Unsere Tagesschau berichtet wie kremltreue Medien – Masterarbeit vergleicht Tagesschau und Wremja

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Nicht ohne Grund leide ich seit Jahren unter Wut und Brechreiz, wenn ich Tagesschau oder heute sehe. Mir kommt es bei vielen Themen so vor, dass mit einer ungeheuren Dreistigkeit gelogen wird.
Die von Prof. Rainer Mausfeld hier beschriebenen Psychotricks werden in ganzer Breite angewendet.

„Die Russlandberichterstattung der Tagesschau ist einseitig und tendenziös“, sagt Daria Gordeeva im Interview mit den NachDenkSeiten.
Gordeeva, die für ihre Masterarbeit sowohl die Tagesschau als auch die Hauptnachrichtensendung in Russland, Wremja, einer Analyse unterzogen hat, stellt fest, dass in beiden Sendungen ein zu eindimensionales Bild vom jeweils anderen Land vermittelt wird.
„Die Journalisten“, so Gordeeva, „verzichten auf Perspektivenwechsel und greifen stattdessen auf bestehende Freund-Feind-Bilder zurück“, so Gordeeva.
Ein Interview von Marcus Klöckner: http://www.nachdenkseiten.de/?p=42537
Auszüge :

Wie nehmen russische Medien Deutschland wahr, wie deutsche Medien Russland?
Dieser Frage ist die Kommunikationswissenschaftlerin Daria Gordeeva in ihrer Masterarbeit am Institut für Kommunikationswissenschaften und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität in München nachgegangen.
Der Titel ihrer Arbeit:

„Russlandbild in den deutschen Medien – Deutschlandbild in den russischen Medien. Konstruktion der außenpolitischen Realität in den TV-Hauptnachrichtensendungen.“

Im NachDenkSeiten-Interview geht die gebürtige Russin auf ihre Arbeit näher ein und stellt im Hinblick auf die journalistische Berichterstattung fest:

„Die Lage ist auf beiden Seiten beunruhigend.“

Frau Gordeeva, Sie haben sich für ihre Masterarbeit intensiv mit der Berichterstattung der Tagesschau über Russland auseinandergesetzt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Das Ergebnis ist eigentlich erwartbar, dennoch traurig: Die Russlandberichterstattung der Tagesschau ist einseitig und tendenziös und deckt sich weitgehend mit der Perspektive der Bundesregierung.
Also nicht viel anders als das, was kremltreue Medien den Russen über Deutschland erzählen. Die Journalisten verzichten auf Perspektivenwechsel und greifen stattdessen auf bestehende Freund-Feind-Bilder zurück.

Also eine Berichterstattung in Schieflage?

Die Lage ist auf beiden Seiten beunruhigend.

Lassen Sie uns gleich weiter darauf eingehen. Aber erzählen Sie uns doch zunächst ein wenig Grundlegendes zu Ihrer Masterarbeit.
Sie haben sich sowohl das Russlandbild in den deutschen Medien als auch das Deutschlandbild in den russischen Medien angeschaut. Was war Ihre Motivation, dieses Thema zu bearbeiten?

Das Thema Auslandsberichterstattung und Nationenbilder hat für mich vor allem eine persönliche Relevanz. Beide journalistische Kulturen kenne ich von innen:
Als gebürtige Russin bin ich mit 17 zum Studium nach München gekommen, meine Familie ist dagegen in Sankt Petersburg geblieben. Mein Deutschlandbild ‒ im Unterschied zum Deutschlandbild der meisten Russen ‒ ist vielmehr durch persönliche Erfahrungen geprägt als durch die Berichterstattung russischer Staatsmedien.
Dasselbe gilt auch für mein Russlandbild, denn ich bin in Russland ja aufgewachsen.
Trotzdem, oder gerade deswegen, wollte ich in meiner Masterarbeit die mediale Darstellung beider Nationenbilder untersuchen. Denn Medien vermitteln uns nicht nur Informationen, sondern auch Vorstellungen von Richtig und Falsch, Gut und Böse, Verbrechen und Normalität. Für außenpolitische Ereignisse, die sich hauptsächlich außerhalb unseres persönlichen Nahbereichs abspielen, trifft das ganz besonders zu.

