Drohnen in Konfliktregionen – Verkehrter Krieg oder verkehrte Welt?

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Einsatz von Drohnen in Konfliktregionen

http://de.qantara.de/inhalt/einsatz-von-drohnen-in-konfliktregionen-verkehrter-krieg-oder-verkehrte-welt
Seit nunmehr einem Jahrzehnt setzen die USA im „Krieg gegen den Terror“ Drohnen ein. Bisher wurden tausende Menschen, vor allem Zivilisten, durch diese unbemannten Maschinen getötet.

Im Gespräch mit Emran Feroz erläutert Chris Woods, einer der bekanntesten Enthüllungsjournalisten des Drohnenkriegs, die Gründe für den wachsenden Einsatz von Drohnen.
Das Gespräch führte Emran Feroz.

Wie und wann begann der Einsatz von Drohnen in bewaffneten Konflikten?

Chris Woods: Drohnen werden schon seit Jahrzehnten eingesetzt, insbesondere zur Überwachung. Erst nach 2001 wurden sie dann auch als Kriegswaffe verwendet, und zwar ein paar Tage nachdem George W. Bush den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan ausrief, um die Taliban und Al-Qaida zu bekämpfen.

Wie treffsicher sind Drohnen?

Woods: Die Hersteller, das Militär und die CIA möchten uns Glauben machen, dass Drohnen unvorstellbar präzise seien. Die CIA hat aufgerüstete Drohnen wirklich als eine der bestgesteuerten Waffen in der Kriegsgeschichte bezeichnet. Aber wenn man einen Moment darüber nachdenkt, merkt man, wie absurd diese Aussage eigentlich ist. Denn die genaueste Waffe, die schon seit Tausenden von Jahren existiert, ist das Messer. Man weiß, was das Messer treffen wird, und was nicht.
Die Treffsicherheit von Drohnen ist verhältnismäßig höher als die anderer Luftfahrzeuge. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass diese Raketengeschosse nicht auch Zivilisten töten. Zivilisten wurden in vielen Ländern häufig von Drohnen getötet.

Drohnen werden auch in Ländern wie Somalia, Jemen und Pakistan eingesetzt. Dabei befinden sich die USA mit diesen Staaten nicht offiziell im Kriegszustand. Wie lassen sich diese Militäreinsätze dann noch rechtfertigen?

Woods: Wir müssen den Drohnenkrieg aus zwei unterschiedlichen Sichtweisen betrachten. Zunächst kommen Drohnen in regulären Kriegsschauplätzen zum Einsatz, beispielsweise in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien. Diese Konflikte werden auf internationaler Ebene unterstützt und sind durch das Kriegsrecht geregelt. Ungefähr 90 Prozent der Drohnenangriffe ereignen sich in diesen regulären Konfliktgebieten.
Doch die bleibenden zehn Prozent – das heißt, die von der CIA und den US-Spezialeinheiten durchgeführten, gezielten Anschläge im Jemen, in Somalia und in Pakistan – sind das eigentliche Problem.

Die Vereinigten Staaten behaupten, dass die Tötungen außerhalb des offiziellen Kampfgebiets rechtmäßig seien. Aber fast alle anderen Länder, einschließlich ihrer europäischen Alliierten, sehen das anders. Sie halten die gezielten Tötungen von Individuen durch Kriegsmaschinen außerhalb des Kampfgebietes für rechtswidrig.
Man sollte bedenken, dass die Obama- und die Bush-Regierung die gesetzliche Zulässigkeit ihrer Drohneneinsätze immer propagiert haben, ohne dabei diese Aktionen jemals juristisch zu begründen. Außerdem haben sie den US-Gerichten jede Möglichkeit verwehrt, die Drohnenangriffe auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen.
Das heißt im Klartext, die Vereinigten Staaten konstatieren, dass Drohnenangriffe auf Länder wie Pakistan legal seien, sie aber nicht willens sind, dies auch zu beweisen.

