Kinderarmut in Deutschland: „Sie mussten früh erwachsen werden“

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Heute ein Interview mit Irina Volf vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in den NachDenkSeiten:
https://www.nachdenkseiten.de/?p=59417

ISS - Gemeinnütziger e.V.Auszüge:

„Als Person, die nicht in Deutschland aufgewachsen ist, ist es für mich kaum zu fassen, dass es junge Menschen in einem der reichsten Länder der Welt gibt, die wie in einer Parallelgesellschaft in erbärmlichen Bedingungen aufgewachsen sind und bis heute Tag für Tag kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen.“
Das sagt Irina Volf vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS). Im Interview mit den NachDenkSeiten geht sie auf die von ISS und Arbeiterwohlfahrt (AWO) durchgeführte Langzeitstudie „Wenn Kinderarmut erwachsen wird“ ein. In der hochinteressanten Studie wurden Kindern aus armen Familien seit 1999 in verschiedenen Stadien ihres Lebens wissenschaftlich beobachtet.
Die Ergebnisse sind teils überraschend, teils alarmierend und erschütternd. Von Marcus Klöckner.

Frau Volf, wenn es um die Auswirkungen von Kinderarmut geht, ist es gar nicht so einfach, belastbare wissenschaftliche Daten zu erhalten, oder?

Richtig, und zwar aus vielen unterschiedlichen Gründen. Kinderarmut ist kein einfaches Thema, sowohl politisch als auch forschungstechnisch.
Zum einen braucht man eine gewisse Zahl an armen Familien mit Kindern, die überhaupt bereit wären, lange Fragebögen auszufüllen und über ihre Lage zu sprechen.
Zum anderen bedarf es eines fundierten Konzepts, um dieses gesellschaftliche Phänomen mit wissenschaftlichen Methoden zu erfassen.
Das Ganze über mehrere Jahre und mit denselben Personen umzusetzen, ist eine Mammutaufgabe.

Eine Studie der Arbeiterwohlfahrt und des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik hat über einen langen Zeitraum untersucht, wie sich Kinderarmut auf die betreffenden Kinder auswirkt.
Wie lange ist die Studie gelaufen? Und: Warum haben Sie die Studie über einen so langen Zeitraum durchgeführt?

Die AWO-ISS-Studie zur Kinderarmut geht auf das Jahr 1997 zurück. Die Arbeiterwohlfahrt hat das Thema Kinderarmut in den 1990er Jahren verstärkt in den Fokus genommen, als die Sozialleistungsbezugsquoten unter Familien mit Kindern stiegen und die Folgen auch in ihren sozialen Einrichtungen sichtbar wurden.
So hat der Bundesverband in einem ersten Schritt 2.700 AWO-Kinder-, Jugend- und Familieneinrichtungen befragt und untersucht, wie Armut in der Praxis von den AWO-Fachkräften wahrgenommen wird.
Im Ergebnis wurde unter anderem erkannt, dass die AWO-Einrichtungen zwar viele sozial benachteiligte Gruppen erreichen.
Welche konkrete Bedeutung Armut als eine Lebensbedingung für die Entwicklung der Kinder hat und was der Verband für armutsbetroffene Kinder machen kann, erforderte jedoch eine weitere systematische Untersuchung und zwar aus der Kindesperspektive. Damals waren die Folgen familiärer Armut auf Kinder kaum erforscht.
Diese Lücke wollte der Bundesverband zügig schließen und gab ein Forschungsprojekt beim ISS in Auftrag. Bereits die erste Phase der AWO-ISS-Studie war so aufschlussreich, dass das Interesse an der weiteren Entwicklung der Kinder nie nachgelassen hat.
Mit der Zeit spitzte sich die Problematik der Kinderarmut in der Bundesrepublik weiterhin zu. Aktuell betrifft Armut jedes fünfte Kind in Deutschland. Bis heute bleibt die AWO-ISS-Studie in ihrer Konzeption allerdings einmalig.

Wie haben Sie Armut bei den Kindern Ihrer Studie überhaupt erfasst? Anders gefragt: Woran konnten Sie festmachen, dass ein Kind in Armut lebt?

Zunächst muss man etwas klar sagen: Es gibt keine armen Kinder ohne arme Eltern. Es handelt sich also um Kinder, die in einkommensarmen Familien aufwachsen.

Wenn über Kinderarmut gesprochen wird, wird genau diese Tatsache oft ignoriert. Kinder sind deshalb arm, weil die Eltern arm sind.

Eben.

Wann ist aus der Sicht Ihrer Studie nun eine Familie bzw. ein Kind arm?

Als einkommensarm bezeichnen wir Familien, die staatliche Transferleistungen wie zum Beispiel Hartz IV, Kinderzuschlag, Wohngeld beziehen und/oder – gemäß der gängigen Armutsdefinition – monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland haben.
Einkommensarmut ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Viel wichtiger ist die Frage, was bei den Kindern in armen und nicht armen Familien tatsächlich ankommt.

Wie meinen Sie das?