Wie sind Sie vorgegangen? Auf welche Medien haben Sie sich konzentriert?

Jeder wissenschaftlichen Arbeit liegt eine Theorie zugrunde. Ich habe mich für den diskurstheoretischen Ansatz entschieden. Die zentrale Aufgabe der Kritischen Diskursanalyse ist es nämlich, Regeln, Strukturen und Deutungsmuster aufzudecken und sie in einen politischen, gesellschaftlichen und historischen Kontext einzuordnen.
Außerdem ermöglicht sie, die dahinterliegenden Interessen, seien es politische, ideologische oder wirtschaftliche, transparent zu machen.

Ich bin natürlich nicht die erste, die die mediale Konstruktion von Nationenbildern untersucht hat. Jedoch lag der Schwerpunkt der einschlägigen Untersuchungen auf dem Printsektor, vor allem auf den Leitmedien: Der Spiegel, SZ, F.A.Z. und Die Zeit.
Meine Arbeit fokussiert dagegen die bisher vernachlässigte Diskursebene: die Nachrichtenbeiträge im Fernsehen.

Sie haben sich auf die Tagesschau als Hauptnachrichtensendung im deutschen Fernsehen konzentriert und auf Wremja, ihr russisches Pendant.

Genau. Und dafür gab es viele Gründe: Lügenpresse-Vorwürfe, Fake News, geringes Vertrauen und Glaube an staatlich gelenkte Medien, um nur einige zu nennen.
Nichtsdestotrotz bleibt die Tagesschau nach wie vor Deutschlands Fernsehnachrichtensendung Nummer Eins, mit knapp 10 Millionen Zuschauern täglich.
Auch Wremja wird aufgrund ihrer Reichweite praktisch als Synonym für russische Fernsehnachrichten verwendet.
All das macht diese Nachrichtensendungen zu einem wesentlichen Instrument, um eine breite Aufmerksamkeit und Akzeptanz für bestimmte Themen und eine bestimmte Politik in der Bevölkerung zu schaffen und die Entscheidungen der Regierung zu legitimieren.

Insgesamt habe ich 89 Nachrichtenbeiträge (47 Tagesschau, 42 Wremja) im Zeitraum vom Dezember 2016 bis Mai 2017 einer Diskursanalyse unterzogen.

Sie führen den Begriff „Realitätskonstruktionen“ an. Medienvertreter sagen öfter mal, dass sie die Realität abbilden. Dass sie Realität konstruieren, hört man eher selten von ihnen. Warum haben wir es auch in der so genannten seriösen Berichterstattung mit Konstruktionen von Wirklichkeit zu tun?

Hier erinnert man sich an das berühmte Diktum des Soziologen Niklas Luhmann: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“.
Indem die Medien uns Informationen über Ereignisse oder Länder vermitteln, bestimmen sie maßgeblich, worüber wir sprechen, welche Bedeutung wir gewissen Themen zuweisen und mit welchen Argumenten wir diskutieren.
Im Prozess der vermeintlichen „Realitätsvermittlung“ ist es nicht selbstverständlich, dass die Medien ihrer Verantwortung und Funktion, die ihnen in unserer Gesellschaft zukommt, gerecht werden.
Es gibt mehrere Faktoren, die eine gründliche und „objektive“ Berichterstattung erschweren und den unvoreingenommenen Blick verstellen: Mangel an Korrespondenten, wirtschaftlicher Druck, Nachrichtenwerte, Klischees und Vorurteile, um nur einige zu nennen. Somit sind die Medien keine passiven „Realitätsvermittler“, sondern bringen ihre eigene, auf bestimmte Aspekte reduzierte Version der Realität hervor ‒ also konstruieren sie.

Was bedeutet es, wenn beispielsweise in der Berichterstattung der Tagesschau Konstruktionen von Realität den Zuschauern gezeigt werden?

Die mediale Darstellung Russlands in der Tagesschau setzt sich ja aus einer Reihe der berichteten Ereignisse zusammen. Dabei gelangen nur ausgewählte Themenaspekte, Meinungen und Argumente in die Berichterstattung, während die anderen ignoriert werden.
Am Ende haben wir kein „reales“, kein umfassendes Bild des Landes, sondern die „Tagesschau-Realität“, also das Bild, das die Tagesschau in diesem Auswahl- und Konstruktionsprozess an ihre Zuschauer vermittelt.