Die Piloten der Drohnen leisten einen Großteil der Arbeit. Wie würden Sie ihren Arbeitsalltag beschreiben?

Woods: Alle Drohnenmissionen werden von den Amerikanern mit der CIA, den Spezialeinheiten oder der regulären Armee geflogen und vom Personal der Luftwaffe durchgeführt. Sie steuern die Drohnen von entlegenen Orten aus, wie zum Beispiel aus Nevada, New-Mexico, Virginia und so weiter. Zurzeit gibt es ungefähr ein Dutzend abgelegene Stützpunkte in den Vereinigten Staaten.

Tausende von Männer und Frauen sind an diesen Stützpunkten als Piloten, Sensoren-Auswerter, Missionskoordinatoren, Wetterexperten und Juristen beschäftigt. Wir neigen dazu, diese Informationsindustrie des Drohnenkriegs zu unterschätzen. Sie spielt eine große Rolle.
So sind Piloten in der Arbeitshierarchie oftmals am wenigsten befugt, eigene Entscheidungen zu treffen. Ihnen wird nur gesagt: „Macht dies! Macht das! Geht dahin!“. Bei sehr heiklen Missionen wird ihnen manchmal sogar verboten, auf ihre eigenen Bildschirme zu schauen.
Das „Hollywood-Bild“ dieser Drohnenpiloten entspricht also oft nicht der Wahrheit. Sie haben sehr viel weniger Einfluss als man annehmen könnte. Das ist auch einer der Gründe dafür, weshalb die Drohnenpiloten im Laufe der Jahre unter psychologischen Problemen leiden.

Auch sraelische Nation der größte Drohnenhersteller der Welt. Aber was die Bewaffnung ihrer Drohnen angeht, lag Israel drei Jahre hinter den USA. So weit wir wissen, wurde die erste bewaffnete Drohne dort erst im Jahr 2004 eingesetzt.

Palästina wird mit bewaffneten Drohnen attackiert. Weshalb hören wir so wenig von dem Drohnenkrieg in den Autonomiegebieten?

Woods: Leider wissen wir nicht besonders viel darüber. Jahrzehntelang war die israelische Nation der größte Drohnenhersteller der Welt. Aber was die Bewaffnung ihrer Drohnen angeht, lag Israel drei Jahre hinter den USA. So weit wir wissen, wurde die erste bewaffnete Drohne dort erst im Jahr 2004 eingesetzt.

Wir können Israels Drohneneinsatz nur schwer nachverfolgen, denn Drohnen sind dort noch immer eine streng geheime Angelegenheit. Zum Beispiel erlaubt das israelische Militär den Journalisten nicht, über das Drohnenprogramm des Landes zu berichten. Also beziehen sich viele Medienvertreter, die sich mit der Thematik beschäftigen, auf andere Berichte, die sich selbst wiederum auf Dritte beziehen.
Auch existieren bis heute keine Bilder von irgendwelchen bewaffneten israelischen Drohnen. Es handelt sich wirklich um ein hochsensibles, geschütztes Programm, und die Israelis geben sich daher sehr geheimnisvoll.

Aber wir wissen, dass diese Drohnen im großen Stil im Einsatz sind, da die Menschen in Palästina sie sehen und hören können – nicht nur am Gazastreifen, sondern auch in der Westbank. Seit 2004 wurden israelische Drohnen wahrscheinlich bei hunderten von gezielten Einsätzen und Bombardierungen eingesetzt.

Allerdings setzen die Israelis andere Waffen ein als die Vereinigten Staaten. Und sie haben ihre eigenen Taktiken und Strategien. Sie machen zum Beispiel etwas, was auch als „knocking“ (zu Deutsch „klopfen“) bezeichnet wird: Wenige Minuten vor einem Angriff warnt ein kleiner Flugkörper die palästinensischen Einwohner vor der bevorstehenden Bombardierung.
Die Vereinigten Staaten wenden solche Taktiken nicht an. Ein weiterer großer Unterschied besteht darin, dass die Amerikaner oder Briten mit bewaffneten Drohnen keine Stadtgebiete bombardieren. Israel dagegen attackiert mit seinen Drohnen fast immer Stadtgebiete. Bei israelischen Luftangriffen haben wir schon so oft hohe Verluste der Zivilbevölkerung erleben können. Der Wert, der den Menschen in Palästina beigemessen wird, ist offenbar sehr gering

Sie waren in Gebieten wie etwa in Süd-Wasiristan, wo Drohnen bereits Teil des Alltags geworden sind. Welchen Einfluss haben die Drohnen auf das Leben der Menschen dort?

