So macht Exzeptionalismus Spaß: „Die Jüdische Rasse ist das auserwählte, das klügste und herausragendste Volk!“

Exzeptionalismus – das ist die Überzeugung, als Volk ausgewählt zu sein und gegenüber anderen Völkern besondere Privilegien zu haben. Zu finden v.a. in den USA, Israel, früher auch im Iran, Nazideutschland, China zur Kaiserzeit und Japan.

IsraelflaggeDie „jüdische Rasse“ sei die klügste der Welt und besitze das größte menschliche Kapital. Genau deshalb seien die Israelis besonders skeptisch gegenüber den aktuellen Korruptionsermittlungen gegen Benjamin Netanjahu, sagte der Knesset-Abgeordnete der nationalistischen Likud-Partei Miki Zohar

Siehe hier: https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/71509-israelischer-abgeordneter-juedische-rasse–auserwaehltes-kluegstes-volk/

„Ich kann Ihnen etwas sehr Grundlegendes sagen“, äußerte der Abgeordnete der nationalistischen Likud-Partei Miki Zohar während einer Radio-Debatte am Mittwoch. Laut dem Nachrichtenportal Times of Israel fügte er hinzu: 

Man kann die Juden nicht täuschen, egal was die Medien schreiben. Die Öffentlichkeit in Israel ist eine Öffentlichkeit, die zur jüdischen Rasse gehört, und die gesamte jüdische Rasse besitzt das größte menschliche Kapital, das klügste, das umfassendste.

Unter Berufung auf Meinungsumfragen, die trotz zahlreicher Skandale eine anhaltend breite Unterstützung für Netanjahu in der Bevölkerung abbilden sollen, behauptete Zohar, Statistiken zeigten, dass die „jüdische Rasse“ zu schlau sei, um sich von der Medienberichterstattung über die zahlreichen Korruptionsermittlungen täuschen zu lassen. Der fragwürdige Versuch, den israelischen Premierminister zu verteidigen, brachte das Mitglied der Regierungspartei wenig später in Erklärungsnot.

Die großspurige Aussage über die jüdische Vorherrschaft traf einen Nerv bei Ahmad Tibi, einem arabisch-muslimischen israelischen Politiker und Führer der Partei „Arabische Bewegung für den Wandel“, der auf Twitter seinen israelischen Parlamentskollegen beschuldigte, eine Rassentheorie verbreitet zu haben. „Ein gewählter Beamter im ‚jüdischen Staat‘ präsentiert eine Rassentheorie“, kritisierte der arabische Politiker auf dem Micro-Bloggingdienst.

Der arabische Politiker setzte mit einem Tweet von Amos Elons Buch „Die Schande des Ganzen: Ein Porträt der deutsch-jüdischen Epoche, 1743-1933“ nach. Er veröffentlichte ein Bild von sich, wie er dieses Buch liest. Die Lektüre umreißt, wie eine kleine Minderheit seinerzeit als tödliche Bedrohung der deutschen nationalen Integrität wahrgenommen wurde.

Zohar schlug mit einem eigenen Tweet zurück. Er sagte: „Und auf der Rückseite ist ein Foto von Albert Einstein, einem anderen Juden, der der Welt große Neuerungen brachte.“ Der arabische Abgeordnete reagierte mit der Antwort: „Was ist die Verbindung zwischen dir und Einstein? Es ist nicht einmal eine relative Beziehung.“

Um die wachsende Kritik abzuwehren, gab Zohar dem Fernsehsender Hadashot TV ein Interview. Doch das Interview trug offenbar nicht zur Glättung der Wogen bei. Im Gegenteil, Zoran leugnete kurzerhand, dass er von der Vorherrschaft der jüdischen Rasse gesprochen habe. Als er mit einer Aufnahme der Radiodebatte konfrontiert wird, wiederholte er:

Das jüdische Volk und die jüdische Rasse sind das höchste menschliche Kapital, das es gibt. Was können Sie tun? Wir wurden von Gott gesegnet …. Ich muss mich nicht schämen, dass das jüdische Volk das auserwählte Volk ist, das klügste und herausragendste Volk der Welt.

Psychotraumatologe zu Syrien:“Ich bezweifle, dass es dort je wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben kann“

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Guter Artikel im Spektrum der Wissenschaft:
http://www.spektrum.de/news/ich-bezweifle-dass-es-dort-je-wieder-eine-funktionierende-zivilgesellschaft-geben-kann/1367283
Auszüge:
Krieg, Gräueltaten, Vertreibung und Flucht – im Norden des Irak und Syriens, in Afghanistan und Palästina erleiden Menschen für uns unvorstellbare Gewalt, oft seit Generationen.

© mit frdl. Gen. von Günter H. Seidler

Der Psychotraumatologe Günter H. Seidler erklärt, welche Folgen extreme Gewalterfahrungen für den Einzelnen und die Gesellschaft haben und inwieweit sie überwunden werden können.
von Bernhard Fleischer

Herr Seidler, die Medien konfrontieren uns in letzter Zeit verstärkt mit den schrecklichen Auswirkungen des Kriegsgeschehens in Syrien und dem Irak. Viele Betroffene sind durch ihre Erlebnisse traumatisiert. Was genau ist darunter zu verstehen?