Und dieses Bild bzw. diese Perspektive entspricht dann „zufällig“ der Perspektive, die die Bundesregierung einnimmt?

Nein, das ist kein Zufall. An staatlich gelenkte Medien oder Anweisungen „von oben“ **) glaube ich jedoch nicht. Vielmehr geht es um das Weltbild und das Wertesystem, in dem die politische und wirtschaftliche Elite, aber auch viele einflussreiche Journalisten in Deutschland sozialisiert wurden.
Dabei sollte es nicht wundern, dass sich die Themen und Diskurse der Bundesregierung mit der Berichterstattung der Medien überschneiden. Das ist eine Art gegenseitige „Gesinnungsnähe“.

Gehen wir auf das Deutschlandbild ein, das in den russischen Medien vorzufinden ist. Was ist Ihnen aufgefallen?

Bemerkenswert ist, dass der Westen, so Wremja, die Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges bis heute nicht überwunden hat. Die EU-Sanktionen sowie zahlreiche Vorwürfe gegen Russland, seien es staatlich gelenkte Hackerattacken oder Desinformationskampagnen, beeinträchtigen die politische Zusammenarbeit zwischen den Ländern. Für die Bundesregierung bedeutet das quasi ein „außenpolitisches Fiasko“.
Deutschland wird als Land am Abgrund dargestellt, das im Fokus von Terroristen ist, mit einer in Angst und Schock versetzten Bevölkerung, unprofessioneller Polizei, unzuverlässigen Sicherheitsdiensten und verantwortungslosen Politikern.

Was noch?

Deutsche Medien verschweigen, so Wremja, unangenehme Wahrheiten über Flüchtlinge. Neben Terroranschlägen mit zahlreichen Todesopfern sind auch sexuelle Übergriffe und Straftaten, die Flüchtlinge in Deutschland begehen, Folge der fehlerhaften Politik der Bundeskanzlerin, die „gefährliche Migranten“ in die Bundesrepublik einlädt. Die Bevölkerung muss nun die Fehler der Politiker ausbaden, erklärt die Nachrichtensendung.

Woher kommt dieses Bild?

Besonders auffällig ist hier nicht dieses Bild als solches, sondern vielmehr die Strategie, die hinter dieser Konstruktion liegt. Mit diesem Deutschlandbild lässt Wremja Russland unter Putins Führung trotz vieler unübersehbarer Probleme wesentlich besser aussehen.
Das Bild des unsicheren und gespaltenen Westens macht deutlich, zu welchen dramatischen Konsequenzen die vom Kreml scharf kritisierte Einwanderungs- und Integrationspolitik Merkels führt.
Nimmt man an, dass Wremja im Sinne der russischen Regierung berichtet, ist eine solche Argumentationslinie für die russische Regierung durchaus vorteilhaft.

Zurück zur Tagesschau. Erzählen Sie uns bitte genauer, wie berichtet die Tagesschau über Russland?

Russland ist mächtig und böse ‒ und immer ein Gegenpol zum Westen. Hier geht die Tagesschau über die reine Informationsvermittlung hinaus und betrachtet die Welt durch die „westliche“ Brille. Was heißt das genau?
Für die westliche Welt ist die Demokatie ja das höchste Gut. Dagegen ist Putin ein Antidemokrat, ein autoritärer Machthaber eines korrupten Landes. Der Kremlchef und sein Machtzirkel verkörpern das Böse und das Bedrohliche, während die Tagesschau sich als moralische Autorität inszeniert.
Hier betont die Nachrichtensendung jedoch das, was auch das Auswärtige Amt sagt:
„Die Tür für einen partnerschaftlichen Dialog steht offen. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit begeht Russland, auch Wladimir Putin persönlich, so die Tagesschau, grausame Verbrechen und versucht, politische Prozesse in anderen Ländern zu beeinflussen: Russland unterstützt den syrischen Diktator, bombardiert Zivilisten, Krankenhäuser und humanitäre Hilfskonvois, will das Machtgefüge in anderen Regionen mitbestimmen, trägt zur Eskalation des Konfliktes in der Ostukraine bei, mischt sich mit Hackerangriffen in den US-Wahlkampf ein, annektiert ein fremdes Territorium, bedroht seine Nachbarn, betreibt ein staatliches Doping-System, unterdrückt und marginalisiert die Opposition. All das gibt einen Anlass für die massive Kritik seitens westlicher Spitzenpolitiker und Journalisten sowie internationaler Organisationen. Gleichzeitig muss die friedliche EU auch denjenigen helfen, die unter Russland und Putin leiden.“
Diese einheitliche Argumentationslinie führt leider zu einer schablonenhaften Berichterstattung.

