mildtätigkeit und Barmherzigkeit hinausgehend politisch arbeiten wollen, andererseit sozial Bedürftigen, die aus der Rolle des Bittstellers herauswachsen wollen. Er soll Möglichkeit zu Gesprächen auch über politische Inhalte und zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch bieten.
Darüber hinaus wollen wir Angebote zur politischen Weiterbildung, zum Umgang mit Behörden wie Jobcenter und Versicherungen, zum Aufdecken von politischer Manipulation und Meinungsmache geben.

In gemeinsamen Aktionen kann Solidarität erlebt und die Gefühle von Vereinzelung, Ohnmacht und Resignation überwunden werden, um der sozialen Ausgrenzung und systematischen Verarmung entgegen zu wirken.

Auch in der Kommunalpolitik möchten wir uns zu Wort melden und setzen uns unter dem Motto „Das muss drin sein !“ z.B. für sozial verträglichen bezahlbaren Wohnraum und für eine Leerstandsabgabe sowie für die Rekommu­nalisierung der gemeinnützigen Kommunalunternehmen wie Krankenhäuser und Heime und die Wiedereingliederung der mit Lohnverlust ausgelagerten Beschäftigten ein, um die Kaufkraft im Kreis wieder zu stärken. Ebenso sind wir für einen Ausbau des ÖPNV.

Wir treffen uns um 19:30 am Dienstag im Hotel zur Goldenen Rose, Baldinger Str. in Nördlingen und freuen uns über jeden, der mitmachen möchte.

Jochen

GLAUBENSMEDIZIN – Gefahren der Globulisierung

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Erfrischender Hinweis in der jungen Welt: http://www.jungewelt.de/2017/01-27/072.php
Man könnte es auch Verdummungsmedizin nennen.
Auszüge:

Immer mehr Menschen misstrauen der konventionellen Medizin und setzen auf alternative Heilmethoden, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist. Der Grund für die Ausbreitung der Glaubensmedizin liegt nicht zuletzt im neoliberalen Gesundheitssystem

Von Christoph Lammers
Im Bereich der Medizin existiert ein unübersichtlicher Markt, auf dem unzählige Anwendungen und Produkte angeboten werden. Das trifft vor allem auf die sogenannte Alternativmedizin zu, die man besser als Glaubens- bzw. Paramedizin bezeichnet. Für diese Richtung gibt es zahlreiche Namen: alternative Heilmethoden, sanfte Medizin, ganzheitliche Medizin oder auch Erfahrungsheilkunde. Die Begriffe klingen gut und erwecken den Eindruck, es gäbe jenseits der konventionellen Medizin einen großen Erfahrungsschatz an alternativen Methoden, die einer stärkeren Berücksichtigung bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten bedürften. Akupunktur *), anthroposophische Medizin, Bach-Blütentherapie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Schüßler-Salze oder Homöopathie zählen zu den bekanntesten Angeboten auf diesem Markt.

In allen gesellschaftlichen Schichten ist der Wunsch nach sanften und ganzheitlichen Behandlungen groß, weshalb diese aus den Apotheken und Arztpraxen nicht mehr wegzudenken sind und im zunehmendem Umfang auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Der Erfolg beruht jedoch nicht auf etwaigen Heilungserfolgen, vielmehr sind es gute Öffentlichkeitsarbeit, Heilungsversprechen und der Rückhalt in der Politik, die den (ökonomischen) Erfolg sichern. Eine außerordentliche Rolle spielt auch die Anekdotenevidenz, d. h. Berichte und Erlebnisse von Einzelpersonen, die ihre vermeintlich guten Erfahrungen mit paramedizinischen Produkten im Alltag teilen und so den Eindruck erwecken, dass die Präparate einen erheblichen Einfluss auf die Genesung haben. An zwei Beispielen, der Homöopathie und dem Beruf des Heilpraktikers, sollen die Gefahren der »Globulisierung« dargestellt werden.

Homöopathie und Verschüttelung

Die Homöopathie ist in Deutschland die mit Abstand beliebteste und bekannteste paramedizinische Disziplin. Sie geht auf Eingebungen des Arztes Samuel Hahnemann zurück.
In seinem 1796 veröffentlichten Aufsatz »Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneysubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen« legte Hahnemann den Grundstein der »Globulisierung«: Similia similibus curentur (lat.: Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt; daher auch die Bezeichnung Homöopathie, griech.: gleiches bzw. ähnliches Leiden). Diese Annahme ist wissenschaftlich längst widerlegt.

Grundlegend für die Homöopathie ist die Behauptung, dass sich die pharmakologische Wirkung eines Stoffes durch ritualisierte Verdünnung in dem Lösungsmittel Wasser außerordentlich erhöhen ließe. Begründet wird die vermeintliche Verstärkung der Wirkung mit geheimnisvollen strukturellen Veränderungen im Lösungsmittel, die durch eine bestimmte Schütteltechnik dauerhaft in der Flüssigkeit fixiert würden. Hahnemann selbst brauchte bis 1843, bis er die »optimale« Variante fand: Die Verschüttelung erfolgt demnach bei Einzelanfertigungen in Zehn-Mililiter-Fläschchen, die von Frauen in sitzender Position auf ein mit Leder bezogenes Moosgummikissen geschlagen werden.
Wie weit die Phantasie der Homöopathen reicht, zeigt die Tatsache, dass heutzutage Produkte angeboten werden, die bis zu 5.000mal nacheinander jeweils im Verhältnis 1 zu 100 verdünnt und bei jedem Schritt geschüttelt wurden.
Ein Beispiel verdeutlicht die Absurdität: Ein homöopathisches Präparat mit der Potenz C30 entspricht der Lösung von einem Gramm Kochsalz in einem Lösungsmittelvolumen einer Kugel mit dem Umfang der Umlaufbahn der Venus. Wissenschaftlich gesehen ist dies grober Unfug, finanziell gesehen allerdings ein gutes Geschäft.

Wasser als Lösungsmittel kommt eine besondere Bedeutung bei der Verschüttelung zu. Ihm wird ein Gedächtnis zugeschrieben, welches die Informationen speichert, die im Wirkstoff vorhanden sein sollen. Interessant in diesem Zusammenhang ist der folgende Aspekt: Weder anschließende Bewegungen des fertigen Präparats, z. B. beim Transport oder bei der Einnahme des Produkts, noch die Resorption durch die Darmwand und der Transport im Blut sollen der Struktur des Heilmittels etwas anhaben können.

Von der Kritik an diesem esoterischen Firlefanz unbeeindruckt zeigt sich die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne), die als Verfechterin der Paramedizin gilt. In einem Interview mit dem Magazin Stern im Jahr 2012 erklärte sie: »Ich mache mich als Ministerin dafür stark, dass in unserem Gesundheitssystem und damit in der Schulmedizin auch Alternativmedizin wie die Homöopathie integriert wird. Ich denke, das ist wichtig, damit nicht nur einzelne Symptome behandelt werden, sondern der Mensch als Ganzes. Zum Glück gibt es schon viele Ärztinnen und Ärzte (…), bei denen auch Arnica C30 längst fester Bestandteil der Praxis ist.«
Dass die Gesundheitsministerin über keinerlei medizinische Ausbildung bzw. Fachkenntnis verfügt, spricht für sich.

