Verlauf von Multipler Sklerose wird durch Ernährung beeinflusst

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

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Bedeutsame Rolle des Darm-Mikrobioms

Die kurzkettige Fettsäure Propionsäure beeinflusst die Darm-vermittelte Immunregulation bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS).
Das hat ein Team der Neurologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum (RUB) im St. Josef-Hospital in einer internationalen Studie unter Leitung von Prof. Dr. Aiden Haghikia gezeigt.
Die Gabe von Propionsäure zusätzlich zu MS-Medikamenten reduzierte langfristig die Schubrate und das Risiko einer Behinderungszunahme.
Zudem weisen erste Kernspin-Untersuchungen im Verlauf darauf hin, dass die Propionsäure möglicherweise den Gehirnschwund als Zeichen eines Nervenzell-Untergangs reduziert.
Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift „Cell“ vom 10. März 2020 veröffentlicht.

Das Darm-Mikrobiom spielt nicht nur für den gesunden Organismus eine wichtige Rolle, sondern auch im Zusammenhang mit Erkrankungen, die auf vielen Faktoren beruhen, wie die Multiple Sklerose.
Im Darm findet die Interaktion zwischen der Nahrung, den dortigen Bakterien, deren Stoffwechselprodukten und dem Immunsystem in der Darmwand statt.
„So können die Darmbakterien direkt und indirekt Einfluss auf anatomisch entfernte Strukturen wie das Gehirn nehmen“, erklärt Aiden Haghikia. „Das Darm-Mikrobiom entspricht damit einem eigenständigen endokrinen Organ, das mit der Umwelt in Verbindung steht.“

Kurzkettige Fettsäuren können Entzündungsreaktionen unterdrücken

In der aktuellen Studie konnten die Forschenden die vormals in der Zellkulturschale und im experi­mentellen Modell gezeigten Ergebnisse auf ihre MS-PatientInnen übertragen: Kurzkettige Fettsäu­ren wie die Propionsäure oder deren Salz Propionat führten zur vermehrten Entstehung und gestei­gerten Funktion von regulatorischen Zellen des Immunsystems.
„Diese Zellen beenden überschießende Entzündungsreaktionen und reduzieren im Kontext von Autoimmun-Erkrankungen wie der MS auto-immune Zellen“, so Prof. Dr. Ralf Gold, Direktor der Neurologie im St. Josef Hospital.

In ihrer Arbeit konnten das Forschungsteam nachweisen, dass die Mikrobiom-Zusammensetzung bei MS-Betroffenen verändert ist. Darüber hinaus konnten sie erstmals einen Mangel von Propionsäure im Stuhl und Serum von MS-PatientInnen zeigen, die in der frühesten Phase der Erkrankung am stärksten ausgeprägt war.
Dieser Nachweis gelang in Kooperation mit dem Max-Delbrück-Cen­trum Berlin und den Ernährungswissenschaften der Universität Halle-Wittenberg.

Beteiligung der Darm-Bakterien und der Kraftwerke der Zellen ausschlaggebend

In einer Kooperation mit WissenschaftlerInnen der Bar-Ilan University in Israel, die ein Darm-Modell zur funktionellen Analyse des Mikrobioms entwickelt hatten, zeigte sich, dass die Veränderung der Funktion der Bakterien im Darm als Folge der Propionat-Gabe die entscheidende Rolle bei der Entstehung von neuen regulatorischen Zellen spielt.
Zur gesteigerten Funktion dieser Zellen trägt deren verbesserte Energieverwertung durch eine veränderte Funktion der Mitochondrien bei, was das Forschungsteam in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Molekulare Zellbiologie an der Medizinischen Fakultät der RUB nachweisen konnte.

Der Darm als Ziel für therapeutische Ansätze in Zukunft

Die kurzkettigen Fettsäuren stellen nur einen Bruchteil der Stoffwechselprodukte von Darmbakterien dar, die durch die bakterielle Einwirkung aus der Nahrung entstehen. „Die weitere Erforschung dieses weitestgehend unbekannten Organs und die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden es erlauben, in Zukunft weitere innovative diätetische Maßnahmen zu den bekannten Therapeutika zu entwickeln“, so Aiden Haghikia.*)

Quelle: Alexander Duscha, Aiden Haghikia et al.: Propionic acid shapes multiple sclerosis disease course by immunomodulatory mechanism, in: Cell, 2020, DOI: 10.1016/j.cell.2020.02.035

*; Mein Kommentar: Mit Herstellung und dem Verkauf des Propionats lässt sich kein großer Profit machen. Die Forschung auf diesem Gebiet wird daher nicht durch hohe Drittmittelzuweisungen der Industrie an die Forschungsstätten gefördert.