Günter H. Seidler: Eine Traumatisierung ist eine psychische Verletzung infolge einer Situation von Todesangst, in der die Verarbeitungsmöglichkeiten des Organismus überfordert sind. Erst 1980 wurde die Diagnose erstmals offiziell vorgestellt, als Folge des Vietnamkriegs. Bis dahin galt die Meinung, der Mensch sei unbegrenzt belastbar. Wer nach schlimmen Ereignissen seelisch angeschlagen war, galt bis dahin als schon vorher krank gewesen. Aber die US-Soldaten waren damals, bevor sie in den Vietnamkrieg geschickt wurden, alle psychiatrisch gründlich untersucht und die Befunde dokumentiert worden. Viele, die vorher gesund waren, kamen seelisch schwer angeschlagen zurück. „Sie standen neben sich“, das heißt, sie spalteten ihre Emotionen ab oder durchlebten die schrecklichen Ereignisse immer wieder in so genannten Flashbacks. Viele fanden nie mehr in ihr gewohntes Leben zurück, fielen völlig aus dem sozialen Umfeld heraus, verwahrlosten oder nahmen sich das Leben. Das führte zu der Erkenntnis: Zu viel Gewalt ist ungesund und verursacht psychische Störungen.

Wie ist die Entstehung von Traumafolgestörungen physiologisch zu erklären?

Physiologisch gesehen stellen Psychotraumata „Auslöschungserfahrungen“ dar. Unter starkem Stress stellt sich der Körper durch schwallartig und später wellenförmig ausgeschüttete Stresshormone – Adrenalin und Cortisol – auf Kampf oder Flucht ein. Diese beeinträchtigen auch die Funktion zentralnervöser Strukturen, die für die Gedächtnisbildung zuständig sind, insbesondere des Hippocampus. Er ist für die Speicherung unserer Wahrnehmungen zuständig und versieht sie – ähnlich wie eine Digitalkamera mit GPS-Funktion – jeweils mit einem Ort- und Zeitstempel. Diese Kontextualisierung wird offenbar durch Cortisol gestört. Als Folge werden die Wahrnehmungen in der lebensgefährlichen Situation so abgespeichert, dass sie später nicht mehr einzuordnen sind.

Welche Folgen hat ein psychisches Trauma für die Betroffenen?

Das kann schwer wiegende Konsequenzen für das weitere Leben haben. Tritt erneut starker Stress auf oder ein bestimmter Triggerreiz, durchleben die Betroffenen die lebensgefährlichen Situation erneut, ohne dass sie das Geschehen als bereits Vergangenes einordnen können. Es ist ihnen plötzlich wieder präsent.
Ein weiterer wichtiger Einfluss des Stresshormons Cortisol ist die Blockade der sprachlichen Erinnerung. Üblicherweise werden bei der Erinnerungsbildung verschiedene Sinneskanäle zusammengeführt, und das Ganze wird an Sprache gebunden. Nur so können wir später – mehr oder weniger zutreffend – einen Bericht darüber abgeben, was wir erlebt haben. Diese Kopplung an Sprache ist in der traumatischen Situation blockiert. Wenn jemand von den traumatischen Ereignissen berichten will, hört er meist sehr schnell wieder auf zu reden. Stattdessen reagiert er körperlich, wird rot oder kreidebleich, kommt ins Schwitzen oder kollabiert sogar.
Dies muss man unbedingt berücksichtigen, wenn Opfer von schweren Straftaten vor Gericht aussagen oder Flüchtlinge von ihrem Schicksal berichten sollen. Die befinden sich dann quasi erneut in der lebensgefährlichen Situation, ohne dass es eine Erinnerung ist. Sie erleben diese lebensgefährliche Situation von damals als präsentisch. Das ist es, was man unter einer Traumasituation gegenwärtig versteht.

Ähnlich wie die Kinder in Syrien und im Irak haben auch viele Deutsche in ihrer Jugend extreme Gewalterfahrungen gemacht – das Ende des Zweiten Weltkriegs ist jetzt fast genau 70 Jahre her. Wie haben sich diese Erlebnisse auf die Betroffenen im Lauf ihres Lebens ausgewirkt?

Nach der aktuellen Forschungslage wird davon ausgegangen, dass das menschliche Gehirn vor dem zehnten Lebensjahr noch nicht reif genug ist, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auszubilden. Stattdessen reagieren die betroffenen Kinder in der Situation selbst und in ihrem späteren Leben unter psychischen Belastungen mit einer schweren Depression. Die Erkenntnis, dass viele Depressionen (bei einfachen Ereignissen) eigentlich auf Traumatisierungen in der Kindheit zurückzuführen sind, setzt sich aber erst langsam durch.

Darüber hinaus kann es Situationen geben, in denen Kinder über längere Zeit fortgesetzter Gewalt ausgesetzt sind. Dann besteht die Gefahr, dass sich die Erfahrungen in die noch entstehende Persönlichkeit eingraben, insbesondere wenn zum Täter eine enge Beziehung besteht. In solchen Fällen spricht man dann nicht von einfacher, sondern von komplexer PTBS. Nach der herrschenden Lehrmeinung gibt es solche Traumafolgestörungen auf Grund von Traumatisierungen in der Kindheit noch gar nicht. Eine entsprechende diagnostische Kategorie ist noch nicht vergeben. Dort wird Gewalt von Seiten der Psychotherapie sozusagen noch geleugnet, nicht wahrgenommen.

Welche Folgen hat es für die Generation der Kinder, deren Eltern psychisch traumatisiert wurden? Gibt es Untersuchungen dazu, ob die Traumatisierungen weitergegeben werden können?