Woods: Die Zahl der Drohnenanschläge in Pakistan war schon immer niedrig, weil es sich um sehr spezielle Operationen oder gezielte Tötungen handelte. Aber weil die Vereinigten Staaten diese Informationen veröffentlichten, wissen wir, dass es für jeden Drohnenangriff in Afghanistan 29 Missionen gab, die gewaltlos endeten. Hochgerechnet bedeuten diese Zahlen für Pakistan 12.000 Drohnenangriffe auf einen winzigen Teil des Landes, das heißt Wasiristan und Umgebung.

Die Zivilbevölkerung steht dort unter permanenter Überwachung und lebt in ständiger Angst. Die Drohnen können ohne Warnung losfeuern, und genau das tun sie auch. Ich denke, das ist der psychologische Terror der Drohnen.

Doch es sind nicht nur die Drohnen. Ständig müssen die dort lebenden Menschen die Angriffe der pakistanischen Luftwaffe und Terroranschläge durch Al-Qaida oder ähnlichen Gruppen fürchten. Die Drohnen sind Teil dieser ganzen Misere, mit der die Menschen dort konfrontiert sind.

Wurden auch westliche Staatsangehörige von Drohnen getötet?

Woods: Die meisten der Drohnenopfer sind Einheimische. Fünf Prozent kommen von außerhalb, es handelt sich dabei meist um Nordafrikaner oder Menschen aus dem Mittleren Osten. Soweit bekannt ist, wurden seit 2002 ungefähr 40 westliche Staatsangehörige anvisiert und getötet.
Die höchste Opferzahl stellen dabei die Amerikaner: zehn US-Bürger wurden bereits getötet, gefolgt von deutschen und britischen Staatsangehörigen.

Großbritannien und Deutschland behaupten offiziell, dass sie die CIA bei diesen Angriffen nicht unterstützt hätten. Denn die amtliche Erklärung der Regierungen lautete, dass diese Angriffe rechtswidrig seien. Es wird also behauptet, es gebe keine geheimdienstliche Zusammenarbeit.
Aber deutsche Politiker wie Hans-Christian Ströbele und der NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags kommen zu dem Schluss, dass das nicht stimmen kann. Und auch einige britische Politiker teilen diese Sichtweise.
Ich denke, es ist in beiden Ländern an der Zeit für eine öffentliche Debatte, um mehr darüber herauszufinden. Lassen Sie mich hier ganz deutlich werden: für britische und deutsche Geheimdienstler ist es rechtswidrig, so etwas zu tun. Ich finde, das ist skandalös.

Welche Szenarien sehen Sie für die Zukunft des „Drohnenkriegs“?

Woods: Ich habe grundsätzlich Bedenken, was den Einsatz von Drohnen angeht und die Schnelligkeit, mit der sie Verbreitung finden. So viele Nationen stehen momentan im Wettbewerb, sich eigene bewaffnete Drohnen zu besorgen.
Aber auch der Krieg an sich wird sich verändern. Gegenwärtig werden die Hälfte der britischen Luftangriffe im Irak und einer von vier US-Luftangriffen in diesem Gebiet von Drohnen geleistet.

