Aus traurigem Anlass: Suizidprävention – Bei Verdacht ansprechen

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Der wahrscheinliche Suizid eines kompromisslosen Eigenbrötlers und unbeugsamen Systemkritikers ist zu bedauern.
Im Einzelfall ist es oft sehr schwierig, die Betroffenen rechtzeitig zu erreichen.SuicidePrevention

Bitte seid achtsam in Eurem Bekannten- und Freundeskreis.
Ein Zitat aus dem SPIEGEL:

Gerwald Claus-Brunner gehörte zur Berliner Piraten-Fraktion, die 2011 als erste in einen Landtag einzog.
In seinem Umfeld gab es offenbar schon länger die Befürchtung, dass der Abgeordnete psychotherapeutische Unterstützung benötige.

Dazu im aktuellen Ärzteblatt:

https://www.aerzteblatt.de/archiv/182076/Suizidpraevention-Bei-Verdacht-ansprechen
Auszüge:

Wie wichtig Prävention ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2014:
In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Aids, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen: 10 209, dreimal so viele wie Verkehrstote.
Weit über 100 000 Menschen unternahmen einen Suizidversuch.
Vor allem ältere Menschen nehmen sich das Leben. Sie hätten Angst vor einer entwürdigenden Behandlung und davor, der Familie zur Last zu fallen, begründete Prof. Dr. phil. Dr. med. Schmidtke das erhöhte Risiko.

Die Suizidprävention in Deutschland hat erheblichen Nachholbedarf. Zwar liegen Vorschläge des nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro) vor – sie würden aber nicht ausreichend verwirklicht.
Darauf machten Mitglieder des Deutschen Bundestages mit Verbänden anlässlich des Welttags der Suizidprävention Anfang September in Berlin aufmerksam.

Studien haben gezeigt, dass Suizidenten in den Wochen davor häufiger ihren Hausarzt aufsuchen, berichtete Armin Schmidtke. „Ärzte und Angehörige sollten bei Verdacht Menschen auf Suizidpläne ansprechen“, rät der Initiator des NaSPro. Das passiere viel zu selten, aus Angst, ihr Gegenüber erst dazu zu ermutigen. „Das ist das schlimmste Vorurteil im Umgang mit Suizidgefährdeten“, ist sich der Psychotherapeut sicher. Einige Hausärzte hätten nicht mal die Telefonnummer der Notfallseelsorge parat.

In ihrem Forderungskatalog haben Mitglieder der SPD, der Grünen und der Linken daher festgehalten:
Die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Gesundheits- und Sozialberufe müsse Suizidalität stärker berücksichtigen. Zudem fordern sie einen kurzfristigen Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung. Sprechstunden sollen in der psychotherapeutischen Praxis ab Januar 2017 eingerichtet werden – das hat der Gemeinsame Bundesausschuss im Juni beschlossen. „Das kann jedoch nur ein erster Schritt sein“, kommentierte Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.

Bereits letztes Jahr gab es einen Antrag zur Suizidprävention im Bundestag. „Eine Einigung konnten wir bisher nicht erreichen“, berichtete Klein-Schmeink. Sie hofft auf eine überparteilichen Lösung.

Welche Maßnahmen in den letzten Jahren am besten geholfen haben, um Suizide zu vermeiden, wurde kürzlich im Lancet Psychiatry publiziert. Die Autoren heben vor allem den eingeschränkten Zugang zu Suizid-Hotspots, wie etwa Brücken, hervor. Seit dem Jahr 2005 sei auf diese Weise ein Rückgang der Suizide um 86 Prozent zu verzeichnen.
In der Realität schreitet die Umsetzung nur langsam voran. In Münster wird seit acht Jahren mit dem Denkmalschutzamt über den Bau eines Zauns an einer solchen Hotspot-Brücke diskutiert. „Ein einziger Notfalleinsatz kostet mit 60 000 Euro genauso viel wie ein Zaun“, gibt Schmidtke zu Bedenken.
Eine weitere effektive Maßnahme, die nur schleppend vorangeht, sei der eingeschränkte Zugriff auf Schmerzmittel. Hierdurch verringerte sich die Suizidrate der Studie zufolge seit 2005 um 43 Prozent. Hilfreich seien auch kleinere Packungsgrößen.

Kathrin Gießelmann

Aktueller Nachtrag 2020: Auch hier sind wertvolle Hinweise zu finden: https://psylex.de/stoerung/suizid/praevention.html

syringe and pills on blue background

Die Vereinzelung der Menschen unter den Corona-Kontakteinschränkungen und der wirtschaftlichen Verunsicherung erhöht die Gefahr der Selbsttötung deutlich.

Jochen

Wie das Gehirn zwischen Gut und Böse unterscheidet – Neuronale Netzwerke entdeckt

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Mal etwas aus der aktuellen Wissenschaft zur Betonung der materiellen Basis höherer seelischer Funktionen:

Ob wir eine Aussage als Kompliment oder versteckte Beleidigung betrachten, ist oft auch eine Frage der Interpretation. Forscher haben entdeckt, was dabei im Gehirn passiert.

von Daniela Zeibig

http://www.spektrum.de/news/wie-das-gehirn-zwischen-gut-und-boese-unterscheidet/1419697

Auszüge:

Wissenschaftler um Christiane Rohr vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben zwei Hirnregionen identifiziert, die aktiv werden, wenn wir Situationen positiv oder negativ deuten. Die Forscher spielten 27 Probanden im Magnetresonanztomografen verschiedene 1,5- bis 3-minütige Filmsequenzen vor, die emotional widersprüchliche Szenen zeigten. So sahen die Teilnehmer etwa einen Ausschnitt aus Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“, in dem eine Person eine andere foltert und sich dabei fröhlich lachend mit seinem Opfer unterhält. Anschließend sollten sie beurteilen, ob sie die Szenen eher als angenehm oder unangenehm empfanden.

lobus pariet inf

lobus parietalis inferior

Dabei stießen die Wissenschaftler auf den so genannten Sulcus temporalis superior im Schläfenlappen und den Lobus parietalis inferior im Scheitellappen, die wie zwei „Schalter“ zu fungieren scheinen und entweder ein Hirnnetzwerk für die positive oder eines für die negative Bewertung anknipsen.

sulc temp sup k

sulcus temporalis superior

Beurteilten die Probanden eine Situation positiv, war vor allem der Lobus parietalis inferior aktiv, bei negativen Interpretationen schaltete sich dagegen der Sulcus temporalis superior ein. „Die beiden Regionen scheinen miteinander zu kommunizieren und so herauszufinden, welche von ihnen aktiviert und welche inaktiviert wird“, sagt Studienautor Hadas Okon-Singer von der Universität Haifa.

Dieser Prozess könnte im Alltag etwa dann eine Rolle spielen, wenn wir anhand von Merkmalen wie dem Tonfall darauf schließen, ob eine Aussage als ehrliches Kompliment oder als versteckte Beleidigung gemeint ist – oder ob uns jemand mit Zynismus begegnet.

The neural networks of subjectively evaluated emotional conflicts

Hum Brain Mapp 37:2234–2246, 2016 Abstract

Previous work on the neural underpinnings of emotional conflict processing has largely focused on designs that instruct participants to ignore a distracter which conflicts with a target. In contrast, this study investigated the noninstructed experience and evaluation of an emotional conflict, where positive or negative cues can be subjectively prioritized. To this end, healthy participants freely watched short film scenes that evoked emotional conflicts while their BOLD responses were measured. Participants‘ individual ratings of conflict and valence perception during the film scenes were collected immediately afterwards, and the individual ratings were regressed against the BOLD data.
Our analyses revealed that (a) amygdala and medial prefrontal cortex were significantly involved in prioritizing positive or negative cues, but not in subjective evaluations of conflict per se, and (b) superior temporal sulcus (STS) and inferior parietal lobule (IPL), which have been implicated in social cognition and emotion control, were involved in both prioritizing positive or negative cues and subjectively evaluating conflict, and may thus constitute “hubs” or “switches” in emotional conflict processing.
Psychophysiological interaction (PPI) analyses further revealed stronger functional connectivity between IPL and ventral prefrontal—medial parietal areas in prioritizing negative cues, and stronger connectivity between STS and dorsal-rostral prefrontal—medial parietal areas in prioritizing positive cues.
In sum, our results suggest that IPL and STS are important in the subjective evaluation of complex conflicts and influence valence prioritization via prefrontal and parietal control centers.. © 2016 Wiley Periodicals, Inc.

Zur BOLD-Methode auf Wikipedia:
Als BOLD-Kontrast (von englisch blood oxygenation level dependent, also „abhängig vom Blutsauerstoffgehalt“) bezeichnet man in der Magnetresonanztomographie (MRT) die Abhängigkeit des (Bild-)Signals vom Sauerstoffgehalt in den roten Blutkörperchen. Die Hauptanwendung des BOLD-Kontrasts ist die funktionelle MRT (fMRT) zur Darstellung der Hirnaktivität.

Hemmstoff CXCL10: Zusammenhang zwischen Infektion und Depression

Hier sehr interessant. Ich halte das auch für wahrscheinlich:
http://www.spektrum.de/news/molekularer-zusammenhang-zwischen-infektion-und-depression/1408051

Es ist nicht nur die Krankheit selbst, die uns niederdrückt. Auch Botenstoffe im Gehirn sind beteiligt, wenn ein Erreger depressionsähnliche Symptome auslöst.

von Lars Fischer

Krank sein ist nicht schön. Aber möglicherweise fühlt man sich bei einer Infektion nicht nur wegen der körperlichen Symptome schlecht.
Seit Jahren stoßen Fachleute auf Indizien dafür, dass Entzündungen, genauer gesagt die Reaktion des Immunsystems auf die Erreger, psychische Symptome ähnlich einer Depression hervorrufen.
Nun haben Forscher um Marco Prinz von der Uniklinik Freiburg in Versuchen an Mäusen den dafür verantwortlichen Signalweg gefunden.
Die Zellen der Blut-Hirn-Schranke produzieren den Signalstoff CXCL10, der im Hirn unter anderem die so genannte synaptische Plastizität hemmt.
Das führt zu Veränderungen der Stimmung und geringerer geistiger Leistungsfähigkeit.

Man könnte meinen, es sei die Erkrankung selbst, die depressionsähnliche Symptome bedingt – allerdings lösen schon bloße Erbgutstücke der Viren die psychischen Veränderungen aus.
Auch Typ-1-Interferone, wichtige Signalstoffe für die Immunreaktion, können bekanntermaßen für Verhaltensänderungen und depressive Symptome verantwortlich sein: Solche Stoffe werden als Medikament bei bestimmten Krebsarten und Autoimmunerkrankungen verschrieben – und haben eben jene Nebenwirkungen.
Wie Prinz und sein Team feststellten, führen sowohl Virusinfektionen als auch Interferongaben dazu, dass der durch Interferon angesprochene IFNAR-Rezeptor in Zellen der Blut-Hirn-Schranke aktiv wird.
Diese produzieren dann den neu entdeckten Hemmstoff CXCL10.

© Spektrum.de

Der Terrorismus der westlichen Welt – Teil 3: Hybride Kriegsführung, verdeckte Operationen und geheime Kriege

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Passend zu dem, was in Syrien und in der Ukraine läuft, hier eine ausführliche Analyse von Sascha Pommrenke, mit beachtlichem Literaturteil. Ein Vorläufer der hier beschriebenen Spezialkräfte waren übrigens die „Einsatzgruppen“ von SS, Polizei und Wehrmacht, die hinter der osteuropäischen deutschen Kampffront Massenmorde an Juden, Sinti, Roma und Russen begingen und von ukrainischen Faschisten noch heute als Vorbild angesehen werden. Was hier beschrieben wird, ist entsetzlich, aber es ist wichtig, dass es nicht vergessen wird:

http://www.heise.de/tp/artikel/45/45422/

Auszüge:

Die NATO ist verunsichert angesichts einer neuartigen Bedrohung aus Russland. Diese neue Art des Krieges wird „hybride Kriegsführung„[1] genannt. „Propaganda, verdeckte Aktionen, schließlich bewaffnete Auseinandersetzungen, in denen so genannte Separatisten oder Soldaten ohne Hoheitsabzeichen angreifen – auf der Krim hat Russland damit erstmals zugeschlagen“, weiß der SWR[2] im Februar 2015 zu berichten.
Die Welt[3] kann davon erzählen, dass die NATO sogar „unzureichend auf solche Konflikte vorbereitet“ ist. Und Matthias Nass von der Zeit kann als mental vollständig embedded aus den „Gegenstrategien“ der NATO berichten[4]: „Fassungslos verfolgt die Nato das Geschehen“.
Fassungslos macht jedoch lediglich die Berichterstattung darüber.

Zwar erkennt Nass immerhin, dass „der Westen die einzelnen Elemente des ‚hybrid warfare‘ in seinem Repertoire“ hat, aber es wäre nicht die Zeit, wenn nicht sofort relativiert würde: „Was heute anders ist, was die hybride Kriegsführung so gefährlich macht, ist die Schnelligkeit, mit der ein Konflikt in der digitalisierten Welt eskalieren kann.“

Das Offensichtliche aber ist von Nass nicht zu vernehmen. Denn das, was den Unterschied „heute“ ausmacht, ist, dass nicht die NATO, eine Koalition von Willigen, oder nur die USA die Eskalationsdynamik bestimmen, sondern dass dieses Mal Russland interveniert.
Neu ist daran allerdings gar nichts, lediglich der Protagonist hat sich geändert. Und während es dem Westen vollkommen egal ist, wenn die eigenen oder zumindest „befreundete“ Truppen irgendwo einfallen, fallen Qualitätsjournalisten aus allen Wolken, wenn Russland das Vorgehen kopiert.
Ebenso wie es absurd ist anzunehmen, die USA bzw. die NATO würden nicht in der Ukraine agieren, ist es abwegig zu glauben, Russland würde dort nicht intervenieren.

Der Sinn verdeckter Operationen beruht schließlich auf der in den 1950er Jahren in den USA entwickelten politischen Doktrin der „Plausible Deniability“ (plausiblen Abstreitbarkeit). „Im Kern zielte diese darauf ab, Führungsstrukturen und Befehlsketten auf einer informellen Basis so zu strukturieren, dass diese für Außenstehende weder nachvollziehbar noch zu rekonstruieren waren und im Fall politischer Verwerfungen glaubhaft bestritten werden konnte, eine gegebene verdeckte Operation sei im Auftrag von bestimmten politisch verantwortlichen Führungspersonen durchgeführt worden.“1

Selbstverständlich wird Russland alle seine Machtchancen nutzen, um seine nationalen Interessen zu sichern. Das machen alle Nationen, die sich einen entsprechenden Militärapparat auf Kosten des Lebensstandards der Bevölkerung leisten. Und so wie die USA alle Länder der Welt als Gegenstand ihres nationalen Interesses ausgemacht hat, ist es unzweifelhaft, dass Russland in seinem Nahbereich agiert.
Das ist Teil der grundlegenden Dynamik konkurrierender Militärmächte. Das ist Teil der Dynamik eines internationalen Staatengefüges, das sich über Nationen oder „Kulturkreise“ identifiziert und damit eben auch gegenseitig ausgrenzt und befeindet.