Wir wissen aus der Forschung, dass einige Kinder trotz knapper finanzieller Ressourcen der Eltern im Wohlergehen aufwachsen.
Im Alter von sechs Jahren war es immerhin jedes vierte Kind aus den armen Familien, bei denen – statistisch gesehen – keine Armutsfolgen nachgezeichnet werden konnten. Viel häufiger tritt allerdings ein anderes Szenario ein.

Nämlich?

Jedes dritte Kind aus armen Familien wächst in multipler Deprivation auf, d. h. diese Kinder sind mehrfachen gravierenden Einschränkungen und Benachteiligungen in (fast) allen Lebensbereichen ausgesetzt.
Vergleicht man die Lebenslagen der Kinder aus armen und nicht armen Familien, dann wird es deutlich: Unter den Armutsbedingungen sind die Chancen der Kinder, im Wohlergehen aufzuwachsen, halb so groß und die Risiken auf ein Leben mit mehrfachen Einschränkungen dreimal höher als bei den Kindern aus finanziell besser gestellten Familien.

Bevor wir die Studie genauer beleuchten, vorab die Frage: Was können die Folgen von Armut bei Kindern sein?

Es hängt davon ab, von welchem Alter wir sprechen. Kinder haben in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Bedarfe und Bedürfnisse, aber auch verschiedene Entwicklungsaufgaben.
Wenn sich ein Kind altersgemäß entwickelt, an sozialen und kulturellen Angeboten wie Bildung, Sport, Freizeitaktivitäten teilhat und keine Einschränkungen aufgrund der finanziellen Lage der Eltern wie zum Beispiel bei Essen, Kleidung, Wohnraum oder bei gemeinsamen familiären Aktivitäten erlebt, dann gehen wir davon aus, dass es dem Kind gut geht. Diese gute Lebenslage bezeichnen wir als „Wohlergehen“.
Sobald wir bei einem Kind auffällig viele Einschränkungen feststellen, die im Zusammenhang mit der finanziellen Lage der Familie stehen, sprechen wir von Armutsfolgen und unterscheiden dann die Lebenslagen – je nach Ausprägungen der Einschränkungen – zwischen „Benachteiligung“ oder gar „multipler Deprivation“.
Die Unterschiede zwischen den armutsbetroffenen Kindern und ihren Altersgenossen aus finanziell besser gestellten Familien lassen sich bereits im Kita-Alter feststellen: Sie weisen häufiger Spiel- und Sprachauffälligkeiten auf, ihre Grob- und Feinmotorik ist schlechter entwickelt, sie sind häufiger entweder sehr zurückhaltend oder umgekehrt aggressiv.
Mit zehn Jahren erleben die Kinder aus armen Familien zudem häufiger Benachteiligung in sozialen und kulturellen Bereichen. Selten können sie ihre Freunde nach Hause einladen, den eigenen Geburtstag feiern oder zu anderen Kindern zum Geburtstag kommen, weil das Geld für ein Geschenk fehlt.

Würden Sie kurz schildern, wie Ihre Studie aufgebaut ist? Wie viele Kinder hat Ihre Studie umfasst?

Im Jahr 1999 erfolgte die erste Datenerhebung in 60 AWO-Kindertageseinrichtungen. Die Erzieherinnen und Erzieher füllten die Fragebögen auf Grundlage ihrer Beobachtungen für insgesamt 893 Sechsjährige aus.
Als die Kinder zehn und 16/17 Jahre alt waren, wurden jeweils bis zu 500 Familien wiedererreicht und direkt befragt. Dabei wurden die Lebenslagen sowohl aus der Sicht der Kinder als auch aus der Sicht der Eltern untersucht.
Im Jahr 2018 waren die Studienteilnehmenden bereits junge Erwachsene, die teilweise schon selbst Kinder hatten.
Zum Glück sind 205 Personen unserer Einladung gefolgt und haben an der Befragung zu (Langzeit-)Folgen der Kinderarmut bis zum jungen Erwachsenenalter teilgenommen.
Zusätzlich zu den quantitativen Daten wurden in jeder Studienphase zahlreiche Interviews mit Kindern und Eltern geführt. Somit ist es im Rahmen der Studie möglich, die Lebensverläufe der armen und nicht armen Sechsjährigen bis zum 25. Lebensjahr nicht nur quantitativ, sondern für einzelne Personen auch qualitativ zu rekonstruieren.

Damit ist die Studie allerdings nicht repräsentativ, oder?

Richtig, dies war aber auch nie ein Ziel. Für die Studie wurden 60 Kitas bundesweit ausgewählt, die in benachteiligten Quartieren verortet waren. Damit war angestrebt, möglichst viele Kinder aus armen Familien zu erreichen.
Das Ziel war auch erreicht. Während damals in der Bundesrepublik die Armutsquote bei den fünf- und sechsjährigen Kindern bei 11 Prozent lag, lag der Anteil der Kinder aus armen Familien der AWO-ISS-Studie bei 26 Prozent.
Aus diesen methodischen Gründen gilt diese Studie als nicht repräsentativ.

Worin liegt dennoch ihr Wert?

