Hemmstoff CXCL10: Zusammenhang zwischen Infektion und Depression

Hier sehr interessant. Ich halte das auch für wahrscheinlich:
http://www.spektrum.de/news/molekularer-zusammenhang-zwischen-infektion-und-depression/1408051

Es ist nicht nur die Krankheit selbst, die uns niederdrückt. Auch Botenstoffe im Gehirn sind beteiligt, wenn ein Erreger depressionsähnliche Symptome auslöst.

von Lars Fischer

Krank sein ist nicht schön. Aber möglicherweise fühlt man sich bei einer Infektion nicht nur wegen der körperlichen Symptome schlecht.
Seit Jahren stoßen Fachleute auf Indizien dafür, dass Entzündungen, genauer gesagt die Reaktion des Immunsystems auf die Erreger, psychische Symptome ähnlich einer Depression hervorrufen.
Nun haben Forscher um Marco Prinz von der Uniklinik Freiburg in Versuchen an Mäusen den dafür verantwortlichen Signalweg gefunden.
Die Zellen der Blut-Hirn-Schranke produzieren den Signalstoff CXCL10, der im Hirn unter anderem die so genannte synaptische Plastizität hemmt.
Das führt zu Veränderungen der Stimmung und geringerer geistiger Leistungsfähigkeit.

Man könnte meinen, es sei die Erkrankung selbst, die depressionsähnliche Symptome bedingt – allerdings lösen schon bloße Erbgutstücke der Viren die psychischen Veränderungen aus.
Auch Typ-1-Interferone, wichtige Signalstoffe für die Immunreaktion, können bekanntermaßen für Verhaltensänderungen und depressive Symptome verantwortlich sein: Solche Stoffe werden als Medikament bei bestimmten Krebsarten und Autoimmunerkrankungen verschrieben – und haben eben jene Nebenwirkungen.
Wie Prinz und sein Team feststellten, führen sowohl Virusinfektionen als auch Interferongaben dazu, dass der durch Interferon angesprochene IFNAR-Rezeptor in Zellen der Blut-Hirn-Schranke aktiv wird.
Diese produzieren dann den neu entdeckten Hemmstoff CXCL10.

© Spektrum.de

Die Welt der Selbstoptimierer – Unterwerfung als Freiheit

Patrick Schreiner hat ein erhellendes Buch über die sozialen Auswirkungen neoliberaler Ideologie geschrieben

Schreiner_UnterwerfungVon Sebastian Friedrich https://www.jungewelt.de/2015/03-12/006.php
Seit den 1970er Jahren hat sich die Form des Kapitalismus in den Industriestaaten deutlich gewandelt. Die Finanzmärkte wurden entfesselt, die Wirtschaft von einem nachfrageorientierten Modell auf ein angebotsorientiertes umgestellt, die gewerkschaftlichen Rechte der Arbeiter und Angestellten eingeschränkt und unter Maßgabe der Deregulierung Privatisierungen vorangetrieben.
Die Folgen sind unübersehbar: Die Ungleichheit nimmt seit den 1970er Jahren rapide zu − sowohl innerhalb der Staaten als auch zwischen ihnen.

Diese Entwicklungen werden häufig unter dem Begriff des Neoliberalismus subsumiert. Ursprünglich ging es neoliberalen Wirtschaftswissenschaftlern in den 1930er Jahren um eine Wiederbelebung des neoklassischen Wirtschaftsliberalismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten sich Neoliberale in wachsendem Maße gegen den nachfrageorientierten Keynesianismus, der in Folge der Krise von 1929 zum Stichwortgeber der Wirtschafts- und Sozialpolitik wurde − mit Erfolg: Die Regierungen Reagan in den USA, Thatcher in Großbritannien und zum Teil auch Kohl in Deutschland richteten ihre Politik weitgehend nach neoliberalen Prämissen aus.

Doch der Neoliberalismus ist weit mehr als ein wirtschafts- und sozialpolitischer Ansatz. Er ist eine Ideologie, die sich in Denken und Handeln der Menschen festsetzt. »Der Neoliberalismus will die ganze Persönlichkeit, die ganze Person mit Haut, Hirn und Haaren«, schreibt der Politikwissenschaftler Patrick Schreiner in seinem gerade erschienenen Buch »Unterwerfung als Freiheit«.

Es geht Schreiner in seiner Analyse nicht darum, die Ideologie einem Faktencheck zu unterziehen. Vielmehr nimmt er die Mechanismen in den Blick, die diese für Menschen plausibel erscheinen lassen. Dafür schaute er sich auf Esoterikmessen um, klickte sich durch »Soziale Netzwerke«, las Lebensführungsratgeber, Autobiographien und schaute Castingshows, Werbespots sowie Sportfilme im TV. Überall fand er versteckt oder ganz offen die immer gleichen Anforderungen: Sei flexibel! Diszipliniere dich! Handele wie ein Unternehmen! Schau auf dich selbst! Diese Imperative führen zu einer permanenten Selbstthematisierung, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung.

Die Analyse zeigt: Stets werden soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg und Armut zu individuellen Problemen umgedeutet. Schuld trägt in dieser Sichtweise immer die betroffene Person selbst.