Dieses Phänomen nennt man „transgenerationale Traumatisierung“. Man weiß, dass in der Kindergeneration bestimmte Hormonparameter verändert sind, wenn die Eltern im Krieg traumatisiert wurden. Ähnliches wurde auch in Tierversuchen nachgewiesen. Wenn die Eltern vom Krieg betroffen waren, dann haben ihre Kinder ein signifikant höheres Risiko, eine Traumafolgestörung zu entwickeln. Angstsignale oder Angstschwellen werden offenbar von den Eltern an die Kinder weitergegeben – durch Vererbung, aber natürlich auch interaktionell. Hierzu ist noch Forschung nötig. Die Psychotraumatologie ist eine noch sehr junge Disziplin.
Ich persönlich beschäftige mich vor allem mit der Frage, wie ein Trauma durch Verhalten weitergegeben wird. Dabei spielt „Hyperarousal“, also die ständige Übererregtheit, eine große Rolle. Wenn man sich vorstellt, dass ein Elternteil wegen eines unverarbeiteten Traumas latent in Alarmbereitschaft ist und bei der kleinsten Anspannung durchdreht, wird dies natürlich unbewusst an die Kinder weitergegeben. Dazu reicht zum Beispiel ein Bericht im Fernsehen oder sogar ein Geräusch oder ein Geruch, der an die damalige Situation erinnert. Plötzlich reagiert der betroffene Elternteil scheinbar grundlos und für die Kinder völlig unerklärlich mit einem Wutanfall oder erstarrt und ist für das Kind nicht mehr erreichbar.
Unter diesem Einfluss entstehen in den Heranwachsenden unmerklich Verknüpfungen, die sich auf ihr Wahrnehmungs- und Verhaltensrepertoire dysfunktional auswirken.

Es gibt viele Berichte, dass vom Zweiten Weltkrieg Betroffene ihr Leben lang nicht von den Auswirkungen ihrer Kriegserlebnisse beeinträchtigt waren, sich aber im hohen Alter zunehmend damit beschäftigen und darunter leiden.

Das ist ein Befund, der ganz oft erhoben worden ist. Angeblich sind die Betroffenen in der Zwischenzeit, 40 bis 50 Jahre lang, symptomfrei gewesen.
Ich persönlich glaube das nicht. Vielleicht hatten sie nur schwache Symptome, vielleicht sind die Betroffenen immer leicht abgeschaltet gewesen, waren nie ganz da, aber das ist meine Meinung. Ich bezweifle, dass diese Menschen jemals gesund gewesen sind.
Die herrschende Meinung der Hirnforschung wäre die, dass dafür hirnorganische Abbauprozesse verantwortlich seien, die dazu führten, dass dann im Alter die Symptomatik durchschlagen würde. Man hat das im Altenheim oft beobachtet: Jemand berichtet erst auf dem Sterbebett immer wieder albtraumartig von Kriegserlebnissen, Verschüttungen oder Vergewaltigungen.

Aktuell werden wir wieder mit schrecklichem Kriegsgeschehen, Flucht und Verfolgung, insbesondere in Syrien, aber auch im Norden des Iraks und in Afghanistan konfrontiert. Welche Auswirkungen hat das für die Betroffenen?

Schon vor IS war meine Albtraumfantasie immer Afghanistan oder Palästina, also solche Regionen, in denen bereits über Generationen hinweg Krieg und Gewalt herrscht. Ich bezweifle, dass es im Irak, in Syrien oder Palästina jemals wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben kann. Das fängt ja schon mit dem Ernährungszustand an: Die Gehirne sind durch Mangelernährung bereits vorgeburtlich geschädigt. Die Erwachsenen sind traumatisiert. Die Kinder wachsen in Angst und Schrecken auf. Generationen von Menschen wachsen heran, die über lange Zeit geschädigt sein werden. Gegenwärtig macht sich darüber kaum jemand Gedanken.

Gibt es Wege, die schlimmsten Folgen für die seelische Gesundheit der Menschen dort zu vermeiden?

Solange die Gewalt dort unvermindert weitergeht, ist eine psychotherapeutische Behandlung der Betroffenen vor Ort kaum möglich. Individuelle Psychotherapie wäre in solchen Situationen ohnehin kaum umsetzbar. Es ist nicht sinnvoll, Menschen aus anderen Kulturkreisen mit westlichen Therapiemethoden zu behandeln. Der arabische Raum ist von einem ganz anderen Menschenbild geprägt, das sollte man unbedingt berücksichtigen. Mir würde vorschweben, spezielle Gruppentherapieverfahren zu entwickeln. Ähnliches haben wir nach der Tsunamikatastrophe in Sri Lanka verwirklicht.

Wie liefe so eine Gruppentherapie ab?

Wir haben damals mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen Theaterstücke – insbesondere für Puppentheater – entwickelt. Unser Ziel war es, auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen nachzuempfinden und damit stellvertretend abzubauen. Wenn die Betroffenen die Erfahrung machen, dass zum Beispiel das Kasperle dem Krokodil nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern es mit einem Knüppel vertreiben und besiegen kann, hilft ihnen das, ihre Ängste zu thematisieren und abzubauen. An Stelle des Krokodils setzt man dann behutsam eine Figur ein, die der realen traumatischen Situation entspricht.
Bei den Tsunamiopfern war das ein Wassergeist, man könnte aber auch eine Puppe nehmen, die Soldaten oder IS-Kämpfern ähnelt. Dann kann stellvertretend in der Identifikation mit dem Kasperle erlebt und durchgespielt werden, dass man nicht nur hilflos, sondern auch stark sein kann.

Sie bezweifeln, dass es in Syrien jemals wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft geben wird. Wie konnte es diese denn in Deutschland geben, nach dem Zweiten Weltkrieg?