Die Bevölkerungen glauben zu machen, dass nur der gerade als „Feind“ auserkorene, sich solcher Methoden bedient, ist Propaganda. Aktuell ist es Putin als personifiziertes Böses, dem sich die EU und die NATO nur entgegenstemmen können, indem aufgerüstet wird. Oder wie es die Stiftung Wissenschaft und Politik, der Regierungs-Think Tank für Sicherheitspolitik, nennt: Es muss die Widerstandsfähigkeit Deutschlands erhöht werden.[5]
Und zwar möglichst schnell und möglichst viel. Waren die Bedrohungsszenarien der letzten 15 Jahre irgendwelche Wüstenszenarien, sind es plötzlich wieder Panzerschlachten in der Heide, von denen Welt-Redakteure tatsächlich glauben[6], ein Mehr an Panzern und eine „bessere“ Munition seien eine Abschreckung gegen Russland.

Dabei ist die hybride Kriegsführung weder neu, noch auch nur ansatzweise eine Strategie, die auf Russland zurückgeht. Harry Truman, der US-Präsident, der den Massenmord durch Atombomben zu verantworten hat, genehmigte am 18. Juni 1948 die Direktive NSC-10/2[7], in der er Geheimdiensten und Militärs so ziemlich alles erlaubte:

Propaganda, Wirtschaftskrieg; vorbeugende direkte Aktion, einschließlich Sabotage, Anti-Sabotage, Zerstörungs- und Evakuierungsmaßnahmen; Subversion gegen feindliche Staaten, einschließlich Unterstützung von Widerstandsbewegungen im Untergrund, Guerilla- und Fluchthilfegruppen und Unterstützung einheimischer antikommunistischer Elemente in bedrohten Ländern der freien Welt.

Armin Wertz2

Operation PBSUCCESS

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es vor allem der Antikommunismus, der das Handeln der USA bestimmte. Was auf politisch-ideologischer Seite die Angst vor dem Kommunismus ist, ist auf der verschwägerten Seite der Wirtschaftsideologie, die Furcht vor Verstaatlichung und vor der Minderung der Profitrate. Um dies zu verhindern, waren die Entscheider in den USA bereit, über Leichen zu gehen und das Selbstbestimmungsrecht anderer Nationen zu ignorieren. Und so nannten die USA alles „kommunistisch, jeden Ausdruck von Nationalismus oder wirtschaftlicher Unabhängigkeit, jeden Wunsch nach sozialem Fortschritt, jede intellektuelle Neugier und jedes Interesse für fortschrittliche liberale Reformen“, beklagte sich Guatemalas Außenminister 1954.3

In den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts führte Guatemala eine umfangreiche Landreform durch. Betroffen war neben Großgrundbesitzern vor allem die United Fruit Company, die über 40 Prozent der Agrarflächen des Landes besaß. Die erste demokratische Regierung Guatemalas war dementsprechend auch „eine zunehmende Bedrohung für die Stabilität von Honduras und El Salvador“, ließ das US-Außenministerium verlauten.

Die Stabilität à la Washington war bedroht, weil Guatemalas Agrarreform eine machtvolle Propagandawaffe ist; das umfassende Sozialprogramm, das die Arbeiter und Bauern in einem siegreichen Kampf gegen die Oberschichten und großen ausländischen Unternehmen unterstützen soll, übt auf die Bevölkerung der mittelamerikanischen Nachbarstaaten, in denen ähnliche Bedingungen herrschen, starke Anziehungskraft aus.

Noam Chomsky4

Demokratie und Menschenrechte waren noch nie die primären Beweggründe für militärisches Eingreifen, sondern manchmal lediglich ein Kollateralnutzen.
Sie sind der Anschein, den Interventionisten benötigen, um die eigene Bevölkerung über die wahren Beweggründe zu täuschen. Woodrow Wilson forderte bereits 1907 die Macht des Staates einzusetzen, um „die Welt zu einem Markt“ für Händler und Hersteller zu machen.
„Tore zu Ländern, die verschlossen sind“, so Noam Chomsky5, „müssen eingeschlagen werden …, selbst wenn die Souveränität unwilliger Nationen dabei mit Füßen getreten wird.

1952 autorisierte Truman den ersten Plan der CIA PBFORTUNE, um den rechtmäßig gewählten Präsidenten Guatemalas Jacobo Arbenz Guzmán zu stürzen. Der Geheimdienst erstellte umgehend eine Liste mit 58 vermeintlichen Kommunisten, die es zu exekutieren, zu vertreiben oder zu inhaftieren galt.
In den USA gibt es offensichtlich eine lange Tradition in der Erstellung von Todeslisten. PBFORTUNE wurde jedoch in letzter Sekunde durch ein Missgeschick in der Geheimhaltung gestoppt. Ein Jahr später unter Präsident Dwight D. Eisenhower wurde der nächste Versuch mit PBSUCCESS unternommen. Eleganterweise war nun der CIA-Direktor Allen Welsh Dulles als Rechtsanwalt und Lobbyist für die United Fruit Company tätig. Eine fruchtbare Verquickung.
Der neuen Operation standen 2,7 Millionen Dollar für einen „kleinen paramilitärischen Krieg“ zur Verfügung. Dazu sollten unter anderem „psychologische Kriegsführung“, „Subversion“ und „politische Aktionen“ gehören. Darüber hinaus wurde die Option erwogen, Arbenz einfach zu ermorden.

Im National Security Archive der George Washington Universität kann man zahlreiche Dokumente[8] zu den Attentatsvorhaben sowie der hybriden Kriegsführung der CIA in Guatemala finden. Darunter sind auch die bemerkenswerten Dokumente „A Study of Assassination“, quasi eine kurze Einführung für CIA-Attentäter, sowie die Todesliste mit mittlerweile 78 (gelöschten) Namen derjenigen „Kommunisten“, die während einer Militäroperation „entsorgt“ werden sollten. Des Weiteren existiert noch ein Geheimdokument, das die Eliminierung von 15-20 Personen der politischen wie wirtschaftlichen Führungskräfte Guatemalas vorsah.

Im Mittelpunkt der hybriden Kriegsführung der CIA stand jedoch die psychologische Kriegsführung. Ziel war es, einen Putsch des guatemaltekischen Militärs herbeizuführen. Für diesen Zweck organisierte die CIA eineBefreiungsarmee“ von lediglich ein paar hundert Mann von Exilanten, „nicaraguanischen Nationalgardisten und amerikanischen Söldnern“.6
Die anstehende Invasion der kleinen Armee wurde von einer massiven Propagandaoperation begleitet, so dass die wesentlich größere guatemaltekische Armee glaubte, keine Chance gegen die von den USA unterstützten Invasoren zu haben. Zumal beständig von einem Volksaufstand berichtet wurde, der sich den Invasoren anschließen würde. Nebeneffekt der psychologischen Kriegsführung war, dass Medien weltweit genau diese Propaganda als Tatsachen verbreitet hatten. Guatemala wurde als kommunistischer Aggressor dargestellt, vor dem sich die freie Welt verteidigen müsse.

Mitte Juni 1954 griff die Söldnertruppe der CIA Guatemala an. Zusätzlich zu der paramilitärischen Invasion ließ die CIA Häfen, Öltanks und andere Infrastrukturen, aber auch eine Schule und kleinere Ortschaften bombardieren.7
Obwohl das guatemaltekische Militär keine Schwierigkeiten hatte, die Invasion zu stoppen, und es zu keinen größeren Auseinandersetzungen kam, zeigte die massive Propaganda Wirkung und die Armeeführung fürchtete ein direktes Eingreifen des US-amerikanischen Militärs. Fünf Wochen später zwang die Armee Arbenz zum Rücktritt.

Der anschließend eingesetzte Diktator Carlos Castillo Armas machte zahlreiche Sozialreformen rückgängig, verhaftete 72.000 Menschen unter dem Vorwand des Kommunismus und stürzte das Land letztlich in einen fast 40 Jahre andauernden Bürgerkrieg, der etwa 200.000 Menschen das Leben kostete und über eine Millionen Menschen zu Flüchtlingen machte. In den Folgejahren unterstützten die verschiedenen US-Regierungen die jeweiligen Diktatoren mit „Waffenlieferungen, Napalm, Ausbildungsprogrammen, Bombardements von Maya-Dörfern“ und militärischen Spezialeinheiten zur Aufstandsbekämpfung.
Über das von den USA unterstütze Anti-Guerillaprogramm urteilte das State Departement später: „Um ein paar Guerilleros zu eliminieren, hat die Regierung ungefähr 10.000 guatemaltekische Bauern getötet.“8

Die Operation PBSUCCESS kann als erste militärische Operation nach 1945 gegen einen souveränen Staat gelten, die von einem Geheimdienst organisiert und durchgeführt wurde. Durch die Rekrutierung von Söldnern und die Abwesenheit regulärer militärischer Einheiten verwischte bereits 1954 die Grenze zwischen militärischen und geheimdienstlichen Operationen. Zusammen mit psychologischer Kriegsführung, Wirtschaftssanktionen und diplomatischem Druck ergibt sich ein Bild, das Journalisten als aktuelles Phänomen in Russland ausgemacht haben wollen. Denn erst wenn die nationalen Interessen westlicher Staaten gefährdet sind, interessieren uns plötzlich Demokratie und Menschenrechte. Ist kein Profit zu erwarten, interessieren uns auch keine Unpersonen. Was sind schon ein paar hunderttausend tote Guatemalteken?

Indochina – Der Krieg, den man nicht sieht

Die USA haben aus der Operation PBSUCCESS ihre Lektionen gelernt. Obwohl der paramilitärische Teil eher ein Desaster, denn ein Erfolg war, war das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente des hybrid warfare ein voller Erfolg und sollte bis heute die Blaupause für verdeckte Operationen und geheime Kriege in souveränen Staaten sein.

Verdeckte Operationen gehörten jedoch prinzipiell schon immer zum Repertoire militärischer Aktionen. Die USA waren bereits seit 1953[9] mit geheimen Operationen in den Indochinakrieg in Vietnam verwickelt. Und sie ließen von Beginn an die Grenzen zwischen zivil und militärisch verschwimmen.
Ein zentrales Element der „modernen“ hybriden Kriegsführung. Mit der CIA-Tarnfirma Civil Air Transport „CAT“ (später Air America), einer ansonsten normalen zivilen Fluggesellschaft, flogen die USA Material und Waffen in klandestinen Operationen in französische Stellungen vor allem zu den eingeschlossenen Fremdenlegionären in Dien Bien Phu.

Die CIA unterstütze Frankreich bei der „Aufstandsbekämpfung“ im ersten Indochinakrieg mit der Tarnfirma „CAT“. Zwei CAT-Piloten starben im Mai 1954 in Dien Bien Phu. Es waren die ersten US-amerikanischen Kriegsopfer des „Vietnam-Krieges“ der USA. Bild: Warner Pathé News. Public Domain

Es gehört zu den Legenden um den Vietnamkrieg, dass die USA in einen Stellvertreterkrieg hineingezogen wurden. Ganz im Gegenteil haben die USA den Krieg über ein Jahrzehnt überhaupt erst zu einem solchen eskalieren lassen. Bereits 1955 entsandten die USA erste „Militärberater“. Diese Berater waren damals und sind auch heute nichts anderes als Geheimdienstagenten, die den aktuellen Freund mit Geheimdienstinformationen versorgen, Spezialeinheiten, die die befreundeten Kampftruppen trainieren und bei Einsätzen begleiten, sowie Killerkommandos, die die High Value Targets lieber gleich selbst exekutieren.
Im Laufe der Jahre verschärften die USA die Situation, indem sie bis 1962 12.000 „Militärberater“ nach Vietnam schickten. Zwei Jahre später, zum Zeitpunkt der Tonkin Resolution, befanden sich bereits 22.000 Special Forces, Marines-, Navy- und Air-Force-Einheiten sowie CIA-Agenten im Land.
Besonders hervorgetan hat sich dabei der beliebte „Friedenspräsident“ John F. Kennedy. Unter seiner Anweisung gründeten[10] die USA Guerilla- und Partisanenkriegsführungseinheiten. Ziel war die Vernichtung der „kommunistischen Bedrohung“ in einem unkonventionellen, geheimen Krieg.9

Die USA waren überzeugt, dass der Vietnamkrieg aufgrund ihrer technischen Überlegenheit und der damit einhergehenden „überwältigenden Feuerkraft“ ein kurzer Krieg sein würde. Und während es einen von Medien begleiteten öffentlichen Krieg in Vietnam gab, gab es auch verdeckte Operationen. Denn als bis 1967 die Erfolge ausbleiben sollten, schritten die USA weiter voran auf dem Weg in den totalen Krieg. Im April gründeten sie die Task Force Oregon, ein Kampfverband mit „maximaler operativer Unabhängigkeit„.10
Die Hauptaufgabe der Task Force bestand, laut dem Historiker Bernd Greiner, zunächst darin Angst und Schrecken zu verbreiten: „Wenn es schon nicht gelang, die Bauern von der amerikanischen Sache zu überzeugen, so sollten sie doch zu der Überzeugung kommen, dass sich die Solidarität mit dem Vietcong noch weniger auszahlte.“11
Und Greiner wird noch deutlicher: „William Westmoreland [Oberbefehlshaber der US-Truppen in Vietnam] hätte auch sagen können: Wir bomben die Bauern aus der Solidarität mit dem Vietcong heraus, suchen den ‚breaking point‘ der Bevölkerung und brechen ihren Eigensinn durch Terror.“12
Und genau das tat die Task Force dann auch. Nach der Vorgabe shock and awe ging es vor allem darum, die Bevölkerung aus den strategisch wichtigen Gebieten zu vertreiben. Neben dem willkürlichen Töten von Zivilisten waren Vergewaltigungen Hauptmethode des Terrors.

Die Zeremonie der Abschreckung wurde in Vietnam auf unterschiedliche Weise ins Werk gesetzt. Als wollten sie ihre Opfer für alle sichtbar zu Gefallenen deklarieren und Unbeteiligte an die Stelle des unsichtbaren Vietcong treten lassen, ritzten Soldaten mit dem Bajonett ein großes „C“ in die Haut ermordeter Frauen – ein Kürzel für den im soldatischen Slang „Charlie“ genannten männlichen Feind. Sie hinterließen die Abzeichen ihrer Kompanie auf den entstellten Leibern, verstümmelten die Geschlechtsorgane ihrer Opfer auf jede erdenkliche Weise – mit Tritten, Leuchtspurmunition und Gewehrkolben. „Frauen, die man für Unterstützer der Vietcong hielt, wurde die Vagina zugenäht oder die Brüste mit erhitzten Bajonetten gebrandmarkt.“ Und schließlich gehörte eine Vergewaltigung in aller Öffentlichkeit, oft in Anwesenheit von Verwandten – so ein Dschungelkämpfer -, zum Ritual, „weil sie einen bleibenden Eindruck bei dem Kerl hinterlässt, […] der beobachten muss, wie seine Tochter rangenommen wird. […] Was wir mit Frauen gemacht haben, war im Vergleich zu Männern noch einmal verdoppelt.“

Bernd Greiner13

Im Schatten der Task Force Oregon wurde die Tiger Force gegründet. Die „Elite der Elite“. 120 Freiwillige der Fallschirmjäger der 101. Airborne Division. Die Spezialeinheit war nirgends eingetragen und die Soldaten galten als Ghost Warriors[11].
Die Mitglieder trugen keine regulären Kampfanzüge, keine Hoheitsabzeichen und keinen Helm. Ihr Auftrag war „to outguerilla the guerillas“.14
Anfang der 60er Jahre vermeldete[12] die New York Times über die Special Forces noch: „Jeder Guerillasoldat“ besitze „mehr Bildung und Intelligenz, auch mehr charakterliche Reife als der normale Soldat.“ Die Tiger Force, die an die Task Force Oregon „ausgeliehen“ wurde, sollte hingegen ein Mahnmal gegen Geheimkommandos werden.