In den weitverbreiteten Ratgebern für positives Denken erscheinen Gesundheit, Glück und Erfolg als Ergebnis einer optimierten individuellen Lebensführung. Noch einen Schritt weiter geht die Esoterikszene. Hier ist die Individualisierung sozialer Probleme nicht ideologischer Effekt, sondern Ausgangspunkt. Das »wahre« Ich steht im Mittelpunkt. Wer zu sich selbst findet und im Einklang mit sich lebt, ist leistungsfähiger. Das Gesellschaftliche wird ausdrücklich zum Feind erklärt und ins »falsche« Außen geschoben. Dem gegenüber steht das »richtige« Ich, das ausschließlich von Innen kommt.

Die Freiheit zum unternehmerischen Handeln, zu Flexibilität, Selbstdisziplinierung, Selbstoptimierung und Selbstverantwortung ist eine trügerische. Schreiner macht in seinem Schlusskapitel deutlich, dass viele Menschen keineswegs glücklich und zufrieden sind. »Noch nie war die wirtschaftliche Produktivität so hoch wie heute. Und doch war die gesellschaftliche Armut seit vielen Jahrzehnten nicht mehr so hoch. Noch nie war die Produkt- und Markenvielfalt so groß wie heute. Und doch bleiben immer mehr Bedürfnisse der Menschen unbefriedigt. Noch nie waren Menschen so gut ausgebildet wie heute. Und doch gehen die Löhne der Arbeitnehmerinnen seit Jahren oder Jahrzehnten zurück. Noch nie gab es so viele Ratgeberbücher, Therapeutinnen und ›spirituelle‹ Angebote wie heute. Und doch litten noch nie so viele Menschen an Burnout und Depression, war der Gebrauch von Alkoholika, Drogen und Psychopharmaka noch nie so verbreitet wie heute.«

Patrick Schreiner ist ein ausgezeichneter Überblick über die Auswirkungen neoliberaler Ideologie im Alltagsbewusstsein gelungen. Es gehört zu den Vorzügen des Buches, dass sein Autor Analysen aus Gesellschafts- und Kulturwissenschaften in eine verständliche Form gegossen hat.

Patrick Schreiner: Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus. Papyrossa Verlag, Köln 2015, 127 Seiten, 11,90 Euro

Psychotraumatologe zu Syrien:“Ich bezweifle, dass es dort je wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben kann“

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Guter Artikel im Spektrum der Wissenschaft:
http://www.spektrum.de/news/ich-bezweifle-dass-es-dort-je-wieder-eine-funktionierende-zivilgesellschaft-geben-kann/1367283
Auszüge:
Krieg, Gräueltaten, Vertreibung und Flucht – im Norden des Irak und Syriens, in Afghanistan und Palästina erleiden Menschen für uns unvorstellbare Gewalt, oft seit Generationen.

© mit frdl. Gen. von Günter H. Seidler

Der Psychotraumatologe Günter H. Seidler erklärt, welche Folgen extreme Gewalterfahrungen für den Einzelnen und die Gesellschaft haben und inwieweit sie überwunden werden können.
von Bernhard Fleischer

Herr Seidler, die Medien konfrontieren uns in letzter Zeit verstärkt mit den schrecklichen Auswirkungen des Kriegsgeschehens in Syrien und dem Irak. Viele Betroffene sind durch ihre Erlebnisse traumatisiert. Was genau ist darunter zu verstehen?

Günter H. Seidler: Eine Traumatisierung ist eine psychische Verletzung infolge einer Situation von Todesangst, in der die Verarbeitungsmöglichkeiten des Organismus überfordert sind. Erst 1980 wurde die Diagnose erstmals offiziell vorgestellt, als Folge des Vietnamkriegs. Bis dahin galt die Meinung, der Mensch sei unbegrenzt belastbar. Wer nach schlimmen Ereignissen seelisch angeschlagen war, galt bis dahin als schon vorher krank gewesen. Aber die US-Soldaten waren damals, bevor sie in den Vietnamkrieg geschickt wurden, alle psychiatrisch gründlich untersucht und die Befunde dokumentiert worden. Viele, die vorher gesund waren, kamen seelisch schwer angeschlagen zurück. „Sie standen neben sich“, das heißt, sie spalteten ihre Emotionen ab oder durchlebten die schrecklichen Ereignisse immer wieder in so genannten Flashbacks. Viele fanden nie mehr in ihr gewohntes Leben zurück, fielen völlig aus dem sozialen Umfeld heraus, verwahrlosten oder nahmen sich das Leben. Das führte zu der Erkenntnis: Zu viel Gewalt ist ungesund und verursacht psychische Störungen.

Wie ist die Entstehung von Traumafolgestörungen physiologisch zu erklären?

Physiologisch gesehen stellen Psychotraumata „Auslöschungserfahrungen“ dar. Unter starkem Stress stellt sich der Körper durch schwallartig und später wellenförmig ausgeschüttete Stresshormone – Adrenalin und Cortisol – auf Kampf oder Flucht ein. Diese beeinträchtigen auch die Funktion zentralnervöser Strukturen, die für die Gedächtnisbildung zuständig sind, insbesondere des Hippocampus. Er ist für die Speicherung unserer Wahrnehmungen zuständig und versieht sie – ähnlich wie eine Digitalkamera mit GPS-Funktion – jeweils mit einem Ort- und Zeitstempel. Diese Kontextualisierung wird offenbar durch Cortisol gestört. Als Folge werden die Wahrnehmungen in der lebensgefährlichen Situation so abgespeichert, dass sie später nicht mehr einzuordnen sind.