Die Lebensverläufe der Kinder zu erforschen – und zwar einerseits differenziert nach Armutserfahrungen in ihren Biographien und andererseits nach Kumulation von Benachteiligungen im zeitlichen Verlauf – ist eine methodische Herausforderung und in der Praxis eine anspruchsvolle Aufgabe. Vielleicht deswegen gibt es bislang in Deutschland keine weitere vergleichbare Studie, die so viele Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Muster beleuchtet.
Wie haben sich die Kinder in armen und nicht armen Familien im Kindergarten- und Grundschulalter entwickelt? Wie gelang ihnen der Übergang in die Grundschule?
Mit welchen Schwierigkeiten wurden sie beim Übergang in die weiterführende Schule konfrontiert? Welche Rolle hatte dabei die familiäre Armut?
Haben sie als Jugendliche einschneidende Lebensereignisse erlebt? Konnten sie diese bewältigen? Wie ging es ihnen gesundheitlich? Mussten sie schon früh jobben?
Was passierte nach dem Schulabschluss? Haben sie einen beruflichen Abschluss erreicht und einen guten Job gefunden?
Und, die spannendste Frage natürlich: Gelang es den ehemals armen sechsjährigen Kindern, der familiären Armut beim Erwachsenwerden zu entkommen?
Aus all den zahlreichen Studienerkenntnissen wurden ganz konkrete Empfehlungen für die praktische Arbeit der Sozialen Dienste mit Kindern und Jugendlichen entwickelt und sozialpolitische Schlussfolgerungen formuliert.

Wie sieht nun die Lebenswelt der ehemals armen Kinder heute aus? Welche Einblicke konnten Sie gewinnen?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie aus der Langzeitperspektive ist, dass es keinen Automatismus zwischen „einmal arm – immer arm“ gibt. Dies haben wir auch in der letzten Studienphase bestätigt.
Dennoch blieb die Mehrheit der nicht armen Sechsjährigen – und hier meine ich rund 80 Prozent – bis zur Jugendzeit nicht arm und die Mehrheit der armen Sechsjährigen – rund 60 Prozent – arm.
Was wir beim Übergang ins junge Erwachsenenalter beobachten können, ist, dass es zwei Dritteln der ehemals armen sechsjährigen Kinder tatsächlich gelang, einen Sprung aus familiärer Armut zu machen. Ökonomische Verselbstständigung spielte dabei die entscheidende Rolle.
Ein Drittel lebt allerdings weiterhin in Armut. Betrachten wir die Langzeitfolgen von Kinderarmut, so stellen wir fest, dass Armutserfahrungen in Kindheit und/oder Jugend noch deutliche Spuren auch nach vielen Jahren hinterlassen haben. Armutsbetroffene junge Menschen verfügen zu Beginn des Erwachsenenlebens über weniger Ressourcen, sowohl materieller, sozialer als auch kultureller Art. Sie sind mit 25 Jahren deutlich häufiger als ihre Altersgenossen ohne Armutserfahrung mit gesundheitlichen – vor allem psychischen – Problemen konfrontiert. Ihr Gesundheitsverhalten ist riskanter.
Da sie auch ein niedrigeres Bildungs- und Qualifikationsniveau erreichen, sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders erfolgsversprechend.
Lebt ein Kind sein ganzes Leben in Armut, so ist das Risiko für „multiple Deprivation“ im jungen Erwachsenenalter hoch und liegt in unserer Studie bei 25 Prozent.

Gab es auch überraschende Befunde?

Ich persönlich habe im Rahmen der Studie sehr viele Aha-Erlebnisse gehabt, da ich sowohl viele Daten berechnet als auch einen Teil der Interviews mit den Studienteilnehmenden durchgeführt habe.
Es gab einige Hypothesen, die wir im Rahmen unserer Studie nicht bestätigen können, wie zum Beispiel, dass es Migrantenkindern – die als Gruppe mit erhöhtem Armutsrisiko gilt – schlechter geht als Studienteilnehmenden ohne Migrationserfahrungen oder dass auch mittlere Bildung vor Armut schützt. Nein, dies tut sie nicht mehr.
Gleichzeitig können wir belegen, was auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheint, und zwar, dass es der Mehrheit der ehemals armen Kinder dennoch gelungen ist, die familiäre Armut im jungen Erwachsenenalter hinter sich zu lassen. Besonders überrascht hat uns der quantitative Befund bezogen auf die Suche nach Faktoren, die klare Hinweise darauf geben können, ob ein Kind im jungen Erwachsenenalter von Armut betroffen wird oder nicht.
Armut in Kindheit und Jugend erhöht das Armutsrisiko im jungen Erwachsenenalter. Auch Bildungsniveau und Erwerbstatus spielen eine große Rolle.
Aber: Wenn die Armutsfolgen bei Kindern bis zur Jugendzeit vermieden werden können, dann verliert die Einkommensarmut der Familie an prognostischer Kraft, ob die Kinder selbst im jungen Erwachsenenalter arm werden.
Mit anderen Worten: Wenn die Kinder im Wohlergehen trotz Armut aufwachsen, haben sie gute Chancen auf ein gutes Leben als Erwachsene.
Über die qualitativen Befunde, die mich überrascht haben, bräuchten wir wahrscheinlich ein zweites Interview. Als Person, die nicht in Deutschland aufgewachsen ist, ist es für mich kaum zu fassen, dass es junge Menschen in einem der reichsten Länder der Welt gibt, die wie in einer Parallelgesellschaft in erbärmlichen Bedingungen aufgewachsen sind und bis heute Tag für Tag kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen.

