»Wording“ – Anmerkungen zum Sprachgebrauch – Sammelband »ARD & Co. Wie Medien manipulieren« erschienen

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Vielleicht das richtige Buch als Grundlage für den geplanten Workshop zu Manipulation. ard_und_coIch habe mir ihn gleich bestellt, zusammmen mit dem Standardwerk von Holzkamp, Grundlegung der Psychologie:
https://www.jungewelt.de/2015/10-15/002.php


Zur Frankfurter Buchmesse ist der Sammelband »ARD & Co. Wie Medien manipulieren« erschienen, in dem 17 Autoren Beispiele und Strukturen von zielgerichteter Informationsvermittlung in den Konflikten der vergangenen Jahren beschreiben. junge Welt dokumentiert mit freundlicher Genehmigung des Selbrund-Verlags auszugsweise den Aufsatz »Wording – Anmerkungen zum Sprachgebrauch«, den der Gründer der Zweiwochenzeitschrift Ossietzky, Eckart Spoo, verfasst hat.

In der Propaganda, der wir viel öfter ausgesetzt sind, als wir ahnen, nämlich fast immer, allemal in Kriegszeiten, sind Aufklärung und Propaganda ein Begriffspaar, ähnlich wie Freiheitskämpfer und Terroristen. Die Guten, nämlich die Unsrigen, warnen, die Bösen, das heißt die Feinde, drohen.
Gemeint ist ein und dasselbe Verhalten: Man verknüpft Forderungen an die Gegenseite mit der Ankündigung, ihr empfindlich zu schaden, falls sie nicht nachgibt. Auch Sanktionen werden als Warnungen ausgegeben, die bis zur Hungerblockade reichen dürfen – vorausgesetzt, dass wir Guten sie verhängen.

In früheren Zeiten, als noch NATO und Warschauer Pakt einander gegenüberstanden, war es in der westlichen Propagandasprache immer die NATO, die warnte, der Warschauer Pakt, der drohte. Je nachdem, ob nach Darstellung der von uns konsumierten Medien jemand warnt oder droht, wissen wir, was wir von ihm zu halten haben, denn Warnen, das wissen wir, ist ein freundliches, Drohen hingegen ein feindliches Verhalten.
So inszeniert die Propaganda das Welttheater und macht uns zu vermeintlich Wissenden, ohne dass wir einen Beweis erhalten und ohne dass wir uns dieser Indienstnahme unserer Köpfe bewusst werden, denn die beiden Wörter warnen und drohen sind so unscheinbar, dass sie uns beim Lesen oder Hören gewöhnlich nicht auffallen. Sie wirken unterschwellig.

Freiheitskämpfer sind gut, Terroristen böse. Wer auf unserer Seite kämpft – genau gesagt: auf der Seite unserer Obrigkeit –, ist Freiheitskämpfer. Im Kampf gegen den Terror sind ihm, weil er ein Unsriger ist, auch unerlaubte Mittel erlaubt.
Antiterrormethoden werden durch ihren Zweck zu guten Methoden, während die Mittel der Bösen nur böse Mittel sein können.

Weil 1999 die albanisch-islamisch-separatistischen UCK-Kämpfer im Kosovo gegen die Serben kämpften – also gegen Deutschlands Feinde schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg – und weil sie Jugoslawien zerschlagen wollten, das nach den in Deutschland vorherrschenden Interessen ein unerwünschtes Überbleibsel des von Deutschland verlorenen Zweiten Weltkrieges war, sollten sie uns als Freiheitskämpfer erscheinen. Ihre Überfälle, Brandstiftungen, Morde dienten der angeblich guten Sache. Was die jugoslawischen Sicherheitskräfte dagegen unternahmen, war selbstverständlich Terror.

Im Zweiten Weltkrieg war laut Nazipropaganda jeglicher Widerstand gegen die deutsche Besatzung Terror – auf dem Balkan wie in Frankreich, Polen und der Sowjetunion. Später galt den tonangebenden bundesdeutschen Politikern und Publizisten beispielsweise auch die Nationale Befreiungsfront in Vietnam, die für die Befreiung ihres Landes erst von französischer und dann von US-amerikanischer Herrschaft kämpfte, als terroristisch.
Nachdem die FLN militärisch gesiegt hatte, wurde sie bald weniger als Feind, sondern als möglicher Handelspartner gesehen und galt nicht mehr als terroristisch. Die Propagandasprache richtet sich eben nach den jeweiligen Interessen und Machtverhältnissen. In diesem Sinne sortiert sie, was gut und was böse ist.
Gut ist vor allem die hierzulande herrschende Obrigkeit, der die Propaganda als Mittel der Herrschaftssicherung dient.