Der Griff zu den Globuli ist heute so selbstverständlich wie der zu Aspirin oder Ibuprofen – ebenso die Sorglosigkeit im Umgang damit. Doch was steckt in den Globuli?

Von Amselherz bis Zement

Viele Patientinnen und Patienten glauben bis heute, die Homöopathie wie auch die anthroposophische Medizin seien Teil der Naturheilkunde. Tatsächlich aber umfasst letztere eine begrenzte Zahl an Verfahren. Zu ihnen zählen die Phytotherapie, Hydrotherapie und Balneotherapie, die Bewegungstherapie, die Diätetik sowie die Ordnungstherapie. Diese sind nicht nur »natürlich«, sie sind darüber hinaus nachweislich medizinisch wirksam.

Etwa 1.700 Rohmaterialien bilden die Grundlage für die über 20.000 homöopathischen Präparate und Kombipräparate. Hierzu zählen u. a. Fledermausblut, Hundekot, Urin vom Leopard, Eisbärenfell, Meißner Porzellan, Zementbestandteile der Berliner Mauer, aber auch sogenannte Nosoden, d. h. Präparate, welche aus krankhaft verändertem Körpermaterial oder Krankheitserregern bestehen. Daneben gibt es noch Präparate aus menschlichen Körperteilen, Organen und Körperflüssigkeiten wie Käseschmiere, Menstruationsblut und Plazenta. Dass auch pflanzliche Materialien Verwendung finden, kann nicht als Rechtfertigung herangezogen werden, um die Homöopathie als naturheilkundliches Heilmittel zu legitimieren.

Viele Erwachsene sind so sehr von der Wirksamkeit der Globuli überzeugt, dass sie selbst Säuglinge, Kinder und auch Haustiere damit versorgen.
Der Wunsch nach paramedizinischen Produkten ist in Deutschland mittlerweile so stark gewachsen, dass es hierzulande immer mehr Apotheken gibt, in denen – vermutlich vor dem Hintergrund ökonomischer Überlegungen – Produkte wie Globuli, Schüßler-Salze oder Präparate aus der anthroposophischen Medizin zu kaufen sind. Gut plaziert in den Schaufenstern und mit Werbeprospekten voller Heilsversprechen ausgestattet, sind die homöopathischen Produkte längst zum Kassenschlager geworden.
Der Glaube an die Paramedizin wird nicht zuletzt durch gezielte Werbung der Hersteller vor allem in Frauenzeitschriften verstärkt. Mit Fake News wie »Heilt Millionen Deutsche«, »Die Heilkraft der Homöopathie« oder »Alles wird gut« suggerieren die Hersteller medizinische Erfolge. Gerne wird in dem Zusammenhang auf Begriffe wie »natürlich«, »sanft« oder »ganzheitlich« zurückgegriffen.

Alternativmedizinische Verfahren und Produkte werden nicht nur von Ärztinnen und Ärzten, sondern vor allem von den zur Zeit in Deutschland etwa 43.000 Heilpraktikern eingesetzt. Sie dürfen keine verschreibungspflichtigen Medikamente verordnen. Dies ist zu Recht den Ärzten vorbehalten.
Ein bedeutendes Problem beim Berufsstand des Heilpraktikers besteht darin, dass es keine nennenswerten Qualitätskontrollen gibt. Den Beruf dürfen alle ausüben, die eine Prüfung beim Gesundheitsamt bestanden haben, die lediglich dem Nachweis dient, keine Gefahr für die allgemeine Gesundheit darzustellen. Naturwissenschaftliches Hintergrundwissen und Verständnis werden nicht verlangt. Trotz des mangelhaften Mindeststandards vertraut fast die Hälfte der Deutschen den Heilpraktikern in Gesundheitsfragen.
Wie sehr dieser Bereich einer stärkeren Aufsicht durch die Behörden bedarf, zeigen nicht zuletzt die Todesfälle im Biologischen Krebszentrum im Brüggener Stadtteil Bracht vom vergangenen Juli. In der in der Nähe von Viersen gelegenen Stadt wurde Krebspatienten eine Injektion eines in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassenen Präparates (mutmaßlich 3-Bromopyruvat) verabreicht. Verantwortlich dafür war Klaus Ross. Er ist Heilpraktiker mit 20jähriger Berufserfahrung als Produktmanager für Krankenhauseinrichtungen. Über eine Ausbildung auf medizinischem Gebiet, insbesondere der Onkologie, verfügt er offenbar nicht. Die Staatsanwaltschaft Krefeld ermittelt in drei Todesfällen sowie etwa 70 weiteren Todesfällen früherer Patienten.

Einträgliches Geschäft

Der ökonomische Erfolg der Paramedizin spricht für sich. Der Umsatz rezeptfreier Medikamente lag 2014 deutschlandweit bei rund sechs Milliarden Euro. Davon machen die homöopathischen Produkte etwa ein Zehntel aus. Rund neun Milliarden Euro werden in Deutschland pro Jahr für paramedizinische Produkte und Verfahren ausgegeben. Davon bezahlen die Patientinnen und Patienten mehr als die Hälfte, etwa fünf Milliarden Euro. Vier Milliarden Euro werden von rund 100 Krankenkassen erstattet.
Der Wunsch nach alternativen Produkten hat dazu geführt, dass sich die Krankenkassen mit Angeboten gegenseitig zu überbieten versuchen. Die Kosten, die dadurch für das Gesundheitssystem bzw. die Allgemeinheit entstehen, werden verschwiegen, ebenso der tatsächliche Nutzen, denn der liegt wissenschaftlich gesehen bei null.

In den USA hat man mittlerweile auf die fehlenden Belege zur Wirksamkeit der Homöopathie reagiert. Die US-Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission hat Ende 2016 angekündigt, homöopathische Arzneien stärker kontrollieren zu wollen. Wenn die Wirkung eines Mittels nicht wissenschaftlich belegt ist, müsse das Produkt in Zukunft einen entsprechenden Hinweis tragen. Zu lesen sein müsse entweder »Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass dieses Produkt wirkt« oder: »Die Wirkungsbehauptungen des Produkts basieren einzig auf homöopathischen Theorien aus dem 18. Jahrhundert, die von den meisten modernen Medizinexperten nicht anerkannt werden.«

In Deutschland hat die Kritik an der Paramedizin in den letzten Monaten ebenfalls zugenommen, nicht zuletzt wegen der Vorfälle in Brüggen. Immer wieder berichten die Medien von Fällen, in denen hilfesuchenden Patienten medizinisch notwendige Versorgung vorenthalten bzw. ihnen falsche Versprechen gemacht wurden. Vertreter verschiedener Einrichtungen und Organisationen des Gesundheitswesens reagierten auf die sich häufenden Berichte. So sagte der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), des höchsten Gremiums der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, Josef Hecken im August 2016, es sei für ihn »unverständlich, warum ein Patient ein Nasenspray selbst bezahlen müsse, dessen therapeutischer Nutzen empirisch belegt sei, seine Kasse aber Arzneimittel bezahle, deren Wirksamkeit völlig unklar sei«.

Es stellt sich daher die Frage, worin der Erfolg von Produkten und Anwendungen liegt, für deren Wirksamkeit es keinen Beweis gibt und deren Entstehungsgeschichte mehr als zweifelhaft ist. Drei Gründe sollen an dieser Stelle kurz skizziert werden.