Sie sprechen in Ihrer Studie davon, dass bei armen Kindern oftmals „soziale Unterstützernetzwerke“ fehlen. Wie meinen Sie das?

Der Frage nach sozialen Unterstützungsnetzwerken sind wir sowohl quantitativ als auch qualitativ nachgegangen.
Zum einen stellten wir fest, dass sich die armutsbetroffenen Studienteilnehmenden rückblickend deutlich seltener von ihren Familien oder Freunden unterstützt gefühlt haben. Väter standen zum Beispiel jeder fünften Person mit Armutserfahrung im ganzen Leben nicht als unterstützende Ressource zur Verfügung. 42 Prozent der armen jungen Erwachsenen hätten in ihrem privaten Umfeld keine einzige Person, die ihnen 1.000 Euro in einer schwierigen Situation leihen würde.
Zum anderen haben wir im Rahmen der Interviews die jungen Menschen gefragt, wie sie sich für ihre Ausbildungs- und Studiengänge entschieden und wie sie einen ersten Job gefunden haben.
Im Ergebnis war es klar, dass die armen Jugendlichen bei solchen Fragen deutlich seltener Unterstützung aus dem privaten Umfeld bekommen haben. Die jungen Erwachsenen aus finanziell stabilen Familien sowie die jungen Menschen, die einen sozialen Aufstieg geschafft haben, berichteten in der Regel von der einen oder anderen Person aus der Familie oder ihrem Bekanntenkreis, die ihnen bei solchen Fragen mit Rat und Unterstützung zur Verfügung stand.

Sie haben bei armen Kindern auch eine „Orientierungslosigkeit“ bei Eintritt in die Berufsphase festgestellt. Woran liegt das?

Zum einen liegt es daran, dass die Jugendlichen aus armen Familien seltener Vorbilder in ihren Familien haben, die ihnen bei der Berufsorientierung helfen können.
Zum anderen berichteten die jungen Menschen aus nicht armen Familien, dass ihr Lebensverlauf von ihren Eltern praktisch vorgegeben wurde. Für manche von ihnen stand es gar nicht zur Diskussion, dass sie nach dem Schulabschluss studieren würden. Sie sind mit dieser Orientierung aufgewachsen. Das ist für sie etwas Selbstverständliches gewesen, was sie auch als Jugendliche nie in Frage gestellt haben.
Die Kinder aus armen Familien berichteten im Gegenteil davon, dass sie mit der Einstellung aufgewachsen sind, dass Unis nur für reiche Menschen da wären.
Nun kommen wir wieder auf den Punkt, was uns im Rahmen der Studie überrascht hat. Diesen Befund kann ich immer noch nicht verdauen.

Damit meinen Sie…?

Bildung ist zwar ein hohes Gut, aber auch ein Menschenrecht. Dieses Recht soll für alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und finanzieller Möglichkeiten der Eltern gelten. Soll.
In der Praxis sieht es aber anders aus. Wenn Kinder in armen Familien mit der Einstellung oder sogar dem Wissen aufwachsen, dass sie es nie bis zur Uni schaffen werden, dann gibt es für die Zukunft wenig Hoffnung.
Und wenn sie erwachsen werden, dann werden sie in der Gesellschaft noch als „bildungsfern“ bezeichnet. Durch diese Zuschreibung wird ein gesellschaftspolitisches Problem – Armut entsteht in Folge politischer Entscheidungen – individualisiert. Die Schuld wird auf die Menschen geschoben, wobei die Ursachen im System liegen.
Kinder aus armen Familien haben keine gleichen Startchancen und durch die Selektionsmechanismen des Bildungssystems werden sie von der Bildung noch weiter entfernt.

Wie schätzen arme Kinder ihre eigene Lage ein?

Interessant finde ich die Ergebnisse bezogen auf die rückblickende Einschätzung der jungen Erwachsenen, ob sie als Kinder in Armut gelebt haben oder nicht. Da spielt der Lebenslagenansatz der Studie die zentrale Rolle.
Denn die Kinder, die trotz familiärer Armut im Wohlergehen aufgewachsen sind, können später gar nicht so richtig beurteilen, ob ihre Familie arm war. Die Einschränkungen, die sie vielleicht immer mal wieder erlebt haben, deuten sie eher als positive Erziehungswerte der Eltern um.
Die Kinder, die in Armut und dabei mit vielen gravierenden Einschränkungen aufgewachsen sind, können ihre schwierige Lebenslage als Kinder sehr genau rekonstruieren. Sie betonen, dass sie auch nur Kinder sein wollten.
Aber es kam in ihrem Leben doch anders: Sie mussten früh erwachsen werden.

Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf die Demokratie hat es, wenn Kinder in Armut aufwachsen?