Propaganda ist ursprünglich ein kirchlicher Begriff. Gemeint war die Ausbreitung des christlichen Glaubens. Nichtgläubige sollten zu Gläubigen gemacht werden. Unter Aufklärung hingegen – in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes – war und ist die geistige Bewegung zu verstehen, die sich gegen das Gottesgnadentum des Absolutismus richtete und die Menschenrechte einforderte, darunter das Recht der freien Meinungsäußerung, Freiheit von staatlicher Zensur und klerikaler Bevormundung. Eine herrschaftskritische Bewegung.

Joseph Goebbels nannte sich nicht nur Reichsminister für Propaganda, sondern eignete sich für seine Amtsbezeichnung auch das Wort Aufklärung an: Reichsminister für Volks-Aufklärung und Propaganda. Die Herrschenden versuchen immer – mehr oder weniger frech, mehr oder weniger erfolgreich – sich alles anzueignen, was das Volk hervorbringt, auch und gerade die geistigen Waffen, die es gegen die Herrschaft schmiedet; sie wenden sie dann gegen das Volk selber.
In der heutigen Propagandasprache ist Propaganda ein böses Mittel der anderen, der Bösen. Die Propaganda, die man selber betreibt, nennt man Aufklärung. (…)

Kinder sollten Medienanalyse lernen, kritischen Umgang mit der Mediensprache, auch mit der Sprache der Bilder. Sie sollten dazu angehalten werden, jedes Wort zu prüfen. Was suggeriert die Wortwahl? Welchen Interessen dient sie? Übernehmen die Medien kritiklos propagandistische Wortprägungen wie Eigenverantwortung (Sozialabbau zugunsten des Staates und der Unternehmen) oder Verfassungsschutz (Geheimdienst mit engen Beziehungen zu Neonazis)? Welche Wirkung erzielt man, wenn man Paarwörter wie Fluchthelfer und Schleuser austauscht? (…)
Wie wirkt es sich auf die Meinungsbildung aus, wenn Journalisten – wie in der Tagesschau geschehen – dem Publikum lakonisch, ohne Angabe der Täter und der Opfer, mitteilen, das Gewerkschaftshaus in Odessa sei »in Brand geraten«. Auf Kritik an der Berichterstattung der Tagesschau antwortete ihr Chefredakteur Kai Gniffke, die Diktion der Tagesschau wie auch der Tagesthemen stimme mit dem Wording der Nachrichtenagenturen und der »Qualitätszeitungen« überein.
Wording – das klingt doch gleich viel besser und moderner als Sprachregelung.

Ronald Thoden (Hg.): ARD & Co. Wie Medien manipulieren. Frankfurt am Main 2015, 300 Seiten, 16,80 Euro.

Jochen

Grandioser Urlaubstipp: »Die Hürden für Fluchthilfe sind so niedrig wie nie«

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Eine Initiative gibt den Tip, Geflüchtete bei der Rückreise aus dem Urlaub im Auto mitzunehmen.

Gespräch mit Maximilian Thalbach

http://www.jungewelt.de/2015/08-04/063.php

Auszüge:

Interview: Gitta Düperthal
Zu Beginn der Feriensaison rufen Sie dazu auf, sich an der Kampagne »Werde Fluchthelfer« zu beteiligen, um auf der Rückreise aus dem Urlaubsland Geflüchtete mitzunehmen, die innerhalb Europas nach Norden fliehen wollen.
Warum erachten Sie dies für notwendig?