Die Frage ist berechtigt. Zweifellos hat der letzte Weltkrieg viele Menschen schwer traumatisiert. Damals gab es für einen Großteil der Bevölkerung noch eine Kontinuität. Die Sozialstrukturen konnten weitestgehend erhalten bleiben. Der Staat hat bis zum Kriegsende eine gewisse Ordnung aufrechterhalten, die Kinder gingen zur Schule. Durch den Bombenkrieg sind die Deutschen, anders als von den Alliierten erhofft, noch enger zusammengerückt. Die Front zwischen Freund und Feind war klar und einigermaßen berechenbar. Im syrischen Bürgerkrieg ist der Nachbar zum Feind geworden. Hier bekriegen sich keine Staaten, sondern rivalisierende Klans. Die Lage ist unübersichtlich, der Staat ist größtenteils zusammengebrochen. Das führt dazu, dass das Vertrauen der Menschen noch tiefer erschüttert wird.

Immer mehr Menschen aus diesen Ländern flüchten nach Europa – auch nach Deutschland – und bringen ihre traumatischen Erfahrungen mit. Wie können wir diesen Menschen hier zu Lande helfen?

Wichtige Voraussetzungen, ein Trauma zu überstehen, sind vor allem stabile Sozialstrukturen, die das Gefühl von Sicherheit vermitteln: Treffpunkte, Sport oder kulturelle Aktivitäten. Das ist in Flüchtlingsunterkünften nur schwer zu verwirklichen. Die Menschen werden durch den Krieg aus ihrem sozialen und kulturellen Umfeld herausgerissen und leben in einem fremden Land in Massenunterkünften, werden nicht selten angefeindet und erleben sogar erneut Gewalt. Am besten wäre es, die Flüchtlinge schnell im Land zu verteilen, sie in die sozialen Aktivitäten vor Ort einzubinden, sie zum Beispiel mitzunehmen, zum Fußballverein oder in den Angelklub.

Kann man als Laie erkennen, ob ein Mensch traumatisiert ist? Wie sollte man sich verhalten, wenn man mit Flüchtlingen in Kontakt kommt?

Ja, in vielen Fällen kann man das. Ihr Angstpegel ist dauerhaft hoch. Im Fernsehen sieht man oft Flüchtlinge mit vor Schreck geweiteten Augen, ähnlich einem Tunnelblick. Sie blicken ihr Gegenüber nicht an, schauen durch ihn durch, ins Weite. Traumatisierte verhalten sich oft auffällig. Entweder wirken sie sehr aufgekratzt und übermäßig aktiv oder sind gleichsam eingefroren und starr.

Welchen Rat geben Sie als Psychotraumatologe den Verantwortlichen angesichts der aktuellen Flüchtlingswelle?

Die Herausforderung, die jetzt auf uns zukommt, war absehbar. Spätestens seit 2011 zeichnete sich ab, dass den Hilfsorganisationen, die an Syriens Grenzen die Flüchtlinge versorgten, das Geld ausgehen wird. Darauf hätte unsere Regierung die Öffentlichkeit früher vorbereiten müssen.
Sie sollte die Bevölkerung offen darüber informieren, was noch auf sie zukommen wird. Dazu gehören auch die Schwierigkeiten, die im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen zu erwarten sind.

Welche Schwierigkeiten wären das zum Beispiel?

Wer viel Gewalt erfahren hat, ist oft leicht reizbar und neigt häufig zu plötzlichen Wutausbrüchen, die sich auch in Gewalt entladen können.
Scheinbar in Sicherheit können schon harmlose Frustrationen oder andere Schwierigkeiten die Menschen wieder in die traumatische Situation rutschen lassen, sie an die erlebte Ohnmacht erinnern. Viele reagieren dann aggressiv. Darauf sollten insbesondere die Polizisten und Sozialarbeiter vorbereitet werden, die direkt mit den Flüchtlingen zu tun haben.
Es wäre auch notwendig, irgendwo Informationen und Erfahrungen mit solchen Ereignissen zu sammeln und auszuwerten. Deswegen plädiere ich seit Jahren für die Einrichtung eines Traumainstituts ähnlich eines Bundesamts. Bisher gibt es so etwas nicht. Wir beschränken uns bislang immer wieder auf Ad-hoc-Maßnahmen. Wir brauchen eine zentrale Einrichtung, das will aber kaum jemand wahrhaben.

© Spektrum.de

Jochen

Drohnen in Konfliktregionen – Verkehrter Krieg oder verkehrte Welt?

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Einsatz von Drohnen in Konfliktregionen

http://de.qantara.de/inhalt/einsatz-von-drohnen-in-konfliktregionen-verkehrter-krieg-oder-verkehrte-welt
Seit nunmehr einem Jahrzehnt setzen die USA im „Krieg gegen den Terror“ Drohnen ein. Bisher wurden tausende Menschen, vor allem Zivilisten, durch diese unbemannten Maschinen getötet.

Im Gespräch mit Emran Feroz erläutert Chris Woods, einer der bekanntesten Enthüllungsjournalisten des Drohnenkriegs, die Gründe für den wachsenden Einsatz von Drohnen.
Das Gespräch führte Emran Feroz.

Wie und wann begann der Einsatz von Drohnen in bewaffneten Konflikten?

Chris Woods: Drohnen werden schon seit Jahrzehnten eingesetzt, insbesondere zur Überwachung. Erst nach 2001 wurden sie dann auch als Kriegswaffe verwendet, und zwar ein paar Tage nachdem George W. Bush den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan ausrief, um die Taliban und Al-Qaida zu bekämpfen.

Wie treffsicher sind Drohnen?