An dieser Stelle würde ich gerne einen weiteren Befund der Studie aufgreifen, der auf alarmierende Zustände hindeutet.
Zum einen glaubt rund jede vierte armutsbetroffene Person – und dies ist doppelt so viel wie ihre nicht armen Altersgenossen – dass sie eher wenig über Politik wissen. Und fast die Hälfte der Armutsbetroffenen glaubt zudem, dass die Politikerinnen und Politiker sich nicht viel darum kümmern, was Leute wie sie denken.
Armut hinterlässt also nicht nur deutliche Spuren im Leben der Menschen und raubt ihnen die Chancen auf Wohlergehen, sondern trägt auch dazu bei, dass Menschen sich nicht als Teil einer lebendigen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft fühlen.
Das heißt, dass deren Interessen deutlich weniger sichtbar werden und damit auch in politischen Entscheidungsprozessen weniger beachtet werden können als die Interessen derjenigen ohne Armutserfahrung.

Was bedeuten denn Ihre Erkenntnisse für die Politik? Was muss unternommen werden, um armen Kindern zu helfen?

Diese Frage hat sich die Arbeiterwohlfahrt als Auftraggeber, der die Studie nun seit mehr als 23 Jahren finanziert, in jeder Studienphase gestellt und auch dieses Mal auf den Ebenen des Bundesverbandes, der Landesverbände und der Kreisverbände diskutiert. Im Ergebnis dieses Prozesses hat die AWO fünf zentrale Forderungen an die Politik formuliert, die ich gern punktuell aufgreifen würde.
An erster Stelle gilt es, Einkommens- und Familienarmut wirkungsvoll zu bekämpfen, indem die Rahmenbedingungen für gute und existenzsichernde Arbeit weiter verbessert werden.
Durch eine Reform der kinder- und familienpolitischen Leistungen soll das soziokulturelle Existenzminimum aller Kinder verlässlich abgebildet und bereitgestellt werden.
Hierzu ist die Einführung einer einkommensabhängigen Kindergrundsicherung erforderlich.
Auch die soziale Infrastruktur zu stärken, zu verzahnen und präventiv auszurichten, ist wichtig, da diese für alle Menschen vor Ort in allen Lebenslagen als verlässliche Unterstützung zur Verfügung stehen sollte.
In Bildung sollte verstärkt investiert werden, damit eine nachhaltige Integration aller jungen Erwachsenen in Ausbildung und Arbeit erfolgen kann.
Alle junge Menschen sollen eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben im Wohlergehen haben und zwar unabhängig davon, ob ihre Eltern ihnen dies ermöglichen konnten oder nicht.
Es ist schließlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Lesetipp: Volf, Irina/Laubstein, Claudia/Sthamer, Evelyn: Wenn Kinderarmut erwachsen wird. Kurzfassung. Frankfurt a.M. 2019.

Volf, Irina/Laubstein, Claudia/Sthamer, Evelyn/Bernard, Christiane/Holz, Gerda. (2019) Wenn Kinderarmut erwachsen wird. AWO-ISS-Langzeitstudie zu (Langzeit-)Folgen von Armut im Lebensverlauf. Frankfurt a. M.

Vergleiche dazu meinen Beitrag vom Vorjahr:
https://josopon.wordpress.com/2019/11/08/armut-ist-nicht-programmiert-klebt-aber-wie-kot-am-leib/

AWO-Studie gibt Aufschluss darüber, wie Teufelskreise durchbrochen werden können

 

Jochen

Armut ist nicht programmiert, klebt aber wie Kot am Leib

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Die skandalöse Feststellung kommt erst in der Mitte des Artikels:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128260.kinderarmut-armut-ist-nicht-programmiert.html
Die Studie wurde auch in den Nachrichten des BR erwähnt, aber unter Betonung des Nebensatzes, dass sie ja nicht repräsentativ ist.
Wieso werden keine staatlichen Forschungsmittel für eine aufwändige Langzeitstudie über 20 jahre zur Verfügung gestellt, die dann repräsentativ wäre ?
Auszüge:

AWO-Studie gibt Aufschluss darüber, wie Teufelskreise durchbrochen werden können

  • Von Stefan Otto

Als Ali Agir in den Kindergarten ging, sprach er kaum Deutsch. Seine Eltern kommen aus der Türkei, die Mutter war Hausfrau, der Vater Gerüstbauer.
Zusammen mit vier Geschwistern lebte er 1999 in einem Mietshaus einer westdeutschen Großstadt. Zu Hause gab es viel Streit, der Vater trank und war spielsüchtig. Zeitweilig trennten sich die Eltern.
Vor allem seine Mutter kümmerte sich um die Kinder, unterstützt wurde sie dabei von Verwandten und ihren Eltern.
Ali Agir wuchs in einer überschaubaren Umfeld auf, ging regelmäßig zur Schule und machte den Realschulabschluss.