Zu weiteren Zusammenhängen zwischen MS und Ernährung siehe auch hier: https://josopon.wordpress.com/2016/11/03/multiple-sklerose-wir-sind-alle-infiziert/

Multiple Sklerose: ‚Wir sind alle infiziert‘

Vitamin-D-Mangel, Herpesviren und einsträngige DNA in Milch und Fleisch

Prominenter Virologe schlägt Rinderimpfungen vor

http://www.spektrum.de/news/harald-zur-hausen-multiple-sklerose-durch-fleischkonsum/1420298

harald_zur_hausenVirale Bestandteile in Milch und Rindfleisch könnten multiple Sklerose auslösen, vermutet der Virologe Harald zur Hausen. Wieso, erklärt der Medizinnobel­preis­träger im Gespräch.

von Carsten Könneker und Andreas Jahn

Auszüge:

Herr Professor zur Hausen, können wir an multipler Sklerose erkranken, weil wir Milch trinken oder Steaks essen?

Es gibt tatsächlich eine Reihe von Hinweisen, dass Milch einen Risikofaktor auch für multiple Sklerose darstellt. Wir sind darauf mehr oder weniger zufällig gestoßen: Ursprünglich wollten wir den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Milchprodukten und dem Risiko für Dickdarm- und Brustkrebs untersuchen. Und dafür hatten wir als Kontrolle auch 13 Proben von Multiple-Sklerose-Patienten zur Verfügung gestellt bekommen. Überraschenderweise enthielten zwei dieser Proben Agenzien, die wir ähnlich auch aus der Milch isoliert hatten.

Worum handelt es sich genau?

Um einzelsträngige DNA-Moleküle. Wir hatten zunächst in 130 Blutproben von Milchkühen 18 verschiedene einzelsträngige DNAs isoliert, die zu drei unterschiedlichen Gruppen gehören. Anschließend haben wir dann auch Milch untersucht und hier ebenfalls DNA-Moleküle gefunden, so dass wir jetzt über 20 verschiedene Typen kennen. Interessanterweise trat in Milch nur eine der drei Gruppen auf, die wir zuvor im Blutserum der Kühe nachgewiesen hatten.

Woher kommt diese DNA?

Wahrscheinlich aus Viren. Wir haben allerdings noch keine Virenpartikel gesehen, deshalb zögere ich etwas, mich hier festzulegen.

Wie kann virale DNA multiple Sklerose auslösen?

Da muss ich etwas weiter auszuholen. Zwei Faktoren scheinen bei der multiplen Sklerose eine wesentliche Rolle zu spielen: Vitamin-D-Mangel und die Reaktivierung von Herpesviren in Zellen des Zentralnervensystems. Schon zu meiner Zeit in Freiburg vor über 30 Jahren hat mein Mitarbeiter Georg Bauer herausgefunden, dass der Wachstumsfaktor TGF-β Viren der Herpesgruppe reaktiviert, spezifisch Epstein-Barr-Viren. Aus früheren Publikationen wissen wir, dass Vitamin D die TGF-β-Produktion reguliert: Wenn es an den Rezeptor D3 bindet, unterdrückt das die Synthese von TGF-β. Umgekehrt steigt bei Vitamin-D-Mangel der Spiegel an TGF-β an und sollte damit latente Epstein-Barr-Viren reaktivieren. Ebenfalls in Freiburg hatten wir Zellen beobachtet, die gleichzeitig mit aktiven Herpesviren und mit einzel- oder doppelsträngigen DNA-Molekülen infiziert waren. In ihnen vermehren sich diese kleinen DNAs dann gewaltig, wobei die Verdopplung des Herpesvirus-Genoms gehemmt wird.

Jetzt stellt sich die interessante Frage: Führt die durch Vitamin-D-Mangel ausgelöste Virusreaktivierung in Zellen, die doppelt infiziert sind – mit Epstein-Barr-Viren und mit etwas anderem –, zur Vervielfältigung von diesem „anderen“?

Und wenn das so ist?

Dann werden vermutlich diese vervielfältigten DNA-Moleküle auch in Proteine umgesetzt, die in die Umgebung der reaktivierten Zellen gelangen, entweder über Exosomen oder als echte Viruspartikel. Das wird eine sicherlich schon vorher bestehende Immunreaktion gegen diese Partikel verstärken, welche die betroffenen Zellen zerstört. Und das wiederum führt dann zu den entzündlichen Krankheitsherden, die charakteristisch sind für die multiple Sklerose. So lautet unsere These. Wir wissen aber noch nicht, ob sie stimmt.

Welche Hinweise erhärten Ihre These?

Unsere Arbeitshypothese kann einige wesentliche Aspekte der multiplen Sklerose erklären, wie etwa die typische Nord-Süd-Verteilung auf dem Globus, die immer wieder beobachtet wird: In den nördlichen Gebieten der Nordhalbkugel, bei denen wegen geringerer Sonnenlichteinstrahlung zu wenig Vitamin D gebildet wird, tritt multiple Sklerose häufiger auf als weiter südlich; auf der südlichen Erdkugel ist es genau umgekehrt.

Das heißt, man kann sich vor multipler Sklerose schützen, indem man sich in die Sonne legt.