Aber im Hinblick auf die russische Politik und so manchen Zustand im Land, gibt es doch tatsächlich auch einiges zu kritisieren.

Das stimmt, das bestreite ich ja auch nicht. Das Problem, das ich dabei jedoch sehe, ist eine zunehmende Negativierung des Russlandbildes. Russland als Aggressor, Putin als unberechenbarer und verbrecherischer Politiker ist zum common sense der Tagesschau-Berichterstattung geworden.
Dem guten Willen der westlichen Regierung, die sich auf freiheitlich-demokratische Grundwerte stützt, werden stets böse Absichten des Kremls gegenübergestellt. Durch den Verzicht auf Perspektivenwechsel schafft die Tagesschau eine Realität, in der das westliche Wertesystem als Bewertungsmaßstab gilt und Russland dagegen offenbar verstößt. Für positive Nachrichten aus Russland gibt es in dieser Tagesschau-Welt einfach keinen Platz mehr.

Wie erklären Sie sich die Berichterstattung der Tagesschau?

Viel plausibler als die gängigen Propaganda- und Verschwörungsvorwürfe erscheint mir eine Erklärung, die auch der Medienwissenschaftler Uwe Krüger*) liefert. Das habe ich vorher schon kurz angesprochen.
Der Grund für die einseitige Berichterstattung liegt vor allem in der beruflichen und persönlichen Sozialisation der meisten deutschen Journalisten. Diejenigen, die mit westlichen Werten und gewohnten Deutungsmustern, mit der Nähe zu den USA und zur NATO aufgewachsen sind und auch heutzutage in US- und NATO-affinen Strukturen eingebunden sind, tendieren eher dazu, Kräfte aus dem ehemaligen gegnerischen Lager als böse anzusehen.
Dagegen sind sie gegenüber denjenigen, die ihrem Wertesystem nahestehen, automatisch weniger kritisch und sehen sie eher als Verbündete. Es wundert nicht, dass die Journalisten ihr Weltbild dann auch verteidigen.
Dabei ist die Grenze zwischen einer vermeintlich objektiven und einer stereotypen Darstellung jedoch sehr verschwommen. Um eine „andere Geschichte“ zu erzählen und von den Stereotypen und Klischees wegzukommen, müssen die Journalisten gründlicher und tiefer recherchieren. Dies wäre wiederum nur mit großem Geld- und Zeitaufwand möglich.

Waren Sie eigentlich im Hinblick auf Ihren Befund überrascht?

Eigentlich nicht. Insbesondere die Russlandberichterstattung, vor allem der Vorwurf der Dämonisierung, ist schon seit Jahren ein umstrittenes Thema, an dem man kaum vorbeikommt.
Nichtsdestotrotz fand ich es äußerst spannend, einzelne Nachrichtenbeiträge unter die Lupe zu nehmen und das Unvergleichbare zu vergleichen. Und obwohl der zentrale Befund wenig überrascht, war mir viel wichtiger zu beschreiben, in welcher Form und mit welchen Inhalten die Nationenbilder vermittelt werden.
Genauso war von Interesse, welcher Strategien sich die Nachrichtensendungen Nummer Eins in den jeweiligen Ländern bedienen – also auf sprachlicher, visueller und auditiver Ebene.

Birgt so eine Berichterstattung auch Gefahren?