Der heute 25-Jährige ist Teilnehmer einer Langzeitstudie über Armut im Lebenslauf, die das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) seit nunmehr 22 Jahren im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt (AWO) erstellt. Am Mittwoch präsentierten die AWO und das ISS die Ergebnisse der fünften Erhebungsphase.
Die Untersuchung gibt Einblicke in Langzeitwirkungen von Armut bis ins junge Erwachsenenalter, zeigt aber auch auf, dass ärmliche Verhältnisse in der Kindheit kein Schicksal für das ganze Leben sein müssen.
»Es gibt keinen Automatismus, der aus armen Kindern zwingend arme Erwachsene werden lässt«, erklärte die Studienleiterin Irina Volf vom ISS, schränkte aber ein: »Viele junge Erwachsene mit Armutserfahrung entkommen der Armut nicht.«
Gut ein Viertel der Befragten (27 Prozent) lebten weiterhin in ärmlichen Verhältnissen.

Zu ihnen zählt die heute 25-jährige Jeanette Lupur. Auch in ihrer Familie kriselte es. Ihr Vater war gewalttätig, ihre Mutter trank und nahm Medikamente.
Die Eltern trennten sich, ihr Vater blieb in der gleichen Großstadt wohnen, gründete aber in einem anderen Stadtteil eine neue Familie. Ihre Mutter war fortan alleinerziehend und damit überfordert.
Jeanette Lupur und ihr älterer Bruder wurden vernachlässigt. Sie ging ohne Abschluss von der Schule ab, absolvierte keine Ausbildung und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Diese beiden Fallbeispiele zeigen, wie unterschiedlich die Lebenswege von Kindern verlaufen können, die in ganz ähnlichen Ausgangssituationen aufwachsen.
Die Untersuchung macht mehrere Faktoren aus, die Einfluss auf eine Entwicklung nehmen können: Wenn es etwa ein intaktes Familienumfeld gibt und die Eltern die Entwicklung ihrer Kinder aktiv begleiten, dann wirkt sich das förderlich aus. Ali Agir wurde beispielsweise von seiner bildungsaffinen Mutter darin bestärkt, den Realschulabschluss und anschließend eine Berufsausbildung zu machen.
Auch ein funktionierendes Hilfesystem kann Unterstützung leisten und die unterschiedlichen Ressourcen der Kinder gezielt fördern.

Von besonderer Bedeutung sind in der Entwicklung der Heranwachsenden jene Phasen, in denen sie die Weichen für ihren Lebensweg stellen, wie den Übergang von der Schule in den Beruf, den Auszug aus dem Elternhaus oder die Gründung einer Familie.
»Wenn es in diesen sensiblen Übergangsphasen passende soziale Dienstleistungen und ein funktionierendes soziales Netz gibt, dann steigen die Chancen der Betroffenen, der Armut zu entkommen«, erläuterte der Bundesvorsitzende der AWO, Wolfgang Stadler.
Was es brauche, sei eine noch präventivere Ausrichtung der sozialen Arbeit – »einen Paradigmenwechsel, der Armut im Vorhinein verhindert, statt ausschließlich an individuellen Armutssymptomen herumzudoktern«.

Darin sieht Stadler einen gesellschaftlichen Auftrag. Wenn nämlich »in jedem fünften Kinderzimmer die Armut eine Rolle mitspielt«, sei das unbefriedigend.
»Damit verwehren wir jedem fünften Kind legitime Ansprüche auf Wohlergehen, Anerkennung und Zukunftschancen.«
Seine politischen Forderungen formuliert er ganz konkret: eine Kindergrundsicherung, den weiteren Ausbau der sozialen Infrastruktur, Investitionen in Bildung sowie die gezielte Förderung junger Menschen beim Übergang in Ausbildung und Arbeit.

Auch Ali Agir befindet sich derzeit in einer Übergangsphase. Er arbeitet in einem Chemieunternehmen und hat mit seinem Lohn lange die Familie unterstützt. Jetzt überlegt er, eine Ausbildung zum Meister zu machen. Er sagt, dass er endlich sein eigenes Leben beginnen könne. Jeanette Lupur dagegen ist gerade Mutter geworden. Sie wird das Kind alleine aufziehen und nimmt sich vor, ihm eine schöne Kindheit zu bereiten.

Beide, Jeanette Lupur und Ali Agir, sind optimistisch, was durchaus repräsentativ ist: Rund drei Viertel der in Armut Aufgewachsenen blicken positiv in die Zukunft.

Mein Kommentar: Ja und können wir uns leisten, das restliche Viertel der Verelendung zu überlassen ?

Dazu auch https://josopon.wordpress.com/2017/04/11/von-kindesbeinen-an-im-teufelskreis-der-armut/

Nur die Reichen können sich einen armen Staat mit schwarzer Null leisten !
Für die von Stadler benannten Forderungen wäre genug Geld da, aber wir müssen ja sparen, um mit unserem teuren AKK-Militärapparat andere Länder überfallen zu können.