Die Idee der aus der Ferne gesteuerten Kampfmaschinen unterscheidet sich immer mehr von den sonst üblichen Militäreinsätzen in Krisen- und Konfliktregionen. Ich denke, sie lässt Politiker und Generäle in der Kriegsfrage gefällig werden. Sie leben in der Illusion, es könne einen vermeintlich risikofreien Krieg geben.
Aber ein Krieg ist nie risikofrei. Der Schauplatz ist bloß ein anderer. Gegenwärtig beobachten wir, wie die britische Luftwaffe im Irak und in Syrien den IS angreift; es gibt keine Bodentruppen, die der IS attackieren könnte.

In Wirklichkeit aber führen wir einen Krieg, in dem das Risiko nur verlagert wird. Denn leider mussten wir erleben, wie 30 britische Touristen in Tunesien vom IS massakriert wurden. Das war Teil einer Vergeltung für die Bombardierungen durch das britische Militär.
Wir sind also nicht weniger gefährdet, wir haben das Risiko nur von unserem Militär auf unsere Zivilbevölkerung abgewälzt.

Außerdem senken wir die Schwelle für einen Kriegseinsatz. Ich glaube, dass viel eher auf den Einsatz von Drohnen zurückgegriffen wird, als auf diplomatischem Weg Lösungen zu erzielen und Verhandlungen zu führen.
Drohnen scheinen die schnellste und einfachste Antwort und Lösung für Konflikte zu sein – was sie jedoch nicht sind.

Im Jemen, zum Beispiel, begannen die Vereinigten Staaten ihren Drohnenkrieg vor ungefähr fünf Jahren. Heute ist der Jemen zehn Mal instabiler als vor den Bombardierungen durch die US-Amerikaner. Und Al-Qaida ist gegenwärtig zehn Mal stärker als zuvor.
Nicht alles ist auf den Einsatz von Drohnen zurückzuführen, aber ich glaube, dass Drohnen das Trugbild von Politikern und Generälen fördern, es handle sich um Kriegseinsätze ohne jedes Risiko.

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Julis Koch

Jochen

Günter Wallraff Interview: „Ich kämpfe gegen den Schweinezyklus“

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

http://www.fr-online.de/arbeit–unsere-religion-/guenter-wallraff-interview–ich-kaempfe-gegen-den-schweinezyklus-,30242698,30404692.html
Auszüge:

Im FR-Interview spricht Enthüllungsjournalist Günter Wallraff über moderne Ausbeutung, Hinterlist beim Mindestlohn und den schlimmsten Job, den er je hatte.

Interview: Elena Müller

Herr Wallraff, was bedeutet Arbeit für Sie?
Zuerst einmal: Arbeit sollte kein Selbstzweck sein und nicht das Alleinbestimmende im Leben. Doch regelmäßig erlebe ich nach neuen Veröffentlichungen, dass Betroffene direkte Hilfe erwarten oder sich mir Insider mit weiterführenden Erkenntnissen anvertrauen.
Dem entziehe ich mich nicht, und es wird zu einer Inanspruchnahme, die über die eigentliche journalistische Arbeit weit hinausgeht. Da bin ich gefordert, manchmal auch überfordert. Aber in dieser „Arbeit“ verwirkliche ich mich auch. In meinen Rollenreportagen ist das Spielerische eine kreative Antriebskraft, und ich spiele für mein Leben gern.

Auch Tischtennis habe ich gehört.
Ja, zum Beispiel spiele ich auch ab und zu in der JVA zusammen mit anderen gegen Gefangene. Daraus sind einzelne Freundschaften entstanden.
Da ich zum Meditieren zu unruhig bin, schaffe ich es beim Marathontraining – oft spätabends noch – Anspannung und Probleme auszuschwitzen.
Als jetzt mal wieder das Büro aufgeräumt werden musste und ich merkte, dass das alles wieder nur in Arbeit ausartet, habe ich zwecks Auflockerung einen Tischkicker reingestellt. Nur leider spielt mein Mitarbeiter in einer anderen Liga, er ist 33 und altersbedingt meist reaktionsschneller.