Medizinisches Klassensystem

Einer der Gründe für den Erfolg der Paramedizin beruht auf der Tatsache, dass das Gesundheitssystem in der Bundesrepublik zu keiner Zeit allen Menschen gleichberechtigten Zugang zu Prävention und Therapie geboten hat. Die medizinische Grundversorgung wurde in der Vergangenheit stetig heruntergefahren und auf wenige Behandlungen begrenzt.
Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist zu einer Geschäftsbeziehung zwischen sehr ungleichen »Partnern« verkommen. Heilung und Prävention sind der Erstattung von Kosten bzw. dem Gewinn untergeordnet. Acht Minuten, so steht es in einem 2010 von der Barmer-GEK veröffentlichten Arztreport, hat der ambulant tätige Arzt im Durchschnitt Zeit, um eine Untersuchung vorzunehmen, eine Diagnose zu stellen sowie einen Behandlungsplan auszuarbeiten. Zum Vergleich, ein Erstgespräch bei einem Homöopathen dauert in der Regel über 60 Minuten. Dieser Unterschied schlägt sich auch in der Abrechnung nieder. Die Paramedizin ist längst zu einem ertragreichen Geschäft geworden, auch wenn viele das nicht sehen wollen. Pharmaunternehmen wie auch Ärzte und Krankenkassen haben diesen Markt schon vor Jahren entdeckt und ernten nun die Früchte eines durchkapitalisierten Gesundheitssystems. Dieses treibt die Menschen weg von der konventionellen hin zur Paramedizin.
Dabei zeigen Studien sehr deutlich, was die Patientinnen und Patienten in die Praxen homöopathischer Ärzte und zu den Heilpraktikern führt: Diese nehmen sich Zeit, hören aufmerksam zu und geben so dem Ratsuchenden das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wenn den Patienten dann noch Tropfen bzw. Pillen in der richtigen Farbe und Größe verschrieben werden, ist der Heilungsprozess bei kleineren Wehwehchen schon erfolgreich. Das hat weder etwas mit Homöopathie noch mit der Fähigkeit des Homöopathen zu tun, sondern lässt sich allein auf den Placebo-Effekt zurückführen.

Ein weiterer Grund für den Erfolg der Paramedizin liegt in der Verantwortung des Gesetzgebers. Er gesteht zwei paramedizinischen Therapierichtungen eine Sonderrolle zu, die davon im erheblichen Maße profitieren. Es handelt sich um die Homöopathie und die anthroposophische Medizin. Sie werden im Sozialgesetzbuch als besondere Therapierichtungen bezeichnet und auch explizit im Arzneimittelgesetz erwähnt. Die in diesen Richtungen zum Therapieren und Diagnostizieren verwendeten Stoffe bzw. Verfahren sind vom strengen Nachweis der Wirksamkeit befreit.
Das Sozialgesetzbuch V ermöglicht die Kostenübernahme durch Krankenkassen bei »(…) Anerkennung des diagnostischen und therapeutischen Nutzens der neuen Methode sowie deren medizinische Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit (…) nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung« (Paragraph 135 Absatz 1). Dieser als Binnenkonsens bezeichnete Aspekt bedeutet, dass z. B. Homöopathen ohne wissenschaftliche Prüfung selbst festlegen können, ob ein Stoff therapeutisch wirksam oder ein Diagnoseverfahren sinnvoll ist. Übertragen auf den Bildungsbereich würde das bedeuten, dass sich ein Schüler ohne Überprüfung das Abiturzeugnis selbst ausstellen kann, wenn er von sich selbst den Eindruck gewonnen hat, er hätte genügend Kompetenzen erworben.
Was für den Bildungsbereich undenkbar wäre, ist in der Medizin Realität. Während es durchschnittlich 14,2 Jahre dauert, bis ein konventionelles medizinisches Produkt auf dem Markt verkauft werden darf, reicht bei der Mehrzahl der Produkte der »besonderen Therapierichtungen« der Eintrag ins Register der zuständigen Bundesbehörde, des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Offensive an den Hochschulen

Im Zuge der Liberalisierung und Privatisierung im Bildungsbereich haben sich auch Vertreter der Paramedizin an den deutschen Hochschulen eingekauft und sichern sich so den Zugang zu Forschung und Lehre. Es gibt zahlreiche von Privatstiftungen finanzierte Lehrstühle, u. a. an der Berliner Charité, an der TU München und an der Universität Freiburg. Aufmerksamkeit erregte das 2007 an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) gegründete Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften. Dort wurde z. B. eine Masterarbeit eingereicht, die sich mit der Frage beschäftigte, ob ein spezieller Aluminiumspiegel den Kontakt zu Außerirdischen ermöglichen könne. Diverse Esoteriker und Paramediziner hatten Gastprofessuren inne. 2012 empfahl die Brandenburgische Hochschulstrukturkommission die Abwicklung des Instituts, was von der Universität jedoch nicht umgesetzt wurde.

Einen weiteren Vorstoß, die Homöopathie auf Hochschulebene zu etablieren, fand 2013 im oberbayerischen Traunstein statt. Dort plante ein Verband namens European Union of Homeopathy eine private Hochschule in Deutschland. Neben einer Heilpraktikerprüfungsbescheinigung sollten staatlich anerkannte Bachelor- und Master-Abschlüsse in Homöopathie vergeben werden können. »Klassische Homöopathie auf Hochschulniveau«, so die Heilpraktikerin und designierte Leiterin der Einrichtung, Anja Wilhelm.
Der Freistaat Bayern stellte zunächst eine Million Euro an Fördergeldern in Aussicht. Das Projekt wurde schließlich nicht verwirklicht, da die öffentliche Kritik zu groß war.
Es ist jedoch zu befürchten, dass dies nur eine Frage der Zeit ist, wenn man sich noch einmal das Beispiel der nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerin vor Augen führt. Auch andere Politiker stehen der Etablierung der Glaubensmedizin wohlwollend gegenüber. Im Mai 2016 fand die 165. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte in Bremen statt. In ihrem Grußwort erklärte die Senatorin für Gesundheit, Eva Quante-Brandt (SPD): »Eine qualifizierte Würdigung auch unkonventioneller Methoden halte ich für unabdingbar. Die kontinuierliche medizinische Weiterentwicklung ist ohne die Schulmedizin wie auch alternative Ansätze nicht vorstellbar.«

Die Mehrzahl der Homöopathen scheint mittlerweile zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass Homöopathie allein nicht ausreicht. Deshalb beschwören sie das Miteinander von Schul- und Alternativmedizin, die so genannte Komplementärmedizin. Damit wird suggeriert, dass die Ansätze der Paramedizin als sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Berücksichtigung finden sollten. Unter Bezugnahme auf die Aussagen von Forschungsstudien, die einen positiven Effekt (Placebo) anerkennen, sowie auf die positiven Erfahrungen von einzelnen Patienten (Stichwort Anekdoten-Evidenz), soll den Kritikern der Wind aus den Segeln genommen werden.
Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Homöopathie, wie auch alle anderen paramedizinischen Produkte und Anwendungen, im besten Fall einen Placebo-Effekt aufweisen – im schlimmsten Fall aber auch zum Tod von Patientinnen und Patienten führen können.