Jochen

Aktionstag „Reichtum umverteilen“: Zivilgesellschaft fordert stärkere Besteuerung von Reichtum

Siehe hier:
https://www.reichtum-umverteilen.de/presse/pressemitteilungen/detailansicht/ak/aktionstag-reichtum-umverteilen-zivilgesellschaft-fordert-staerkere-besteuerung-von-reichtum/

Gemeinsame Pressemitteilung des Bündnisses „Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!“

Von: Gwendolyn Stilling

Reichtum_umverteilen_2017-09-15

Auszüge:

Mit einer kreativen Protestaktion und dem klaren Appell an alle Parteien, sich nach der Wahl für den Abbau sozialer Ungleichheit und eine gerechtere Vermögensverteilung in Deutschland einzusetzen, wendet sich das Bündnis „Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!“ eine Woche vor der Bundestagswahl an Politik und Öffentlichkeit.

Der Zusammenschluss von über 30 bundesweit aktiven zivilgesellschaftlichen Organisationen, Sozialverbänden und Gewerkschaften fordert einen rigorosen steuer- und finanzpolitischen Kurswechsel. Zur Bekämpfung von Armut und der Finanzierung notwendiger Renten- und Sozialreformen sowie dringend benötigter Investitionen in das Gemeinwesen seien die stärkere Besteuerung sehr hoher Einkommen, Vermögen und Erbschaften sowie der konsequente Kampf gegen Steuerbetrug und Steuerschlupflöcher alternativlos.

Drei Viertel der Bevölkerung finden die Vermögensverteilung ungerecht

„Eine gerechte und solidarische Steuerpolitik ist aus unserer Sicht die Nagelprobe, ist der Glaubwürdigkeitstest für alle, die eine bessere Bildungs-, Sozial- oder Arbeitsmarktpolitik oder gar ein gerechteres Deutschland versprechen“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.
Nach einer aktuellen Umfrage bewerten drei Viertel der Bevölkerung die aktuelle Vermögensverteilung als ungerecht und sprechen sich für eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen und großer Vermögen aus, um öffentliche Aufgaben besser zu finanzieren.
„Die Menschen in diesem Land wollen in ganz großer, parteiübergreifender Mehrheit eine solidarische Steuerpolitik, die Reiche stärker zur Verantwortung für dieses Gemeinwesen heranzieht und den Staat wieder in die Lage versetzt, in das Soziale zu investieren. Alle Parteien stehen, ganz unabhängig vom Wahlausgang, in der Pflicht, diesem überwältigenden Mehrheitswillen Rechnung zu tragen.“

Neben einer Erhöhung der Einkommensteuer, der Einführung einer Vermögenssteuer und einer reformierten Erbschaftssteuer will das Bündnis auch finanzstarke Unternehmen stärker als bisher in die Verantwortung nehmen.
„Die aktuelle Ungleichheitskrise ist keine Naturkatastrophe, sondern von Menschen gemacht und zwar im Interesse einer Minderheit von Großkonzernen und Superreichen. Schuld an der wachsenden Ungleichheit hat auch eine Politik, die annimmt, der Markt brauche möglichst wenig Regulierung. In der Folge können sich internationale Konzerne auf vielfältige Art davor drücken, ihren fairen Beitrag zum Allgemeinwohl zu leisten. Das muss ein Ende haben: Wir brauchen endlich echte Steuertransparenz, Steueroasen müssen auf eine Schwarze Liste gesetzt und mit Sanktionen belegt werden“, so Jörn Kalinski, Leiter Lobby- und Kampagnenarbeit bei Oxfam Deutschland.

Öffentliche Investitionen gefordert

Das Bündnis fordert u.a. mehr öffentliche Investitionen und mehr Personal für soziale und kulturelle Einrichtungen und Dienste, für die Bereitstellung und Bau von ausreichend bezahlbaren Wohnungen und im Kampf gegen Armut.
Insbesondere die wachsende Altersarmut sowie die extrem hohe Kinderarmut in Deutschland ist für viele Partner Anlass für ihr Bündnisengagement.
„Immer mehr Familien und ihre Kinder sind von der Entwicklung unseres Wohlstandes abgekoppelt. Arbeitslosigkeit oder ein geringes Einkommen der Eltern, Trennung, aber auch bereits die Entscheidung, mehr als zwei Kinder zu bekommen, erhöhen das Risiko, in Armut zu leben. Die derzeitige Familienförderung bekämpft die Armut nicht, denn Familien mit hohem Einkommen werden deutlich mehr steuerlich entlastet als Familien ohne oder mit nur geringem Einkommen gefördert werden. Das darf nicht sein! Wir treten dafür ein, diese Schieflage zu beseitigen, die Förderung umzuverteilen und das System durch eine Kindergrundsicherung vom Kopf auf die Füße stellen“, Christiane Reckmann, Vorsitzende Zukunftsforum Familie e.V..

Aktion vor dem Reichstag

Im Rahmen einer Aktion vor dem Berliner Reichstag verteilten am Freitag als Superhelden verkleidete Aktivistinnen und Aktivisten des Bündnisses symbolisch das in Deutschland vorhandene Geld dahin um, wo es dringend benötigt wird – in Kitas, Krankenhäuser, Jugendeinrichtungen, Schulen und bezahlbaren Wohnraum.  Weitere dezentrale Aktionen und Veranstaltungen fanden am Samstag statt.