Special Forces der USA. Statt der grünen Standarduniform, wurde ein „Tigergestreifter“ Kampfanzug mit Dschungelhut getragen. Bild: U.S. Army

Sieben Monate lang zog die „Tiger Force« eine Blutspur durch Qang Tin und das Song Ve-Tal. Sie erschossen ohne jeden Anlass Bauern im Feld und mordeten Menschen, die ihnen zufällig über den Weg liefen, folterten Gefangene und führten sie einzeln oder in Gruppen zur Exekution, fielen spätabends oder am frühen Morgen in Dörfer ein und streckten mit Maschinengewehren alle nieder, deren sie habhaft werden konnten – Bauern, die sich zum Essen versammelt hatten oder schliefen, Kinder, die im Freien spielten, Alte beim Spaziergang. […]

Sie stahlen und brandschatzten, prügelten ihre Opfer zu Tode oder vergewaltigten sie bis zur Bewusstlosigkeit, sie erschossen Bewohner, die kurz zuvor abgeworfene Flugblätter in Händen hielten und der Aufforderung zur Evakuierung nachkommen wollten, sie veranstalteten „Zielschießen“ auf Personen, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten. Sie verschonten weder Verwundete noch Kranke, schossen aus der Distanz mit der M-16 wie aus nächster Nähe mit Handfeuerwaffen.

Bernd Greiner15

Die Tiger Force war eine geheime Todesschwadron[13]. Unterschiedslos wurde im Namen der „freien Welt“ dem Kommunismus Einhalt geboten.
Dazu wurde auch ein Baby enthauptet, Leichen wurden verstümmelt und einige der Soldaten schmückten sich mit Skalps oder Ketten aus Ohren.
Unwillkürlich fragt man sich, was für Menschen zu solchen Taten fähig sind? Und die Antwort ist erschreckend. Denn die Soldaten der Tiger Force waren wie die anderen Soldaten in Vietnam sehr jung. Insgesamt lag das Durchschnittsalter der US-Soldaten in Vietnam bei 20 Jahren.16
Es lohnt sich die Fotos auf den Webseiten[14] der Veteranen[15] der Tiger Force[16]anzuschauen. Der Spruch von Hannah Arendt, der auf Adolf Eichmann nicht wirklich zutraf, bekommt hier seine wahre Bedeutung: Die Banalität des Bösen. Teenager und Heranwachsende, „gute Jungs“, werden zu Menschenschlachtern.

Doch nicht alle Soldaten der Tiger Force waren mit dem Niedermetzeln Unschuldiger einverstanden. Einige Wenige meldeten die Kriegsverbrechen ihren Vorgesetzten, woraufhin ein Offizier antwortete: „Wir sind mitten in einem Krieg. Und Sie verlangen von mir, dass ich unsere beste Einheit deaktiviere, nur weil ein paar Jungs Gooks umbringen?“ 17
Bernd Greiner schließt mit der Feststellung:

Truppen wie die „Tiger Force“ wurden gebraucht, ihre Gräueltaten waren die Späne, die beim Hobeln anfielen. Ohne Einheiten, die zum Terror willens und fähig waren, wäre der Vorsatz, die Bauern von Quang Ngai bis Quang Tri in Angst und Schrecken zu versetzen, eine unglaubwürdige Drohung geblieben. Dass „Special Forces“ zur exzessiven Gewalt neigten und mitunter den Krieg selbst in die Hand nahmen, hatten einige Offiziere bei MACV [Military Assistance Command, Vietnam]18 bereits Mitte der 1960er Jahre zu bedenken gegeben. Doch die Kritiker wurden damals, nicht zuletzt von William Westmoreland, mit dem Hinweis auf die Besonderheiten eines Guerillakrieges in die Schranken gewiesen.

Bernd Greiner19

Und obwohl es aufgrund der Anzeigen beteiligter Soldaten zu einem fast fünfjährigen Ermittlungsverfahren kam, wurde kein einziger Soldat angeklagt, geschweige denn verurteilt. Es mangelte nicht im Geringsten an Beweisen, es mangelte an politischem Interesse. Und wer wollte schon die „beste Einheit“ anklagen?

Laos, der geheime Krieg

Im selben Zeitraum wurde ein noch geheimerer Krieg in Laos geführt. Nachdem die Franzosen im Indochinakrieg in Vietnam unterlagen, gaben sie bei der Genfer Konferenz 1954 offiziell alle Ansprüche in Indochina auf und anerkannten die Unabhängigkeit Laos. In Laos rangen anschließend die kommunistischen Pathet Lao mit den königlichen Truppen um die Vorherrschaft. Jede Einigung wurde jedoch von den USA sabotiert.

Nach zweimaligen Übereinkommen zwischen Regierung und Pathet Lao unterstützten die USA rechtsradikale Militärs, die im Süden Laos eine Gegenregierung etablierten. Was folgte, war die größte Militäroperation in der Geschichte der CIA.
Da Laos offiziell neutral war, konnten die USA dort keine direkten Militäraktionen durchführen. Die Angst vor der Ausweitung des Einflusses der Pathet Lao und die Verlegung des Ho-Tschi-Minh-Pfades, der zentralen Versorgungsroute der Nordvietnamesen von Nord- nach Südvietnam durch Teile Laos, gab der CIA den nötigen Vorwand, eine Geheimarmee anzuheuern.

Einheiten von CIA und Special Forces Operational Detachment -Alpha (ODA oder auch A-Team) bilden die Hmong zu Guerilla-Einheiten aus. Bild: U.S. Air Force

Die CIA konnte dabei auf eine bereits bestehende Guerilla-Truppe zurückgreifen, die die Franzosen im Kampf gegen Befreiungsbewegungen aufgebaut hatten. Diese irregulären Kämpfer umfassten einige tausend Stammesmitglieder des Bergvolkes der Hmong (auch Meo genannt). Von 1960 bis Mitte der 60er Jahre bestand die Hauptaufgabe der CIA darin, aus den Hmong eine Armee zu machen, die verhindern sollte, dass die Kommunisten Laos übernehmen könnten.20

Gleichzeitig wurden zwei große Militärbasen errichtet. Die Hauptbasis Long Tieng wurde zur zweitgrößten „Stadt“ des Landes mit bis zu 40.000 Einwohnern und 400 Starts der CIA eigenen Fluglinie Air America, sowie später auch Kampfbombern. Damit war Long Tieng zeitweise der meistbeflogenste Flugplatz der Welt. Und das, obwohl der Ort auf keiner Karte verzeichnet war und die Weltöffentlichkeit nichts von den Kriegsvorbereitungen in einem neutralen, souveränen Land erfuhr.

Long Tien: Der „meistbeflogene Flugplatz der Welt“ konnte jahrelang vor der Weltöffentlichkeit geheim gehalten werden. Bild: Garry Jenkin. Lizenz: CC-BY-2.0[1]

Offiziell waren die Amerikaner unter dem Label der Entwicklungshilfe USAID in Laos. Für das Hilfsprogramm wurden Hunderte von Landebahnen in Laos gebaut. „Bis 1965 hatten die USA unter dem Vorwand der humanitären Hilfe eine perfekte Infrastruktur für den Krieg geschaffen“, wie es in der unbedingt sehenswerten Dokumentation „Amerikas geheimer Krieg in Laos“[17] von Marc Eberle heißt.
Die zweite Basis befand sich in Sam Thong. Hier betrieb USAID ein Flüchtlingslager.21 Wenn hybride Kriegsführung die Verwischung der Grenzen zwischen militärischen und zivilen Mitteln ist, dann haben die USA mit dem Verzahnen von Hilfsorganisationen mit Geheimdienst- und Militäroperationen die Messlatte für die Perversion der Kriegsführung recht hoch gelegt. Man sollte Meldungen über entführte Entwicklungshelfer auch immer in diesem Zusammenhang bedenken.

Die Geheimarmee der Hmong wuchs währenddessen an und bildete eigene Terrorspezialisten aus. Die Special Guerilla Unit (ASGU) verübte im Verbund mit den amerikanischen „Militärberatern“ „Anschläge und Hinterhalte“. Die Air America flog die SGU in Gebiete der Pathet Lao, was zu genau dem gewollten Ziel führte, dass diese ihr Einflussgebiet nicht ausweiten konnten.

Mit der Eskalation des Vietnamkrieges veränderte sich allerdings auch die Kriegsführung in Laos. Der Bombenterror, mit dem man schon den Zweiten Weltkrieg und den Koreakrieg gewonnen hatte, sollte nicht nur im Vietnamkrieg zum Sieg verhelfen, sondern auch den geheimen Krieg in Laos entscheiden. Die Ebene der Tonkrüge[18] eine bis zu 2000 Jahre alte Kulturstätte wurde dabei zum Schandmahl amerikanischer Kriegspolitik. Zwischen 1965 und 1973 warfen die US-Amerikaner über zwei Millionen Tonnen Bomben auf Laos. Das sind mehr Bomben als auf Deutschland und Japan während des Zweiten Weltkrieges zusammen abgeworfen wurde. Die Ebene der Tonkrüge gilt als der meistbombardierte Ort der Welt. Was man sich dabei immer wieder ins Bewusstsein rufen muss: Dies war ein geheimer Krieg. Der massivste Bombenterror in der Menschheitsgeschichte konnte fernab medialer Aufmerksamkeit geschehen.

B-52 Bomber, Symbol für unterschiedsloses Flächenbombardement und damit Bombenterror. Bild: U.S. Air Force

Es ging bei der Bombardierung Laos nie um die Nachschubwege des Ho-Tschi-Minh-Pfades. Dazu muss man nur einen Blick auf die Karten werfen, die die Bombardierungen der USA[19] markieren und sie mit Karten vergleichen, auf denen der etwaige Verlauf des Pfades ausgewiesen[20] wird.
Die Ausweitung des Krieges auf Laos und auch auf Kambodscha war nichts anderes als Terror, um die Bevölkerungen zu demoralisieren und die prokommunistischen nationalen Befreiungsbewegungen zu bekämpfen. Dazu warfen die USA 270 Millionen Streubomben über Laos ab. 80 Millionen sind nicht detoniert. Bis heute sind davon lediglich 1 Prozent geräumt worden. Mehr als die Hälfte aller Streubombenopfer[21] weltweit kommen aus Laos. Jedes Jahr gibt es etwa 100 neue Opfer dieser Anti-Personen-Minen. 40 Prozent der Opfer sind Kinder.

Aus Streubomben lösen sich hunderte kleinere Bomben, die auf einem großflächigen Gebiet gegen „weiche Ziele“ eingesetzt werden. Bild: U.S. Army

Der Historiker Alfred McCoy bilanziert in der oben erwähnten Dokumentation: „Wir zerstörten eine ganze Zivilisation. Wir zerstörten eine regionale mittelalterliche Kultur, die Lao-Phong-Kultur auf der Ebene der Tonkrüge. Wir wischten sie vom Antlitz des Planeten. Wir machten Zehntausende zu Flüchtlingen. Wir verschuldeten, ich weiß nicht wie viele Tote. Es gibt keine Zahlen. Wir verbrannten, wir atomisierten menschliche Überreste in diesem Luftkrieg.“

Während in Vietnam das Leichenzählen (Bodycount) zum Siegesmaßstab erhoben wurde, interessierten sich die USA nicht im Geringsten für die Toten in Laos. In den Augen der Verantwortlichen handelte es sich sowieso immer nur um feindliche Militärs. Tatsächlich wurden zehntausende Zivilisten getötet und hunderttausende vertrieben. Der Journalist Fred Branfman, der die Bombardierung der Zivilisten in Laos aufdeckte, kommt ebenfalls in der Dokumentation zu Wort:

Die US-Regierung war bereit, Hunderte von Millionen US Dollar auszugeben, um unschuldige Menschen zu bombardieren und hat fast nichts wieder gut gemacht. Schadensersatz für die Überlebenden, Reparationen wie nach dem Zweiten Weltkrieg, Mittel um die Blindgänger zu räumen, die sie zurückließen. All die tausenden von Bomben, die heute noch Leute töten und verletzen. Die USA scheren sich nicht darum, aber die Leute, die das erleiden mussten, zahlen dafür ihr Leben lang. … Die Ebene der Tonkrüge ist ein Symbol dafür, wie Menschen in der Dritten Welt, die wir nie sehen, nicht kennen und von denen wir nie hören, ausgelöscht und vom Antlitz der Erde weggefegt werden können, ohne dass wir hier je davon erfahren.

Fred Branfman

Was interessieren uns Unpersonen?

Der geheime Krieg in Laos war die Fortführung und Exzessivierung verdeckter Operationen, die mit PBSUCCESS begonnen hatten. Die Menschen im Westen wissen nichts über die Kriege, die in ihrem Namen geführt werden.
Ein Großteil dieser Kriege besteht aus verdeckten Operationen oder gleich ganzen geheimen Kriegen. Politiker und Militärs geben sich dabei die größte Mühe, die Öffentlichkeit zu belügen, zu hintergehen und zu desinformieren. Und der weitaus größte Teil der Medien macht dabei immer mit. Ob aus vorauseilendem Gehorsam und Untertanentum, ob aus Ungebildetheit und Naivität, ob aus ideologischer Überzeugung oder persönlichem Vorteil mag dahingestellt bleiben.
Fakt ist, die Propaganda funktioniert. Was man nicht sieht, existiert auch nicht. Nur muss man sich fragen, was hat das dann noch mit Demokratie zu tun, wenn sich die vier Gewalten des Staates alle Mühe geben, ihr tatsächliches Vorgehen vor dem Souverän zu verbergen?

Keine fünf Jahre nach Beendigung des Vietnamkrieges resümiert Nixon:

Seit unserem Scheitern in Vietnam sind die Amerikaner bei der Anwendung von Gewalt übertrieben ängstlich gewesen, eine Hemmung, welche die Sowjets und ihre Stellvertreter nicht geteilt haben. […] Wenn die Vereinigten Staaten die falschen Lehren von Vietnam nicht abschütteln und das Vietnam-Syndrom nicht hinter sich lassen, werden wir die Sicherheit unserer Verbündeten und schließlich unsere eigene Sicherheit verspielen. Das ist die wahre Lehre von Vietnam – nicht daß wir auf die Macht verzichten sollten, sondern daß, wenn wir nicht lernen, sie erfolgreich zur Verteidigung unserer Interessen einzusetzen, das Blatt der Geschichte sich gegen uns wenden wird und gegen alles, woran wir glauben.

Richard Nixon22

Und mit Vietnam-Syndrom ist die krankhafte Ablehnung militärischer Gewalt gemeint.

JSOC und Operation Cyclone

Bereits 1999 verkündet George W. Bush in einer Wahlkampfrede die neue Kriegsdoktrin.

Im kommenden Jahrhundert müssen unsere Streitkräfte wendig, todbringend und jederzeit einsatzbereit sein und mit einem Minimum an logistischer Unterstützung auszukommen verstehen. Wir müssen in der Lage sein, unsere Macht über weite Entfernung hinweg auszuüben, und eher innerhalb von Tagen und Wochen als von Monaten. An Land müssen unsere schweren Truppen leichter werden. Unsere leichten Truppen müssen schlagkräftiger werden. Alles muss einfacher zum Einsatz zu bringen sein.