Quacksalberei

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, bei vergleichsweise harmlosen Wehwehchen auf Globuli oder andere paramedizinische Mittel zurückzugreifen. Entscheidend ist, dass sich der Arzt seiner Verantwortung als »Heilhandwerker« bewusst ist und gemeinsam mit dem Patienten die medizinisch notwendigen Schritte zur Heilung einleitet.

Existiert der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit einer therapeutischen Maßnahme, die über den Placebo-Effekt hinausgeht, sollte man konsequent von Medizin sprechen.
Da die Paramedizin keine der Qualitätskriterien erfüllt, statt dessen vom Glauben der Patienten lebt – etwa an die heilsame Wirkung von Globuli (Homöopathie) oder Mistelprodukten (anthroposophische Medizin) –, sollte man von Glaubensmedizin sprechen. Das wäre insoweit konsequent, da hinter den Therapiemaßnahmen geschlossene Welt- und Menschenbilder stecken, die einer stärkeren Thematisierung und kritischen Hinterfragung bedürften.
Die real vorhandenen aktuellen Probleme im Gesundheitswesen dürfen unter keinen Umständen als Argument für eine glaubensmedizinische Ausrichtung therapeutischer Maßnahmen herangezogen werden. Die Aufgabe wissenschaftlicher Standards in der Medizin käme einem Rückschritt in die Zeit vor der Aufklärung gleich, wo Quacksalberei weit verbreitet war.

Um einen solchen Rückschritt zu vermeiden, wäre es zu begrüßen, würde im Schulunterricht das Thema Wissenschaftstheorie verankert und die gute Begleitung und Beratung von Patienten in der Ausbildung angehender Ärzte zum Standard erhoben. Um zu verhindern, dass sich Patientinnen und Patienten bei ernsthaften Erkrankungen ausschließlich in die Hände von Glaubensmedizinern begeben, aus der Hoffnung heraus, ihnen könne geholfen werden, muss die Politik die richtigen Konsequenzen ziehen und Ärzte, Apotheken, Krankenkassen und Hochschulen stärker in die Verantwortung nehmen. Am Ende muss klar sein, dass die Antwort auf ein schlechtes Gesundheitssystem nur ein gutes Gesundheitssystem sein kann und nicht die »Globulisierung« unserer Gesellschaft.

*: Die Akupunktur möchte ich hier ausdrücklich ausgenommen wissen. Sie hat eine naturwissenschaftlich zu untersuchende Basis in nachweisbaren Verschaltungen von Neuronen und Astrocyten in mehreren unterscheidbaren Regionen des zentralen Nervensystems. Die Effekte lassen sich erzeugen und belegen, auch ohne dass man eine „Meridian-Energie“, „5 Wandlungsphasen“ u.s.w. als Hypothese einführen muss. Leider hat die Gesundheitsindustrie zur geneauen Erforschung, z.B. mit teuren hochauflösenden PET- und SPECT-Geräten, bisher noch keine Mittel zur Verfügung gestellt, und seriöse Wissenschaftler haben Angst, sich bei einem Antrag auf Grundlagenforschung  für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zu blamieren.

Mein Kommentar: Ds herrschende System profitiert sehr von der verbreiteten Dummheit. Wissenschaftstheorie wäre den Interessen der 1% abträglich, in der Medizinindustrie genau so wie in der Wirtschaftswissenschaft.
Hinter der „Alternativmedizin“ versteckt sich auch der Neid der Laien auf die Erfolge, die sich die rationale Medizin und deren Träger, ÄRZTE, mühsam und über Jahre erarbeitet haben.

Jochen

Erblicher Mikro-RNA-Mangel im Gehirn kann zu Schizophrenie führen

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Hier geht es um Entdeckungen an Mäusegehirnen:
http://www.spektrum.de/news/mikro-rna-mangel-laesst-schizophrene-stimmen-hoeren/1430944
lachmaus

Der Titel ist wohl etwas reißerisch. Dass Mäuse schizophren werden können, war mir allerdings bisher unbekannt.
Welche akustischen Halluzinationen haben wohl solche Mäuse? Das Miauen nicht vorhandener Katzen ?
Auszüge:

Schizophrene Wahnvorstellungen entstehen durch ein allzu bereitwilliges Anspringen des Hirns auf das Neurosignal Dopamin, dachten Nervenärzte. Aber woher rührt diese Überreaktion?

von Jan Osterkamp

Menschen mit einer schizophrenen Psychose verlieren in akuten Phasen den Bezug zur Realität, entwickeln Wahnvorstellungen und erleben Halluzinationen; sie hören also zum Beispiel Geräusche oder Stimmen. Dabei entstehen die Halluzinationen keineswegs zufällig und regellos aus dem Nichts, wie Mediziner seit einigen Jahren wissen.
Vielmehr liegen Störungen im neuronalen Stoffwechsel ganz bestimmter Hirnregionen zu Grunde: So resultieren akustische Halluzinationen etwa aus einer Übererregung von Dopaminrezeptoren im auditorischen Kortex, jenem Areal des Gehirns, das mit der Verarbeitung und Weiterleitung von akustischen Reizen beschäftigt ist.
Medikamente gegen Schizophrenie setzen hier schon an, haben aber starke Nebenwirkungen – und sie zielen vielleicht auch nicht genau genug auf die eigentlichen Ursachen, meinen Forscher nun nach neuen Untersuchungen.
Denn tatsächlich sind nicht die Dopaminrezeptoren selbst schuld an den Wahnwahrnehmungen, sondern ein bisher übersehener mikro-RNA-Regulator.

Die verdächtige mikroRNA „miR-338-3p“ hatten Stanislav Zakharenko vom St. Jude Hospital im US-amerikanischen Memphis als eine von rund 2000 kurzen regulatorischen RNA-Schnipseln von Hirnzellen ins Visier genommen: Die mikroRNA ist in den auditorischen Hirnarealen von mutierten Mäusen mit einer Schizophrenie auffällig gering konzentriert. Der RNA-Schnipsel bremst die Produktion von D2-Dopamin-Rezeptoren (Drd2) in den Neuronen.
Diese Rezeptoren kommen bei Patienten mit schizophrener Psychose in den neuronalen Bündeln häufiger vor, die aus dem Thalamus in den auditorischen Kortex ausstrahlen.
Werden sie durch Neuroleptika wie Phenothiazine blockiert, so lindert das die Halluzinationen.
Denselben Effekt erzielten die Forscher in einem Mausmodell der Schizophrenie nun – ohne die Nebenwirkungen der Medikamente –, indem sie im auditorischen Kortex der Versuchstieren künstlich mehr miR-338-3p zuführten. Die mikro-RNA kann die Symptome der psychischen Erkrankung also bekämpfen.

Tatsächlich könnte dies auch erklären, warum Menschen mit einer bestimmten, durch einen Gendefekt verursachten Form der Schizophrenie meist erst im Erwachsenenalter deutliche Symptome zeigen. Denn in den Mäusen sank die Menge der miR-338-3p-mikroRNA im Laufe des Lebens allmählich – und erst wenn die Mikro-RNA-Menge einen bestimmten Schwellenwert unterschreitet, werden zu viele D2-Rezeptoren produziert, was zu einer krankhaft erhöhten Erregbarkeit des Hirnareals führt.
Schizophrenie wird wohl durch eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen ausgelöst, die gelegentlich womöglich nicht einmal mit dem Dopaminstoffwechsel im Gehirn zu tun haben. Zumindest solchen Patienten, bei denen durch genetische Defekte die mikro-RNA-Regulation der Neuronen aus dem Takt geraten ist, könnte aber vielleicht in Zukunft besser geholfen werden, hoffen die Forscher.