Woods: Die Hersteller, das Militär und die CIA möchten uns Glauben machen, dass Drohnen unvorstellbar präzise seien. Die CIA hat aufgerüstete Drohnen wirklich als eine der bestgesteuerten Waffen in der Kriegsgeschichte bezeichnet. Aber wenn man einen Moment darüber nachdenkt, merkt man, wie absurd diese Aussage eigentlich ist. Denn die genaueste Waffe, die schon seit Tausenden von Jahren existiert, ist das Messer. Man weiß, was das Messer treffen wird, und was nicht.
Die Treffsicherheit von Drohnen ist verhältnismäßig höher als die anderer Luftfahrzeuge. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass diese Raketengeschosse nicht auch Zivilisten töten. Zivilisten wurden in vielen Ländern häufig von Drohnen getötet.

Drohnen werden auch in Ländern wie Somalia, Jemen und Pakistan eingesetzt. Dabei befinden sich die USA mit diesen Staaten nicht offiziell im Kriegszustand. Wie lassen sich diese Militäreinsätze dann noch rechtfertigen?

Woods: Wir müssen den Drohnenkrieg aus zwei unterschiedlichen Sichtweisen betrachten. Zunächst kommen Drohnen in regulären Kriegsschauplätzen zum Einsatz, beispielsweise in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien. Diese Konflikte werden auf internationaler Ebene unterstützt und sind durch das Kriegsrecht geregelt. Ungefähr 90 Prozent der Drohnenangriffe ereignen sich in diesen regulären Konfliktgebieten.
Doch die bleibenden zehn Prozent – das heißt, die von der CIA und den US-Spezialeinheiten durchgeführten, gezielten Anschläge im Jemen, in Somalia und in Pakistan – sind das eigentliche Problem.

Die Vereinigten Staaten behaupten, dass die Tötungen außerhalb des offiziellen Kampfgebiets rechtmäßig seien. Aber fast alle anderen Länder, einschließlich ihrer europäischen Alliierten, sehen das anders. Sie halten die gezielten Tötungen von Individuen durch Kriegsmaschinen außerhalb des Kampfgebietes für rechtswidrig.
Man sollte bedenken, dass die Obama- und die Bush-Regierung die gesetzliche Zulässigkeit ihrer Drohneneinsätze immer propagiert haben, ohne dabei diese Aktionen jemals juristisch zu begründen. Außerdem haben sie den US-Gerichten jede Möglichkeit verwehrt, die Drohnenangriffe auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen.
Das heißt im Klartext, die Vereinigten Staaten konstatieren, dass Drohnenangriffe auf Länder wie Pakistan legal seien, sie aber nicht willens sind, dies auch zu beweisen.

Die Piloten der Drohnen leisten einen Großteil der Arbeit. Wie würden Sie ihren Arbeitsalltag beschreiben?

Woods: Alle Drohnenmissionen werden von den Amerikanern mit der CIA, den Spezialeinheiten oder der regulären Armee geflogen und vom Personal der Luftwaffe durchgeführt. Sie steuern die Drohnen von entlegenen Orten aus, wie zum Beispiel aus Nevada, New-Mexico, Virginia und so weiter. Zurzeit gibt es ungefähr ein Dutzend abgelegene Stützpunkte in den Vereinigten Staaten.

Tausende von Männer und Frauen sind an diesen Stützpunkten als Piloten, Sensoren-Auswerter, Missionskoordinatoren, Wetterexperten und Juristen beschäftigt. Wir neigen dazu, diese Informationsindustrie des Drohnenkriegs zu unterschätzen. Sie spielt eine große Rolle.
So sind Piloten in der Arbeitshierarchie oftmals am wenigsten befugt, eigene Entscheidungen zu treffen. Ihnen wird nur gesagt: „Macht dies! Macht das! Geht dahin!“. Bei sehr heiklen Missionen wird ihnen manchmal sogar verboten, auf ihre eigenen Bildschirme zu schauen.
Das „Hollywood-Bild“ dieser Drohnenpiloten entspricht also oft nicht der Wahrheit. Sie haben sehr viel weniger Einfluss als man annehmen könnte. Das ist auch einer der Gründe dafür, weshalb die Drohnenpiloten im Laufe der Jahre unter psychologischen Problemen leiden.

Auch sraelische Nation der größte Drohnenhersteller der Welt. Aber was die Bewaffnung ihrer Drohnen angeht, lag Israel drei Jahre hinter den USA. So weit wir wissen, wurde die erste bewaffnete Drohne dort erst im Jahr 2004 eingesetzt.

Palästina wird mit bewaffneten Drohnen attackiert. Weshalb hören wir so wenig von dem Drohnenkrieg in den Autonomiegebieten?

Woods: Leider wissen wir nicht besonders viel darüber. Jahrzehntelang war die israelische Nation der größte Drohnenhersteller der Welt. Aber was die Bewaffnung ihrer Drohnen angeht, lag Israel drei Jahre hinter den USA. So weit wir wissen, wurde die erste bewaffnete Drohne dort erst im Jahr 2004 eingesetzt.

Wir können Israels Drohneneinsatz nur schwer nachverfolgen, denn Drohnen sind dort noch immer eine streng geheime Angelegenheit. Zum Beispiel erlaubt das israelische Militär den Journalisten nicht, über das Drohnenprogramm des Landes zu berichten. Also beziehen sich viele Medienvertreter, die sich mit der Thematik beschäftigen, auf andere Berichte, die sich selbst wiederum auf Dritte beziehen.
Auch existieren bis heute keine Bilder von irgendwelchen bewaffneten israelischen Drohnen. Es handelt sich wirklich um ein hochsensibles, geschütztes Programm, und die Israelis geben sich daher sehr geheimnisvoll.