Und wenn Sie dann doch wieder arbeiten?
Meine Art der Arbeit hat sich für mich so ergeben, ich fühle mich gefordert, denn ich bin inzwischen ja auch privilegiert.
Ich war zwar Ende der 60er und in den 70ern für eine gewisse Zeit für „Pardon“ und „Konkret“ (zwei Magazine, Anm. d. Red.) tätig und habe dort immer das gemacht, was ich für richtig und wichtig hielt.

Was ist Ihnen gerade besonders wichtig?
Nach meinen jüngsten Recherchen für RTL mit dem „Team Wallraff“ zu den Arbeitsagenturen und Jobcentern fühle ich mich den Menschen gegenüber, deren Schicksale und Demütigungen wir veröffentlicht haben, jetzt erst recht verantwortlich, dran zu bleiben.
In Einzelfällen gelingt es unter Einbeziehung aller Beteiligten, Verbesserungen durchzusetzen. Diese „Nacharbeit“ und Nachhaltigkeit sehe ich als Verpflichtung an.
Aus diesem Grund habe ich auch zusammen mit meinem Kollegen Albrecht Kieser das Büro „work-watch“ gegründet, das Betroffenen kostenlose Beratung anbietet. Hier engagiere ich mich auch persönlich, und es macht Sinn, sich dafür die Zeit zu nehmen.

Sie denken also auch nicht in Kategorien wie Feierabend oder Urlaub?
Das würde ich gerne. Ich nehme mir oft zu viel vor, kann schlecht nein sagen und lehne es ab, sogenanntes Wichtiges von angeblich Unwichtigem zu trennen. Ich genieße es allerdings, wenn das Telefon nicht klingelt, und Sonntage liebe ich über alles.
Deshalb bin ich in diesem Punkt voll auf Seite der katholischen Kirche, dass diese Tage und bestimmte Feiertage der Zeit mit der Familie und den Freunden vorbehalten sein sollten. Wenn das alles auch noch der reinen Wirtschaftlichkeit und den Profitinteressen preisgegeben wird, wird die Vereinzelung und Entsolidarisierung der Menschen noch weiter zunehmen.
Ich genieße Tage, an denen die Zeit stillsteht, wie jetzt an Ostern oder an Weihnachten zum Beispiel, da lebe ich auf.

Wann glauben Sie, wird Arbeit zur Ausbeutung? Und wann wird Arbeit für Sie Ausbeutung?
Ich bin so privilegiert, dass ich nie sagen kann: „Ich beute mich selber aus“. Ich würde eher sagen, dass ich noch produktiver wäre, wenn mein Leben organisierter abliefe.
Aber wenn ich andere erlebe, die sich aufopfern und sich alles gefallen lassen, um das Existenzminimum zu erreichen, dann fühle ich mit diesen Menschen, das nimmt mich mit. Diese Wehrlosigkeit bis hin zur Selbstausbeutung ist von den Arbeitgeber-Strategen vorbereitet worden.
In meinem Buch „Aus der schönen neuen Welt“ zitiere ich den damaligen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, der schon 2004 meinte: „Die Arbeitskraft hat ihren Preis, wie ihn auch Schweine haben. Im Schweinezyklus ist der Preis hoch, wenn es wenige Schweine gibt. Werden viele Schweine angeboten, dann sinkt halt der Preis.“
Ähnlich deutlich forderte der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walther, 2008: „Manche von uns (!) werden sich darauf einstellen müssen, künftig einen Lohn zu bekommen, der in Deutschland zum Überleben nicht mehr reicht.“ Das ist die Ideologie der schamlosen Ausbeutung.

Günter Wallraff arbeitet in den 1980er Jahren als türkischer Gastarbeiter in Deutschland. Foto: dpa

Sie haben schon viel gesehen, was schlechte Arbeit angeht. Frustriert es Sie, dass sich alles immer wiederholt?
Damals wurden die Leute ausgebeutet bei Thyssen, heute bei Amazon.