Ja, zumindest scheint es so. In tropischen Gebieten kommt multiple Sklerose kaum vor. Insofern könnte durch Sonnenlicht gebildetes Vitamin D der entscheidende Faktor sein. Bisher konnte man das nur epidemiologisch begründen. Unsere Hypothese liefert nun ein elegantes Konzept für diesen Zusammenhang. Außerdem erklärt sie, warum nicht nur Epstein-Barr-Viren, sondern auch andere Typen von Herpesviren multiple Sklerose auslösen können. Denn aus unseren früheren Untersuchungen wissen wir, dass praktisch alle Viren der Herpesgruppe die Vermehrung der DNA-Agenzien einleiten können. Dieser Prozess wird vermutlich über DNA-Polymerasen reguliert. An die binden die kleinen Moleküle schneller als die großen Herpesvirus-Moleküle. Hier findet wahrscheinlich eine echte Konkurrenz statt, bei der die Herpes-DNA gegenüber den kleinen DNA-Molekülen verliert, die sich dann gewaltig vermehren.

Gilt das auch für die DNA-Moleküle, die Sie in Milch entdeckt haben?

Die Antwort ist eindeutig Ja. Wir haben diese Moleküle in menschliche Zellen übertragen, um zu schauen, inwieweit sie hier genetisch aktiv sind. Einige sind das sogar sehr stark, andere weniger; das variiert durchaus. Und eines der beiden Agenzien, die wir aus dem Blut von MS-Patienten isoliert haben, erwies sich als besonders aktiv in menschlichen Zellen. Wir wissen noch nicht genau, was da passiert. Wir haben analysiert, welche Proteine von den DNA-Vorlagen entstehen. Dabei ergab sich ein relativ komplexes Muster, das diese kleinen Moleküle liefern. Wir konnten inzwischen auch eine ganze Kollektion monoklonaler Antikörper gegen diese Proteine herstellen. Unsere Tests zeigen, dass sich die Agenzien an menschliche Zellen angepasst haben.

In welchen menschlichen Zellen kommen die DNA-Moleküle vor?

Auch das ist noch unklar. In den bisher untersuchten Blutproben von Gesunden haben wir sie nicht gefunden. Laura Manuelidis von der Yale University hat zwei ähnliche Agenzien bei spongiformen Enzephalopathien, also bei Prionenkrankheiten beschrieben, die sie „Sphinx“ nennt. Sie postuliert, dass diese Moleküle die Erkrankungen auslösen. Allerdings sind die Sphinx-Moleküle nicht so heterogen wie unsere Isolate. Aber wenn wir unsere Daten mit denen von Manuelidis kombinieren, ergibt sich eine gewisse Vorliebe für das Nervensystem.

Wie gelangen die DNA-Moleküle in den menschlichen Körper?

Vermutlich infizieren wir uns ständig, wenn wir Milch trinken oder Rindfleisch essen. Denn wenn es im Blut ist, ist es auch in rotem Fleisch. Wir gehen davon aus, dass es sich um unterschiedliche Gruppen von Agenzien handelt, die verschiedene Krankheiten auslösen, wie multiple Sklerose oder aber Brust- oder Dickdarmkrebs.

Warum denken Sie das?

Das beruht auf epidemiologischen Studien. Wir haben uns ursprünglich für die weltweite Verteilung von Dickdarm- und Brustkrebs interessiert. Dabei ähnelt sich das globale Muster der beiden Krebserkrankungen. Es gibt aber auch auffallende Diskrepanzen; in einzelnen Regionen unterscheiden sich die Häufigkeitsraten deutlich. Da haben wir uns gefragt: Warum ist das so? In den 1970er Jahren wiesen japanische Forscher um Takashi Sugimura nach, dass beim Erhitzen von Fleisch Karzinogene entstehen. Das lieferte eine überzeugend klingende Erklärung für hohe Darm­krebsraten in Ländern mit viel Fleischkonsum. Doch was passiert in Bevölkerungsgruppen, die sich fast ausschließlich von Fisch oder Huhn ernähren? Hier entstehen bei der Zubereitung die gleichen Karzinogene. Bei Geflügel lässt sich aber epidemiologisch keine Erhöhung der Dickdarmkrebsrate nachweisen; und bei Fisch scheint es sogar einen geringen Schutzeffekt zu geben. Das passt also nicht zusammen.

Ist dann nur rotes Fleisch Krebs erregend?

Auch das lässt sich so nicht belegen. In der Mongolei wird viel rotes Fleisch verzehrt, und trotzdem ist die Dickdarmkrebsrate niedrig. In Bolivien ist das ebenfalls so. Wenn Sie nun genauer hinschauen, sehen Sie, dass das Fleisch zum Teil von anderen Rinderarten stammt als bei uns: In der Mongolei wird das Fleisch von Yaks und Zebus verzehrt, in Bolivien ist es vor allem Zebufleisch. Die Tiere unterscheiden sich genetisch von unseren heimischen Arten. Das hat mich zu der Spekulation geführt: Irgendetwas steckt in den eurasischen Milchrindern (Bos taurus), die sich vom Auerochsen ableiten, das Krebs auslösen kann.

Und eben auch multiple Sklerose?

Bei multipler Sklerose scheint der Fall etwas anders zu liegen. Da spielt offenkundig die durch Vitamin-D-Mangel ausgelöste Aktivierung latenter Herpesviren im Zentralnervensystem eine Rolle. Wir haben allerdings, wie gesagt, bislang nur 13 Proben mit MS-Material untersucht, von denen zwei positiv waren. Insofern können wir hier noch keine eindeutigen Aussagen treffen.