© Spektrum.de

Jochen

Gedächtnis: Kiffen dreht dem Hirn den Saft ab !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

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Der Effekt auf das Kurzzeitgedächtnis ist ja vielen Genießern von Cannabis bekannt, ebenso, welche negativen Einflüsse die Droge auf den sozialen Reifungsprozess von Jugendlichen hat, wenn sie schon in der Pubertät hufig konsumiert wird.
Mittlerweile weiss man näher auch, warum:
http://www.spektrum.de/news/kiffen-dreht-dem-hirn-den-saft-ab/1429369
Auszüge:

Mitochondrien spielen eine wesentliche Rolle bei der Wirkung von Cannabis:


Die Droge greift in ihre Signalwege ein und drosselt die Energieproduktion.

von Lars Fischer

Dass Cannabis das Gedächtnis schlechter macht, ist keine neue Erkenntnis – doch wie dieser spezifische Effekt zu Stande kommt, klären Fachleute erst nach und nach auf.
Eine Arbeitsgruppe um Giovanni Marsicano von der Université de Bordeaux hat nun entdeckt, dass Cannabis direkt die Mitochondrien spezieller Nervenzellen beeinflusst – in den Mitochondrien findet die Zellatmung statt, durch die die Zelle mit Energie versorgt wird.
Wie das Team um Marsicano berichtet, spielen die Cannabinoid-Rezeptoren der Mitochondrien in einer am Gedächtnis beteiligten Hirnregion eine entscheidende Rolle:
Fehlen sie, tritt der Gedächtniseffekt durch Cannabis nicht auf. Wird der Rezeptor durch den Cannabiswirkstoff aktiviert, unterdrückt er die Energieproduktion in der Zelle – die Neurone haben schlicht nicht genug Ressourcen, um ihre Funktion zu erfüllen.

Die Mitochondrien in Hirnzellen sind seit einer Weile stärker im Blick der Forschung. So stellte sich heraus, dass Fehlfunktionen dieser Energie produzierenden Organellen zum Beispiel an neurodegenerativen Erkrankungen oder Alterungsprozessen im Gehirn beteiligt sind.
Welche Rolle allerdings unterschiedlich stark aktivierte Mitochondrien bei ganz alltäglichen Variationen von Gedächtnis und anderen Hirnfunktionen spielt, ist noch völlig unklar.

Die Forschung von Marsicano und seiner Gruppe zeigt jedoch, dass solche energetischen Einflüsse und ihre Regulation über das so genannte Endocannabinoidsystem an kognitiven Funktionen wesentlich beteiligt sind.

Mit Hilfe dieser Erkenntnisse will die Arbeitsgruppe einerseits weitere Einsichten in die genaue Bedeutung der Mitochondrien und des Endocannabinoidsystems im Gehirn gewinnen, andererseits ist der untersuchte Gedächtnisverlust eine unerwünschte Nebenwirkung vieler Cannabispräparate: Sie auszuschalten, würde einen deutlichen Fortschritt für medizinisches Marihuana bedeuten.

In der nebenstehenden Grafik werden die Verbindungen zu Enterohormonsystemen deutlich, die an Fettgewebe, Leber, Dünndarm und Bauchspeicheldrüse angreifen.

© Spektrum.de

Jochen

Langfristige Armut macht das Hirn langsam – empirisch belegt, und die Armut in Deutschland hat 2015 ein trauriges Rekordhoch erreicht !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

http://www.harmbengen.de/

Endlich haben wir es wissenschaftlich erwiesen, was ich in meiner Praxis über jahrzehnte erfahren habe:

Armut macht das Hirn langsam

Immer wieder zu wenig Geld haben – das schlägt sich auch im Gehirn nieder. Und zwar langfristig, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

von Lars Fischer

Wer über längere Zeit arm war, schneidet bei einigen geistigen Aufgaben schlechter ab als Menschen, die nie finanzielle Härten erfahren haben.
Zu diesem Ergebnis kommt ein Team um Adina Zeki Al Hazzouri von der University of Miami nach einer Untersuchung an knapp 3400 Erwachsenen aus den USA, die seit den 1980er Jahren an einer Langzeitstudie über Herzkrankheiten teilnehmen.
Al Hazzouri verwendete die Resultate kognitiver Tests aus dem Jahr 2010 und verglich sie mit Daten über die finanziellen Verhältnisse der Teilnehmer – gemessen nicht nur anhand ökonomischer Faktoren, sondern zusätzlich anhand deren eigener Einschätzung. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen langfristiger Armut und der Geschwindigkeit beim Lösen bestimmter Aufgaben sowie eine schwächere Beziehung zu geringerer kognitiver Kontrolle.

Gegenüber früheren Studien hat die neue Untersuchung den Vorteil, dass nicht allein das Einkommen zum Untersuchungszeitpunkt in die Analyse einfließt, sondern die wechselnde wirtschaftliche Situation über drei Jahrzehnte. Entsprechend bilde die Studie auch den kumulativen Effekt von wiederholter Armut ab, so die Neurowissenschaftlerin.
Zusätzlich fand Al Hazzouris Gruppe den Effekt auch bei einer Untergruppe von Menschen mit hoher Bildung und akademischer Ausbildung, so dass sie eine umgekehrte Kausalität – dass einfach schlechtere Testergebnisse zu mehr Armut führen – als unwahrscheinlich betrachtet.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass wiederholte oder lange Armut besonders bei jungen Erwachsenen negative Folgen für die geistige Gesundheit im gesamten Erwachsenenalter hat.

© Spektrum.de

Dazu auch schon 2015:

Die Armut in Deutschland hat ein trauriges Rekordhoch erreicht

https://netzfrauen.org/2015/02/19/die-armut-in-deutschland-hat-ein-trauriges-rekordhoch-erreicht/

Deutschland ist ein reiches Land – im Schnitt werden hier über 30 000 Euro pro Jahr und Einwohner erwirtschaftet. Doch acht Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.
Gleichzeitig werden die Reichen laut den offiziellen Statistiken immer reicher. Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögens. Manche Berechnungen gingen von mehr als 60 Prozent aus.
Die Armut in Deutschland nimmt kontinuierlich zu und betrifft immer mehr Gruppen in der Gesellschaft.

Armut in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Zu diesem Ergebnis gelangt der Paritätische Gesamtverband in einem Bericht zur regionalen Armutsentwicklung. Danach waren 2013 mehr als zwölf Millionen Menschen von Armut bedroht. Die Armutsquote stieg gegenüber dem Vorjahr von 15 auf 15,5 Prozent.
Zugleich ist die Kluft zwischen wohlhabenden und wirtschaftsschwachen Regionen weiter gewachsen. Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider spricht von einer „armutspolitisch tief zerklüfteten Republik“. Nie zuvor sei die Armut so hoch, nie die regionale Zerrissenheit so tief gewesen wie heute.