Aber wir wissen, dass diese Drohnen im großen Stil im Einsatz sind, da die Menschen in Palästina sie sehen und hören können – nicht nur am Gazastreifen, sondern auch in der Westbank. Seit 2004 wurden israelische Drohnen wahrscheinlich bei hunderten von gezielten Einsätzen und Bombardierungen eingesetzt.

Allerdings setzen die Israelis andere Waffen ein als die Vereinigten Staaten. Und sie haben ihre eigenen Taktiken und Strategien. Sie machen zum Beispiel etwas, was auch als „knocking“ (zu Deutsch „klopfen“) bezeichnet wird: Wenige Minuten vor einem Angriff warnt ein kleiner Flugkörper die palästinensischen Einwohner vor der bevorstehenden Bombardierung.
Die Vereinigten Staaten wenden solche Taktiken nicht an. Ein weiterer großer Unterschied besteht darin, dass die Amerikaner oder Briten mit bewaffneten Drohnen keine Stadtgebiete bombardieren. Israel dagegen attackiert mit seinen Drohnen fast immer Stadtgebiete. Bei israelischen Luftangriffen haben wir schon so oft hohe Verluste der Zivilbevölkerung erleben können. Der Wert, der den Menschen in Palästina beigemessen wird, ist offenbar sehr gering

Sie waren in Gebieten wie etwa in Süd-Wasiristan, wo Drohnen bereits Teil des Alltags geworden sind. Welchen Einfluss haben die Drohnen auf das Leben der Menschen dort?

Woods: Die Zahl der Drohnenanschläge in Pakistan war schon immer niedrig, weil es sich um sehr spezielle Operationen oder gezielte Tötungen handelte. Aber weil die Vereinigten Staaten diese Informationen veröffentlichten, wissen wir, dass es für jeden Drohnenangriff in Afghanistan 29 Missionen gab, die gewaltlos endeten. Hochgerechnet bedeuten diese Zahlen für Pakistan 12.000 Drohnenangriffe auf einen winzigen Teil des Landes, das heißt Wasiristan und Umgebung.

Die Zivilbevölkerung steht dort unter permanenter Überwachung und lebt in ständiger Angst. Die Drohnen können ohne Warnung losfeuern, und genau das tun sie auch. Ich denke, das ist der psychologische Terror der Drohnen.

Doch es sind nicht nur die Drohnen. Ständig müssen die dort lebenden Menschen die Angriffe der pakistanischen Luftwaffe und Terroranschläge durch Al-Qaida oder ähnlichen Gruppen fürchten. Die Drohnen sind Teil dieser ganzen Misere, mit der die Menschen dort konfrontiert sind.

Wurden auch westliche Staatsangehörige von Drohnen getötet?

Woods: Die meisten der Drohnenopfer sind Einheimische. Fünf Prozent kommen von außerhalb, es handelt sich dabei meist um Nordafrikaner oder Menschen aus dem Mittleren Osten. Soweit bekannt ist, wurden seit 2002 ungefähr 40 westliche Staatsangehörige anvisiert und getötet.
Die höchste Opferzahl stellen dabei die Amerikaner: zehn US-Bürger wurden bereits getötet, gefolgt von deutschen und britischen Staatsangehörigen.

Großbritannien und Deutschland behaupten offiziell, dass sie die CIA bei diesen Angriffen nicht unterstützt hätten. Denn die amtliche Erklärung der Regierungen lautete, dass diese Angriffe rechtswidrig seien. Es wird also behauptet, es gebe keine geheimdienstliche Zusammenarbeit.
Aber deutsche Politiker wie Hans-Christian Ströbele und der NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags kommen zu dem Schluss, dass das nicht stimmen kann. Und auch einige britische Politiker teilen diese Sichtweise.
Ich denke, es ist in beiden Ländern an der Zeit für eine öffentliche Debatte, um mehr darüber herauszufinden. Lassen Sie mich hier ganz deutlich werden: für britische und deutsche Geheimdienstler ist es rechtswidrig, so etwas zu tun. Ich finde, das ist skandalös.

Welche Szenarien sehen Sie für die Zukunft des „Drohnenkriegs“?

Woods: Ich habe grundsätzlich Bedenken, was den Einsatz von Drohnen angeht und die Schnelligkeit, mit der sie Verbreitung finden. So viele Nationen stehen momentan im Wettbewerb, sich eigene bewaffnete Drohnen zu besorgen.
Aber auch der Krieg an sich wird sich verändern. Gegenwärtig werden die Hälfte der britischen Luftangriffe im Irak und einer von vier US-Luftangriffen in diesem Gebiet von Drohnen geleistet.

Die Idee der aus der Ferne gesteuerten Kampfmaschinen unterscheidet sich immer mehr von den sonst üblichen Militäreinsätzen in Krisen- und Konfliktregionen. Ich denke, sie lässt Politiker und Generäle in der Kriegsfrage gefällig werden. Sie leben in der Illusion, es könne einen vermeintlich risikofreien Krieg geben.
Aber ein Krieg ist nie risikofrei. Der Schauplatz ist bloß ein anderer. Gegenwärtig beobachten wir, wie die britische Luftwaffe im Irak und in Syrien den IS angreift; es gibt keine Bodentruppen, die der IS attackieren könnte.

In Wirklichkeit aber führen wir einen Krieg, in dem das Risiko nur verlagert wird. Denn leider mussten wir erleben, wie 30 britische Touristen in Tunesien vom IS massakriert wurden. Das war Teil einer Vergeltung für die Bombardierungen durch das britische Militär.
Wir sind also nicht weniger gefährdet, wir haben das Risiko nur von unserem Militär auf unsere Zivilbevölkerung abgewälzt.