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Von der Milch zur multiplen Sklerose

Nach dem Modell von Harald zur Hausen wird multiple Sklerose durch virale DNA-Moleküle ausgelöst, die vermutlich aus Milchprodukten stammen. Bereits Säuglinge könnten sich so über die Kuhmilch anstecken. Gleichzeitig sind fast alle Menschen mit Viren aus der Herpesgruppe infiziert. Die virale DNA aus dem Rind scheint eine Vorliebe für das Zentralnervensystem zu besitzen. Somit sind einige wenige Hirnzellen doppelt infiziert, was aber in der Regel folgenlos bleibt.
Kommt es jedoch zu Vitamin-D-Mangel, etwa durch zu geringe Sonnenlichteinstrahlung in äquatorfernen Gebieten, führt das zum Anstieg des Wachstumsfaktors TGF-β, der wiederum die latenten Herpesviren reaktiviert. Dadurch vermehrt sich die virale DNA aus dem Rind sehr stark und infiziert benachbarte Zellen. Das körpereigene Immunsystem geht gegen diese Infektion vor; es treten die für multiple Sklerose typischen Entzündungsherde auf, bei denen die betroffenen Nervenzellen schließlich zu Grunde gehen.

Haben Sie Hinweise darauf, dass auch andere neurodegenerative Erkrankungen durch Milch- und Rindfleischprodukte ausgelöst werden können?

Untersucht haben wir bis jetzt nur MS-Proben, aber ausschließen lässt sich das nicht.

Sie haben prionenartige Erkrankungen angesprochen, zu denen ja vermutlich auch die Alzheimerdemenz zählt.

Das ist wirklich hochinteressant. In der Tat steht das auf unserem Untersuchungsplan. Ich denke dabei nicht nur an Alzheimer, sondern auch an Parkinson – also an alle Krankheiten, bei denen zelluläre Einschlusskörper auftauchen.

Wir spekulieren, dass ein spezifischer Faktor die typischen Verklumpungen in den Zellen bewirkt, den wir aber bisher nicht kennen.

Lässt sich das Erkrankungsrisiko durch Erhitzen von Rindfleisch mindern?

Das kann ich Ihnen noch nicht beantworten. Die von der Gruppe um Laura Manuelidis gefundenen Agenzien scheinen sehr hitzeresistent zu sein. Das lässt sich allerdings schwer untersuchen, weil wir noch kein Infektionssystem zur Hand haben, mit dem wir die Hitzeresistenz sauber testen können. Bei den Milchprodukten haben wir die DNA aus pasteurisierter Milch, Jogurt und Crème fraîche isoliert, die wir in Heidelberger Supermärkten gekauft hatten. Ob diese DNA weiterhin infektiös ist, weiß ich nicht. Aber sicher ist: Sie steckt noch in einer Proteinhülle, denn sie lässt sich nicht durch das Enzym DNAse abbauen – ist also offensichtlich davor geschützt.

Wird das Deutsche Krebsforschungszentrum vor dem Trinken von Milch warnen so wie vor dem Rauchen?

Nein, das ist unvorstellbar. Wir alle haben in unserer Kindheit Kuhmilch getrunken. Die Infektion findet also in einer sehr frühen Lebensphase statt, vermutlich in den ersten beiden Lebensjahren.

Das heißt, es ist sowieso zu spät.

Genau. Irgendwo in unserem Gehirn schlummern diese kleinen DNA-Moleküle. Aber bei den meisten Menschen passiert gar nichts. Kritisch wird es erst, wenn ein Herpesvirus dieselbe Zelle infiziert, die bereits ein solches Agens beinhaltet. Wenn dann Vitamin-D-Mangel zur Aktivierung des Herpesvirus führt, könnten sich die DNA-Moleküle gewaltig vermehren und die charakteristischen Entzündungsreaktionen der multiplen Sklerose auslösen.

Haben Sie Ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten auf Grund Ihrer Forschungsergebnisse geändert?

Nein, überhaupt nicht. Ich esse auch Fleisch. Allerdings esse ich kein rohes Rindfleisch; dagegen habe ich eine gewisse Abneigung, die vielleicht eher psychologisch bedingt ist. Ich würde auch keinem raten, auf Milchprodukte und Fleisch zu verzichten, weil wir vermutlich sowieso alle infiziert sind.

Lassen sich Säuglinge durch längeres Stillen vor einer Infektion schützen?

Wahrscheinlich ja. Beim Stillen werden Abwehrstoffe übertragen, die die infektiösen Agenzien neutralisieren können. Ich rate daher, möglichst lange zu stillen – gerade im ersten Lebensjahr hat Muttermilch offenbar einen Schutzeffekt.

Danach kann das Kind selbst Antikörper entwickeln, so dass dann eine Infektion mit den DNA-Molekülen nicht mehr so riskant sein dürfte.

Heute werden viele Kinder früh mit Kuhmilch gefüttert. Ist das eine Erklärung dafür, dass multiple Sklerose als Zivilisationskrankheit gilt?