Ja, schon. Denn Massenmedien spielen die entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung Russlands und Deutschlands in der jeweiligen Gesellschaft. Ich möchte nicht bewerten, ob deutsche bzw. russische Journalisten absichtlich die negativen Bilder vermitteln, ob sie ganz bewusst als Teil einer staatlichen Propagandamaschine agieren oder tatsächlich „einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und länderbezogene Geschehen“ geben wollen, wie der NDR-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 1) dies erfordert.
Dennoch lässt sich die einseitige und tendenziöse mediale Berichterstattung als Ergebnis der Analyse festhalten. Und trotz intensiver Wirtschaftbeziehungen und eines interkulturellen Dialogs zwischen Russen und Deutschen führt sie zu einer wachsenden Kluft zwischen den beiden Nationen, die ich leider zunehmend feststelle.

Was müsste sich in der Berichterstattung deutscher und russischer Medien ändern?

Die Journalisten sollten aufhören, an die Überlegenheit des eigenen Weltbildes zu glauben. Denn das macht blind für die Interessen der Anderen.
Sie sollten aufhören, immer wieder auf gewohnte Klischees und Freund-Feind-Bilder zurückzugreifen, und mal einen Perspektivenwechsel wagen.
Aber auch jeder von uns sollte lernen, mit eigenen Fremdbildern und Stereotypen umzugehen und aktuelle Ereignisse und Entwicklungen in historische und kulturelle Kontexte einzuordnen.
Schließlich sollte man versuchen, sich in die Lebensrealität und die Lage des Anderen zu versetzen.

*) Zur Veröffentlichung Uwe Krügers siehe hier: https://josopon.wordpress.com/2017/03/29/die-luegenpresse-im-realitaetscheck/
und http://www.nachdenkseiten.de/?p=31990

**) Dass es „Sprachregelungen“ für die politische Berichterstattung der Staatsmedien auch in Deutschland gibt, hat eine ehemalige Mitarbeiterin derARD inzwischen zugegeben.

 

Uri Avnery: Die unheilige Stadt (Jerusalem)

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Sehr nachdenklich machender Artikel eines kritischen Israeli:
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/008856.html
Auszüge:

IN SEINER langen und wechselvollen Geschichte wurde Jerusalem von Dutzenden von Eroberern besetzt.

Babylonier und Perser, Griechen und Römer, Mamelucken und Türken, Briten und Jordanier – um nur einige zu nennen.

Der neueste Besetzer ist Israel, das Jerusalem 1967 erobert und annektiert hat.

(Ich hätte „Ostjerusalem“ schreiben können, aber das gesamte historische Jerusalem ist das heutige Ostjerusalem. Alle anderen Stadtteile wurden in den letzten 200 Jahren von jüdischen Siedlern gebaut oder sind arabische Dörfer der Umgebung, die willkürlich dem riesigen Gebiet einverleibt worden sind, das jetzt nach seiner Besetzung Jerusalem heißt.)

In dieser Woche stand Jerusalem wieder einmal in Flammen. Zwei junge Männer aus dem arabischen Dorf Jabel Mukaber, das zu Jerusalem gehört, betraten während des Morgengebets eine Synagoge im Westen der Stadt und töteten vier fromme Juden, bevor sie selbst von der Polizei getötet wurden.

Jerusalem wird „die Stadt des Friedens“ genannt. Das ist ein sprachlicher Irrtum.
Es stimmt, im Altertum wurde es Salem genannt, was wie Frieden klingt, aber Salem war in Wirklichkeit der Name der Ortsgottheit.

Ebenso ist es ein historischer Fehler. Keine andere Stadt in der Welt hat so viele Kriege, Massaker und so viel Blutvergießen wie diese erlebt.

Alle im Namen des einen oder anderen Gottes.

JERUSALEM WURDE unmittelbar nach dem Sechstagekrieg von 1967 annektiert (oder „befreit“ oder „vereinigt“).

Dieser Krieg war Israels größter militärischer Triumpf. Er war gleichzeitig Israels größte Katastrophe.
Der göttliche Segen des unglaublichen Sieges verwandelte sich in eine göttliche Strafe. Jerusalem war ein Teil davon.

Die Annektierung wurde uns (ich war damals Abgeordneter in der Knesset) als Vereinigung der Stadt dargestellt, die im israelisch-palästinensischen Krieg von 1948 grausam auseinandergerissen worden sei.
Alle zitierten den Bibelsatz: „Jerusalem ist als Stadt gebaut, die fest zusammengehört.“
Diese Übersetzung des 122. Psalms ist recht seltsam. Im hebräischen Original heißt es einfach: „eine Stadt, die zusammengefügt ist“.