In Deutschland gibt es eine lange Tradition von Fluchthilfe über Grenzen hinweg; sei es während der Nazizeit oder zu DDR-Zeiten. Fluchthilfe ist aktuell leider wieder nötig; die Hürden dafür sind so niedrig wie nie zuvor.
Einsteiger können sie mit vergleichsweise geringem Risiko im Schengen-Raum leisten, indem sie Fluchtwillige im eigenen Auto auf dem Rückweg aus dem Urlaub mitnehmen, etwa aus Italien nach Deutschland. Weil die Polizei mittlerweile Züge und Busse häufig kontrolliert, schaffen diese es oft nicht allein.
Die Fluchthelfer-Aktion ist also so gedacht: Sie nehmen diese Menschen in privaten Autos mit, damit sie unentdeckt bleiben, etwa auch von der ungarisch-serbischen Grenze bis nach Skandinavien. Ein Urteil von 1977 des Bundesgerichtshofs besagt: Fluchthilfe ist in Ordnung, wenn es sich dabei nicht um einen »Verstoß gegen die guten Sitten« handelt.

Nun gibt es aber den Schleuserparagraphen im Aufenthaltsgesetz, der eine solche Hilfe unter Strafe stellt – mit bis zu fünf Jahren Gefängnis oder Geldstrafe. Wie ist zu vermeiden, unter Verdacht zu geraten?

Das ist relativ einfach. Das »Einschleusen von Ausländern« ist zwar nach Paragraph 96 Aufenthaltsgesetz strafbar; aber nur unter drei Bedingungen: Erstens, wenn jemand dafür Geld nimmt; zweitens, falls er wiederholt tätig wird; drittens, wenn er gleich mehrere Personen über die Grenze bringt.
Im Umkehrschluss ist also kein Schleuser, wer nur einen mitnimmt, es nur einmal tut und keine Leistung dafür will, sondern es aus politischen oder moralischen Gründen macht.

Wer nur mal einen Geflüchteten im Auto nach Deutschland fährt, kann sich aber der Beihilfe zur unerlaubten Einreise (Paragraph 95) strafbar machen. Dies nachzuweisen, dürfte aber schwierig werden: Niemand kann verpflichtet sein, von Menschen, die er im Auto mitnimmt, die Papiere zu kontrollieren.

Wie kommen Hilfsbereite mit Fluchtwilligen in Kontakt?

Menschen auf der Flucht sind beispielsweise an Bahnhöfen in Norditalien anzutreffen, wo sie einen Zug nach Norden nehmen wollen; im französischen Calais oder in der ungarischen Grenzregion zu Serbien, wo viele versuchen, über die Balkanroute nach West- oder Nordeuropa zu kommen. Fluchthilfe sollte niedrigschwellig beginnen, etwa mit einer Einladung zum Kaffee oder Tee, im Anschluss geht es darum zu erfahren, wie es dem Fluchtwilligen geht. Für die gemeinsame Fahrt ist beiderseitiges Vertrauen Voraussetzung.

Welche Tips geben Sie, um straffrei zu bleiben?

Darüber geben wir auf unserer Webseite Auskunft, die seit Montag online ist.
http://www.fluchthelfer.in/
Um sich etwa auch des Beihilfe-Paragraphen unverdächtig zu machen, wäre es gut, ein Trampschild dabei zu haben: Man hat sich gerade erst kennengelernt und weiß von gar nichts. Gut ist, sich mit anderen zusammenzutun, einen anderen Wagen vorauszuschicken, um zu erfahren, ob es am gewählten Weg Kontrollen gibt – und gegebenenfalls eine Alternativroute einzuschlagen.

Wie viele Leute machen bei der »Peng«-Kampagne mit?

Im Team sind wir zu siebt. Wer an der Kampagne alles mitwirkt, wissen wir selber nicht genau. Wüssten wir es, würden wir es nicht sagen. Direkte Kontaktaufnahme zu uns ist nicht sinnvoll, nur über Mittelspersonen. Eben gerade hat jemand angerufen und gesagt, er wisse von einer Person, die teilnehmen wird. Darüber freuen wir uns natürlich. Von mehreren wissen wir, dass sie es planen – oder bereits getan haben. Wir haben eine halbe Stunde, nachdem die Seite online war, Kenntnis von einer Frau erhalten, die sogar zwei Familien nach Deutschland gebracht hat.

Sollten nicht nur einzelne Personen mitgenommen werden, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen?

Manche wagen etwas. Diese Frau hat Anspruch auf ein europäisches Verdienstkreuz, das wir am Freitag stellvertretend übergeben.

JA, ob sich alleine dafür ein entsprechendes Ziel aufzusuchen lohnt ?

Jochen