George W. Bush23

Zwei Jahre vor dem 11. September 2001, der angeblich die Welt verändert hat, ist die alte Doktrin, die neue Doktrin: Spezialeinsatzkräfte des US-Militärs müssen jederzeit, weltweit „todbringend“ zuschlagen können. Was nicht gerade nach einem Projekt zur Stärkung von Demokratie und Menschenrechten klingt, ist tatsächlich auch nur das Vorhaben, „die amerikanische Dominanz über die natürlichen Ressourcen weltweit noch stärker auszubauen und dabei auch in direkte Konfrontation mit jenen Staaten zu gehen, die sich dem in den Weg stellen würden“, so Jeremy Scahill über die Ziele der Neokonservativen.24

Für den neuen weltweiten Dominanzkrieg, der unter dem gesellschaftlich wesentlich akzeptableren Label „War on Terror“ daher kommt, sind spezielle Kampftruppen vonnöten. Das Problem ist allerdings die Möglichkeit diese Kommandos auch einsetzen zu dürfen. enn ein Präsident eine verdeckte Operation am Kongress vorbei durchführen will, benötigt er besonders geheime Einheiten. Und seit den 1980er Jahren stehen ihm diese auch zur Verfügung.

Das Joint Special Operations Command (JSOC) wurde 1980 gegründet, nachdem die Operation Eagle Claw desaströs gescheitert war. Bei dieser Operation sollten Delta Force Truppen 1979 die amerikanischen Staatsbürger bei der Geiselnahme von Teheran in der US-Botschaft befreien. Nicht nur, dass zwei Helikopter auf dem Flug zum Einsatz im Sandsturm im Iran abstürzten, bei der Evakuierungsmission kollidierte auch noch ein weiterer Hubschrauber mit einem Transportflugzeug. Acht Soldaten starben und keine Geisel wurde befreit. ls Reaktion gründeten die USA JSOC. Es sollte die geheimste Zusammenführung von Spezialeinsatzkräften werden. Da das JSOC nirgends offiziell erwähnt wurde, sollte es direkt dem Präsidenten unterstehen und somit als seine „Privatarmee“ fungieren.25

Für besondere Aufgaben, braucht es besondere Kräfte. Und so setzt sich JSOC aus verschiedenen Einheiten zusammen: Delta Force, Navy SEALs, 75. Army Rangers. Ergänzt wird JSOC bei Bedarf durch die Paramilitärs der Special Activities Division der CIA.
JSOC, das „sind Kommandotruppen, sie töten Einheimische. Diese Leute haben wenig Ahnung vom Gesamtbild, von den Auswirkungen [ihrer Operationen] auf das Ansehen der USA in der Welt“, so Oberst Walter Patrick Lang, Spezialist für Geheimoperationen.26
Und weil diese Einheiten die Zusammenhänge nicht verstehen und auch nicht hinterfragen, weil Patriotismus und Korpsgeist das Gewissen ausschalten, sind diese Truppen auch überall und für alles einsetzbar. In den schmutzigen Kriegen in Lateinamerika spielten sie immer eine zentrale Rolle.
Ob bei der Operation „Urgent Fury“ in Grenada, ob in Honduras bei der Unterstützung für die Contras in Nicaragua, ob bei der Operation „Just Cause“ in Panama oder später in Afghanistan, Somalia, Mogadischu, Irak, Jemen und Pakistan. JSOC-Einheiten sind laut Scahill vor allem eines, Kampftruppen mit der besonderen Fertigkeit zur „Niederschlagung von Aufständen.“27

Eine bedeutende Rolle spielte JSOC bei der „Operation Cyclone“. Von Beginn an war eines der zentralen Einsatzgebiete Afrika und der so genannte Nahe Osten. Zusammen mit der CIA bestand der Auftrag in Aufbau und Unterstützung antikommunistischer Guerillas in Afghanistan. Von 1979 an bewaffneten US-Einheiten die Mujaheddin und bildeten sie an schweren Waffen und in Partisanentechniken aus. Von 1979 bis 1989 verausgabten die USA zwischen 328 und 6[22] Milliarden US-Dollar Militärhilfe für die Mudschaheddin. Saudi Arabien sicherte Militärhilfe in der gleichen Höhe zu. Es sollte jedoch nicht nur bei der Militärhilfe bleiben.

Moderne Stingerraketen brachten die Wende im antikommunistischem Kampf gegen die Sowjetunion. Lieferung und Ausbildung übernahmen u.a. JSOC Einheiten. Bild: Department of Defense

1980 übernahm Gustav Avrakotos den Posten des Task Force Chiefs. Spitzname Dr. Dirty. Dieser ließ Schubkarren und Fahrräder so präparieren, dass darin Bomben versteckt werden konnten. Anschließend wurden diese vor die Quartiere der Sowjets in Kabul abgestellt. Lange bevor ISAF-Soldaten von IEDs (improvised explosive device – unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtungen) der „Taliban“ zerrissen wurden, brachten US-Spezialeinheiten den Terror nach Afghanistan. Avrakatos wurde später zitiert: „Do I want to order bicycle bombs to park in front of an officer’s headquarter? – Yes. That’s what spread fear.“29

IEDs sind die größte Bedrohung für Soldaten der westlichen Wertegemeinschaft in Afghanistan. „That’s what spread fear.“ Bild: United States Marine Corps

War on Terror

Nach dem 11. September 2001 setzten die USA zunächst auf eine altbewährte Strategie. Während medienwirksam Cruise Missiles in die Wüste geschossen wurden und irgendwelche Kampfflugzeuge beim Starten und Landen auf Flugzeugträgern gefilmt wurden, rekrutierten CIA-Paramilitärs die gut bekannten ehemaligen Mudschaheddin der Nordallianz. Es ist das gleiche Vorgehen wie in Laos oder in Nicaragua und Kolumbien. Die ersten Special Forces, die unter dem Codenamen Jawbreaker Afghanistan infiltrierten, bildeten zusammen mit ODA-Teams die Milizen der ortsansässigen Warlords für den Kampf mit den Taliban aus.30
Dabei sind die Kommandosoldaten nicht als reguläre Soldaten gekennzeichnet. Nach US-Definition[23] wären es illegale Kombattanten, die nicht dem Kriegsrecht unterstehen.

US Special Forces Operational Detachment Alpha 574 zusammen mit Hamid Karzai im Oktober 2001. Bild: U.S. Army

Kaum acht Wochen nach den Anschlägen hatte die Nordallianz bereits die wichtigsten Städte unter ihre Kontrolle gebracht. Und während die Medien über Bombardierungen von Bergen und unglaublichen Bunkeranlagen berichteten[24], verübte die Nordallianz unter den Augen der Special Forces zahlreiche Kriegsverbrechen. Am 25. November 2001 kam es zu einem Aufstand in der zu einem Gefängnis umgebauten Festung Qala-i-Jangi. Etwa 500 vermeintliche Taliban konnten einige Bewacher töten und erhielten so Zugang zu einigen Schnellfeuerwaffen und Mörsern und Granaten.

Die Nordallianz begann daraufhin die Festung mit Panzern zu beschießen. Später kamen US-amerikanische Special Forces und britische Einheiten der Special Boat Service zur Unterstützung hinzu. Zur Vorbereitung eines Angriffes beschossenen zwei AC-130 die Festung. Ein Kampfflugzeug, das darauf ausgelegt ist, lange Zeit über dem Zielgebiet zu kreisen und das gesamte Gebiet mit den an Bord befindlichen zahlreichen Maschinenkanonen unter Dauerfeuer zu legen. Dabei geht es nicht im Geringsten um Präzision, sondern um flächendeckende Vernichtung.

Drei Tage lang wurden die Aufständischen von Panzern, Kampfflugzeugen und Bodentruppen beschossen. 100 Gefangene verschanzten sich daraufhin in den Kellergewölben der Anlage. Nachdem es trotz Einsatzes von Granaten und brennendem Öl nicht gelang, die Aufständischen zum Aufgeben zu bewegen, setzte die Nordallianz unter General Dostum das Gewölbe unter Wasser. Mehr als 60 Menschen ertranken. Lediglich 86 der 500 Gefangenen überlebten, viele erlagen später ihren schweren Verletzungen. Zahlreiche Tote hatten auf dem Rücken verbundene Hände, weshalb Amnesty International und die UNO eine Untersuchung forderten, die von den USA und Großbritannien abgelehnt wurde.

AC-130H Spectre: Fliegende Massenvernichtungswaffen. Bild: U.S. Air Force

Im Dezember 2001 verbrachte die Nordallianz wieder unter Aufsicht amerikanischer Spezialeinheiten tausende Gefangene in Frachtcontainern in ein neues Gefängnis. Zwischen 150 und 300 Gefangene wurden in einen Container gesperrt. Schon nach kurzer Zeit rangen die vermeintlichen Taliban nach Luft. Es wurde unerträglich heiß und die Gefangenen drohten während der langen Fahrt zu verdursten oder zu ersticken. Die „Taliban“ fingen an zu rufen und zu flehen, woraufhin die Sicherheitskräfte begannen, „Luftlöcher“ in die Container zu schießen. „Nach den Aussagen eines Taxifahrers rann aus dreien der Container Blut.“ In der Nähe des Ziel-Gefängnisses, in Dasht-i-Leili, hielten die LKW an. Hunderte Gefangene waren zu diesem Zeitpunkt entweder verblutet, verdurstet oder erstickt. Wer noch lebte, wurde nun „unter den Augen von 30 bis 40 US-Amerikanern“[25] zu einem Massengrab gebracht und dort hingerichtet.
Bis zu 3.000 Menschen sollen auf diese Weise exekutiert worden sein (Das Massaker, das nicht sein darf[26].

Die Kriegsverbrechen, die begangen wurden, wurden dennoch nicht in Zusammenhang mit den USA gebracht. Die verdeckten Kriege in Laos, Kambodscha aber auch Kolumbien und Nicaragua hatten gezeigt, dass die Delegation der Gewaltausübung an lokale Akteure, lediglich unterstützt von eigenen Special Forces und CIA-Paramilitärs, die eigene Beteiligung auf ein Minimum reduziert und die Öffentlichkeit, auch durch die Kumpanei von Medien, in die Irre führt.31

Menschenjagd – die weltweite Tötungsmaschine

In den Folgejahren wurde JSOC immer weiter ausgebaut. „Von 2003 bis 2007 war das US-Budget für Spezialeinsätze um 60 Prozent auf über 8 Milliarden Dollar jährlich gewachsen.“32 Das ist über ein Viertel des Wehretats Deutschlands. Und zwar ausschließlich für geheime Operationen!
Noch frappanter werden die Größenordnungen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass darüber hinaus 85 Prozent des US-Gesamtbudgets für Geheimdienste dem Pentagon unterliegt. Die CIA hat lediglich 12 Prozent zur Verfügung.33 In einer Militärdiktatur würden die Zahlen wohl kaum anders aussehen.

Ausgestattet mit solchen Finanzmitteln „konnten nicht nur die Kampfeinheiten erheblich vergrößert werden, sondern es wurde auch massiv in Nachschub und Logistik investiert, was den Navy Seals und der Delta Force künftig erlauben würde, verdeckte Operationen über Tage oder Wochen hinweg durchzuführen. […] Jetzt konnte [JSOC] seine eigenen Kriege führen“.34

Doch die Kriege von JSOC sind keine konventionellen Kriege. Es sind Guerilla- und Partisanenkriege. Es sind Mordkommandos und Terroranschläge.
Der Hauptauftrag von JSOC besteht allerdings in der Menschenjagd. Jeremy Scahill hat zu seinem Standardwerk „Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen“ auch eine äußerst empfehlenswerte Fernsehreportage gedreht. In dieser kommt Captain Andrew Exum von den Army Rangers zu Wort. Exum war im Irak unter dem Kommando von JSOC im Einsatz. „Du beginnst mit einer Liste von Zielen. Vielleicht sind da 50 Leute drauf oder 200. Jetzt arbeitest du dich durch diese Liste und plötzlich hast du eine neue Liste mit 3.000 Namen drauf. Wieso ist die so lang geworden?“

Die Einsätze der Sonderkommandos beruhen ausschließlich auf nachrichtendienstlichen Erkenntnissen und niemand außerhalb von JSOC überprüft diese. Auftrag ist Auftrag. Colonel Lawrence Wilkerson, der ehemalige Stabschef von Colin Powells warnte vor dem möglichen Machtmissbauch:

Man macht sich an die Arbeit und erhält Informationen, und in der Regel kommen auch deine Informationen über diesen Apparat, und also sagt man: „Ja, das sind wirklich brauchbare Erkenntnisse. Also los mit Operation Blue Thunder. Packen wir’s an.“ Und du packst es an und tötest 27, 30 oder 40 Leute, wie viele auch immer, und nimmst sieben oder acht gefangen. Dann aber stellst du fest, dass die Informationen falsch waren und du einen Haufen unschuldiger Menschen gefangen hast. Also schickst du sie nach Guantánamo, denn dann erfährt niemand etwas davon. Du musst niemandem beweisen, dass du richtig gehandelt hast. Du hast alles im Geheimen getan, also kannst du einfach die nächste Operation in Angriff nehmen.

Colin Powell35

US Army Rangers. „Durch die Liste arbeiten“. Bild: U.S. Army

Die Soldaten wissen nicht, wen sie dort jagen und töten. Ihnen wird lediglich ein Geheimdienstmemo vorgelegt, dass es sich um ein hochwertiges Ziel handelt, dass es auszuschalten gilt. Woher die Informationen kommen, ob es sich um Beweise oder Gerüchte handelt, wissen die Tötungsspezialisten nicht. Und sie können und wollen es auch gar nicht überprüfen. Zusammen mit der bis heute geheim gehaltenen National Security Presidential Directive-38 von 2004 ergibt sich ein erschütterndes Bild über den Zustand der westlichen Wertegemeinschaft. In dieser Direktive wird, laut Scahill, dem Special Operations Command der USA genehmigt, die weltweite Menschenjagd zu betreiben.
Der Anwalt Scott Horton warnte, dass in diesem Tötungsprogramm erwogen werde, „Leute in Hamburg, Deutschland, Norwegen oder Italien ebenso zu ermorden wie in Marokko, Jordanien, dem Senegal, der Türkei, dem Jemen, den Philippinen und Staaten am Horn von Afrika.“36

Der Historiker Gareth Porter konstatierte: „Phoenix war praktisch der Vorläufer dieser [JSOC-] Methode der Kriegsführung.“37
Was Porter noch nicht wissen konnte, hat die New York Times aktuell bestätigt[27]. Das Tötungsprogramm von JSOC heißt „Omega“ und ist tatsächlich dem Phoenix-Programm nachmodelliert. Und das Phoenix-Programm in Vietnam wird von Beteiligten mit den „Gräueltaten der Nazis“ verglichen (Staatsterrorismus, Tyrannei und Folter[28]).
Ein Programm bei dem zwischen 20.000 und 80.000 vornehmlich Zivilisten gefoltert und ermordet wurden, dient der „Führungsnation der freien Welt“ als Modell für neue Tötungsaufträge. Und was in Vietnam im Kampf gegen den Kommunismus „funktioniert“ hat, wird auch heute im Kampf gegen den Terror wieder angewendet: Terror.