Ich bewahre mir eine gewisse Naivität und tue so, als könnte alles ganz anders sein. Das heißt, ich finde mich mit dem Vorgegebenen nicht ab.
Ich bin zwar einerseits Berufsskeptiker, aber andererseits auch Zweckoptimist.
Ich sage mir: Alles, was mal die Visionen früherer Generationen waren, ist heute Realität: zum Beispiel Arbeitsrechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte oder auch der Umweltschutz.
Was heute noch gang und gäbe ist, wird in einer zukünftigen Gesellschaft – die ich nicht mehr erleben werde – schon anders sein.

Das klingt ziemlich optimistisch!
Ja, aber wenn ich andererseits sehe, wie Rechte, die durch eine Arbeiterbewegung erkämpft wurden, rückgängig gemacht werden, dann ist es auch zum Verzweifeln. Dann frage ich mich, ob nicht alles umsonst ist.
Doch Sisyphos ist meine Leid- und Leitfigur: Egal, wie wenig erfolgversprechend und anstrengend es im Moment erscheinen mag, wir müssen es trotzdem machen und so tun, als ob alles möglich wäre. Denn es ist oft viel mehr möglich, als man vorher angenommen hat.

Wie haben sich die Menschen als Arbeitnehmer verändert im Laufe Ihrer jahrelangen Recherchen?
Ich habe den Eindruck, wir stehen am Anfang einer neuen sozialen Bewegung.
Zu Beginn meiner Arbeit Mitte der 60er Jahre in den Betrieben war es zum Beispiel viel mühseliger, einen Zeugen zu finden, der bereit war, notfalls vor Gericht auszusagen. Heute reden die Menschen offener über unzumutbare Arbeitsbedingungen, sie haben ein Bedürfnis danach.
Es sind viele, die sogar Unbill und Nachteile im Beruf riskieren, weil sie wollen, dass Missstände öffentlich werden.

Das heißt doch auch, dass man über eine breitere Front Probleme angehen könnte. Warum tun sich die Menschen nicht stärker zusammen?
Erst nachdem jemand seine Stimme erhebt, trauen sich die Menschen, von ihren Problemen zu erzählen.

Es wird ein starker Druck ausgeübt! Es gibt Regionen, gerade im Osten Deutschlands, das sind gewerkschaftsfreie Zonen.
Die meisten haben Angst vor den Konsequenzen, wissen gar nichts über die Arbeit einer Gewerkschaft und ihre Arbeitnehmerrechte.
Das ist ein Riesenproblem. In vielen Betrieben wird eine gewerkschaftliche Betätigung nicht nur erschwert, sondern sogar verhindert.

Es scheint so viele Menschen zu geben, die in der gleichen Situation sind. Doch keiner redet darüber. Viele scheinen das Gefühl zu haben, ihres sei ein Einzelschicksal.
Viele schämen sich sogar. Sie verspüren eine Ohnmacht gegenüber dem Arbeitgeber und empfinden sich als wehrlos und geben ihre Rechte auf.
Und so etwas wie Solidarität ist oft abhanden gekommen.
„Proletarier“ war mal ein Ehrentitel, heute ist er zum Begriff „Prolet“ verkommen und geht schon in Richtung „Assi“. Es ist eine Verrohung und Entsolidarisierung entstanden. Oder wie in der Jugendsprache das Wort „Opfer“ zum ausgrenzenden Schmäh- und Schimpfwort pervertiert wurde.
Wo früher dem Opfer noch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft entgegengebracht wurde, bleibt heute nur Spott und es darf nachgetreten werden.

Sie haben schon viel aufgedeckt und die Leute wachgerüttelt. Doch immer noch gibt es neue Missstände an den Arbeitsplätzen vieler Menschen.
Was muss noch passieren, damit sich etwas ändert?

Wir dürfen nicht nachlassen! Es braucht Beharrlichkeit. Zu lange war der Begriff „Hartz-IV-Empfänger“ durch eine bestimmte Presse stigmatisiert.
Das ändert sich gerade, und ich hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann. Das Klischee des Hartz-IV-Empfängers war der „Schnorrer“, der „Abzocker“, der „Betrüger“, der es sich „in der sozialen Hängematte bequem macht“ – das hat sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben.
Jetzt findet endlich eine Wahrnehmungsänderung statt, wie Hartz-IV-Empfängern oft übel mitgespielt wird und sie wochen- oder monatelang auf die ihnen zustehende Unterstützung warten müssen.