Außerdem senken wir die Schwelle für einen Kriegseinsatz. Ich glaube, dass viel eher auf den Einsatz von Drohnen zurückgegriffen wird, als auf diplomatischem Weg Lösungen zu erzielen und Verhandlungen zu führen.
Drohnen scheinen die schnellste und einfachste Antwort und Lösung für Konflikte zu sein – was sie jedoch nicht sind.

Im Jemen, zum Beispiel, begannen die Vereinigten Staaten ihren Drohnenkrieg vor ungefähr fünf Jahren. Heute ist der Jemen zehn Mal instabiler als vor den Bombardierungen durch die US-Amerikaner. Und Al-Qaida ist gegenwärtig zehn Mal stärker als zuvor.
Nicht alles ist auf den Einsatz von Drohnen zurückzuführen, aber ich glaube, dass Drohnen das Trugbild von Politikern und Generälen fördern, es handle sich um Kriegseinsätze ohne jedes Risiko.

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Julis Koch

Jochen

10 Jahre Breaking the Silence: Wenn das Gewissen spricht

Israelische Soldaten sprechen über die Besatzung

  • Foto: Breaking the Silence

Drei israelische Reservistinnen von Breaking the Silence berichten in Videointerviews über die stillschweigende Zusammenarbeit mit extremistischen Siedlern und über die alltäglichen Schikanen, die sie den Menschen in den besetzten Gebieten zugefügt haben. Seit inzwischen 10 Jahren bringt Breaking the Silence die Realität der Besatzung in die israelische Öffentlichkeit; allen Anfeindungen aus der rechten Ecke zum Trotz. Wir gratulieren zum zehnjährigen Bestehen!

Sie patrouillieren nachts durch die Gassen, setzen Ausgangssperren durch, dringen in private Häuser ein. Bereits seit 1967 gehören israelische Soldatinnen und Soldaten zum Stadtbild von Hebron und anderen palästinensischen Städten. Sie sehen viel, doch zurück zu Hause sprechen die jungen Menschen wenig über ihre Erfahrungen. Denn die Mehrheit der israelischen Bevölkerung möchte nicht so genau wissen, wie der Alltag einer lang anhaltenden Besatzung der palästinensischen Gebiete aussieht, wie sich militärische Angriffe und Straßensperren auf die Zivilbevölkerung auswirken. Auch möchte man nicht sehen, was die eigene Armee dort wirklich tut.

Hier beginnt die Arbeit von Breaking the Silence. Der Name ist Programm: Breaking the Silence ist eine Organisation israelischer Reservisten, die als Soldaten die Besatzungsrealitäten – von struktureller Repression über die stille Kooperation mit extremistischen jüdischen Siedlerinnen und Siedlern bis hin zu alltäglichen Schikanen – erlebt haben und das Schweigen darüber in der israelischen Gesellschaft brechen möchten. Die alltäglichen Erniedrigungen in den palästinensischen Gebieten sollen öffentlich gemacht und die israelische Gesellschaft soll aufgerüttelt werden.

 Geisterstadt Hebron

Gegründet wurde die Organisation von Reservisten, die in Hebron gedient hatten. Mit 180.000 Einwohnern ist Hebron die zweitgrößte palästinensische Stadt in der Westbank – und die einzige, in der sich jüdische Siedler direkt im Zentrum niedergelassen haben. Denn hier befindet sich nach biblischer Überlieferung die Grabhöhle des Patriarchen Abraham, und die Siedler wollen Hebron in eine jüdische Stadt verwandeln – ohne Araber. Hunderte Soldaten sind hier stationiert um die rechtsradikalen Siedlerinnen und Siedler zu beschützen. Ergebnis: Heute gleicht Hebrons altes Stadtzentrum einer Geisterstadt. Die Geschäfte sind verrammelt, die Straßen menschenleer. Drei Viertel der Geschäfte sind geschlossen: mehr als 1.800 Läden. Beinahe die Hälfte der Wohnungen im Stadtzentrum ist verlassen. Von den Menschen, die geblieben sind, können viele ihre Häuser nicht einmal mehr durch die Tür betreten, weil die Armee sie zugeschweißt hat; sie müssen über die Dächer klettern.

Während andere Soldaten nach Beendigung ihres Armeediensts gern in die Ferne, ins indische Goa oder an den Amazonas fliegen, und sich berauschen mit allerlei Drogen, wollten die Gründer von Breaking the Silence nicht vergessen. In einer ersten Aktion sammelten sie Fotos, die Soldaten zu privaten Zwecken gemacht hatten. Die Ausstellung hieß „Hebron nach Tel Aviv bringen“, und tatsächlich sorgte sie in Israel für Furore, weil sie auf eindrucksvolle und unmittelbare Weise den Alltag der Besatzung wiedergab.

Mehr als 700 Zeugenaussagen gesammelt

Schnell stellten die Aktivistinnen und Aktivisten fest, dass Hebron kein Einzelfall war. Ex-Soldaten, die an anderen Orten Dienst taten, kamen auf sie zu und erzählten, Ähnliches erlebt zu haben. Seit ihrer Gründung 2004 hat Breaking the Silence mithilfe vieler Freiwilliger mehr als 700 Zeugenaussagen israelischer Soldatinnen und Soldaten aus allen Bevölkerungsschichten und aus so gut wie allen Einheiten der israelischen Armee gesammelt, die in den besetzten Gebieten Dienst tun. Die interviewten Soldaten und Ex-Soldaten kennen die Ziele der Organisation und legen bewusst Zeugnis ab, auch wenn viele lieber anonym bleiben möchten, da sie sich vor gesellschaftlichem Druck oder der Reaktion offizieller militärischer Stellen fürchten. Die Zeugenaussagen werden genau analysiert, alle Fakten mehrmals überprüft und mit zusätzlichen Berichten und Zeugnissen verglichen. Die Redaktion der Aussagen wird so vorgenommen, dass der Sprachduktus der Soldaten nicht verändert wird. Dadurch entstehen kraftvolle und detaillierte Beschreibungen der Besatzungsmechanismen, die zuweilen schwere Menschenrechtsverletzungen aufdecken. Mittlerweile sind zahlreiche Videointerviews hinzugekommen, die Soldaten und Soldatinnen unmittelbar zu Wort kommen lassen.