„Wenn sie [JSOC-Einheiten] hinter einer Person her sind, und es befinden sich weitere 34 Personen in dem Gebäude, dann werden 35 Personen sterben.“38
Das Vorgehen der Einsatzgruppen von JSOC erinnert durchaus an das Vorgehen der Wehrmacht bei der Partisanenbekämpfung. Wenn die Wehrmacht mit ihren Massenexekutionen „völkerrechtlichem Gewohnheitsrecht“ unterlagen und Massaker an der Zivilbevölkerung später als rechtmäßige „Sühneaktionen und Vergeltungsmaßnahmen“ akzeptiert wurden, können aktuelle „Repressaltötungen“ kaum noch verwundern.

Auch in diesem Zusammenhang sind die immerwährenden Klagen zu verstehen, man könne ja so schwer zwischen „Taliban“ und Zivilisten unterscheiden. JSOCs Massenexekutionen sind lediglich in der Form verändert und den technischen Möglichkeiten angepasst, inhaltlich sind sie hingegen sehr ähnlich. Auch wenn sich die USA selbstverständlich mehrheitlich nicht in einem Weltanschauungs- und Rassenkrieg befinden.

Im Mittelpunkt steht immer JSOC. Das berüchtigte Team 6 der Navy SEALs, das zwischenzeitlich umbenannt wurde in DEVGRU (United States Naval Special Warfare Development Group) und mittlerweile unter einem geheimen Einsatznamen operiert, entwickelt sich dabei zu einem Nachfolger der Tiger Force.
So berichtet[29] ein Ex-Mitglied, dass die Soldaten „wild geworden“ und „Tötungsorgien“ Routine seien. „Die Zielpersonen seien immer weniger bedeutend geworden.“ Das Einsatzzeichen des Red Squadron von Team Six zeigt einen „Indianer“ mit gekreuzten Tomahawks. Und ganz getreu dem Motto der SEALs „Gott wird unsere Feinde richten. Wir arrangieren das Treffen“, schlachtete in mindestens einem Fall ein Soldat einen „Feind“ mit einem extra angefertigten Tomahawk ab. „Diese Gemetzel wurden irgendwann zur Routine. Es gab so viele Ziele, jedes Opfer war nur noch ein weiterer Name“, zitiert[30] die New York Times einen ehemaligen Offizier.

Navy SEALs, früher legendenumwobene Spezialeinheit, heute Todesschwadron. Bild: Department of Defense

Und genau wie bei der Tiger Force werden Verbrechen nicht verfolgt und geahndet, Bei der „Operation Pandera“ soll[31] das Blue Squadron von Team Six in einem Dorf zahlreiche Zivilisten getötet haben. Nach Angabe einiger Beteiligter soll es sogar den Befehl gegeben haben, „alle Männer“ zu exekutieren. Ein Vorgehen, das aus Vietnam vielfach dokumentiert ist.
Spezialeinheiten mit dem besonderen Charisma des Ausgewähltseins, mit der Gewissheit im höheren Auftrag unterwegs zu sein und nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, führen regelmäßig Gewaltexzesse aus. Das ist bekannt und wird nicht verhindert.
Im Gegenteil, genau diese Dynamik wird von den Verantwortlichen gefördert. Trotz der Zeugenaussagen zu dem Gemetzel wurden die Ermittlungen bezüglich Operation Pandera eingestellt und das Blue Squadron von „jedem Fehlverhalten“ frei gesprochen.

Dabei sind sich die Soldaten von JSOC der Illegalität ihrer Einsätze voll bewusst, aber das stört sie nicht weiter, da sie sich von höchster Stelle gedeckt fühlen. Sie sind „wie ein Wolfsrudel an vorderster Front, und sie tun, was sie für das Werk Gottes, manche auch für die Aufgabe Amerikas halten“.39
Angesichts des JSOC Chefs (2003-2008) Stanley A. McChrystal mag das kaum verwundern. War dieser doch der Überzeugung die USA befänden sich im Krieg mit dem Islam. Und um diesen Krieg zu gewinnen, müsste man einen Kreuzzug gegen das Kalifat führen, weshalb man den Begriff Terrorist „sehr, sehr weit gefasst“ hat.40

Die amerikanischen Taliban

Am 12. Februar 2010 feierte Mohammed Daoud Sharabuddin den Namenstag seines vor sechs Tagen geborenen Sohnes. Daoud ist ein Paradebeispiel für die amerikanische Strategie, „Herz und Verstand“ der Menschen gewinnen zu wollen. Er ist ein weithin respektierter Polizeibeamter und vor kurzem sogar zum Geheimdienstchef der Provinz Paktia befördert worden. Jahrelang hatte er gegen die Taliban gekämpft, auf einigen Fotos kann man ihn zusammen mit US-amerikanischen Soldaten posieren sehen, denn Daoud hatte zahlreiche Ausbildungsprogramme der USA durchlaufen.

Knapp 30 Menschen feierten und tanzten, als plötzlich das Licht auf dem Anwesen abgeschaltet wurde. Ein Musiker im Hof bemerkte, wie Laserstrahlen das Gelände abtasteten. Aus Angst vor einem Angriff der Taliban informierte er die anderen Anwesenden. Daoud und sein 15-jähriger Sohn Sediqullah wollten nachsehen, was an der Geschichte dran sei. Kaum hatten sie den Hof betreten, durchschlugen mehrere Kugeln ihre Körper und die beiden sackten blutüberströmt zu Boden. Und während sich die Angreifer zum Sturm auf das Haus formierten, brach drinnen Panik aus.

Plötzlich bemerkte jemand, dass die Angreifer nicht nur Paschtu, sondern auch Englisch sprachen. Die Angreifer waren Amerikaner. Während Daoud auf dem Boden zu verbluten drohte, ergriff sein Bruder Zahir die Initiative. Als Staatsanwalt der von den USA unterstützen Regionalregierung sprach er ein wenig Englisch. „Wir arbeiten für die Regierung!“, schrie er den Angreifern entgegen. „Schauen Sie sich doch unsere Polizeiwagen an. Sie haben einen Polizeikommandanten verwundet!“41
Zaid wollte den Angreifern entgegen gehen, um sie auf ihren Fehler aufmerksam zu machen. Drei Frauen der Familie versuchten ihn davon abzuhalten und hielten ihn an der Kleidung fest. Doch in diesem Moment schlugen bereits die nächsten Kugeln der Scharfschützen ein. Zahir, Bibi Saleha, 37, und Bibi Shirin, 22, starben schnell. Daoud und die erst 18-jährige Gulalai verbluteten über Stunden.

Ein Spezialeinsatzkommando der USA hatte aus der Familienfeier in Sekunden ein Massaker veranstaltet. Insgesamt wurden sieben Personen hingerichtet, zwei der Frauen waren schwanger. Die vermummten Kommandosoldaten stürmten das Gebäude, fesselten alle Männer und durchsuchten die Räume. Der Vater von Gulalai bat um ärztliche Hilfe für seine verblutende Tochter, doch die Soldaten antworteten nur, dass bald ein Hubschrauber die Verletzten in ein Krankenhaus fliegen würde.
Aber es kam kein Hubschrauber. Ganz im Gegenteil begannen die Soldaten plötzlich mit Messern in den Wunden der Frauen herumzustochern. „Sie holten die Kugeln aus den Leichen, um den Beweis für ihr Verbrechen zu beseitigen“, sagte Mohammed Sabir, ein Bruder von Daoud.42

Alle Überlebenden wurden in den Hof gebracht. Frauen und Männer wurden getrennt. Den Männern wurden Kapuzen über den Kopf gezogen. Mindestens zehn Männer, darunter der 65-jährige Familienvorstand Hadschi Sharabuddin, wurden massiv geschlagen und getreten. Es scheint, dass Kommandosoldaten die westlichen Werte in die Köpfe der Feinde hineinschlagen wollen. Ein Untersuchungsbericht der UN bestätigte später, dass die Überlebenden eine „brutale, unmenschliche und entwürdigende Behandlung [erfahren hätten], indem sie von amerikanischen und afghanischen Einsatzkräften körperlich attackiert, festgehalten und gezwungen wurden, mit bloßen Füßen mehrere Stunden draußen in der Kälte zu stehen.“43

Sieben Männer wurden anschließend in ein Geheimgefängnis verbracht und tagelang verhört. „Die amerikanischen Vernehmer hatten Bärte und trugen keine amerikanische Uniform. Sie waren sehr muskulös“, berichtete Sabir von den Verhören. Später wird das Familienoberhaupt Hadschi gegenüber dem Investigativjournalisten Jeremy Scahill sagen:

Am Anfang dachten wir, die Amerikaner seien die Freunde der Afghanen, aber jetzt halten wir die Amerikaner selbst für Terroristen. Die Amerikaner sind unsere Feinde. Sie bringen Terror und Zerstörung. Die Amerikaner haben nicht nur mein Haus, sie haben meine Familie zerstört. Die Amerikaner haben uns die Spezialkräfte auf den Hals gehetzt. Diese Spezialkräfte mit ihren langen Bärten haben entsetzliche, kriminelle Sachen gemacht. Wir nennen sie die amerikanischen Taliban.

Hadschi44

Kommandosoldaten der Delta Force ohne Uniform und Hoheitsabzeichen. Hybride Kriegsführung und verdeckte Operationen haben in den USA eine lange Tradition. Bild: United States Government

Der entgrenzte Krieg

Die US-Regierung eskaliert den Staatsterror immer weiter. Zwischen 2006 und 2008, so die New York Times[32], sind pro Nacht bis zu 25 Menschen allein von Team 6 der Navy SEALs ermordet worden. „Gegen Ende 2009 führten JSOC-Kommandos monatlich nicht weniger als achtzig, neunzig solcher Mordaufträge aus“, erklärt Armin Wertz in seiner Zusammenschau „Die Weltbeherrscher. Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA“.

Im September 2009 reichte der US-Diplomat Matthew Hoh, mehrfach ausgezeichneter US-Marine mit Einsätzen im Irak und anschließend höchster US-Vertreter in der afghanischen Provinz Zabul, sein Rücktrittsgesuch ein. Im Zentrum steht seine Anklage, dass die „Präsenz und die Operationen der USA und der NATO in den paschtunischen Tälern und Dörfern“ faktisch auf „eine Besatzungsmacht“ hinauslaufen, „gegen die ein Aufstand gerechtfertigt ist“.45
Die meisten Taliban würden die USA überhaupt nicht bedrohen, „sondern eigentlich nur gegen uns kämpfen, weil wir uns in ihren Tälern herumtreiben“. Nach Einschätzung Hohs gab es damals „fünfzig bis hundert al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan“.46

Ein Krieg kann total sein in der Anwendung der Waffen. Er kann total sein in der Brutalisierung der Kriegsführung. Er kann total sein in der Gleichschaltung der Bevölkerung durch Desinformation und Propaganda. Und er kann total sein in der Ausweitung der Zielgebiete und Zielpersonen.
Zwischen 2011 und 2014 waren US-Special Forces in 150 von 196 Ländern der Erde aktiv[33].
Neben „Militärberatung“ und Ausbildung von Spezialeinheiten „befreundeter“ Länder gehören „capture or kill“-Aufträge zum Aufgabenspektrum.
Die USA führen einen geheimen, weltweiten Krieg und westliche Politiker wie Medien verschließen die Augen davor. Das Special Operations Command der US-Streitkräfte hat, ganz nach der oben erwähnten Bush-Doktrin, sein Personal von 2001 bis heute auf mehr als 70.000 Einsatzkräfte verdoppelt. Und immer wieder sind die Spezialkommandos bei Umstürzen oder Aufstandsbekämpfungen dabei. Je nachdem, wie es den USA nützt.

In Afghanistan werden die Truppenstärken reduziert und es sollen angeblich nur noch Objektsicherer, Unterstützer und Ausbilder im Land bleiben. Doch die Realität sieht anders aus. „Es liegt jetzt alles im Schatten“, erklärte[34] ein ehemaliger afghanischer Sicherheitsbeamter. „Der offizielle Krieg der Amerikaner – der Teil des Krieges den man sehen kann – ist beendet. Der geheime Krieg aber geht weiter. Und er geht hart weiter.“

Deutschlands neue Macht – das Kommando Spezialkräfte?

Auch die Bundeswehr verfügt seit 1996 über Kommandosoldaten, die schnell weltweit zum Einsatz kommen können. Offiziell sollen es etwa 1.100 Soldaten inklusive Unterstützungskräften und Stab sein. Genaues weiß man jedoch nicht, da alles, was mit dem Kommando Spezialkräfte (KSK) zu tun hat, der militärischen Geheimhaltung unterliegt[35]. Alle „Missionen sind geheim, nur ein sehr kleiner Kreis von Bundestagsabgeordneten wird im Nachhinein informiert“. Die westlichen Werte Demokratie und Rechtsstaat enden da, wo militärische Werte beginnen.
Und das ist der Kern des westlichen Wertebündnisses, welches vielmehr ein westliches Militär- und Ressourcensicherungsbündnis ist.

„Kurz nach den Terroranschlägen vom 11.9.2001 in den USA, die Trümmer rauchten noch, haben sich die Special Forces der Amis, also Navy Seals, Ranger und Delta Force, bei uns gemeldet und darum gebeten, dass wir ihnen bei der Fahndung nach den verantwortlichen Tätern in Afghanistan helfen.
Kanzler Gerhard Schröder und Verteidigungsminister Rudolf Scharping haben gleich grünes Licht gegeben. Wir sind also ohne Mandat des Parlaments in den Krieg gezogen. Und das unter einer rot-grünen Regierung …“, erinnert[36] sich ein Kommandosoldat.

Im März 2002 nimmt das KSK an der multinationalen „Operation Anaconda“ teil, bei der angeblich bis zu 1.000 Al Qaida- und Talibankämpfer aufgespürt und vernichtet werden sollen. „Und dann liegst du in getarnter Stellung. Warten, gucken, warten, gucken. Kommt so eine blöde Ziege näher. Wir werfen Steine – nutzt nix. Wenig später ist der Hirte da, ein Alter. Du zielst auf ihn. Deine Dipolantenne ragt aus der Stellung. Der bückt sich runter zu dir, sagt ,Salem Aleikum“ und geht ganz cool weiter. Du bist enttarnt, meldest das, verlegst die Stellung, und irgendwann holt dich der Helikopter da raus“, beschrieb[37] ein Kommandohauptfeldwebel die Situation.
Später werden die US-Amerikaner „hart nachfragen, weshalb der Oberfeldwebel den Ziegenhirten nicht ‚eliminiert‘ habe. Schallgedämpft abknallen, dann hätte er den Auftrag fortsetzen können.“

Ziegenhirten „abknallen“, denn die Freiheit der westlichen Welt wird am Hindukusch verteidigt. Bild: U.S. Navy

Ein ehemaliger KSK-Offizier weiß zu berichten, dass die „Amis“ tatsächlich solche „Bedrohungen“ einfach eliminieren. „Wir haben in Afghanistan gesehen, wie ekelhaft US-Soldaten mit Afghanen umgesprungen sind, Fußtritte und Kolbenstöße waren noch harmlos. Sie haben sie behandelt wie Untermenschen.“
Bei der „Operation Anaconda“ hätten die Spezialeinheiten der Amerikaner auch ganze Dörfer „platt gemacht“ und Häuser geplündert. Diese Zurückhaltung sollte das KSK jedoch später ablegen.