Die zerklüftete Republik

Der Armutsbericht erscheint in diesem Jahr verspätet, doch dies aus gutem Grund. Durch die Umstellung und Revision der Daten des Statistischen Bundesamtes auf der Basis des Zensus 2011 war eine Veröffentlichung wie gewohnt im Dezember nicht möglich (siehe: Methodische Anmerkungen).

Gleichwohl tut diese Verzögerung der Brisanz der Erkenntnisse keinen Abbruch. Die Armut in Deutschland hat nicht nur ein neuerliches trauriges Rekordhoch erreicht, auch ist Deutschland dabei, regional regelrecht auseinander zu fallen. Zwischen dem Bodensee und Bremerhaven, zwischen dem Ruhrgebiet und dem Schwarzwald ist Deutschland, was seinen Wohlstand und seine Armut anbelangt, mittlerweile ein tief zerklüftetes Land.

Hier zum Armutsbericht

Die wichtigsten Befunde im Überblick:

1: Die Armut in Deutschland hat mit einer Armutsquote von 15,5 Prozent ein neues Rekordhoch erreicht und umfasst rund 12,5 Millionen Menschen.
2: Der Anstieg der Armut ist fast flächendeckend. In 13 der 16 Bundesländer hat die Armut zugenommen. Lediglich Sachsen-Anhalt verzeichnet einen ganz leichten und Brandenburg einen deutlicheren Rückgang. In Sachsen ist die Armutsquote gleich geblieben.
3: Die Länder und Regionen, die bereits in den drei vergangenen Berichten die bedenklichsten Trends zeigten – das Ruhrgebiet, Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern – setzen sich ein weiteres Mal negativ ab, indem sie erneut überproportionalen Zuwachs aufweisen.
4: Die regionale Zerrissenheit in Deutschland hat sich im Vergleich der letzten Jahre verschärft. Betrug der Abstand zwischen der am wenigsten und der am meisten von Armut betroffenen Region 2006 noch 17,8 Prozentpunkte, sind es 2013 bereits 24,8 Prozentpunkte.
5: Als neue Problemregion könnte sich neben dem Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen auch der Großraum Köln/Düsseldorf entpuppen, in dem mehr als fünf Millionen Menschen leben, und in dem die Armut seit 2006 um 31 Prozent auf mittlerweile deutlich überdurchschnittliche 16,8 Prozent zugenommen hat.
6: Erwerbslose und Alleinerziehende sind die hervorstechenden Risikogruppen, wenn es um Armut geht. Über 40 Prozent der Alleinerziehenden und fast 60 Prozent der Erwerbslosen in Deutschland sind arm. Und zwar mit einer seit 2006 ansteigenden Tendenz.
7: Die Kinderarmut bleibt in Deutschland weiterhin auf sehr hohem Niveau. Die Armutsquote der Minderjährigen ist von 2012 auf 2013 gleich um 0,7 Prozentpunkte auf 19,2 Prozent gestiegen und bekleidet damit den höchsten Wert seit 2006. Die Hartz-IV-Quote der bis 15-Jährigen ist nach einem stetigem Rückgang seit 2007 in 2014 ebenfalls erstmalig wieder angestiegen und liegt mit 15,5 Prozent nun nach wie vor über dem Wert von 2005, dem Jahr, in dem Hartz IV eingeführt wurde.
8: Bedrohlich zugenommen hat in den letzten Jahren die Altersarmut, insbesondere unter Rentnerinnen und Rentnern. Deren Armutsquote ist mit 15,2 Prozent zwar noch unter dem Durchschnitt, ist jedoch seit 2006 überproportional und zwar viermal so stark gewachsen. Keine andere Bevölkerungsgruppe zeigt eine rasantere Armutsentwicklung.

Armut in Deutschland ist ein Thema, das viele nicht wahrhaben wollen. Aber auch bei uns klafft die Schere zwischen denen, die viel Geld besitzen und denen, die gar keines haben, immer weiter auseinander.

Gerade Frauen sind immer öfter von Armut betroffen. Sie versorgen den Haushalt, kümmern sich um Kinder, Kranke und Alte und bekommen dafür kein Geld. Sie haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und wenn sie eine Stelle bekommen, verdienen sie trotz gleicher Qualifikation immer noch weniger als Männer.

Armut ist weiblich

Einige Beispiele:
  • Weiblich, jung, alleinerziehend mit kleinem Kind, das ist die Armutsfalle, in der viele Frauen sitzen. Woher sollen diese Frauen noch Geld für eine so-genannte Altersvorsorge nehmen, wenn das Geld nicht einmal für die alltäglichen Belange reicht?!
  • Frauen, die nach einer langjährigen Ehe geschieden werden, kämpfen mit großen finanziellen Problemen. Den Job haben sie für die Familie aufgegeben, allenfalls später einen Teilzeitjob angenommen. In die Rentenkasse haben sie deshalb kaum eingezahlt. Während der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen 23 Prozent beträgt, ist die Einkommensdifferenz zwischen Rentnerinnen und Rentnern noch größer: Frauen haben im Alter im Durchschnitt 59,6 Prozent weniger als Männer.
  • Wenn der Hauptverdiener plötzlich stirbt, erhalten die Frauen nur noch 55 Prozent der Versichertenrente, auf die der verstorbene Ehepartner Anspruch gehabt hätte. Die Ausgaben bleiben die gleichen, viele Frauen stehen plötzlich mit ihren Kindern vor dem Nichts und geraten so unverschuldet in die Armut. Ausgaben müssen dann überdacht, gestrafft und gestrichen werden. Die durchschnittlichen Witwen-Renten liegen bei 547 Euro (West) und 572 Euro (Ost).
  • Lesen Sie dazu unseren Beitrag: Frauenarmut – Wir träumten vom Leben, aber nicht in Armut

Glückwunsch! Deutschland ist Weltmeister! … im Lohndumping!

„Wir müssen Strukturreformen durchsetzen, auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt, um wettbewerbsfähig zu bleiben“. (Wolfgang Schäuble)

Wie diese Reformen aussehen, geht klar aus dieser Grafik hervor. Deutschland, das Niedrig-Lohn-Land, Deutschland – Weltmeister im Lohndumping.
Ist das die so-genannte „deutsche Perfektion“, die im Ausland so sehr geschätzt wird?

Es geht noch billiger

Die Regeln der Leiharbeit sind strenger geworden. Unternehmen aus dem Handel und der Industrie wissen sie jedoch zu umgehen.

Am 09. 09. 2011 fand eine Tagung des ZAAR (Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht) mit dem Titel „Freie Industriedienstleistung als Alternative zur regulierten Zeitarbeit” statt. Dabei wurde dann gemeinsam festgestellt: „Es gibt die Chance, den strengen arbeitsrechtlichen Regelungen der Zeitarbeit zu entfliehen”.

Siemens, BASF, die Deutsche Bahn, Porsche, BMW, Robert Bosch und die Metro AG, sie alle hatten sich für diese Tagung angemeldet, ebenso wie die Vertreter der Leiharbeitsunternehmen Randstad und Manpower und die Anwälte von Großkanzleien wie der KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft.
Der Andrang im Holiday Inn ist so groß, dass sich jene, die zu spät kommen, umständlich in die letzte Stuhlreihe zwängen müssen.