In Wirklichkeit war das, was 1967 geschah, alles andere als eine Vereinigung.

Wenn wirklich Vereinigung die Absicht gewesen wäre, hätte das ganz anders ausgesehen.

Die volle israelische Bürgerschaft wäre automatisch allen Einwohnern zuerkannt worden. Der gesamte verlorene arabische Besitz in Westjerusalem, der 1948 enteignet worden war, hätte den rechtmäßigen Besitzern, die nach Ostjerusalem geflohen waren, zurückgegeben werden müssen.

Die Jerusalemer Gemeinde wäre so weit ausgedehnt worden, dass sie auch Araber aus dem Osten umfasst hätte, ohne dass sie besondere Anträge hätten stellen müssen. Und so weiter.

Das Gegenteil geschah. Weder wurde der Besitz zurückgegeben noch wurde Entschädigung gezahlt. Die Gemeinde blieb ausschließlich jüdisch.

Arabischen Einwohnern wurde nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern nur „Daueraufenthalt“ zuerkannt.
Dieser Status kann jederzeit willkürlich aberkannt werden – und er wurde in vielen Fällen auch tatsächlich aberkannt. Dadurch wurden die Opfer gezwungen, aus der Stadt wegzuziehen.
Um den Schein zu wahren, wurde Arabern gestattet, die israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Die Behörden wussten natürlich, dass das nur wenige tun würden, denn das bedeutete, die Besetzung anzuerkennen.
Für Palästinenser bedeutete das Hochverrat. (Und den wenigen, die einen Antrag stellten, wurde im Allgemeinen eine Absage erteilt.)

Die Gemeinde wurde nicht erweitert. Theoretisch hatten Araber das Recht, in den Gemeindewahlen ihre Stimme abzugeben, aber das taten aus dem schon genannten Grunde nur wenige. Praktisch bleibt Ostjerusalem besetztes Gebiet.

Der Bürgermeister Teddy Kollek wurde zwei Jahre vor der Annektierung gewählt. Eine seiner ersten Amtshandlungen danach war die Zerstörung des gesamten Mugrabi-Viertels neben der Klagemauer.
Übrig blieb ein großer leerer Platz, der wie ein Parkplatz aussieht. Die Bewohner, die alle arme Leute waren, wurden innerhalb von Stunden ausquartiert.

Aber Kollek war hinsichtlich seiner Beziehungen zur Öffentlichkeit ein Genie. Er stellte scheinbar freundliche Beziehungen zu den arabischen Honoratioren her, machte sie mit ausländischen Besuchern bekannt und erweckte allgemein den Eindruck von Frieden und Zufriedenheit. Kollek baute mehr neue israelische Viertel auf arabisches Land als irgendein anderer im Land.
Jedoch sammelte dieser Meister-Siedler fast alle Friedenspreise der Welt ein außer dem Nobelpreis. Ostjerusalem blieb ruhig.

Nur wenige wissen von der geheimen Anordnung Kolleks: Er wies alle Stadtbehörden an, dafür zu sorgen, dass der arabische Bevölkerungsanteil – damals waren es 27% – dieses Maß nicht überschreiten werde.

KOLLEK WURDE vom damaligen Verteidigungsminister Mosche Dajan geschickt unterstützt.
Dajan glaubte, die Palästinenser könnten ruhiggehalten werden, wenn man ihnen alle möglichen Vorteile – außer der Freiheit – gewährte.

Ein paar Tage nach der Besetzung Ostjerusalems ließ er die israelische Fahne einholen, die Soldaten auf dem Tempelberg vor dem Felsendom aufgezogen hatten. Dajan übergab auch die De-facto-Autorität über den Tempelberg den muslimischen religiösen Behörden.

Juden wurde der Zutritt zum Tempelberg nur in kleinen Gruppen und nur als stillen Besuchern gestattet. Es war ihnen verboten, dort zu beten, und sie wurden gewaltsam weggebracht, wenn sie die Lippen bewegten. Schließlich konnten sie ja an der benachbarten Klagemauer (die zur äußeren Mauer der antiken Anlage gehört) nach Herzenslust beten.