Richtig! Das sieht man auch in Indien: In den 1970er Jahren propagierten indische Kinderärzte, Säuglinge schon nach drei Monaten abzustillen und auf Kuhmilch umzustellen, weil sie damit angeblich besser ernährt würden. Indien produziert heute sehr viel Milch, und der Milchkonsum ist enorm angestiegen. Etwa seit der Jahrtausendwende lässt sich dort auch ein Anstieg der Brustkrebsrate beobachten. Die Dickdarmkrebsrate blieb übrigens niedrig – außer in Regionen, in denen traditionell mehr Rindfleisch gegessen wird, das ja sonst in Indien kaum verzehrt wird. Das legt den Verdacht nahe, dass Dickdarmkrebs mit dem Fleischkonsum korreliert, während beim Brustkrebs Milchprodukte wichtig sind.

Und wie sieht es bei multipler Sklerose aus?

Das weiß ich nicht. Die MS-Epidemiologie ist bei Weitem nicht so gut entwickelt wie die Krebsepidemiologie. Für Dickdarm- und Brustkrebs gibt es unglaublich viele Daten; bei multipler Sklerose ist es schwierig, ein kohärentes Bild zu gewinnen.

Frühere Forschungen von Ihnen ermöglichten eine Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Dafür wurden Sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Wären auch Impfungen gegen neurodegenerative Erkrankungen denkbar?

Das ist tatsächlich unser Ziel. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir zunächst versuchen werden, durch Impfungen von Rindern Erkrankungen beim Menschen zu verhindern. Dazu müssten wir allerdings die entsprechenden Proteine identifizieren, die für die Immunität von besonderer Bedeutung sind, was aber nicht allzu schwierig sein dürfte. Rinderimpfungen wären ideal, weil sie nicht die vielen administrativen Hürden beinhalten würden, wie wir sie bei Impfungen von Menschen kennen. Wenn die Methode bei Rindern gut funktioniert, dann wird es auch nicht so schwierig sein, sie auf den Menschen zu übertragen. Ich glaube, auch Krebs können wir langfristig nur so beherrschen. Weltweit steigt hier die Häufigkeit an. Einige Tumorerkrankungen lassen sich inzwischen zwar recht gut behandeln, aber gerade bei den häufigeren wie Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Hirntumoren sieht die Prognose für die meisten Betroffenen sehr schlecht aus. Deswegen propagieren wir präventive Ansätze wie Impfungen, die nicht nur uns, sondern auch unseren Kindern und Enkelkindern zugutekommen.

Allerdings gibt es in der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber Impfungen. Warum?

Da gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Manche sagen: Wir müssen der Natur ihren Lauf lassen; die Kinder sollen durch die Infektion „natürlich“ ihren Schutz entwickeln. Aber wenn Sie sehen, dass zum Beispiel 2015 in Berlin 1500 nicht geimpfte Kinder Masern bekommen haben, von denen zwei gestorben sind, ist das ein Skandal! Der zweite Grund ist, dass einige meinen: Wenn sich viele impfen lassen, brauche ich es nicht. Das ist völlig verantwortungslos. Dann gibt es eine Gruppe, die Impfungen aus religiösen Motiven ablehnt. Und beim Papillomvirus, das beim Geschlechtsverkehr übertragen wird, war es für etliche unvorstellbar, schon recht junge Mädchen dagegen zu impfen. Hier sind wir gefragt, Stellung zu nehmen; das ist eine Dauerarbeit.

Gibt es diese Impfskepsis nur in Deutschland?

In einigen Ländern sieht es tatsächlich besser aus. So werden in England mehr als 80 Prozent der Mädchen im richtigen Alter gegen das Papillomvirus geimpft, und Gott sei Dank hat man hier inzwischen damit angefangen, auch Jungen der gleichen Altersgruppe zu impfen. In Australien beginnt man ebenfalls sehr früh damit. Die Ärzte gehen dort in die Schulklassen und informieren die Kinder sowie die Eltern – das ist offensichtlich sehr wirkungsvoll. Inzwischen haben wir ein solches Projekt auch in Hessen. Da schilderte eine Patientin, die Gebärmutterhalskrebs durchgemacht hatte, Schülern ihre Erlebnisse – die Impfrate stieg daraufhin deutlich an. Und in Österreich, das früher bei der Papillomvirus-Impfung eher ein Entwicklungsland war, hat sich eine unglaubliche Kehrtwendung vollzogen. Die neue Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser hat jetzt auch kostenlose Impfungen für Jungen eingeführt – das fand ich toll! Es hängt manchmal schlicht an einzelnen Personen.

Was wünschen Sie sich noch, damit die Impfraten ansteigen?

Wir brauchen in unseren Ministerien effektive Koordinierungsstellen, um Forschung und Anwendung gemeinsam zu unterstützen. Bisher läuft das zu sehr getrennt ab: Das Gesundheitsministerium kümmert sich um die Gesundheit und die Behandlung der Menschen, das Forschungsministerium um die Forschung, die ja Behandlungen erst ermöglicht.