Vehement für den Mindestlohn eingesetzt

Man sieht an den Fällen, die Sie vorstellen, dass es sich bei den Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen nicht um Abzocker handelt; es wird klar: ein Hartz-IV-Empfänger ist jemand wie du und ich.
Ja, es kann jeden treffen. Da kann jemand einen noch so guten Studienabschluss haben, aber wenn er in einem Sektor arbeiten will, in dem es ein Überangebot gibt, dann kann er schnell zu den Hartz-IV-Empfängern gehören.
Und wenn er mit über 50 arbeitslos wird, ist es fast schicksalhaft, dass er zu Mehrheit derer gehört, die nicht mehr zu vermitteln sind und von einer sinnlosen Maßnahme in die nächste geschickt wird, auf dass die Statistik beschönigt wird.

Was bedeutet das für unsere Arbeitsgesellschaft?
Es findet ein immer dramatischeres Abrutschen in ungesicherte, prekäre Arbeitsverhältnisse statt. Dann wundert man sich nicht mehr, dass Deutschland neben Japan das Land mit der geringsten Geburtenrate ist.
Ich habe in Berufen gejobbt und recherchiert, wo ein Kind für die Eltern einfach finanziell eine Katastrophe gewesen wäre, weil sie nicht wussten, wie sie es finanzieren können oder durch Arbeitsüberlastung ohnehin nicht an Kinder zu denken war.

Die Kinderlosigkeit wird ja immer den Gutgebildeten und Gutverdienern angelastet, weil die lieber Karriere machen wollen.
Dabei hat man nicht im Blick, dass es Menschen gibt, die sich ein Kind nicht leisten können.

Das habe ich zum Beispiel bei den Paketfahrern erlebt. Da scheitern Beziehungen aufgrund der Arbeitsüberlastung oder kommen deswegen erst gar nicht zustande. Einer der Fahrer, mit dem ich zusammen für GLS unterwegs war, hatte eine regelrechte Sehnsucht nach einer festen Beziehung mit Kind. Seine Freundin hatte ihn verlassen, weil er 13 bis 15 Stunden täglich unterwegs war und keine Freizeit mehr hatte.
Mir ist es dann gelungen, ihm eine Festanstellung in einem anderen Beruf zu verschaffen.

Immerhin einer mit einer Chance …
Jetzt, wo der Mindestlohn eingeführt wurde, wird es interessant. Ich habe mich für den Mindestlohn immer vehement eingesetzt.
Doch jetzt fangen bestimmte Sparten schon damit an, den Mindestlohn zu unterlaufen. Das recherchiere ich gerade.
Ein Unternehmen zum Beispiel baut gerade ein Drittel seiner Belegschaft ab und die verbliebenen Mitarbeiter sollen deren Arbeit miterledigen.
In der Paketbranche versuchen Konzerne soeben, die Verantwortung noch extremer auf die Subunternehmer zu verlagern, ihnen Schwarzarbeit oder Scheinselbständigkeit nahezulegen.
Es kommt jetzt darauf an, dass solche Unternehmen regelmäßig kontrolliert und bei Verstößen strafrechtlich belangt werden.

Letztlich sind wir als Verbraucher auch ein wenig an der Situation der Paketlieferanten schuld.
Ja, wenn wir nur bedenkenlos schnellst-schnellst und billigst-billigst online ordern, sind wir mitverantwortlich!
Als ich von den Zuständen bei Amazon und Zalando – beschrieben im Buch „Die Lastenträger“ – erfuhr, wie die Menschen dort unter fast sektenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen, habe ich meinen Verlag angewiesen, meine Bücher nicht mehr über Amazon zu verkaufen. Das war gar nicht so einfach. Ich habe es dennoch durchgesetzt.
Aber Amazon unterläuft meinen Boykott, indem es bei Zwischenhändlern bestellt. Aber auf diesem Weg kann es immerhin nicht so einen hohen Rabatt – 55 Prozent – wie sonst herausschinden. Erreichen konnte ich immerhin, dass Amazon meine Bücher nicht mehr über sein Ebook Kindle vertreiben darf.