Viele Unternehmen drücken die Löhne jetzt mithilfe von Werkverträgen. Dabei übertragen Unternehmen zentrale Aufgaben an Subunternehmen. Diese Subunternehmen werden pro so-genanntes Werk bezahlt.

Gleiche Arbeit – weniger Geld

Früher nannte man diese Firmen SEELENVERKÄUFER – sie vermieteten Arbeiter an andere Firmen, meist in anderen großen Städten.
Wahlweise wurden diese meist kleinen Unternehmen auch Seelenvermieter genannt.
SEELENVERKÄUFER, ein uralter Begriff, die Bezeichnung für ein nicht mehr ganz fahrtüchtiges, unsicheres Schiff.
Diese Form der modernen Sklaverei ist mittlerweile salonfähig geworden und wird von der Regierung unterstützt.

Lesen Sie dazu: Glückwunsch: Deutschland – Weltmeister im Lohndumping

Die Familie als „Matratze“, die den Sturz abfedert

In Dortmund, als dystopischer Alptraum in Szene gesetzt, lebt sogar jedes vierte Kind in Armut. Drei dieser Kinder kommen zur Sprache und erzählen davon, wie sich das auswirkt. Erzählen von Mobbing in der Schule, weil die richtigen Kleider schon auf dem Schulhof Leute machen – oder eben nicht. Zur sozialen Ausgrenzung gesellt sich die Tatsache, von Reisen oder kultureller Teilhabe ausgeschlossen zu sein. Es ist einfach kein Geld da. Wenn man sieht, wie sehr die bürokratische Pedanterie von Hartz IV die Bedürftigen in Anspruch nimmt, dämmert, wieso immer mehr Kinder „Hartz IV“ für eine Art Beruf halten.
In den Blick kommt auch die Klippe, über die diese Kinder eines Tages stürzen werden: Weil die kleine Michelle auf der Gesamtschule bis zur achten Klasse nicht sitzenbleiben kann, bezahlt „das Amt“ keine Nachhilfe.

Viele Familien sind spätestens am Monatsende auf „die Tafel“ angewiesen, Suppenküchen an der Schnittstelle von Überfluss und Armut. Hier verklappt das System seine ausgemusterte Ware, und hier „jobben“ die Betroffenen auf Ein-Euro-Basis.
Die Agenda 2010 hat die Zahl dieser Tafeln verdreifachen lassen, inzwischen gibt es in Deutschland 2000 Ausgabestellen für eine Millionen Menschen.
Neben den Schicksalen und den Zahlen tauchen immer wieder Soziologen und Politikwissenschaftler auf wie Michael Hartmann oder Christoph Butterwegge, die erklären, woher diese Armut rührt. Hartz IV, Deregulierung des Arbeitsmarkts, Liberalisierung des Finanzmarkts.
Der Druck auf „die da unten“ wurde erhöht, der Spielraum für „die da oben“ erweitert. Der Spitzensteuersatz wurde gesenkt, desgleichen die Unternehmensteuer, die Abgeltungsteuer wurde eingeführt und die Erbschaftsteuer für Firmenerben „faktisch abgeschafft“, damit der Reichtum sich vererbe und nicht verteile.
Die wenigsten Menschen seien durch eigene Schuld in Not geraten, so Butterwegge, sondern durch soziale Verwerfungen, auf die sie keinen Einfluss hätten.

In der youtube- Dokumentation „Gemachte Armut“ wird auch die europaweite Verbreitung des Problems thematisiert.
Etwa in Spanien, das nie einen Wohlfahrtsstaat nach dem Vorbild der Bundesrepublik oder der skandinavischen Länder kannte und seit der Immobilienkrise zusehends verelendet. Pro Jahr wurden hier mehr Häuser gebaut als in der übrigen EU zusammen, und als die Blase platzte, wurden die Banken gerettet – mit Geld, das aus den gestoppten Sozialprogrammen abgezweigt wurde. Die Familie gilt hier als „Matratze“, die den Absturz abfedert. Fast 400 000 Familien leben von den Renten der Großeltern – so war der „Generationenvertrag“ eigentlich nicht gedacht. Die Kinderarmut ist – schon wieder! – nur in Bulgarien und Rumänien größer als in Spanien.

Lourdes Picareta beschreibt und analysiert in ihrem Film die Situation in Spanien, Deutschland und Frankreich und lässt darin unter anderem Sozialforscher und Politikwissenschaftler zu Wort kommen, die von der „gemachten Armut“ sprechen, von einer Entwicklung, die keineswegs natürlich entstanden ist und vermeidbar gewesen wäre.

Wetten auf Rettung, ein Spiel, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt, nur sind die Gewinner nicht die Griechen selbst, sondern die Banken oder eben diese Hedgefonds. Ich kenne noch Zeiten, da wussten wir nicht mal, wer hinter diesen Fonds steckt, heute sind sie allesamt öffentlich bekannt. Aber trotzdem unternimmt keiner etwas.
Dabei gibt es bei diesem Spiel genug Opfer. Schauen wir nach Griechenland, bitte lesen Sie dazu unseren Beitrag:Die neue Armut in Griechenland hat ein weibliches Gesicht“.

Jugendarbeitslosigkeit – besonders schlimm sieht es in südeuropäischen Ländern wie Spanien und Griechenland aus, wo die Quote bei 56 beziehungsweise sogar knapp 63 Prozent liegt. [Siehe: „Wenn eine ganze Generation
ihren Mut verliert – Europas Jugend braucht eine Perspektive –
nicht morgen, sondern heute!
“]

„Der Mensch ist nicht frei, wenn er einen leeren Geldbeutel hat“
Lech Walesa 

Netzfrau Doro Schreier

Zu ergänzen wäre der letzte Satz mit „…und im Kapitalismus lebt“.
Es gibt Gesellschaften, wo man unter stabilen sozialen Bedingungen über 40 000 Jahre keinen Geldbeutel brauchte, um zu leben, z.B: die australischen Aborigines.
Die könnten uns noch was beibringen.

Jochen

Aus traurigem Anlass: Suizidprävention – Bei Verdacht ansprechen

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Der wahrscheinliche Suizid eines kompromisslosen Eigenbrötlers und unbeugsamen Systemkritikers ist zu bedauern.
Im Einzelfall ist es oft sehr schwierig, die Betroffenen rechtzeitig zu erreichen.

Bitte seid achtsam in Eurem Bekannten- und Freundeskreis.
Ein Zitat aus dem SPIEGEL:

Gerwald Claus-Brunner gehörte zur Berliner Piraten-Fraktion, die 2011 als erste in einen Landtag einzog.
In seinem Umfeld gab es offenbar schon länger die Befürchtung, dass der Abgeordnete psychotherapeutische Unterstützung benötige.

Dazu im aktuellen Ärzteblatt:

https://www.aerzteblatt.de/archiv/182076/Suizidpraevention-Bei-Verdacht-ansprechen
Auszüge:

Wie wichtig Prävention ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2014:
In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Aids, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen: 10 209, dreimal so viele wie Verkehrstote.
Weit über 100 000 Menschen unternahmen einen Suizidversuch.
Vor allem ältere Menschen nehmen sich das Leben. Sie hätten Angst vor einer entwürdigenden Behandlung und davor, der Familie zur Last zu fallen, begründete Prof. Dr. phil. Dr. med. Schmidtke das erhöhte Risiko.