So erklärte[38] NATO General a.D. Egon Ramms gegenüber Deutschlandradio: „Deutsche Soldaten, Spezialkräfte, sind auch schon im Jahr 2002, Ende 2001, Anfang 2002 unter dem Mandat für Operation Enduring Freedom nach Afghanistan gegangen – ich wiederhole: deutsche Spezialkräfte -, und die sind dort nicht gewesen, um Blümchen zu pflücken.“
Auch Hans-Otto Budde, Generalleutnant a.D. und von 2004 bis 2010 Inspekteur der Heeres, verweist[39] auf die neuen Soldaten für die neuen Aufgaben:

Der „Staatsbürger in Uniform“, der mit seiner Familie in unserer Nachbarschaft wohnte und um siebzehn Uhr dreißig nach Hause kam, hat ausgedient. „Wir brauchen den archaischen Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen kann.“

Hans-Otto Budde

Archaische Kämpfer und der Mann an sich. Über die Einsätze deutscher Kommandosoldaten ist so gut wie nichts bekannt. Bild: U.S. Army

Und als archaische Kämpfer nehmen sich die Kommandosoldaten auch wahr. „Da geht es auch um den Mann an sich, den Krieger“, sagt[40] ein 32-jähriger Hauptmann. Und was die Aufgabe eines solchen Kriegers ist, erläutert[41] Brigadegeneral Hans-Christoph Ammon, Kommandeur des KSK von 2007-2010: „Die Einsätze haben sich verändert: Unsere Soldaten müssen regelmäßig töten.“
Da kommt ein Kommandosoldat schon mal auf „ein gutes Dutzend“ getöteter „Feinde“. Aber unzweifelhaft ist der Gegner selber schuld. „Der Feind war und ist grausam. Natürlich haben wir Namen von Zielpersonen und Handy-Nummern, die wir beschaffen konnten, an die Nato-Kommandozentrale weitergegeben. Wir haben die Taliban gejagt, ausgespäht, umzingelt, in blutigen Gefechten getötet.“
Wie die Zielpersonen auf die Listen kommen, das weiß ein Elitesoldat nicht, aber es kümmert ihn auch nicht weiter, schließlich sind das alles Terroristen.

Doch wird der Begriff Terrorismus meist nur propagandistisch benutzt. Und zwar, so Noam Chomsky47, „um terroristische Handlungen zu bezeichnen, die von Feinden gegen uns oder unsere Verbündeten begangen werden. Diese propagandistische Bedeutung ist nahezu universell. Dieser ‚Terrorismus‘ wird von allen verurteilt. Auch die Nationalsozialisten wandten sich gegen ihn und lancierten ‚gegen-terroristische‘ Angriffe, um die Partisanen abzuwehren.“

Das alles klingt nicht nach den offiziellen Verlautbarungen, dass es um die westlichen Werte von Demokratie und Menschenrechten gehen würde. Andererseits hatte der der Sprecher des deutschen Isaf-Kontingents, Fregattenkapitän Alexander von Heimann, bereits 2008 konstatiert[42]: „Menschenrechte sind nicht unser Mandat.“

Westliche Werte, geheime Kriege und parapolitische Strukturen

Der sicherheitspolitische Analyst Daniel Robert Kramer hat aufgezeigt, wie die Verantwortlichen für verdeckte Operationen und geheime Kriege parallele Strukturen zu den offiziellen Staatsstrukturen aufbauen. „Die Praxis verdeckter paramilitärischer Operationen wurde durch informelle Netzwerke bestimmt. In der Umsetzung der Kriege entwickelten sich Prozesse, die zur Verfestigung parapolitischer Strukturen führten.“48 So kann der Präsident der USA mittlerweile Kriege führen „ohne auf die Bestätigung durch demokratische Kontrollorgane angewiesen zu sein und Einschränkungen durch den Kongress Beachtung schenken zu müssen“49

Diese informellen und geheimen Strukturen werden durch einen engen Personenkreis gestützt. „Bei parapolitischen und paramilitärischen Netzwerken handelt es sich entsprechend um Akteursgruppen, die mit offiziellen politischen und militärischen Institutionen verbunden sind und zusammenarbeiten, um eigene, verdeckte, illegale Ziele zu verfolgen, die im Resultat dem Funktionieren offizieller staatlicher Institutionen entgegenstehen.“50

Ein Netzwerk aus Politikern, Militärs, Rüstungsindustriellen, Unternehmern, Geheimdienstlern, Wissenschaftlern und Medienvertretern ist prinzipiell nichts anderes als das, was unter anderem unter dem Begriff „Tiefer Staat“ firmiert. Zusammen mit Notstandsgesetzen und Ausnahmezustandsregelungen verfestigen sich antidemokratische, klandestine Strukturen, deren Machtpotenzial von keiner demokratisch legitimierten Institution kontrolliert oder gar wieder abgeschafft werden kann.

Dementsprechend ist es möglich, dass ein Großteil der politischen wie militärischen Entscheider nicht einmal weiß, welche Rolle ihnen im Gesamtgeschehen zukommt. Während große Kampfverbände im Irak und in Afghanistan zumindest in der Selbstwahrnehmung tatsächlich versuchen, defensiv und schützend zu agieren, hintergehen Spezialeinsatzkommandos diese Bemühungen in verdeckten Operationen. Aufgrund der Geheimhaltung wird dies auch nie jemand überprüfen können. Und wie es Oberst Lang zusammenfasste: „Diese Leute [Kommandosoldaten] haben wenig Ahnung vom Gesamtbild.“

Ähnliche Strukturen sind von Bereichen der organisierten Kriminalität oder von Terrororganisationen bekannt. Der Kern krimineller bzw. terroristischer Aktionen wird verdeckt durch einen dicken Mantel an zivilen, sozialen Bemühungen. Die Hamas betreibt Krankenhäuser, Kindergärten, eine Universität und unterstützt Opfer israelischer Militäreinsätze, mafiöse Organisationen finanzieren Schulen oder bauen Fußballstadien.
Ähnlich werden die illegalen Mordkommandos des Westens mit normalen Einheiten umgeben, die in Kriegsgebieten „Wiederaufbau“ betreiben und ebenfalls Schulen aufbauen und Frauenrechte schützen sollen. Der Kampf um Herz und Verstand ist nichts anderes als die propagandistische Desinformation der Bevölkerungen sowohl im Heimatland als auch im Kriegsgebiet, um geheime Ziele in verdeckten Operationen zu verfolgen.

„Wenn es aus den Militäroperationen der vergangenen zehn Jahre eine Lehre zu ziehen gibt, dann die, dass die USA hervorragend Aufstände anzetteln können. Sie verstehen sich darauf, eine Regierung zu stürzen“, so Daveed Gartenstein-Ross, Anti-Terror-Berater für verschiedene US-Regierungsbehörden und Senior Fellow des konservativen Think Tanks Foundation for Defense of Democracies.51
Die westliche Wertegemeinschaft besteht im Kern aus nur einem Wert. Bedauernswerterweise sind dies nicht die Menschenrechte, sondern der gemeinsame Wille, die Welt zu beherrschen und zu unterwerfen. Weltherrschaft um jeden Preis.

Anhang – Fußnoten

1) Daniel Robert Kramer. Verdeckte militärische Operationen der USA. Informelle Netzwerke, Paramilitärs und delegierte Kriegsführung in den Drogenökonomien Laos, Nicaragua, Kolumbien und Afghanistan. Berlin 2011. S. 11

2) Armin Wertz. Die Weltbeherrscher. Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA. Frankfurt/Main 2015. S. 90

3) Armin Wertz. Die Weltbeherrscher. S. 92

4) Noam Chomsky: People without Rights. Kosovo, Ost-Timor und der Westen. Hamburg 2002. S. 38

5) Noam Chomsky. Die göttliche Lizenz zum Töten (1987). In: Noam Chomsky. Die Herren der Welt. Essays und Reden aus fünf Jahrzehnten. Wien 2014. S. 97

6) Armin Wertz. Die Weltbeherrscher. S. 132

7) Armin Wertz. Die Weltbeherrscher. S. 145

8) Armin Wertz. Die Weltbeherrscher. S. 151

9) Armin Wertz. Die Weltbeherrscher. S. 129ff

10) Bernd Greiner. Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. Hamburg 2009. S. 212

11) Bernd Greiner. Krieg ohne Fronten. S. 215

12) Bernd Greiner. Krieg ohne Fronten. S. 216

13) Krieg ohne Fronten. S. 225

14) Bernd Greiner. Krieg ohne Fronten. S. 231

15) Krieg ohne Fronten. S. 238

16) Erik Fischer. Die USA im Vietnamkrieg. Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten. Hamburg 2009. S. 101.

17) Bernd Greiner. Krieg ohne Fronten. S. 253f.

18) Eigentlich MACV-SOG: Military Assistance Command, Vietnam – Studies and Observation Group. Ein Spezialeinsatzkommando für „unkonventionelle Kriegführung“. Es war während des Vietnamkrieges bei streng geheimen Operationen in ganz Südostasien im Einsatz.

19) Krieg ohne Fronten. S. 254

20) Vgl. Daniel Robert Kramer. Verdeckte militärische Operationen der USA. S. 33ff

21) Vgl. Daniel Robert Kramer. Verdeckte militärische Operationen der USA. S. 34

22) Richard Nixon: So verlieren wir den Frieden. Der III. Weltkrieg hat schon begonnen. Hamburg 1980 S. 130

23) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen. München 2013. S. 25

24) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen. München 2013. S. 25

25) Vgl. Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 75

26) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 76

27) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 78

28) Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. 182

29) Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. 186

30) Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. 202

31) Vgl. Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. 229

32) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 272

33) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 135

34) Mark Mazzetti. Killing Business. Der geheime Krieg der CIA. Berlin 2013. S 151

35) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 177

36) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 218

37) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 155

38) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 316

39) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 231

40) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 149

41) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 414

42) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 415

43) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 416

44) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 428

45) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 410

46) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 411

47) Noam Chomsky: The Attack. Hintergründe und Folgen. Hamburg 2001. S. 64

48) Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. S. 233

49) Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. S. 234

50) Daniel Robert Kramer: Verdeckte militärische Operationen der USA. S. S. 236

51) Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. S. 263

Links

[1] http://www.heise.de/tp/artikel/42/42753/

[1] http:/ /creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

[1] http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

[2] http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/kontext/swr2-kontext-weder-krieg-noch-frieden-russlands-hybride-kriegsfuehrung/-/id=4352076/did=14792746/nid=4352076/3pykcc/index.html

[3] http://www.welt.de/politik/ausland/article137341869/Experten-warnen-vor-hybrider-Kriegsfuehrung.html

[4] http://www.zeit.de/2015/11/nato-ukraine-krieg-russland

[5] http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2015A27_tga.pdf

[6] https://twitter.com/spomke/status/592580747816542208

[7] https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1945-50Intel/d292

[8] http://nsarchive.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB4/

[9] https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/earthquake-mcgoons-final-flight.html

[10] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45139982.html

[11] http://www.war-stories.com/pointman-a-shau-valley-mcginley-1968.htm

[12] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45139982.html

[13] http://www.spiegel.de/panorama/kriegsverbrechen-in-vietnam-apocalypse-now-a-295224.html

[14] http://www.327infantry.org/photos/p_vietnam?q=photos/p_vietnam-8&phpMyAdmin=2a8cbab6008b35bc262dc17200499568

[15] http://www.327infantry.org/first/tiger_force_photos.htm

[16] http://www.tigerforcerecon.com/

[17] http://www.arte.tv/guide/de/030738-000/amerikas-geheimer-krieg-in-laos

[18] http://de.wikipedia.org/wiki/Ebene_der_Tonkr%C3%BCge

[19] http://legaciesofwar.org/about-laos/secret-war-laos/

[20] http://en.wikipedia.org/wiki/File:HoCMT.png

[21] http://legaciesofwar.org/about-laos/secret-war-laos/

[22] http://www.spiegel.de/einestages/30-jahre-afghanistan-invasion-a-948665.html

[23] http://de.wikipedia.org/wiki/Ungesetzlicher_Kombattant

[24] http://www.faz.net/aktuell/politik/terror-und-die-folgen-1-000-al-qaida-kaempfer-bei-tora-bora-eingekesselt-129238.html

[25] http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Afghanistan/massaker.html

[26] http://www.heise.de/tp/artikel/12/12758/

[27] http://www.nytimes.com/2015/06/07/world/asia/the-secret-history-of-seal-team-6.html

[28] http://www.heise.de/tp/artikel/44/44047/

[29] http://www.spiegel.de/politik/ausland/navy-seals-weiten-einsaetze-aus-und-toeten-oft-gezielt-a-1037638.html

[30] http://www.nytimes.com/2015/06/07/world/asia/the-secret-history-of-seal-team-6.html

[31] http://www.focus.de/politik/ausland/exzessives-toeten-eliteeinheit-auf-menschenjagd-die-geheimen-operationen-des-navy-seal-team-6_id_4733463.html

[32] http://www.nytimes.com/2015/06/07/world/asia/the-secret-history-of-seal-team-6.html

[33] http://www.tomdispatch.com/blog/175945/tomgram%253A_nick_turse%252C_a_shadow_war_in_150_countries/

[34] http://www.nytimes.com/2015/02/13/world/asia/data-from-seized-computer-fuels-a-surge-in-us-raids-on-al-qaeda.html

[35] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ehemaliger-ksk-soldat-in-geheimer-mission-verschlissen-12911510-p2.html

[36] http://www.focus.de/politik/ausland/afghanistan/reportage-enttarnt-vom-ziegenhirten_id_4473332.html

[37] http://www.stern.de/politik/deutschland/3-kommando-spezialkraefte-die-profis-531806.html

[38] http://www.deutschlandradiokultur.de/bundeswehr-in-afghanistan-die-sind-nicht-dort-gewesen-um.1008.de.html?dram:article_id=307423

[39] http://www.welt.de/print-wams/article107173/Bundeswehr-braucht-archaische-Kaempfer.html

[40] http://www.zeit.de/2010/31/KSK-Kommando-Spezialkraefte/seite-2

[41] http://www.focus.de/politik/ausland/afghanistan/reportage-enttarnt-vom-ziegenhirten_id_4473332.html

[42] http://www.taz.de/!5179711/

[43]  http://www.heise.de/tp/artikel/44/44047/

Jochen

Die Angst vor dem Glücklichsein – Fear of Happiness

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Glueckskatze

Hier wird eine Erlebensweise beschrieben, wie ich sie auch oft bei meinen Patienten beobachten konnte.
Ich bezeichne das als „Angst vor dem Gelingen“.
Oft ist es eine ganz früh im Leben gefühlter Neid anderer Familienmitglieder, der dazu führt, dass Kinder lernen, sich nur heimlich zu freuen und gute Dinge selbst zu zerstören, bevor neidische Mitmenschen ihnen diese kaputt machen.
Im Schwabenlande bringen etliche Mütter ihren Kindern bei, dass man zum Lachen am besten in den Keller geht.
Siehe hier: http://www.spektrum.de/news/die-angst-vor-dem-gluecklichsein/1348921
Literatur s.u. unter dem Autorennamen

Manche Menschen fürchten sich regelrecht davor, glücklich zu sein. Wie kommt es zu dieser sonderbaren Reaktion?

Und ist sie sinnvoll – oder ein Zeichen für Depression?