Und ich wünsche mir ein deutlich besseres Medizinstudium sowie eine bessere Ärztefortbildung. Denn wenn sich wie bei uns etwa 15 Prozent der Ärzte skeptisch gegenüber Impfungen äußern, wirkt sich das verheerend aus. Mediziner und Gesundheitsbehörden müssen über die vorliegenden Daten besser informiert sein. Ich erinnere mich noch mit großem Missfallen daran, wie 13 so genannte Gesundheitswissenschaftler ein Memorandum gegen die Papillomvirus-Impfung herausbrachten – genau zu dem Zeitpunkt, als ich den Nobelpreis bekam! Dabei hatten sie glatt Literaturdaten von Frauen, die bereits sexuell aktiv waren, mit solchen verwechselt, die noch keine sexuellen Kontakte gehabt hatten. Als ich den Berliner Ärztepräsidenten und Mitunterzeichner Günther Jonitz fragte, wie das passieren konnte, hat er lapidar geantwortet: Das seien spezifische virologische Fragen, zu denen er keine Stellungnahme abgeben möchte. Das Memorandum hat dazu geführt, dass die Impfungen in Deutschland um sechs Prozent zurückgingen, was sehr ärgerlich war. Bei einer Latenzzeit des Gebärmutterhalskrebses von 20 bis 30 Jahren wird sich das Jahrzehnte später auf die Nichtgeimpften auswirken – das Risiko für Krebsvorstufen, die operiert werden müssen, steigt bei ihnen um den Faktor 20.

Ihre einst umstrittene These, dass Papillomviren Gebärmutterhalskrebs auslösen können, hat sich inzwischen bestätigt. Irrten Sie mit Ihren Annahmen auch schon mal?

Ich habe sicherlich öfter falschgelegen. Aber wenn ich sah, dass etwas nicht funktioniert, habe ich es aufgegeben. In meinem Leben habe ich drei große Problemkreise bearbeitet, bei denen – das klingt jetzt vielleicht etwas arrogant – mindestens zweimal meine Thesen richtig waren. Beim ersten Mal hatte ich postuliert, dass beim Burkitt-Lymphom, einem Lymphdrüsenkrebs, und dem Nasenrachenkrebs in jeder Krebszelle das Erbgut des Epstein-Barr-Virus latent enthalten ist. Viele haben das damals nicht geglaubt, aber ich konnte es mit meiner Arbeitsgruppe in Würzburg beweisen. Das erzeugte relativ viel Wirbel und führte dazu, dass ich mit 35 Jahren an einen Lehrstuhl nach Erlangen berufen wurde. Dann kam die Geschichte mit den Papillomviren, die sich im Endeffekt auch als richtig erwiesen hat. Und bei der dritten Hypothese, dem Zusammenhang zwischen Krebs beziehungsweise MS und Milchprodukten, hoffe ich natürlich, dass sich das ebenfalls bestätigt.

Was war Ihr größter Misserfolg?

In meiner allerersten Publikation, die ich 1964 in „Naturwissenschaft“ publizierte, beschrieb ich menschliche Makrophagenkulturen, die angeblich spontan eine Zelllinie bildeten. Später habe ich dann durch Chromosomenanalysen gesehen: Es war keine Makrophagenlinie – ich hatte meine Proben mit Mäusezellen kontaminiert. Solche Kontaminationen in Zellkulturen passieren sehr schnell, aber damals war ich noch sehr unerfahren.

Was würden Sie heutigen Jungforschern als wichtigsten Rat mit auf den Weg geben?

Sie sollten sich eine sorgfältige Basis erarbeiten, die über das eigene Forschungsfeld hinausgeht. Ich bin nie zum Epidemiologen ausgebildet worden, aber dieses Fach hat für mich eine wichtige Rolle gespielt. Nur mit einer breiten Basis lassen sich sinnvolle Hypothesen aufstellen. Und man sollte sich nicht entmutigen lassen. Als ich 1969 nach Würzburg kam, hieß es, das wenige Jahre zuvor gegründete Institut für Virologie sei das letzte seiner Art, weil inzwischen auf dem Gebiet der menschlichen Infektionen alles bestens untersucht sei. Das war natürlich vollkommen falsch. Am massivsten wird man von den Gutachtern, den Peers, entmutigt. Meine These zum Papillomvirus ist damals von meinen Kollegen zerrissen worden, das erlebe ich auch heute noch. Einige Peers sind die entschiedensten Gegner, wenn etwas aus der Norm fällt. Eine gewisse Beharrlichkeit ist also sicher notwendig. Ich habe früher einmal gesagt: Persistierende Viren erfordern persistierende Virologen.

Glossar

Herpesviren sind eine Gruppe weit verbreiteter DNA-Viren, die beispielsweise in Lippenbläschen vorkommen. Das nach seinen Entdeckern Michael Anthony Epstein und Yvonne Barr benannte Epstein-Barr-Virus gehört ebenfalls dazu; 98 Prozent aller Menschen tragen diese Viren nach Schätzungen in sich. Eine Infektion bleibt in der Regel symptomlos.
Multiple Sklerose oder kurz MS (von lateinisch: multiplus = vielfach; griechisch: skleros = hart) ist eine chronische Erkrankung des Zentralnervensystems, bei denen vor allem die isolierenden Myelinscheiden der Nervenzellen zerstört werden.
TGF-β (von englisch: transforming growth factor = transformierender Wachstumsfaktor) ist ein Signalmolekül, das bei der Differenzierung von Zellen eine Rolle spielt.