Die Regierung konnte diese Verordnung wegen einer seltsamen religiösen Tatsache erlassen: Orthodoxen Juden wurde von ihren Rabbinern ganz und gar verboten, denTempelberg zu betreten.
Der biblischen Verfügung entsprechend, war es gewöhnlichen Juden nicht erlaubt, das Allerheiligste zu betreten, das durfte nur der Hohe Priester.
Da heute niemand mehr weiß, wo genau dieser Ort lag, dürfen fromme Juden die gesamte Anlage nicht betreten.

DAS ERGEBNIS war, dass einige wenige frühe Jahre der Besetzung für Ostjerusalem eine glückliche Zeit waren. Juden und Araber gingen frei miteinander um.
Bei Juden war es Mode, auf dem bunten arabischen Markt einzukaufen und in „orientalischen“ Restaurants zu essen. Ich habe oft in arabischen Hotels gewohnt und mich mit ziemlich vielen Arabern angefreundet.

Diese Atmosphäre veränderte sich allmählich. Die Regierung und die Gemeinde gaben viel Geld dafür aus, Westjerusalem luxuszusanieren, arabische Viertel in Ostjerusalem dagegen wurden vernachlässigt und verwandelten sich in Slums.
Infrastruktur und Dienstleistungen am Ort verkamen. Fast kein Araber bekam eine Baugenehmigung, denn man wollte die jüngere Generation zwingen, die Mauern der Stadt hinter sich zu lassen.
Dann wurde die „Trennungs-„Mauer gebaut, die verhinderte, dass diejenigen, die außerhalb der Stadt wohnten, die Stadt betraten, sodass sie von ihren Schulen und Arbeitsplätzen abgeschnitten waren. Aber trotz alledem wuchs der arabische Bevölkerungsanteil und überschritt 40%.

Die politische Unterdrückung wurde stärker. Die Oslo-Vereinbarungen ergaben, dass Jerusalemer Araber die palästinensische Behörde wählen durften. Aber dann wurden sie doch daran gehindert, ihre Vertreter wurden verhaftet und aus der Stadt gewiesen.
Alle palästinensischen Institutionen wurden gewaltsam geschlossen, darunter das berühmte Orienthaus, in dem der viel bewunderte und geliebte Führer der Jerusalemer Araber, der verstorbenen Faisal al-Husseini, sein Büro hatte.

NACHFOLGER Kolleks wurden Ehud Olmert und ein orthodoxer Bürgermeister, der sich einen Dreck um Ostjerusalem kümmerte, außer um den Tempelberg.

Und dann gab es noch eine Katastrophe. Die säkularen Israelis verlassen Jerusalem und dieses wird schnell zu einem Bollwerk der Orthodoxen. Verzweifelt beschlossen sie, den orthodoxen Bürgermeister zu vertreiben und einen säkularen Geschäftsmann zu wählen.
Leider ist er ein fanatischer Ultra-Nationalist.

Nir Barkat verhält sich wie der Bürgermeister von Westjerusalem und der Militärgouverneur von Ostjerusalem. Er behandelt seine palästinensischen Untertanen wie Feinde, die man duldet, wenn sie schweigend gehorchen, und die man brutal unterdrückt, wenn sie es nicht tun.
Zusammen mit der Jahrzehnte anhaltenden Vernachlässigung der arabischen Viertel, der Beschleunigung des Baus neuer jüdischer Viertel und der unverhältnismäßigen Brutalität der Polizei (zu der der Bürgermeister offen ermutigt) schafft das eine explosive Situation.

Die Abtrennung Jerusalems vom Westjordanland, seinem natürlichen Hinterland, verschlimmert die Situation noch weiter.

Dazu kommt der Abbruch des sogenannten Friedensprozesses, da alle Palästinenser davon überzeugt sind, dass Ostjerusalem die Hauptstadt des künftigen Staates Palästina sein müsse.