Hanna Drimalla

Unter Freudentränen überreicht ihm seine Großmutter die Trophäe für den „Sportler des Jahres 2014“. Es könnte ein Moment puren Glücks sein für den Diskuswerfer Robert Harting.
Doch was er sagt, klingt anders: „Ich fühle mich wie in der Grundschule. Da habe ich mit acht oder neun Jahren einen Wettbewerb gewonnen, und am nächsten Tag mochten mich die Klassenkameraden nicht mehr.“
Die Reaktion des Spitzensportlers verrät: Glück kann knifflig sein. Denn es führt oft Befürchtungen und Zweifel im Gepäck: Habe ich es verdient? Wird es mich bald verlassen? Oder neiden es mir andere?

Für einige Menschen machen solche Bedenken das Leben zu einer Achterbahnfahrt. Kaum empfinden sie einmal Freude, haben sie Sorge, der Moment könne allzu rasch vergehen und sie könnten ins nächste Tief schlittern. Statt Glücksmomente zu genießen, fürchten sie sie regelrecht.
„Fear of Happiness“
, Angst vor dem Glücklichsein, nennen Psychologen das Phänomen.

Paul Gilbert vom Kingsway Hospital in Derby (Großbritannien) ist ein Pionier auf diesem Forschungsgebiet. Bei der Arbeit mit depressiven Patienten war dem Psychologen aufgefallen, dass die Betroffenen oft große Probleme haben, sich selbst Freude oder Genuss zuzugestehen.
„Wenn man ihnen helfen will, sich besser zu fühlen, reagieren sie beunruhigt“, erklärt Gilbert. „Sie sagen: Heute mag es mir gut gehen, aber morgen passiert bestimmt etwas Schlimmes.“

Auch Jürgen Margraf, Professor für klinische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, bestätigt: „Es gibt solche Sorgen. Sie können für die Betroffenen belastend sein und einer guten Lebensführung im Weg stehen.“
Die Angst vor dem Glück habe, was den Leidensdruck angehe, aber in der Regel nicht den gleichen Stellenwert wie Phobien oder andere Angststörungen.

Warum versuchen manche Menschen gezielt, Glücksgefühle zu unterdrücken? In einer Studie von 2003 befragte die Psychologin Joanne Wood von der University of Waterloo (Kanada) Probanden über deren länger zurückliegende oder kürzlich erlebte Erfolgsmomente. Wie sich zeigte, gingen manche etwa mit ihrem guten Abschneiden in einer Klausur auf eigenwillige Art um: Statt den Erfolg auszukosten, versuchten sie ihre Freude zu dämpfen, sich zu beruhigen oder abzulenken.
Vor allem Studierende mit niedrigem Selbstwert zeigten dieses Verhaltensmuster.

Strategien gegen gute Gefühle

Solche Ergebnisse weckten die Neugier anderer Forscher. Um die Reaktionen auf positive Gefühle besser messen zu können, entwickelte der Psychologe Gregory Feldman vom Simmons College in Boston (USA) zusammen mit Kollegen einen Fragebogen. Er bildet drei verschiedene Strategien im Umgang mit guten Gefühlen ab: Nachdenken über den eigenen Gefühlszustand, Nachdenken über sich selbst sowie Dämpfen der Glücksgefühle.
Wer den Fragebogen ausfüllt, gibt zum Beispiel an, wie oft er sich in Momenten der Freude daran erinnert, dass sie bestimmt nicht anhalten werden, oder ob er in einer solchen Situation denkt, dass andere ihn für einen Angeber halten könnten.

Glück führt oft Befürchtungen und Zweifel im Gepäck: Habe ich es verdient? Wird es mich bald verlassen? Oder neiden es mir andere?

Ein Team um den Psychologen Filip Raes von der Universität im belgischen Löwen legte den Test 143 Oberstufenschülern und 344 Studierenden vor. Drei beziehungsweise fünf Monate später ließ er die Teilnehmer dann zwei Depressionsfragebögen ausfüllen.
Ergebnis: Je mehr die Probanden bei der ersten Befragung angegeben hatten, dass sie ihre positiven Gefühle dämpften, desto eher zeigten sie später depressive Symptome. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, als man die Stärke der Beschwerden bei Beginn der Studie statistisch herausrechnete.

Vier Ideen und ein Unglücksfall

Mohsen Joshanloo von der Chungbuk National University in Südkorea beschreibt in einem Übersichtsartikel vier Annahmen, die der Scheu vor dem Glück insgeheim zu Grunde liegen können:

  1. Glücklich zu sein, macht es wahrscheinlicher, dass es wieder bergab geht. 
  2. Glücklich zu sein, ist unmoralisch.
  3. Glück auszudrücken, verstärkt die Distanz zu den Mitmenschen.
  4. Und viertens: Das Streben nach Glück tut einem nicht gut.

Diese Ideen basieren allerdings vor allem auf Texten aus Philosophie und Kulturwissenschaft sowie auf Redensarten – empirisch sind die Ursachen der Scheu vor guten Gefühlen bislang wenig erforscht.

Paul Gilbert glaubt, dass derartige Bedenken meist schon früh entstehen – etwa wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie sich auf etwas freuen, was dann nicht eintritt.
So berichtet der Psychologe von einer Patientin, deren Mutter unter Agoraphobie litt, also der Angst vor offenen Plätzen. „Du kannst dich nie auf irgendetwas freuen“, erklärte die Tochter, „etwa darauf, zum Strand zu gehen. Denn du weißt nie, ob deine Mutter nicht gleich wieder in Panik gerät.“

Manche Betroffene wurden als Kinder häufig getadelt oder bestraft, wenn sie Freude zeigten. Andere fühlten sich aus moralischen Gründen schuldig, wenn sie Glück empfanden.
Gilbert verweist etwa auf eine Patientin, deren Mutter im Rollstuhl saß und von ihrem Mann verlassen worden war. „Wenn die Tochter mit Freunden ausgehen wollte, machte die Mutter ihr Schuldgefühle: ‚Wie kannst du mich allein lassen, wo es mir so schlecht geht!‘
Die Tochter konnte nie Spaß haben, ohne zu denken: Hoffentlich geht es Mama gut, hoffentlich ist sie nicht beleidigt.“

Solche Berichte veranlassten Gilbert, ein Instrument zu entwickeln, das die Angst vor dem Glück genauer misst. In vielen Therapiesitzungen notierte der Therapeut die Ängste und Bedenken seiner Patienten und formulierte daraus Items wie „Ich habe Sorge, dass etwas Schlimmes passieren könnte, wenn ich mich gut fühle“ oder „Ich habe das Gefühl, dass ich es nicht verdiene, glücklich zu sein“. Heraus kam dabei die „Fear of Happiness Scale“.

Dann bat Gilbert mehrere Kollegen zu beurteilen, wie plausibel die Aussagen aus ihrer Sicht die Angst vor dem Glücklichsein beschreiben.
Die so entstandene Zehn-Item-Skala testete er an 185 überwiegend weiblichen Studierenden. Dabei erwiesen sich alle bis auf ein Item (das Gilbert später entfernte) als konsistent: Die Probanden beantworteten die Fragen sämtlich mit ähnlicher Tendenz.
Bei den meisten war die Angst allerdings nicht sehr stark – das Mittel lag bei Werten um 12 von 36 Punkten.

Doch Gilbert lieferte einen wichtigen Ansatzpunkt, um die Angst vorm Glück weiter zu erforschen: Sie scheint eng mit Depression zusammenzuhängen. Wer besonders große Furcht äußerte, erreichte auch hohe Werte in einem Depressionsfragebogen.
„Wenn eine Person nicht in der Lage ist, Glück zu empfinden, ist das ziemlich deprimierend“, so Gilbert. „Menschen, die unter Angst vor dem Glück leiden, neigen dazu, sich auf Gefahren zu konzentrieren. Statt über das Gute nachzudenken, das ihnen geschehen könnte, versuchen sie nur, das Schlechte zu vermeiden. Sie schauen auf das, was ihnen zustoßen, sie verletzen oder bedrohen könnte. Das drückt sie nieder.“

Ein Beispiel dafür gibt der „Neue Deutsche Welle“-Sänger Hubert Kah. Der an Depression erkrankte Musiker erklärte in einer Talkshow: „Ich hatte das Gefühl: Bei mir darf es nicht gut werden. Ich darf nicht glücklich sein, bei mir darf die Rechnung nicht aufgehen, ich muss leiden.“

Ursache, Folge oder Begleiteffekt?

An einer Gruppe von depressiven Patienten überprüfte Gilbert 2014 den Zusammenhang von Glücksangst und Schwermut. Die Patienten äußerten deutlich mehr Angst vorm Glück als die zuvor befragten Studierenden – im Schnitt erreichten die Depressiven Werte von knapp 24 Punkten.
Zudem zeigte sich: Je stärker die Angst vor dem Glück, desto mehr Stresssymptome, Ängste und Kennzeichen von Depression traten auf.
Ob „Fear of Happiness“ jedoch Ursache, Folge oder eher die Begleiterscheinung einer Depression ist, lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Möglicherweise ist das allerdings gar nicht entscheidend, meint Gilbert: „Die Angst vor dem Glück ist nur ein Faktor. Aber es ist wichtig, dass man sich in der Therapie damit befasst.“ Er plädiert dafür, sie wie andere Phobien zu behandeln – durch stufenweise Exposition mit dem Angst auslösenden Reiz.
„Ähnlich wie ein Therapeut bei Agoraphobie den Patienten mit hinaus ins Freie nimmt, so sollten Menschen mit Angst vor dem Glück versuchen, nach und nach mehr Glück zu empfinden, etwa indem sie den Geschmack einer Mahlzeit bewusst genießen.“ Ob diese Mischung aus Achtsamkeit und Exposition die Symptome tatsächlich mildert, ist bislang jedoch nicht untersucht.

Jürgen Margraf hält es ebenfalls für sinnvoll, das Problem therapeutisch anzugehen. Er gibt allerdings zu bedenken, dass es stark auf die individuelle Problemlage ankomme. „Gerade nicht so klar ausgeprägte, subklinische Symptome sind oft sehr variabel“, sagt er. „Neben der Konfrontation können auch Maßnahmen sinnvoll sein, die die Motivation oder bisherige Lebensführung der Betroffenen verändern.“

Die Angst vorm Glück zu heilen, sehen jedoch nicht alle Forscher als notwendig an. So warnt Mohsen Joshanloo davor, das Phänomen zu pathologisieren.
„Aus der Sicht von Gilbert und seinen Kollegen ist die Angst vorm Glück ein emotionales Problem, das korrigiert werden muss. Das mag bei depressiven Patienten legitim sein. Manchmal geht das Phänomen aber auf kulturelle Bewertungen zurück, die man als normal ansehen sollte.“

Tatsächlich betrachten Menschen in verschiedenen Kulturen Glück unterschiedlich. Ein Team um die Psychologin Li-Jun Ji von der Queen’s University in Kingston zeigte 140 US-amerikanischen und 181 chinesischen Studierenden verschiedene grafisch veranschaulichte „Glücksverläufe“ über die Lebensspanne. Die Probanden sollten jene Kurve auswählen, die zu ihrem eigenen Leben voraussichtlich am besten passen würde.
Für Varianten, bei denen das Glück kontinuierlich zu- oder abnahm, entschieden sich deutlich mehr Amerikaner als Chinesen. Mit anderen Worten: Chinesen gingen eher als Amerikaner davon aus, dass ihr Glück im Lauf des Lebens schwanken würde.

Alles ist im Wandel – auch Gefühle

Laut den Studienleitern wurzelt diese Idee im Taoismus. Nach dieser aus China stammenden philosophischen Schule ist alles im Wandel. Entsprechend sei das Glücksstreben in taoistisch geprägten Ländern weniger verbreitet als in westlichen Ländern, so Joshanloo.

Um die Angst vor dem Glück zu vergleichen, befragte er 2014 mehr als 2700 Studenten weltweit. Russen, Iraner, Japaner, US-Amerikaner, Niederländer und Vertreter zehn weiterer Nationen beantworteten seinen Fragebogen. Dafür verwendete Joshanloo ein selbst entwickeltes Instrument mit nur fünf Items, die der Skala von Gilbert ähnelten. Doch während diese das Unwohlsein und Misstrauen gegenüber dem Glück ins Zentrum stellt, umfasst Joshanloos Liste allgemeinere Aussagen wie „Auf Glück folgen oft Unglücke“.

Außer in Indien und Kenia fand Joshanloo die Angst vor dem Glück in allen Ländern.

Die Durchschnittswerte reichten von 1,98 in Brasilien über 2,54 in den USA und 3,16 in Japan bis zu 3,8 in Pakistan. Auf einer Skala von 1 („stimme gar nicht zu“) bis 7 („stimme voll zu“) sind dies weder besonders dramatische Werte noch erhebliche Länderunterschiede.
Allerdings herrscht die Glücksangst offenbar stärker in Kulturen vor, die mehr auf Konformität ausgerichtet sind. So fürchten Menschen in Ostasien die Missgunst der anderen stärker: In einer weiteren Befragung äußerten Japaner häufiger als Amerikaner die Sorge, Glück zu zeigen, könne Neid auslösen. Die Religion hat dagegen eher weniger Einfluss.

Neben den kulturellen Unterschieden hat Joshanloo auch untersucht, wie die Angst vor dem Glück mit dem Umgang mit positiven Emotionen zusammenhängt.
Ergebnis: Je stärker sich Probanden vor dem Glück fürchten, desto mehr versuchen sie ihre Freude zu dämpfen. Nur, was kommt zuerst – die Angst oder das Dämpfen?
Diese Frage ist bislang noch unbeantwortet.

Joshanloo fand deutliche Hinweise darauf, dass das Unterdrücken akuter Glückszustände die allgemeine Lebenszufriedenheit mindert. Je mehr jemand Hochgefühle fürchtet, desto geringer ist sein Wohlbefinden insgesamt.
Allerdings fielen die Zusammenhänge schwächer aus als die, die Gilbert gefunden hatte. Das mag auch daran liegen, dass Gilberts Skala in den USA verwendet wurde. „US-Amerikaner finden Glückserlebnisse viel wichtiger als Menschen in nichtwestlichen Kulturen“, erklärt Joshanloo.

Wen die Angst daran hindert, Genuss zu empfinden, der sollte sich Hilfe suchen, rät Gilbert. Zudem empfiehlt er, sich dieser Eigenart bewusst zu sein und es mit der Selbstkontrolle möglichst etwas lockerer zu nehmen.
So hielt es auch der Diskurswerfer Harting: „Ich dachte früher, man darf nicht glücklich sein und sich nicht freuen. Aber bei mir hat es trotzdem geklappt.“

Trauen wir unserem Glück ruhig, statt uns zu fürchten! Sich in seinem Gefühlsüberschwang zu bremsen, kann manchmal allerdings durchaus sinnvoll sein. In schlechten Zeiten hilft womöglich, sich daran zu erinnern, dass nicht nur das Glück kommt und geht, sondern auch das Unglück.

Die dunkle Seite des Glücks

In der US-Verfassung ist das Streben nach Glück fest verankert, und die Werbung fordert: „Kauf dich glücklich!“
Auch Studien legen nahe, dass Glücksgefühle Körper und Seele guttun. Doch sie haben auch eine Kehrseite, erklärte die Psychologin June Gruber von der University of Colorado in Boulder schon 2011 in einem Überblicksartikel.