© Spektrum.de

Offener Brief von Patienten und Ärzten zum „Versorgungsstärkungsgesetz“

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Hier geht es nicht nur um die Abschaffung der ambulanten Fachärzte und Ersatz durch entfremdete Strukturen der Gesundheitsindustrie.
Hier geht es auch um meine ganz persönlichen Arbeitsbedingungen.
Und es geht um Lobbyismus und Korruption, die zurückreicht in die Zeiten von Horst Seehofer und Ulla Schmidt im Gesundheitsmisterium.
Und es geht um Meinungsmache, Herr Müller, um seit über einem Jahrzehnt gezielt eingestielte Kampagnen zur Spaltung und Zersetzung der Ärzteschaft, einem Im Auftrag von Ulla Schmidt erstellten Strategiepapier von Herrn Noweski folgend, der auch herunter geladen werden kann:
https://www.wuala.com/Dr_Mabuse/Politik/Gesundheit/?key=SYK1dLtkV13d

Ziel des Ganzen ist die Umstellung der kassenärztlichen Versorgung auf Minimalniveau nach Bedarf der Krankenkassen, wobei 30% Rendite aus den Beiträgen in die Gewinne der Gesundheitskonterne abgezapft werden sollen, die dafür den Politikern nach Abschluss ihrer Amtszeit gute Posten anbieten können. Gute Medizin nach dem Stand der ärztlichen Kunst wird es dann nur noch für Selbstzahler geben.

Es gibt zu diesem Thema auch eine Online-Petition, auf die ich demnächst hinweisen werde.

Auch ich beobachte immer häufiger, dass lebenswichtige Untersuchungen meiner Patienten in Kliniken, z.B. bei Verdacht auf Multiple Sklerose, einfach weggelassen werden;
dass Patienten keine angemessene Schmerztherapie bekommen, weil die Kollegen befürchten müssen, sich dafür gegenüber den Krankenkassen umständlich rechtfertigen zu müssen;
dass es für einen Kassenpatienten kaum noch möglich ist, vom Orthopäden eine angemessene Therapie von Muskel- und Gelenkschmerzen zu bekommen, weil die Ärzte für die sinnvollen Physiotherapien in Regress genommen werden – statt dessen wird so lange operiert, wie das noch gut bezahlt wird,
und noch viele andere kleine Schikanen und Versäumnisse durch die unten benannte Verantwortungsdiffusion.

Nachtrag 2019

Der zwischendurch, noch unter Herrn Gröhe als Kalfaktor der Software-Industrie, eingeführte und mit Honorarabzug als Strafe für Nicht-Unterwerfung eingeführte Gesundheitstelematik mit der faktischen Abschaffung der ärztlichen Schweigepflicht für Kassenpatienten kann ich nur durch vorzeitige Rückgabe meiner Kassenzulassung zum 30.06.2019 entgehen. Ich hätte sonst gerne bis 2022 weiter gemacht.

Und hier der Text:

Offener Brief an
Hermann Gröhe, MdB, Bundesgesundheitsminister
Jens Spahn, MdB, Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages
Professor Dr. Karl Lauterbach, MdB, Sprecher der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion
zum „Versorgungsstärkungsgesetz“

Sehr geehrte Herren Gröhe, Spahn und Lauterbach,
der Referentenentwurf zu dem von Ihnen geplanten „Versorgungsstärkungsgesetz“ veranlasst uns zu diesem Schreiben.

In großer Sorge um die traditionell gute ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland sehen wir, dass in Nordrhein bis zu 3.000 Facharztsitze und bis zu 300 Hausarztsitze abgebaut werden sollen, bundesweit bis zu 25.000 Arztsitze.
Konkret stellt sich das in Ihren Wahlkreisen so dar:
Im Rhein-Kreis Neuss sollen über 40 Arzt- und Psychotherapeutensitze entfallen, in Leverkusen über 130, und in Borken-Steinfurt über 45.
Dies, obwohl die Bevölkerung in Deutschland immer älter und die Behandlungsmöglichkeiten durch den medizinischen Fortschritt immer besser werden.
Für Nordrhein sind damit zugleich 12.000 Arbeitsplätze von medizinischen Fachangestellten bedroht.

Seit Jahren verlautbaren Politiker aller Parteien, dass wegen der Demografie und des medizinischen Fortschritts künftig mehr Mittel für medizinische Behandlungen zur Verfügung gestellt werden müssen – aber nicht weniger. Ihr Gesetzentwurf verfolgt genau das Gegenteil.
Sie planen, das Angebot für ärztliche Diagnostik und Therapie zu verringern, durch eine Reduktion der Zahl wohnortnaher Haus- und Fachärzte mit der Brechstange.