Welche Folgen hat ein psychisches Trauma für die Betroffenen?

Das kann schwer wiegende Konsequenzen für das weitere Leben haben. Tritt erneut starker Stress auf oder ein bestimmter Triggerreiz, durchleben die Betroffenen die lebensgefährlichen Situation erneut, ohne dass sie das Geschehen als bereits Vergangenes einordnen können. Es ist ihnen plötzlich wieder präsent.
Ein weiterer wichtiger Einfluss des Stresshormons Cortisol ist die Blockade der sprachlichen Erinnerung. Üblicherweise werden bei der Erinnerungsbildung verschiedene Sinneskanäle zusammengeführt, und das Ganze wird an Sprache gebunden. Nur so können wir später – mehr oder weniger zutreffend – einen Bericht darüber abgeben, was wir erlebt haben. Diese Kopplung an Sprache ist in der traumatischen Situation blockiert. Wenn jemand von den traumatischen Ereignissen berichten will, hört er meist sehr schnell wieder auf zu reden. Stattdessen reagiert er körperlich, wird rot oder kreidebleich, kommt ins Schwitzen oder kollabiert sogar.
Dies muss man unbedingt berücksichtigen, wenn Opfer von schweren Straftaten vor Gericht aussagen oder Flüchtlinge von ihrem Schicksal berichten sollen. Die befinden sich dann quasi erneut in der lebensgefährlichen Situation, ohne dass es eine Erinnerung ist. Sie erleben diese lebensgefährliche Situation von damals als präsentisch. Das ist es, was man unter einer Traumasituation gegenwärtig versteht.

Ähnlich wie die Kinder in Syrien und im Irak haben auch viele Deutsche in ihrer Jugend extreme Gewalterfahrungen gemacht – das Ende des Zweiten Weltkriegs ist jetzt fast genau 70 Jahre her. Wie haben sich diese Erlebnisse auf die Betroffenen im Lauf ihres Lebens ausgewirkt?

Nach der aktuellen Forschungslage wird davon ausgegangen, dass das menschliche Gehirn vor dem zehnten Lebensjahr noch nicht reif genug ist, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auszubilden. Stattdessen reagieren die betroffenen Kinder in der Situation selbst und in ihrem späteren Leben unter psychischen Belastungen mit einer schweren Depression. Die Erkenntnis, dass viele Depressionen (bei einfachen Ereignissen) eigentlich auf Traumatisierungen in der Kindheit zurückzuführen sind, setzt sich aber erst langsam durch.

Darüber hinaus kann es Situationen geben, in denen Kinder über längere Zeit fortgesetzter Gewalt ausgesetzt sind. Dann besteht die Gefahr, dass sich die Erfahrungen in die noch entstehende Persönlichkeit eingraben, insbesondere wenn zum Täter eine enge Beziehung besteht. In solchen Fällen spricht man dann nicht von einfacher, sondern von komplexer PTBS. Nach der herrschenden Lehrmeinung gibt es solche Traumafolgestörungen auf Grund von Traumatisierungen in der Kindheit noch gar nicht. Eine entsprechende diagnostische Kategorie ist noch nicht vergeben. Dort wird Gewalt von Seiten der Psychotherapie sozusagen noch geleugnet, nicht wahrgenommen.

Welche Folgen hat es für die Generation der Kinder, deren Eltern psychisch traumatisiert wurden? Gibt es Untersuchungen dazu, ob die Traumatisierungen weitergegeben werden können?

Dieses Phänomen nennt man „transgenerationale Traumatisierung“. Man weiß, dass in der Kindergeneration bestimmte Hormonparameter verändert sind, wenn die Eltern im Krieg traumatisiert wurden. Ähnliches wurde auch in Tierversuchen nachgewiesen. Wenn die Eltern vom Krieg betroffen waren, dann haben ihre Kinder ein signifikant höheres Risiko, eine Traumafolgestörung zu entwickeln. Angstsignale oder Angstschwellen werden offenbar von den Eltern an die Kinder weitergegeben – durch Vererbung, aber natürlich auch interaktionell. Hierzu ist noch Forschung nötig. Die Psychotraumatologie ist eine noch sehr junge Disziplin.
Ich persönlich beschäftige mich vor allem mit der Frage, wie ein Trauma durch Verhalten weitergegeben wird. Dabei spielt „Hyperarousal“, also die ständige Übererregtheit, eine große Rolle. Wenn man sich vorstellt, dass ein Elternteil wegen eines unverarbeiteten Traumas latent in Alarmbereitschaft ist und bei der kleinsten Anspannung durchdreht, wird dies natürlich unbewusst an die Kinder weitergegeben. Dazu reicht zum Beispiel ein Bericht im Fernsehen oder sogar ein Geräusch oder ein Geruch, der an die damalige Situation erinnert. Plötzlich reagiert der betroffene Elternteil scheinbar grundlos und für die Kinder völlig unerklärlich mit einem Wutanfall oder erstarrt und ist für das Kind nicht mehr erreichbar.
Unter diesem Einfluss entstehen in den Heranwachsenden unmerklich Verknüpfungen, die sich auf ihr Wahrnehmungs- und Verhaltensrepertoire dysfunktional auswirken.