IN DIESER SITUATION brauchte es nur einen Funken, um die Stadt in Brand zu setzen.
Der wurde von den rechtsgerichteten Demagogen in der Knesset geliefert. Sie wetteiferten um Aufmerksamkeit und Popularität und unternahmen deshalb einer nach dem anderen einen Besuch des Tempelberges. Jeder dieser Besuche entfesselte einen Sturm.
Dazu kam der offenkundige Wunsch gewisser religiöser und rechtsgerichteter Fanatiker, den Dritten Tempel an dem Ort der heiligen al-Aqsa-Moschee und des goldenen Felsendoms zu errichten, und das genügte, um bei den Palästinensern den Glauben zu erwecken, ihre heiligen Stätten seien tatsächlich in Gefahr.

Dann wurde der entsetzliche Rache-Mord an einem arabischen Jungen begangen. Juden entführten ihn, gossen ihm Benzin in den Mund und verbrannten ihn bei lebendigem Leibe.

Einzelne muslimische Bewohner Jerusalems begannen, etwas zu tun. Sie verschmähten Organisationen und unternahmen fast ohne Waffen eine Reihe von Anschlägen, die man jetzt „die Intifada der Einzelnen“ nennt: Ein Araber handelt allein oder mit einem Bruder oder Vetter, dem er vertraut, nimmt ein Messer oder einen Revolver (wenn er einen bekommen kann), sein Auto oder einen Trecker und tötet die nächstbesten Israelis.
Er weiß, dass er dabei sterben wird.

Die beiden Vettern, die in dieser Woche vier Juden in einer Synagoge getötet haben – und auch einen arabisch-drusischen Polizisten – wussten das.
Sie wussten auch, dass ihre Familien zu leiden haben würden, dass ihre Häuser zerstört und ihre Verwandten verhaftet werden würden.
Das hielt sie nicht von ihrer Tat ab. Die Moschee war wichtiger.

Überdies war ein arabischer Busfahrer am Tag zuvor tot in seinem Bus aufgefunden worden. Die Polizei ließ verlauten, die Autopsie habe ergeben, er habe Selbstmord verübt. Ein arabischer Pathologe kam zu dem Schluss, er sei ermordet worden.
Kein Araber glaubt der Polizei – Araber sind davon überzeugt, dass Polizisten immer lügen.

Unmittelbar nach der Tötung in der Synagoge machte der israelische Chor von Politikern und Kommentatoren einen Einsatz. Das geschah mit erstaunlicher Einmütigkeit.
Minister, Knesset-Abgeordnete, ehemalige Generäle und Journalisten, sie alle wiederholten mit leichten Variationen dieselbe Botschaft.
Der Grund dafür ist ganz einfach: Täglich verschickt das Büro des Ministerpräsidenten eine „Nachrichtenseite“, die alle Teile der Propagandamaschine darüber informiert, was sie zu sagen haben.

Dieses Mal bestand die Nachricht im Folgenden: Mahmoud Abbas, der „Terrorist im Anzug“, ist an allem schuld. Er ist der Führer, der zur neuen Intifada anstiftet.
Ungeachtet der Aussage des Chefs von Schin Bet am selben Tag, Abbas habe weder offene noch geheime Verbindungen zu den Gewalttätern.

Benjamin Netanjahu stellte sich mit feierlichem Gesicht und kummervoller Stimme vor die Kameras – er ist ja wirklich ein guter Schauspieler – und wiederholte wieder einmal, was er schon so viele Male zuvor gesagt hatte, wobei er jedes Mal so tut, als sei das ein neues Rezept:
Mehr Polizei, härtere Strafen, Zerstörung der Häuser, Haftstrafen und hohe Geldbußen für Eltern von 13-jährigen, die man beim Steinewerfen erwischt, und so weiter.

Jeder Fachmann weiß, dass derartige Maßnahmen genau das Gegenteil bewirken werden. Noch mehr Araber werden sich empören und israelische Männer und Frauen angreifen. Natürlich werden Israelis „Rache“ fordern und „das Recht in die eigenen Hände nehmen“.

Sowohl für die Bewohner als auch für Touristen ist ein Gang durch die Straßen Jerusalems, der „vereinigten“ Stadt, zu einem gefahrvollen Abenteuer geworden. Viele bleiben deshalb lieber zu Hause.

Die unheilige Stadt ist stärker geteilt als je zuvor.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

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Jochen