Sie haben die Paketdienste angesprochen, aber das Problem gibt es auch in anderen Branchen: Wenn man bestimmte Standards hierzulande anhebt, wird es sehr wahrscheinlich woanders schlechter. Kann man den Prozess der Verschlechterung von Arbeitsbedingungen überhaupt noch aufhalten?
Man muss hierzulande anfangen, die Sozialstandards zu verbessern. Das strahlt auch auf andere Länder aus.
Selbst die Wanderarbeiter in China fangen an, sich zu organisieren. Es dringt durch, zwar nicht unmittelbar, aber – das sind die positiven Seiten der Globalisierung – durchs Internet wird das Unrecht vom und im entferntesten Winkel der Welt bekannt und rückt ins öffentliche Bewusstsein.
Daher sage ich: Nicht nachlassen und die eigenen Rechte einfordern!

Haben Sie den Eindruck, die Menschen schauen mittlerweile besser hin?
Ja, das ist erstaunlich und auch ermutigend. Das Verbraucherbewusstsein ist zwar zunächst einmal ganz eigennützig, weil man sich zum Beispiel gesund ernähren möchte. Aber darin schwingt gleichzeitig auch eine Sensibilisierung für die Tierhaltung mit.
Denn für jedes Billigfleisch litt ein gequältes Tier.

Sie haben schon in vielen Branchen gearbeitet. Was war die schlimmste Arbeit, die Sie jemals gemacht haben?
Das war meine Zeit bei der „Bild“-Zeitung, als ich mich als Hans Esser da eingeschlichen habe, um deren Fälschungen und Rufmordgeschichten auf die Schliche zu kommen.
Wie man bei der aktuellen Berichterstattung über Griechenland sieht, hat sie Rückfälle in ihre schlimmsten Zeiten. Da wird aufgewiegelt und zum „Volkszorn“ angestachelt. Aber immerhin hat sie, was die direkten Verletzungen der Persönlichkeitsrechte angeht, etwas dazugelernt. In Einzelfällen versucht sie unter Beweis zu stellen, dass sie auch eine andere Seite hat.

Meinen Sie, Sie haben irgendwann mal genug vom Wühlen und der Drecksarbeit? Gibt es für Sie den Ruhestand?
Wenn die Kräfte schwinden, werde ich an meiner Autobiografie arbeiten. Ich habe so viel erlebt, was ich bislang nicht in meinen Reportagen unterbringen konnte. Für mich heißt Leben: nicht unbedingt alt zu werden. Ich konnte mir früher nie vorstellen, mein jetziges Alter zu erreichen.
Seit ich 70 bin, plane ich nur noch in Ein- bis Dreijahresabschnitten. Ich mache weiter, solange wie möglich. Die ewige Ruhe ist uns noch lange genug beschieden.

Zur Person

Günter Wallraff, 72, ist Deutschlands bekanntester Investigativjournalist. Er begann 1965, sogenannte Industrie-Reportagen zu schreiben.
Dafür schleuste er sich undercover in verschiedene Betriebe ein und veröffentlichte seine Erfahrungen mit den dortigen Arbeitsbedingungen in mehreren Büchern; das wohl bekannteste ist „Ganz unten“ (1985).

Sein aktuelles Projekt ist das Büro „workwatch“, das Menschen in prekären Arbeitsbedingungen hilft.
Im Zuge dieser Arbeit erschien Günter Wallraffs jüngstes Buch „Die Lastenträger“ im Verlag
Kiepenheuer und Witsch, 2014,
304 Seiten, 14,99 Euro. FR

Jochen