Es gibt viele Berichte, dass vom Zweiten Weltkrieg Betroffene ihr Leben lang nicht von den Auswirkungen ihrer Kriegserlebnisse beeinträchtigt waren, sich aber im hohen Alter zunehmend damit beschäftigen und darunter leiden.

Das ist ein Befund, der ganz oft erhoben worden ist. Angeblich sind die Betroffenen in der Zwischenzeit, 40 bis 50 Jahre lang, symptomfrei gewesen.
Ich persönlich glaube das nicht. Vielleicht hatten sie nur schwache Symptome, vielleicht sind die Betroffenen immer leicht abgeschaltet gewesen, waren nie ganz da, aber das ist meine Meinung. Ich bezweifle, dass diese Menschen jemals gesund gewesen sind.
Die herrschende Meinung der Hirnforschung wäre die, dass dafür hirnorganische Abbauprozesse verantwortlich seien, die dazu führten, dass dann im Alter die Symptomatik durchschlagen würde. Man hat das im Altenheim oft beobachtet: Jemand berichtet erst auf dem Sterbebett immer wieder albtraumartig von Kriegserlebnissen, Verschüttungen oder Vergewaltigungen.

Aktuell werden wir wieder mit schrecklichem Kriegsgeschehen, Flucht und Verfolgung, insbesondere in Syrien, aber auch im Norden des Iraks und in Afghanistan konfrontiert. Welche Auswirkungen hat das für die Betroffenen?

Schon vor IS war meine Albtraumfantasie immer Afghanistan oder Palästina, also solche Regionen, in denen bereits über Generationen hinweg Krieg und Gewalt herrscht. Ich bezweifle, dass es im Irak, in Syrien oder Palästina jemals wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben kann. Das fängt ja schon mit dem Ernährungszustand an: Die Gehirne sind durch Mangelernährung bereits vorgeburtlich geschädigt. Die Erwachsenen sind traumatisiert. Die Kinder wachsen in Angst und Schrecken auf. Generationen von Menschen wachsen heran, die über lange Zeit geschädigt sein werden. Gegenwärtig macht sich darüber kaum jemand Gedanken.

Gibt es Wege, die schlimmsten Folgen für die seelische Gesundheit der Menschen dort zu vermeiden?

Solange die Gewalt dort unvermindert weitergeht, ist eine psychotherapeutische Behandlung der Betroffenen vor Ort kaum möglich. Individuelle Psychotherapie wäre in solchen Situationen ohnehin kaum umsetzbar. Es ist nicht sinnvoll, Menschen aus anderen Kulturkreisen mit westlichen Therapiemethoden zu behandeln. Der arabische Raum ist von einem ganz anderen Menschenbild geprägt, das sollte man unbedingt berücksichtigen. Mir würde vorschweben, spezielle Gruppentherapieverfahren zu entwickeln. Ähnliches haben wir nach der Tsunamikatastrophe in Sri Lanka verwirklicht.

Wie liefe so eine Gruppentherapie ab?

Wir haben damals mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen Theaterstücke – insbesondere für Puppentheater – entwickelt. Unser Ziel war es, auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen nachzuempfinden und damit stellvertretend abzubauen. Wenn die Betroffenen die Erfahrung machen, dass zum Beispiel das Kasperle dem Krokodil nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern es mit einem Knüppel vertreiben und besiegen kann, hilft ihnen das, ihre Ängste zu thematisieren und abzubauen. An Stelle des Krokodils setzt man dann behutsam eine Figur ein, die der realen traumatischen Situation entspricht.
Bei den Tsunamiopfern war das ein Wassergeist, man könnte aber auch eine Puppe nehmen, die Soldaten oder IS-Kämpfern ähnelt. Dann kann stellvertretend in der Identifikation mit dem Kasperle erlebt und durchgespielt werden, dass man nicht nur hilflos, sondern auch stark sein kann.

Sie bezweifeln, dass es in Syrien jemals wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben wird. Wie konnte es diese denn in Deutschland geben, nach dem Zweiten Weltkrieg?

Die Frage ist berechtigt. Zweifellos hat der letzte Weltkrieg viele Menschen schwer traumatisiert. Damals gab es für einen Großteil der Bevölkerung noch eine Kontinuität. Die Sozialstrukturen konnten weitestgehend erhalten bleiben. Der Staat hat bis zum Kriegsende eine gewisse Ordnung aufrechterhalten, die Kinder gingen zur Schule. Durch den Bombenkrieg sind die Deutschen, anders als von den Alliierten erhofft, noch enger zusammengerückt. Die Front zwischen Freund und Feind war klar und einigermaßen berechenbar. Im syrischen Bürgerkrieg ist der Nachbar zum Feind geworden. Hier bekriegen sich keine Staaten, sondern rivalisierende Klans. Die Lage ist unübersichtlich, der Staat ist größtenteils zusammengebrochen. Das führt dazu, dass das Vertrauen der Menschen noch tiefer erschüttert wird.

Immer mehr Menschen aus diesen Ländern flüchten nach Europa – auch nach Deutschland – und bringen ihre traumatischen Erfahrungen mit. Wie können wir diesen Menschen hier zu Lande helfen?

