Mäuse machen es den Menschen nach – bedrohen seltene Arten auf kleinen Inseln

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Auf der Atlantikinsel Gough treiben überdimensionierte Mäuse ihr Unwesen und bedrohen seltene Arten. Doch bald sollen die Nager wieder ausgerottet werden:
http://www.spektrum.de/news/monstermaeusen-geht-es-an-den-kragen/1502303
von Daniel Lingenhöhl
Auszüge

Um das Jahr 2005 machten die beiden Wissenschaftler Ross Wanless und Andrea Angel von der University of Cape Town auf Gough eine gruselige Entdeckung: Sie beobachteten, wie Mäuse die Jagd auf Albatrosküken lernen. Sie attackieren die Jungvögel, obwohl die um ein Mehrfaches größer sind als die Nagetiere, und fressen sie quasi bei lebendigem Leib auf. Die Tiere verenden meist erst, wenn der Blutverlust zu groß wird. Doch bei den Mäusen handelt es sich auch nicht mehr um die normalen Hausmäuse (Mus musculus), die wohl 1888 versehentlich auf der Atlantikinsel eingeschleppt wurden. Über die Generationen wurden die Nager langsam größer und wiegen mittlerweile doppelt so viel wie ihre Verwandtschaft in der ursprünglichen Heimat.

Diese Mausgiganten gelten mittlerweile als größte Gefahr für die See- und Landvögel Goughs. Neben Albatrossen sind auf Gough auch viele andere Seevogelarten betroffen, wie Ben Dilley von der University of Cape Town und seine Kollegen berichteten: Schon wenige Stunden nach dem Schlüpfen töteten die Mäuse die mit Kameras überwachten Sturmvogel- und Sturmtaucher-jungen – die Verlustraten betrugen zwischen 60 und 100 Prozent; geschätzte eine Million Küken werden jede Saison gefressen. Auf Dauer führen diese Zahlen selbst für langlebige Seevögel zum Aussterben, zumal manche der Arten nur auf Gough nisten wie der Tristanalbatros (Diomedea dabbenena) und der Hakensturmvogel (Pterodroma incerta). Auch die Gough-Ammer (Rowettia goughensis), ein nur hier vorkommender Singvogel leidet unter der Plage.

Doch Abhilfe scheint endlich in Sicht: Ein Plan zur Bekämpfung der Mäuse wurde bewilligt, nachdem feststand, dass das Projekt erfolgreich verlaufen kann. Ab 2019 sollen auf der Insel Giftköder ausgebracht werden, um die Nagetiere letztlich auszurotten.
Gefördert und durchgeführt wird das Vorhaben von der britischen Regierung – Gough ist ein Überseeterritorium –, National Fish and Wildlife Foundation und der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), wie die Organisation in einem Blog schreibt. Seit dieser Woche befinden sich drei RSPB-Mitarbeiter auf dem Weg nach Gough, um in den kommenden 13 Monaten die Mausbekämpfung vorzubereiten.

Dieses Unterfangen ist nicht einfach, denn Gough gehört zu einer der am weitesten vom Festland gelegenen und isolierten Inseln der Erde: Der nächste größere Hafen liegt in Südafrika, 2800 Kilometer entfernt. Jegliches Material muss per Schiff herantransportiert und über steile Klippen auf das Eiland gehievt werden. Zudem bewohnen nur einige Meteorologen dauerhaft Gough. Wetter und steiles Gelände erschweren zusätzlich die Arbeit, denn die Insel liegt mitten in der südatlantischen Westwindzone: Stürme und Dauerregen treten regelmäßig auf.
Problematisch ist auch die Anpassung der Mäuse an das saisonale Nahrungsangebot: Im Gegensatz zu anderen Regionen, in denen Mäuse oder Ratten Inselarten gefährden, sind die Nager auf Gough im Winter sogar oft noch besser genährt als im Sommer – sie stürzen sich also vielleicht weniger bereitwillig auf angebotene Köder, weil sie unter Hunger leiden. Und folglich geht ihr Bestand auch weniger stark zurück als auf anderen Inseln, auf denen die Tiere erfolgreich und vollständig dezimiert wurden.

Umgekehrt haben Ökologen immer bessere Erfahrungen mit schwierigen Ausrottungskampagnen. Selbst auf der großen subantarktischen Insel Südgeorgien, wo das Wetter noch rauer ist, wurden Ratten erfolgreich bekämpft. Zum Einsatz kamen gebräuchliche Rodentizide, die nicht sofort zum Tod der Ratten führen, sondern einige Tage verzögert über die Leber die Blutgerinnung der Tiere unterbinden. Dadurch wird verhindert, dass Artgenossen spitzkriegen, woran ein Tier verendet ist. Stattdessen verbluten sie erst später in ihren Höhlen, denn das eingesetzte Mittel Brodifacoum macht die Ratten lichtempfindlich: Sie verkriechen sich zum Sterben in ihre Bauten.
Die beteiligten Wissenschaftler sind daher für Gough ebenfalls zuversichtlich. Einen Lichtblick kann der RSPB schon für 2017 vermelden: Die Tristanalbatrosse können auf die erfolgreichste Brutsaison seit mindestens einem Jahrzehnt zurückblicken – wenn die Jungvögel nach Jahren auf hoher See wieder in ihre Heimat zurückkehren, ist sie dann hoffentlich mäusefrei.

Für Menschen gibt es auch einen Köder: Geld. Damit verkriechen sie sich auch in ihre Bauten, vor ihre Bildschirme, und entfremden einander immer mehr.

Jochen