Dem parteipolitisch unabhängigen Bündnis „Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!“ gehören auf Bundesebene 33 Organisationen an: Von Gewerkschaften wie Ver.di und GEW, über den Deutschen Mieterbund und Sozialverbände wie Arbeiterwohlfahrt (AWO), Paritätischer Wohlfahrtsverband und Volkssolidarität, bis zu Attac und Oxfam Deutschland, der Katholische Arbeitnehmerbewegung, Migrantenverbänden, Jugend- und Studierendenorganisationen, den Naturfreunden Deutschlands und dem BUND.

 

Weitere Zitate aus dem Bündnis: https://www.reichtum-umverteilen.de/fileadmin/files/Dokumente/RU_Dokumente/Pressemitteilung_Zitate.pdf

Also geht wählen! Es gibt nur eine Partei, die ehrlich die Interessen von Arbeitslosen, Rentnern, Sozial Schwachen vertritt und die Chance hat, zur stärksten Oppositionspartei im Bundestag zu werden.

Nebenbei tritt nur diese Partei für kosequente Abrüstung, Beendigung der Auslandskriegseinsätze, Verbot von Rüstungsexporten und die Ächtung und Abschaffung aller Atomwafffen ein.

Jochen

 

Soziales Bündnis spricht sich gegen Kinderarmut aus – Ministerin Schwesig (SPD) will davon nichts wissen

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Näheres in der jungen Welt:
https://www.jungewelt.de/2016/10-18/024.php
Auszüge:

Organisationen kritisieren mangelnden Einsatz der Regierung. Ministerin will davon nichts wissen

Rund 40 Organisationen haben in Berlin am Montag einen gemeinsamen Aufruf gegen Kinderarmut in der Bundesrepublik veröffentlicht. Neben dem Deutschen Kinderhilfswerk haben unter anderem auch der Bundesverband Deutsche Tafel, die Diakonie Deutschland, die Arbeiterwohlfahrt und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft das Schreiben unterzeichnet.
Zentrales Anliegen des Bündnisses ist es, dass das Existenzminimum von Kindern künftig realistisch ermittelt wird. Die Veröffentlichung erfolgte anlässlich des Internationalen Tags für die Beseitigung der Armut.

»Jedes fünfte Kind in Deutschland erlebt Armut täglich und unmittelbar«, erklärte der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, Holger Hofer, in einer Mitteilung des Verbands. Nachwuchs, der in armen Verhältnissen groß werde, sei sozial häufiger isoliert.
Für ihn würden die von der UN-Kinderrechtskonvention jedem Kind zugesicherten Rechte auf soziale Sicherheit und angemessene Lebensbedingungen nicht eingehalten, so Hofer weiter.

Um die Situation der jungen Armen zu verbessern, werden im Aufruf drei Punkte angeführt. Zunächst müsse eine »realistische Bedarfsermittlung« stattfinden. Derzeit würden bei der Berechnung der Hartz-IV-Regelsätze nötige Ausgaben für Kinder in viel zu geringer Höhe berücksichtigt.
»Regelsätze, die nur aus den Ausgabenpositionen der ärmsten Haushalte errechnet werden, führen zu einem Armutskreislauf. Sie spiegeln nicht wider, was wirklich gebraucht wird«, heißt es dazu. Es müsse neu bestimmt werden, welche Kosten für Ernährung, Kleidung, Schulbedarf, Mobilität und Teilhabe – etwa für den Besuch von Museen oder Kinos – realistisch seien.

 

Notwendig sei zweitens eine »sozial gerechtere Familienförderung«. Aktuell würden Kinder gutverdienender Eltern durch Kinderfreibeträge stärker unterstützt als die von Erwerbslosen. Zudem werde das Kindergeld beim Bezug anderer Leistungen mit dem Sozialgeld vollständig verrechnet. »Daher gehen Kindergelderhöhungen an in Armut lebenden Kindern und Jugendlichen vorbei.«

Drittens müsse die Beantragung von Leistungen einfacher werden. Viele der sozial- oder familienpolitischen Leistungen seien bislang bei unterschiedlichen Behörden oder Ämtern zu beantragen, heißt es im Aufruf. Zudem machten unterschiedliche Antragsregelungen die Vorgänge für viele Eltern undurchsichtig.

Auch Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), verwies am Montag auf die anhaltend hohen Zahlen von Kindern in Armut. Er erklärte, die Bundesregierung habe »nichts getan, um Kinderarmut wirksam zu verringern«. Die Neuberechnung der Hartz-IV-Kinderregelsätze sei »vermurkst« worden, und das Kindergeld reiche trotz Erhöhung bei weitem nicht aus.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) wies die Kritik zurück. »Kinder sind arm, wenn ihre Eltern arm sind. Dagegen hilft vor allem eine auskömmliche Arbeit.«
Die Regierung müsse lediglich schauen, dass Unterstützungsleistungen »zielgenauer« bei den Kindern ankommen.

Bereits am vergangenen Mittwoch hatte hingegen die Partei Die Linke darauf hingewiesen, dass bei einer anstehenden Erhöhung des Kindergeldes die Ärmsten nicht profitieren werden. Grund dafür sei die auch im Aufruf bemängelte Verrechnung des Kindergelds mit Sozialleistungen. (dpa/jW)

 

Jochen