Wichtige Voraussetzungen, ein Trauma zu überstehen, sind vor allem stabile Sozialstrukturen, die das Gefühl von Sicherheit vermitteln: Treffpunkte, Sport oder kulturelle Aktivitäten. Das ist in Flüchtlingsunterkünften nur schwer zu verwirklichen. Die Menschen werden durch den Krieg aus ihrem sozialen und kulturellen Umfeld herausgerissen und leben in einem fremden Land in Massenunterkünften, werden nicht selten angefeindet und erleben sogar erneut Gewalt. Am besten wäre es, die Flüchtlinge schnell im Land zu verteilen, sie in die sozialen Aktivitäten vor Ort einzubinden, sie zum Beispiel mitzunehmen, zum Fußballverein oder in den Angelklub.

Kann man als Laie erkennen, ob ein Mensch traumatisiert ist? Wie sollte man sich verhalten, wenn man mit Flüchtlingen in Kontakt kommt?

Ja, in vielen Fällen kann man das. Ihr Angstpegel ist dauerhaft hoch. Im Fernsehen sieht man oft Flüchtlinge mit vor Schreck geweiteten Augen, ähnlich einem Tunnelblick. Sie blicken ihr Gegenüber nicht an, schauen durch ihn durch, ins Weite. Traumatisierte verhalten sich oft auffällig. Entweder wirken sie sehr aufgekratzt und übermäßig aktiv oder sind gleichsam eingefroren und starr.

Welchen Rat geben Sie als Psychotraumatologe den Verantwortlichen angesichts der aktuellen Flüchtlingswelle?

Die Herausforderung, die jetzt auf uns zukommt, war absehbar. Spätestens seit 2011 zeichnete sich ab, dass den Hilfsorganisationen, die an Syriens Grenzen die Flüchtlinge versorgten, das Geld ausgehen wird. Darauf hätte unsere Regierung die Öffentlichkeit früher vorbereiten müssen.
Sie sollte die Bevölkerung offen darüber informieren, was noch auf sie zukommen wird. Dazu gehören auch die Schwierigkeiten, die im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen zu erwarten sind.

Welche Schwierigkeiten wären das zum Beispiel?

Wer viel Gewalt erfahren hat, ist oft leicht reizbar und neigt häufig zu plötzlichen Wutausbrüchen, die sich auch in Gewalt entladen können.
Scheinbar in Sicherheit können schon harmlose Frustrationen oder andere Schwierigkeiten die Menschen wieder in die traumatische Situation rutschen lassen, sie an die erlebte Ohnmacht erinnern. Viele reagieren dann aggressiv. Darauf sollten insbesondere die Polizisten und Sozialarbeiter vorbereitet werden, die direkt mit den Flüchtlingen zu tun haben.
Es wäre auch notwendig, irgendwo Informationen und Erfahrungen mit solchen Ereignissen zu sammeln und auszuwerten. Deswegen plädiere ich seit Jahren für die Einrichtung eines Traumainstituts ähnlich eines Bundesamts. Bisher gibt es so etwas nicht. Wir beschränken uns bislang immer wieder auf Ad-hoc-Maßnahmen. Wir brauchen eine zentrale Einrichtung, das will aber kaum jemand wahrhaben.

© Spektrum.de

Jochen

Die Angst vor dem Glücklichsein – Fear of Happiness

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Hier wird eine Erlebensweise beschrieben, wie ich sie auch oft bei meinen Patienten beobachten konnte.
Ich bezeichne das als „Angst vor dem Gelingen“.
Oft ist es eine ganz früh im Leben gefühlter Neid anderer Familienmitglieder, der dazu führt, dass Kinder lernen, sich nur heimlich zu freuen und gute Dinge selbst zu zerstören, bevor neidische Mitmenschen ihnen diese kaputt machen.
Im Schwabenlande bringen etliche Mütter ihren Kindern bei, dass man zum Lachen am besten in den Keller geht.
Siehe hier: http://www.spektrum.de/news/die-angst-vor-dem-gluecklichsein/1348921
Literatur s.u. unter dem Autorennamen

Manche Menschen fürchten sich regelrecht davor, glücklich zu sein. Wie kommt es zu dieser sonderbaren Reaktion?

Und ist sie sinnvoll – oder ein Zeichen für Depression?

Hanna Drimalla

Unter Freudentränen überreicht ihm seine Großmutter die Trophäe für den „Sportler des Jahres 2014“. Es könnte ein Moment puren Glücks sein für den Diskuswerfer Robert Harting.
Doch was er sagt, klingt anders: „Ich fühle mich wie in der Grundschule. Da habe ich mit acht oder neun Jahren einen Wettbewerb gewonnen, und am nächsten Tag mochten mich die Klassenkameraden nicht mehr.“
Die Reaktion des Spitzensportlers verrät: Glück kann knifflig sein. Denn es führt oft Befürchtungen und Zweifel im Gepäck: Habe ich es verdient? Wird es mich bald verlassen? Oder neiden es mir andere?

Für einige Menschen machen solche Bedenken das Leben zu einer Achterbahnfahrt. Kaum empfinden sie einmal Freude, haben sie Sorge, der Moment könne allzu rasch vergehen und sie könnten ins nächste Tief schlittern. Statt Glücksmomente zu genießen, fürchten sie sie regelrecht.
„Fear of Happiness“
, Angst vor dem Glücklichsein, nennen Psychologen das Phänomen.