Die Suizidprävention in Deutschland hat erheblichen Nachholbedarf. Zwar liegen Vorschläge des nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro) vor – sie würden aber nicht ausreichend verwirklicht.
Darauf machten Mitglieder des Deutschen Bundestages mit Verbänden anlässlich des Welttags der Suizidprävention Anfang September in Berlin aufmerksam.

Studien haben gezeigt, dass Suizidenten in den Wochen davor häufiger ihren Hausarzt aufsuchen, berichtete Armin Schmidtke. „Ärzte und Angehörige sollten bei Verdacht Menschen auf Suizidpläne ansprechen“, rät der Initiator des NaSPro. Das passiere viel zu selten, aus Angst, ihr Gegenüber erst dazu zu ermutigen. „Das ist das schlimmste Vorurteil im Umgang mit Suizidgefährdeten“, ist sich der Psychotherapeut sicher. Einige Hausärzte hätten nicht mal die Telefonnummer der Notfallseelsorge parat.

In ihrem Forderungskatalog haben Mitglieder der SPD, der Grünen und der Linken daher festgehalten:
Die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Gesundheits- und Sozialberufe müsse Suizidalität stärker berücksichtigen. Zudem fordern sie einen kurzfristigen Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung. Sprechstunden sollen in der psychotherapeutischen Praxis ab Januar 2017 eingerichtet werden – das hat der Gemeinsame Bundesausschuss im Juni beschlossen. „Das kann jedoch nur ein erster Schritt sein“, kommentierte Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.

Bereits letztes Jahr gab es einen Antrag zur Suizidprävention im Bundestag. „Eine Einigung konnten wir bisher nicht erreichen“, berichtete Klein-Schmeink. Sie hofft auf eine überparteilichen Lösung.

Welche Maßnahmen in den letzten Jahren am besten geholfen haben, um Suizide zu vermeiden, wurde kürzlich im Lancet Psychiatry publiziert. Die Autoren heben vor allem den eingeschränkten Zugang zu Suizid-Hotspots, wie etwa Brücken, hervor. Seit dem Jahr 2005 sei auf diese Weise ein Rückgang der Suizide um 86 Prozent zu verzeichnen.
In der Realität schreitet die Umsetzung nur langsam voran. In Münster wird seit acht Jahren mit dem Denkmalschutzamt über den Bau eines Zauns an einer solchen Hotspot-Brücke diskutiert. „Ein einziger Notfalleinsatz kostet mit 60 000 Euro genauso viel wie ein Zaun“, gibt Schmidtke zu Bedenken.
Eine weitere effektive Maßnahme, die nur schleppend vorangeht, sei der eingeschränkte Zugriff auf Schmerzmittel. Hierdurch verringerte sich die Suizidrate der Studie zufolge seit 2005 um 43 Prozent. Hilfreich seien auch kleinere Packungsgrößen.

Kathrin Gießelmann

Jochen

Wie das Gehirn zwischen Gut und Böse unterscheidet – Neuronale Netzwerke entdeckt

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Mal etwas aus der aktuellen Wissenschaft zur Betonung der materiellen Basis höherer seelischer Funktionen:

Ob wir eine Aussage als Kompliment oder versteckte Beleidigung betrachten, ist oft auch eine Frage der Interpretation. Forscher haben entdeckt, was dabei im Gehirn passiert.

von Daniela Zeibig

http://www.spektrum.de/news/wie-das-gehirn-zwischen-gut-und-boese-unterscheidet/1419697

Auszüge:

Wissenschaftler um Christiane Rohr vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben zwei Hirnregionen identifiziert, die aktiv werden, wenn wir Situationen positiv oder negativ deuten. Die Forscher spielten 27 Probanden im Magnetresonanztomografen verschiedene 1,5- bis 3-minütige Filmsequenzen vor, die emotional widersprüchliche Szenen zeigten. So sahen die Teilnehmer etwa einen Ausschnitt aus Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“, in dem eine Person eine andere foltert und sich dabei fröhlich lachend mit seinem Opfer unterhält. Anschließend sollten sie beurteilen, ob sie die Szenen eher als angenehm oder unangenehm empfanden.

lobus pariet inf

lobus parietalis inferior

Dabei stießen die Wissenschaftler auf den so genannten Sulcus temporalis superior im Schläfenlappen und den Lobus parietalis inferior im Scheitellappen, die wie zwei „Schalter“ zu fungieren scheinen und entweder ein Hirnnetzwerk für die positive oder eines für die negative Bewertung anknipsen.

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sulcus temporalis superior

Beurteilten die Probanden eine Situation positiv, war vor allem der Lobus parietalis inferior aktiv, bei negativen Interpretationen schaltete sich dagegen der Sulcus temporalis superior ein. „Die beiden Regionen scheinen miteinander zu kommunizieren und so herauszufinden, welche von ihnen aktiviert und welche inaktiviert wird“, sagt Studienautor Hadas Okon-Singer von der Universität Haifa.

Dieser Prozess könnte im Alltag etwa dann eine Rolle spielen, wenn wir anhand von Merkmalen wie dem Tonfall darauf schließen, ob eine Aussage als ehrliches Kompliment oder als versteckte Beleidigung gemeint ist – oder ob uns jemand mit Zynismus begegnet.

The neural networks of subjectively evaluated emotional conflicts

Hum Brain Mapp 37:2234–2246, 2016 Abstract

Previous work on the neural underpinnings of emotional conflict processing has largely focused on designs that instruct participants to ignore a distracter which conflicts with a target. In contrast, this study investigated the noninstructed experience and evaluation of an emotional conflict, where positive or negative cues can be subjectively prioritized. To this end, healthy participants freely watched short film scenes that evoked emotional conflicts while their BOLD responses were measured. Participants‘ individual ratings of conflict and valence perception during the film scenes were collected immediately afterwards, and the individual ratings were regressed against the BOLD data.
Our analyses revealed that (a) amygdala and medial prefrontal cortex were significantly involved in prioritizing positive or negative cues, but not in subjective evaluations of conflict per se, and (b) superior temporal sulcus (STS) and inferior parietal lobule (IPL), which have been implicated in social cognition and emotion control, were involved in both prioritizing positive or negative cues and subjectively evaluating conflict, and may thus constitute “hubs” or “switches” in emotional conflict processing.
Psychophysiological interaction (PPI) analyses further revealed stronger functional connectivity between IPL and ventral prefrontal—medial parietal areas in prioritizing negative cues, and stronger connectivity between STS and dorsal-rostral prefrontal—medial parietal areas in prioritizing positive cues.
In sum, our results suggest that IPL and STS are important in the subjective evaluation of complex conflicts and influence valence prioritization via prefrontal and parietal control centers.. © 2016 Wiley Periodicals, Inc.

Zur BOLD-Methode auf Wikipedia:
Als BOLD-Kontrast (von englisch blood oxygenation level dependent, also „abhängig vom Blutsauerstoffgehalt“) bezeichnet man in der Magnetresonanztomographie (MRT) die Abhängigkeit des (Bild-)Signals vom Sauerstoffgehalt in den roten Blutkörperchen. Die Hauptanwendung des BOLD-Kontrasts ist die funktionelle MRT (fMRT) zur Darstellung der Hirnaktivität.