Im Freudenrausch riskieren wir mehr und achten weniger auf Gefahren. Zudem zeigen Studien, dass sich Menschen in blendender Laune bei Entscheidungen stärker auf ihre Vorurteile stützen, statt wohlüberlegt vorzugehen.

Auch das Gedächtnis kann unter zu vielen positiven Gefühlen leiden: In einer Studie von Justin Storbeck vom Queens College und Gerald Clore von der University of Virigina erinnerten sich die gut gelaunten Teilnehmer weniger genau an zuvor Gelerntes als die schlecht gestimmten.

Die rosarote Brille scheint zudem den Sinn für Fairness zu trüben: Hui Bing Tan und Joseph Forgas von der University of New South Wales in Sydney baten Probanden, Lotterielose mit anderen zu teilen. Glückliche Probanden gaben weniger ab, und es fiel ihnen noch dazu schwerer.

Quellen

Gilbert, P. et al.: Fears of Happiness and Compassion in Relationship with Depression, Alexithymia, and Attachment Security in a Depressed Sample. In: British Journal of Clinical Psychology 10.1111/bjc.12037, 2013

Gruber, J., Mauss, I B., Tamir, M.: A Dark Side of Happiness? How, When, and Why Happiness Is Not Always Good. In: Perspectives on Psychological Science 6, S. 222, 2011

Ji, L-J., Richard E. Nisbett, R. E., Su, Y.: Culture, Change, and Prediction. In: Psychological Science 12, S. 450, 2001

Joshanloo, M. et al.: Fragility of Happiness Beliefs across 15 National Groups. In: Journal of Happiness Studies 10.1007/s10902–014–9553–0, 2014

Raes, F. et al.: Dampening of positive affect prospectively predicts depressive symptoms in non-clinical samples. In: Cognition and Emotion 26, S. 75–82, 2012

Storbeck, J., Clore, G. L.: With Sadness Comes Accuracy; With Happiness, False Memory Mood and the False Memory Effect. In: Psychological Science 16, S. 785–791, 2005

Tan, H. B., Forgas, J. P.: When happiness makes us selfish, but sadness makes us fair: Affective influences on interpersonal strategies in the dictator game. In: Journal of Experimental Social Psychology 46, S. 571–576, 2010

Wood, J. V. et al.: Savoring versus Dampening: Self-­Esteem Differences in Regulating Positive Affect. In: Journal of Personality and Social Psychology 85, S. 566 – 580, 2003

Jochen

Eine Kryon-University – die Schule ist nicht genug

Nie was von gehört- aber Zeit, dass diesem Spuk ein Ende gemacht wird.

Aus PSIrAM http://www.psiram.com/ge/index.php/Kryon :

Kryon ist der Name eines vom amerikanischen Esoteriker Lee Carroll erfundenen Wesens, das in der Lage sein soll, zu bestimmten Personen einen Kontakt herzustellen, der auf herkömmlichen, naturwissenschaftlich oder technisch nachvollziehbaren Wegen nicht möglich sei. Solche Kontakte mit der Durchgabe von Botschaften werden Channeling genannt. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Personen, die angibt, Channelings von Kryon zu erhalten und diese auf dem Esoterik– und Psychomarkt verkauft.“

http://www.psiram.com/ge/index.php/Sabine_Sangitar_Wenig

Die Esoterikerin Sabine (Sangitar) Wenig ist nach eigenen Angaben „Medium der Neuen Zeit“, Reiki-Meisterin und -Lehrerin nach Dr. Usui sowie Systemische Therapeutin (HPG), ausgebildet in humanistischer Psychotherapie, systemischer Familientherapie sowie zur Bioenergietherapeutin. Sie will eine „sehr erfolgreiche Existenz“ als Therapeutin aufgegeben haben, um ihr weiteres Leben der Arbeit als Medium zu widmen. Zusammen mit ihrem Ehemann Heiko (El’Shara) Wenig ist sie Gesellschafterin und Inhaberin der Firma Sangitar Verlag GmbH in Rosenheim.[1]

Hauptgeschäftszweig ist die „Kryonschule„. Die Beinamen „Sangitar“ und „El’Shara“ will Frau Wenig gechannelt haben. Derartige „geistige“ Namen sind in vielen esoterischen Organisationen üblich. Sabine Wenig channelt jedem Kryonschüler einen solchen „Ursprungsnamen“ kostenlos. Für Nichtschüler kostet der Service 40 €.[2] Heiko Wenig wirbt für seine speziellen Dienstleistungen mit einer eigenen Webpräsenz.

 

Nachtrag aus https://www.psiram.com/de/index.php/Sabine_Sangitar_Wenig

Im Jahre 2014 wurde der Versuch, den Begriff einer Kryon-Universität zu etablieren, nach einer entsprechenden Anzeige unterbunden. Ansatz und Ausgangslage war die Tatsache, dass der Begriff gesetzlich geschützt ist. „… (2) Mit Geldbuße bis zu einhunderttausend Euro kann belegt werden, wer: 1. unbefugt die Bezeichnung Universität, Universitätsklinikum, Hochschule, Fachhochschule, Kunsthochschule, Gesamthochschule oder eine Bezeichnung führt, die damit verwechselt werden kann“[16]

Zitate:

November 12, 2014 um 7:33 Die „Kryon-University“ verschwindet nun langsam von der Bildfläche. Bei MOMANDA hat sie sich in ein „Zentrum für Ganzheitliches Leben“ verwandelt. Wie originell. Die Facebook-Seite wurde ganz entfernt. Bei Groops ist sie ein „Zentrum für Gesundheit und ganzheitliches Leben Nürnberg“ geworden.[18]
Auch ziemlich abgedroschen. Die Leute haben einfach keine Fantasie. Aber mit der Fantasy-University scheint nun Feierabend zu sein. Es kann gut sein, dass denen inzwischen eine Unterlassungsverfügung des Ministeriums ins Zentrum geflattert kam. Nach Freiwilligkeit sieht dieser Rückzug jedenfalls nicht aus. Ich werde das mal weiter geben. Wenn nämlich nach einer angemessenen Zeit die „Kryon-University“ noch irgendwo erscheinen wollt, wird das abmahnfähig sein.[19]

 

Ratgeber-News-Blog

Gastbeitrag von Jan Hardo

Es müsste eigentlich in der Esoterikszene hinlänglich bekannt sein, dass der Begriff „Universität“ gesetzlich geschützt ist. Deshalb ist für die meisten in ihrem Größenwahn spätestens bei Akademie Ende der Fahnenstange. Es meinen aber immer wieder welche, sich in ihren Allmachtsfantasien über geltendes Recht hinwegsetzen zu können. Oft ist es pure Naivität. Die gesetzlichen Regelungen zum Schutze des Bezeichnung Universität sind Ländersache. Hier sind wir in Bayern.

Art. 87 BayHSchG
(2) Mit Geldbuße bis zu einhunderttausend Euro kann belegt werden, wer
1. unbefugt die Bezeichnung Universität, Universitätsklinikum, Hochschule, Fachhochschule, Kunsthochschule, Gesamthochschule oder eine Bezeichnung führt, die damit verwechselt werden kann.

Deshalb gab es eine Mail an das
Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
80333 München
poststelle@stmbw.bayern.de

Ordnungswidrigkeiten-Anzeige
wegen Verstoßes gegen das Bayerische Hochschulgesetz (BayHSchG) vom 23.05.2006
gegen C. und R. G.

Das vorgenannte Ehepaar G. gehört zur Anhängerschaft des esoterischen Kryon-Kultes. Dazu einige Hintergrundinformationen

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Haderthauer – die Ober-Idealistin ?

„Die Empörungswelle und Skandalhysterie der letzten Wochen werden nach und nach in sich zusammenbrechen“, sagte Haderthauer noch vor der Kabinettsitzung.

Ihre frühere Beteiligung an der Firma Sapor Modelltechnik sei kein fragwürdiges Geschäft gewesen, sondern ein „von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art„. Die Firma hatte Modellautos psychisch kranker Straftäter verkauft.

Soweit SPIEGEL online

Anzumerken ist, dass die Firma Haderthauer&Co die Modellautos für das 10 – 20fache dessen verkaufte, was die Häftlinge für ihre Arbeit erhielten. Also eine Profitrate von 1000-2000% !

Karl Marx zitiert den englischen Gewerkschafter T.J.Dunning:  “ Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf
Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren (=fördern). Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“ (MEW 23, S.788) Soweit das Zitat. Ist es aktuell? Gewiß, aber mit einer Einschränkung. All das geschieht bereits für eine wesentlich geringere Profitrate.

 2 Tage später auf SPIEGEL online:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/haderthauers-modellbau-affaere-neue-vorwuerfe-gegen-csu-frau-a-984998.html

Die Affäre um teure Modellautos und Bayerns Staatskanzleichefin Haderthauer weitet sich aus: Bei einer Hausdurchsuchung stießen Fahnder im Mai laut SPIEGEL-Informationen auf brisante Unterlagen. Es geht um Auslandsflüge – und zusätzlich mehr als 140.000 Euro.

Am 21. Mai standen Ermittler der Augsburger Steuerfahndung vor der Villa des Ehepaars Haderthauer in Ingolstadt. Die Beamten suchten nach Unterlagen der Firma Sapor Modelltechnik. Dabei wurden Dokumente gefunden, die heute auch für die Frage relevant sind, ob die Gewinne von Sapor gegenüber dem Finanzamt und gegenüber einem früheren Gesellschafter bewusst geschmälert worden waren.

 Für die Firma Sapor, die das Ehepaar Haderthauer zusammen mit Geschäftspartnern aufgebaut hatte und in der Christine Haderthauer als Geschäftsführerin und Gesellschafterin wirkte, fertigten psychisch kranke Straftäter exklusive Oldtimer-Modelle. 2008 verkaufte Hubert Haderthauer die Firma. Der ehemalige Geschäftspartner Roger Ponton fühlt sich bei einer Abfindung übers Ohr gehauen und hatte Anzeige erstattet.

Fündig wurden die Fahnder im Arbeitszimmer der Staatskanzleichefin, in dem auch Unterlagen von Ehemann Hubert aufbewahrt werden. Das geht aus einem Schreiben der Staatsanwaltschaft an den Bayerischen Landtag hervor. Im einem Regal lagen Kontounterlagen mit dem Aufkleber „SAPOR“. Dort ist angeblich zu lesen, dass Christine Haderthauer noch 2007 und 2008 treuhänderische Inhaberin des Firmenkontos gewesen ist. Außerdem fanden die Ermittler eine externe Festplatte neben dem Computer der CSU-Frau. Darauf befanden sich dem Schreiben der Staatsanwaltschaft zufolge Dateien, die offenbar belegen, dass Christine Haderthauer in diesem Zeitraum persönlich auch den Schriftverkehr mit dem Steuerberater der Sapor geführt haben soll. Gegenüber dem Landtag hatte Haderthauer behauptet, sie sei 2003 nach ihrer Wahl in den Landtag aus der Firma ausgeschieden. Die Geschäfte habe immer ihr Mann geführt.

Die Ermittlungen der Steuerfahndung ergaben zudem den Verdacht, dass die Gewinne aus dem Verkauf der teuren Modellautos wesentlich höher waren, als dem Fiskus gemeldet wurde. So sollen 2007 mindestens 86.000 Euro und 2008 rund 57.500 Euro Einnahmen verschwiegen worden sein, insgesamt also etwa 143.500 Euro. Auch Mitgesellschafter Ponton soll diese Summen nie erfahren haben. Geschätzt knapp 72.000 Euro sollen ihm so entgangen sein.

Haben die Haderthauers Ponton ganz bewusst getäuscht? Von den Gewinnermittlungen 2004 bis 2008 bekam Ponton laut Staatsanwaltschaft jedenfalls nur die ersten zwei Seiten mit dem Jahresergebnis. 13 weitere Seiten mit dem Kapitalkonto wurden ihm nie geschickt.

Reisen nach Paris und in die Türkei

Weitere Dokumente schüren bei der Steuerfahndung den Verdacht, dass nicht nur Erlöse aus dem Verkauf der Modellautos unvollständig angegeben wurden. Auch sollen offenbar Ausgaben „ohne betrieblichen Anlass“ in den Gewinnaufstellungen erfasst worden sein. Darunter 2007 ein Flug in die Türkei für 1694 Euro samt Übernachtungskosten von 423 Euro für eine zweite Person neben Hubert Haderthauer. Ebenso reiste Hubert Haderthauer mit einer Begleitung 2008 nach Paris. Laut Flugticket soll offenbar Ehefrau Christine ihren Mann begleitet haben. Die 1100 Euro Übernachtungskosten für die zweite Person wurden offenbar betrieblich berücksichtigt. Wie die Fahnder feststellten, folgten zeitgleich Kreditkartenabbuchungen von Christine Haderthauers Kreditkarte in Paris. Die Fahnder schreiben später, ein betrieblicher Anlass für die Reisekosten der zweiten Person sei nicht erkennbar. Haderthauer hatte vergangene Woche erklärt, nicht sie, sondern ihre Tochter Christina habe die Reise angetreten, um die Modelle sicher zu transportieren.

5500 Euro für PR-Leistungen

Als ebenfalls merkwürdig stufen Ermittler 5500 Euro ein, die im Oktober 2008 von Sapor an Christine Haderthauer überwiesen wurden – Verwendungszweck „PR IN Projektberatung“. Die Staatskanzleichefin erklärte den Vorgang vergangene Woche so: Irrtümlich habe sie zwei Rechnungen der PR-Beratung von ihrem Konto beglichen, dann später bemerkt, dass die Rechnungen der PR IN an Sapor gerichtet waren und sich den Betrag zurückerstatten lassen. Doch welcher Art die Dienste der PR-Beratung für die Modellbaufirma waren, ist bisher nicht bekannt. Weder möchte sich Haderthauer dazu äußern, noch fanden sich bei der Hausdurchsuchung entsprechende Belege. Der Hintergrund für die angebliche PR-Tätigkeit sei aufgrund der vorliegenden Unterlagen nicht nachvollziehbar, notierten Ermittler.

Die Dienstleisterin immerhin ist Haderthauer gut bekannt. Es ist ihre Stimmkreisreferentin, die Ingolstädter CSU-Stadträtin Dorothea Soffner. Eine Vertraute, die seit Jahren für die Staatsministerin arbeitet. Soffner ist in den Urlaub verreist und weder per Telefon noch per Mail erreichbar. Die Website der PR IN ist seit etlichen Wochen leer, die Seite werde überarbeitet. Christine Haderthauer möchte sich zu den neuen Details mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen derzeit nicht äußern.

 

JSN : Ab jetzt auch auf wordpress.com als Blog zu sehen !

JOchens SOzialPOlitische NACHRICHTEN

Ich_kLiebe Leute,
Habe mich ab heute, meinem 60.Geburtstag als Blogger unter josopon.wordpress.com angemeldet.
Wenn es klappt, könnt ihr da alles nachlesen.
Ich hoffe, ich kriege keinen Ärger wegen Urheberrechtsverletzungen, werde Zitate weiterhin als solche kennzeichnen.

Auf Fratzbuch habe ich auch weiterhin keine Lust !

Und der Name des ehemaligen Kanzleramtsministers wird ab jetzt auf der 1. Silbe betont:
PO-Faller, PO-Faller, PO-Faller, weil er der Merkel aus dem Po gefallen ist.

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Jochen