Paul Gilbert vom Kingsway Hospital in Derby (Großbritannien) ist ein Pionier auf diesem Forschungsgebiet. Bei der Arbeit mit depressiven Patienten war dem Psychologen aufgefallen, dass die Betroffenen oft große Probleme haben, sich selbst Freude oder Genuss zuzugestehen.
„Wenn man ihnen helfen will, sich besser zu fühlen, reagieren sie beunruhigt“, erklärt Gilbert. „Sie sagen: Heute mag es mir gut gehen, aber morgen passiert bestimmt etwas Schlimmes.“

Auch Jürgen Margraf, Professor für klinische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, bestätigt: „Es gibt solche Sorgen. Sie können für die Betroffenen belastend sein und einer guten Lebensführung im Weg stehen.“
Die Angst vor dem Glück habe, was den Leidensdruck angehe, aber in der Regel nicht den gleichen Stellenwert wie Phobien oder andere Angststörungen.

Warum versuchen manche Menschen gezielt, Glücksgefühle zu unterdrücken? In einer Studie von 2003 befragte die Psychologin Joanne Wood von der University of Waterloo (Kanada) Probanden über deren länger zurückliegende oder kürzlich erlebte Erfolgsmomente. Wie sich zeigte, gingen manche etwa mit ihrem guten Abschneiden in einer Klausur auf eigenwillige Art um: Statt den Erfolg auszukosten, versuchten sie ihre Freude zu dämpfen, sich zu beruhigen oder abzulenken.
Vor allem Studierende mit niedrigem Selbstwert zeigten dieses Verhaltensmuster.

Strategien gegen gute Gefühle

Solche Ergebnisse weckten die Neugier anderer Forscher. Um die Reaktionen auf positive Gefühle besser messen zu können, entwickelte der Psychologe Gregory Feldman vom Simmons College in Boston (USA) zusammen mit Kollegen einen Fragebogen. Er bildet drei verschiedene Strategien im Umgang mit guten Gefühlen ab: Nachdenken über den eigenen Gefühlszustand, Nachdenken über sich selbst sowie Dämpfen der Glücksgefühle.
Wer den Fragebogen ausfüllt, gibt zum Beispiel an, wie oft er sich in Momenten der Freude daran erinnert, dass sie bestimmt nicht anhalten werden, oder ob er in einer solchen Situation denkt, dass andere ihn für einen Angeber halten könnten.

Glück führt oft Befürchtungen und Zweifel im Gepäck: Habe ich es verdient? Wird es mich bald verlassen? Oder neiden es mir andere?

Ein Team um den Psychologen Filip Raes von der Universität im belgischen Löwen legte den Test 143 Oberstufenschülern und 344 Studierenden vor. Drei beziehungsweise fünf Monate später ließ er die Teilnehmer dann zwei Depressionsfragebögen ausfüllen.
Ergebnis: Je mehr die Probanden bei der ersten Befragung angegeben hatten, dass sie ihre positiven Gefühle dämpften, desto eher zeigten sie später depressive Symptome. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, als man die Stärke der Beschwerden bei Beginn der Studie statistisch herausrechnete.

Vier Ideen und ein Unglücksfall

Mohsen Joshanloo von der Chungbuk National University in Südkorea beschreibt in einem Übersichtsartikel vier Annahmen, die der Scheu vor dem Glück insgeheim zu Grunde liegen können:

  1. Glücklich zu sein, macht es wahrscheinlicher, dass es wieder bergab geht. 
  2. Glücklich zu sein, ist unmoralisch.
  3. Glück auszudrücken, verstärkt die Distanz zu den Mitmenschen.
  4. Und viertens: Das Streben nach Glück tut einem nicht gut.

Diese Ideen basieren allerdings vor allem auf Texten aus Philosophie und Kulturwissenschaft sowie auf Redensarten – empirisch sind die Ursachen der Scheu vor guten Gefühlen bislang wenig erforscht.

Paul Gilbert glaubt, dass derartige Bedenken meist schon früh entstehen – etwa wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie sich auf etwas freuen, was dann nicht eintritt.
So berichtet der Psychologe von einer Patientin, deren Mutter unter Agoraphobie litt, also der Angst vor offenen Plätzen. „Du kannst dich nie auf irgendetwas freuen“, erklärte die Tochter, „etwa darauf, zum Strand zu gehen. Denn du weißt nie, ob deine Mutter nicht gleich wieder in Panik gerät.“

Manche Betroffene wurden als Kinder häufig getadelt oder bestraft, wenn sie Freude zeigten. Andere fühlten sich aus moralischen Gründen schuldig, wenn sie Glück empfanden.
Gilbert verweist etwa auf eine Patientin, deren Mutter im Rollstuhl saß und von ihrem Mann verlassen worden war. „Wenn die Tochter mit Freunden ausgehen wollte, machte die Mutter ihr Schuldgefühle: ‚Wie kannst du mich allein lassen, wo es mir so schlecht geht!‘
Die Tochter konnte nie Spaß haben, ohne zu denken: Hoffentlich geht es Mama gut, hoffentlich ist sie nicht beleidigt.“

Solche Berichte veranlassten Gilbert, ein Instrument zu entwickeln, das die Angst vor dem Glück genauer misst. In vielen Therapiesitzungen notierte der Therapeut die Ängste und Bedenken seiner Patienten und formulierte daraus Items wie „Ich habe Sorge, dass etwas Schlimmes passieren könnte, wenn ich mich gut fühle“ oder „Ich habe das Gefühl, dass ich es nicht verdiene, glücklich zu sein“. Heraus kam dabei die „Fear of Happiness Scale“.