„Eins der bedeutendsten Bücher über Israel / Palästina“

Auf diesen Zeugnissen basiert der auch auf Deutsch erschienene Bericht „Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten“. Die Ergebnisse sind bedrückend, so das angesehene literarisch-intellektuelle US-Magazin „New York Review of Books“ in einer ausführlichen Besprechung. Breaking the Silence sei „eins der bedeutendsten Bücher über Israel / Palästina in dieser Generation“. Es setze die Puzzleteile des Besatzungsalltags akribisch zusammen, so Rezensent David Shulman, und am Ende entstehe ein Gesamtbild, das die Raison d’Être der Besatzung offenlege: die Verdrängung der Palästinenser und die gleichzeitige Besitznahme von immer mehr Land. Ins selbe Horn bläst die Publizistin Ilana Hammerman in Israels Qualitätszeitung Haaretz: Die im Bericht minutiös dokumentierte grausame Willkür einzelner Soldaten sei nicht der Verrücktheit Einzelner geschuldet. Vielmehr stecke dahinter ein logisches System, so Hammerman; der Bericht demonstriere „die Reichweite der militärischen Kontrolle über die besetzten Gebiete, die wie das gigantische Siedlungsprojekt darauf abzielt, nicht die Bürger des souveränen Staats Israel zu verteidigen, sondern die zivile, politische und wirtschaftliche Kontrolle [über die Palästinenser] zu vertiefen.“

Ausstellung in Deutschland

Seit mehreren Jahren unterstützt medico die Aufklärungsarbeit von Breaking the Silence gegenüber der eigenen Gesellschaft. In einer globalen Welt bedeutet Solidarität aber auch die Information und Aufklärung der hiesigen Öffentlichkeit. Deshalb taten wir uns zusammen mit dem Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, dem Evangelischen Entwicklungsdienst, MISEREOR und die schwelle und präsentierten die Ausstellung unseres Partners in Berlin. 6500 Menschen besuchten im Willy-Brandt-Haus die Ausstellung „Breaking the Silence. Zeugnisse einer Besatzung – Israelische Soldaten berichten“. Ein enormer Andrang angesichts einer ungewöhnlich kurzen Ausstellungsdauer von zwei Wochen.

Der Erfolg dieser Ausstellung, die durch ein großes Medienecho begleitet war, hing mit ihrem ungewöhnlichen Konzept zusammen. In ihrem Mittelpunkt standen nicht die Exponate – etwa 100 von israelischen Soldaten privat geschossene Fotos aus den besetzten Gebieten – sondern vielmehr einige der Menschen, die hinter diesen Fotos stehen: ehemalige Soldaten, die als Mitglieder von Breaking the Silence ihr Schweigen über die Besatzungsrealitäten brechen. Im Willy-Brandt-Haus führten drei Reservisten der israelischen Armee Tausende von Interessierten durch die Ausstellung. Anhand der Fotos erzählten sie, wie der Alltag einer lang anhaltenden Besatzung der palästinensischen Gebiete aussieht, wie sich militärische Angriffe und Straßensperren auf die Zivilbevölkerung auswirken. Für Zuschauer wie Aktivisten bedeutete dies eine sehr intensive Erfahrung und Einblicke in einen Konflikt, der hierzulande große mediale Präsenz erfährt, jedoch selten so klare Konturen erhält.

Lieblingszielscheibe der israelischen Rechten

Die bereits Jahrzehnte währende Verweigerung gleicher Rechte haben die besetzten Gebiete in Zonen permanenter Unsicherheit verwandelt, die sich tief in die Gesellschaft eingegraben hat. Die im Gazastreifen herrschende Hamas und die in der Westbank regierende Fatah agieren gleichermaßen autoritär, lassen Oppositionelle willkürlich verhaften und im Gefängnis misshandeln. Aber die Besatzung verändert nicht nur die Besiegten. Auch in Israel führt der Umstand, seit Jahrzehnten ein anderes Land und dessen Bevölkerung zu beherrschen, zur zunehmenden Erosion demokratischer Rechte. Traf es zunächst nur die arabische Minderheit, so werden heute auch jüdische Menschenrechtler und Friedensaktivisten mittels Medienkampagnen und Gesetzesinitiativen angegriffen. Breaking the Silence ist eine der Lieblingszielscheiben der israelischen Rechten. Seit Veröffentlichung ihres Berichts „Soldaten sprechen über Gaza“ werden die Mitglieder immer wieder Opfer gezielter Kampagnen, die sie mundtot machen wollen.

Spendenstichwort

medico unterstützt Breaking the Silence dabei, die eigene Gesellschaft auf diese Verhältnisse aufmerksam zu machen; eine Vorbedingung für die Fähigkeit der Zivilgesellschaft, die bestehenden Ungerechtigkeiten auch überwinden zu können. Gerade in diesen Tagen erscheint uns die Unterstützung dieser Initiativen wichtiger denn je. Spenden Sie bitte unter dem Stichwort: Israel/Palästina.