Nach Berechnungen des Leiters des Instituts für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) in Kiel, Dr. Thomas Drabinski, stünden längerfristig insbesondere für die deutschen Arztpraxen, die mit hohem Engagement als Einzelpraxen geführt werden, bis zu 19 Milliarden Euro jährlich weniger für die Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung. Dies ist deutlich mehr als ein Drittel des Gesamtetats.

Wir hoffen, dass Ihnen bewusst ist, welch dramatische Verschlechterung ambulanter, wohnortnaher ärztlicher Behandlungsmöglichkeiten die unausweichliche Folge wäre!
Wir hoffen auch, dass Ihnen klar ist, dass der deutschen Bevölkerung mit dieser Politik am Ende die Wahlfreiheit für eine optimale ärztliche Behandlung überhaupt genommen wird.
Denn während Selbstbeteiligungselemente geeignet wären, ärztliche Behandlungs- und Versorgungsstrukturen nach den Erwartungen der Bürger zu erhalten und sogar bedarfsgerecht auszubauen, bewirkt der im Gesetzentwurf formulierte Abbau ambulanter Versorgung letztlich eine massive Leistungsreduktion für alle – außer für wenige zahlungskräftige Mitbürger, die sich am Ende reine Privatmedizin einkaufen.
Wir sehen, neben weiteren Bürokratieexzessen eine rapide zunehmende Mangelversorgung im Gesundheitswesen auf uns zukommen.
Strukturell verfolgt Ihr Vorhaben eine grundlegende Veränderung der ambulanten Versorgung.

Die effizienteste, bürgernächste und niederschwelligste Form ambulanter ärztlicher Versorgung, die Einzel- und Gemeinschaftspraxis, soll durch Versorgungszentren (MVZ), Klinik-MVZ und sogar kommunale MVZ ersetzt werden.

Diese Strukturen waren nicht nur in der DDR, deren Überwindung vor 25 Jahren wir in diesen Tagen feiern, Elemente der Mangelversorgung.
Es hat sich in den letzten Jahren auch in der Bundesrepublik gezeigt, dass MVZ aufgrund von Overheadkosten, Reibungsverlusten und Verantwortungsdiffusion mehrheitlich nicht in der Lage sind, ärztliche Behandlung nach Qualität und Quantität annähernd so anzubieten wie selbständige, freiberufliche Arztpraxen.
Zahlreiche MVZ wurden aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, andere hängen am Tropf der Kliniken und dienen als Einweisungsportale, was die Versorgung am Ende verteuert.

Und: Ihr Gesetzentwurf sieht vor, in Krankenhäusern den Facharztstandard in der ambulanten Versorgung aufzuheben – einen Standard, den Sie im Patientenrechtegesetz unlängst ausdrücklich als Anspruch des Patienten formuliert haben.

Sehr geehrte Herren Gröhe, Spahn und Lauterbach, Wir fordern Sie auf, Ihren Gesetzentwurf ganz grundsätzlich zu revidieren!

Sagen Sie der Öffentlichkeit die Wahrheit über die massive Verschlechterung der Versorgung, die Folge Ihres Gesetzentwurfs sein wird.
Nehmen Sie Abstand von dirigistischer Staatsmedizin nach DDR-Muster, und ebenso von kommerzialisierter Industriemedizin, wo der Patient am Ende Renditeobjekt ist.

Setzen Sie endlich das Prinzip „ambulant vor stationär“ um.
Schaffen Sie Chancengleichheit für unabhängige, freiberufliche Ärzte im Wettbewerb mit anderen Strukturen, so wie es auch der Deutsche Ärztetag gefordert hat.

Geben Sie den Menschen Wahlfreiheit für eines ihrer höchsten Güter, die Gesundheit. Wahlfreiheit dadurch, dass es auch künftig ausreichend unabhängige Ärzte gibt, die im Dienste ihrer Patienten unabhängige Medizin anbieten können.

Wir als Ärzte und Verbandsvertreter werden unsere Patienten und die Bevölkerung über die Gründe und die Verantwortlichen für die Mangelversorgung intensiv aufklären, wenn dieses Gesetz so kommt.
Zugleich werden wir deutlich machen, dass wir den berechtigten Anspruch unserer Patienten auf moderne und zuwendungsorientierte Behandlung erfüllen werden.

Wenn dies im Rahmen der staatlichen Krankenversorgung des Sozialgesetzbuches V nicht möglich ist, werden wir gute Behandlung außerhalb dieses Rahmens anbieten und leisten.
Wir wollen unseren Patienten stets eine ordentliche Behandlung nach Facharztstandard anbieten – unabhängig von jeglicher politisch zu verantwortenden Mangelmedizin.
Mit freundlichen Grüßen

Dr.Joachim Elz-Fianda
Christa Bartels
Freie Ärzteschaft e.V., Landesverband Nordrhein, Vorsitzende
Wieland Dietrich Freie Ärzteschaft e.V., Bundesvorsitzender

Wolfram-Arnim Candidus Bürger Initiative Gesundheit e.V. Präsident

Dr. Wolfgang Bärtl Bundesverband niedergelassener Fachärzte, Vorsitzender

und viele andere Vorsitzende ärztlicher Fachgesellschaften

Jochen