Dann bat Gilbert mehrere Kollegen zu beurteilen, wie plausibel die Aussagen aus ihrer Sicht die Angst vor dem Glücklichsein beschreiben.
Die so entstandene Zehn-Item-Skala testete er an 185 überwiegend weiblichen Studierenden. Dabei erwiesen sich alle bis auf ein Item (das Gilbert später entfernte) als konsistent: Die Probanden beantworteten die Fragen sämtlich mit ähnlicher Tendenz.
Bei den meisten war die Angst allerdings nicht sehr stark – das Mittel lag bei Werten um 12 von 36 Punkten.

Doch Gilbert lieferte einen wichtigen Ansatzpunkt, um die Angst vorm Glück weiter zu erforschen: Sie scheint eng mit Depression zusammenzuhängen. Wer besonders große Furcht äußerte, erreichte auch hohe Werte in einem Depressionsfragebogen.
„Wenn eine Person nicht in der Lage ist, Glück zu empfinden, ist das ziemlich deprimierend“, so Gilbert. „Menschen, die unter Angst vor dem Glück leiden, neigen dazu, sich auf Gefahren zu konzentrieren. Statt über das Gute nachzudenken, das ihnen geschehen könnte, versuchen sie nur, das Schlechte zu vermeiden. Sie schauen auf das, was ihnen zustoßen, sie verletzen oder bedrohen könnte. Das drückt sie nieder.“

Ein Beispiel dafür gibt der „Neue Deutsche Welle“-Sänger Hubert Kah. Der an Depression erkrankte Musiker erklärte in einer Talkshow: „Ich hatte das Gefühl: Bei mir darf es nicht gut werden. Ich darf nicht glücklich sein, bei mir darf die Rechnung nicht aufgehen, ich muss leiden.“

Ursache, Folge oder Begleiteffekt?

An einer Gruppe von depressiven Patienten überprüfte Gilbert 2014 den Zusammenhang von Glücksangst und Schwermut. Die Patienten äußerten deutlich mehr Angst vorm Glück als die zuvor befragten Studierenden – im Schnitt erreichten die Depressiven Werte von knapp 24 Punkten.
Zudem zeigte sich: Je stärker die Angst vor dem Glück, desto mehr Stresssymptome, Ängste und Kennzeichen von Depression traten auf.
Ob „Fear of Happiness“ jedoch Ursache, Folge oder eher die Begleiterscheinung einer Depression ist, lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Möglicherweise ist das allerdings gar nicht entscheidend, meint Gilbert: „Die Angst vor dem Glück ist nur ein Faktor. Aber es ist wichtig, dass man sich in der Therapie damit befasst.“ Er plädiert dafür, sie wie andere Phobien zu behandeln – durch stufenweise Exposition mit dem Angst auslösenden Reiz.
„Ähnlich wie ein Therapeut bei Agoraphobie den Patienten mit hinaus ins Freie nimmt, so sollten Menschen mit Angst vor dem Glück versuchen, nach und nach mehr Glück zu empfinden, etwa indem sie den Geschmack einer Mahlzeit bewusst genießen.“ Ob diese Mischung aus Achtsamkeit und Exposition die Symptome tatsächlich mildert, ist bislang jedoch nicht untersucht.

Jürgen Margraf hält es ebenfalls für sinnvoll, das Problem therapeutisch anzugehen. Er gibt allerdings zu bedenken, dass es stark auf die individuelle Problemlage ankomme. „Gerade nicht so klar ausgeprägte, subklinische Symptome sind oft sehr variabel“, sagt er. „Neben der Konfrontation können auch Maßnahmen sinnvoll sein, die die Motivation oder bisherige Lebensführung der Betroffenen verändern.“

Die Angst vorm Glück zu heilen, sehen jedoch nicht alle Forscher als notwendig an. So warnt Mohsen Joshanloo davor, das Phänomen zu pathologisieren.
„Aus der Sicht von Gilbert und seinen Kollegen ist die Angst vorm Glück ein emotionales Problem, das korrigiert werden muss. Das mag bei depressiven Patienten legitim sein. Manchmal geht das Phänomen aber auf kulturelle Bewertungen zurück, die man als normal ansehen sollte.“

Tatsächlich betrachten Menschen in verschiedenen Kulturen Glück unterschiedlich. Ein Team um die Psychologin Li-Jun Ji von der Queen’s University in Kingston zeigte 140 US-amerikanischen und 181 chinesischen Studierenden verschiedene grafisch veranschaulichte „Glücksverläufe“ über die Lebensspanne. Die Probanden sollten jene Kurve auswählen, die zu ihrem eigenen Leben voraussichtlich am besten passen würde.
Für Varianten, bei denen das Glück kontinuierlich zu- oder abnahm, entschieden sich deutlich mehr Amerikaner als Chinesen. Mit anderen Worten: Chinesen gingen eher als Amerikaner davon aus, dass ihr Glück im Lauf des Lebens schwanken würde.

Alles ist im Wandel – auch Gefühle

Laut den Studienleitern wurzelt diese Idee im Taoismus. Nach dieser aus China stammenden philosophischen Schule ist alles im Wandel. Entsprechend sei das Glücksstreben in taoistisch geprägten Ländern weniger verbreitet als in westlichen Ländern, so Joshanloo.

Um die Angst vor dem Glück zu vergleichen, befragte er 2014 mehr als 2700 Studenten weltweit. Russen, Iraner, Japaner, US-Amerikaner, Niederländer und Vertreter zehn weiterer Nationen beantworteten seinen Fragebogen. Dafür verwendete Joshanloo ein selbst entwickeltes Instrument mit nur fünf Items, die der Skala von Gilbert ähnelten. Doch während diese das Unwohlsein und Misstrauen gegenüber dem Glück ins Zentrum stellt, umfasst Joshanloos Liste allgemeinere Aussagen wie „Auf Glück folgen oft Unglücke“.

Außer in Indien und Kenia fand Joshanloo die Angst vor dem Glück in allen Ländern.

Die Durchschnittswerte reichten von 1,98 in Brasilien über 2,54 in den USA und 3,16 in Japan bis zu 3,8 in Pakistan. Auf einer Skala von 1 („stimme gar nicht zu“) bis 7 („stimme voll zu“) sind dies weder besonders dramatische Werte noch erhebliche Länderunterschiede.
Allerdings herrscht die Glücksangst offenbar stärker in Kulturen vor, die mehr auf Konformität ausgerichtet sind. So fürchten Menschen in Ostasien die Missgunst der anderen stärker: In einer weiteren Befragung äußerten Japaner häufiger als Amerikaner die Sorge, Glück zu zeigen, könne Neid auslösen. Die Religion hat dagegen eher weniger Einfluss.

Neben den kulturellen Unterschieden hat Joshanloo auch untersucht, wie die Angst vor dem Glück mit dem Umgang mit positiven Emotionen zusammenhängt.
Ergebnis: Je stärker sich Probanden vor dem Glück fürchten, desto mehr versuchen sie ihre Freude zu dämpfen. Nur, was kommt zuerst – die Angst oder das Dämpfen?
Diese Frage ist bislang noch unbeantwortet.

Joshanloo fand deutliche Hinweise darauf, dass das Unterdrücken akuter Glückszustände die allgemeine Lebenszufriedenheit mindert. Je mehr jemand Hochgefühle fürchtet, desto geringer ist sein Wohlbefinden insgesamt.
Allerdings fielen die Zusammenhänge schwächer aus als die, die Gilbert gefunden hatte. Das mag auch daran liegen, dass Gilberts Skala in den USA verwendet wurde. „US-Amerikaner finden Glückserlebnisse viel wichtiger als Menschen in nichtwestlichen Kulturen“, erklärt Joshanloo.

Wen die Angst daran hindert, Genuss zu empfinden, der sollte sich Hilfe suchen, rät Gilbert. Zudem empfiehlt er, sich dieser Eigenart bewusst zu sein und es mit der Selbstkontrolle möglichst etwas lockerer zu nehmen.
So hielt es auch der Diskurswerfer Harting: „Ich dachte früher, man darf nicht glücklich sein und sich nicht freuen. Aber bei mir hat es trotzdem geklappt.“

Trauen wir unserem Glück ruhig, statt uns zu fürchten! Sich in seinem Gefühlsüberschwang zu bremsen, kann manchmal allerdings durchaus sinnvoll sein. In schlechten Zeiten hilft womöglich, sich daran zu erinnern, dass nicht nur das Glück kommt und geht, sondern auch das Unglück.

Die dunkle Seite des Glücks

In der US-Verfassung ist das Streben nach Glück fest verankert, und die Werbung fordert: „Kauf dich glücklich!“
Auch Studien legen nahe, dass Glücksgefühle Körper und Seele guttun. Doch sie haben auch eine Kehrseite, erklärte die Psychologin June Gruber von der University of Colorado in Boulder schon 2011 in einem Überblicksartikel.

Im Freudenrausch riskieren wir mehr und achten weniger auf Gefahren. Zudem zeigen Studien, dass sich Menschen in blendender Laune bei Entscheidungen stärker auf ihre Vorurteile stützen, statt wohlüberlegt vorzugehen.

Auch das Gedächtnis kann unter zu vielen positiven Gefühlen leiden: In einer Studie von Justin Storbeck vom Queens College und Gerald Clore von der University of Virigina erinnerten sich die gut gelaunten Teilnehmer weniger genau an zuvor Gelerntes als die schlecht gestimmten.

Die rosarote Brille scheint zudem den Sinn für Fairness zu trüben: Hui Bing Tan und Joseph Forgas von der University of New South Wales in Sydney baten Probanden, Lotterielose mit anderen zu teilen. Glückliche Probanden gaben weniger ab, und es fiel ihnen noch dazu schwerer.

Quellen

Gilbert, P. et al.: Fears of Happiness and Compassion in Relationship with Depression, Alexithymia, and Attachment Security in a Depressed Sample. In: British Journal of Clinical Psychology 10.1111/bjc.12037, 2013

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Jochen