Wirtschaft als Waffe

USA und EU führen gegen Russland einen Krieg mit ökonomischen Mitteln.

 Theo Wentzke
Auszüge:
Moskaus Politik zielt seit dem Abtritt des Präsidenten Boris Jelzin 1999 darauf ab, den Einfluss auf die früheren Sowjetstaaten zurückzuerlangen. Dadurch fühlen sich aber USA und EU in ihren Machtbestrebungen bedroht.
Einschränkung des Weltfinanzmarktes für russische Unternehmen: Mit solcherart wirtschaftlichen Maßnahmen drohen USA und EU Moskau von einem Globalplayer zu einer »Regionalmacht« zu reduzieren (Filiale der russischen Sberbank in St. Petersburg, 27.3.2014)

Die USA und die EU (…) verstehen den russischen Machtanspruch auf eine kooperative Regierung in der Ukraine, die Annexion der Krim und die Unterstützung der Aufständischen im Donbass als Angriff auf ihr Recht und ihre Machtstellung in der Welt. Die EU sieht – was sie für ihr Recht hält – die fortschreitende friedliche Eroberung des Kontinents, d. h. die Eingliederung immer neuer Länder Osteuropas, in ihren Rechts- und Herrschaftsraum blockiert; die USA sehen sich überhaupt in ihrer Rolle als Kontrolleur des Gewaltgebrauchs anderer Staaten und als Schutzmacht internationaler Grenzen missachtet und in Frage gestellt. Sie heben das russische Vorgehen auf die höchste Ebene der Sünden in der Staatenkonkurrenz, deklarieren es zum Bruch des Völkerrechts, der auf keinen Fall Bestand haben darf, und sich selbst zu den internationalen Rechtsschutzorganen, die dafür sorgen.

Außer der militärischen Drohkulisse, die sie in den baltischen Staaten und im Schwarzen Meer aufbauen, und außer der Aufrüstung, die sie für Polen wie Osteuropa und überhaupt planen – haben sie nicht vor, die direkten und indirekten Leistungen russischer Waffen mit eigener Militärgewalt zunichte zu machen. Sie setzen – wie es einst grüne und andere Idealisten der Außenpolitik gefordert haben – auf Wirtschaftssanktionen als das unblutige, weniger gefährliche Instrument für den Zweck, für den sonst Bomben und Kanonen zum Einsatz kommen. Die USA und ihre europäischen Partner führen einen Wirtschaftskrieg, dem sie die Aufgabe zuweisen und die Leistung zutrauen, den Feind so zu schädigen, dass er sich sein außenpolitisches Auftreten aus eigenem Recht nicht mehr leisten kann und seine Machtansprüche aufgibt. Mit wirtschaftlichen Kampfmaßnahmen wollen sie die nach ihnen größte Atommacht des Globus in die Knie zwingen und, wie Obama sich ausdrückt, den Nachfolgestaat der Sowjetunion, der sich über zwei Kontinente erstreckt und in allen internationalen Aufsichtsgremien als Träger und Mitgarant der Weltordnung agiert, auf Rang und Gewicht einer »Regionalmacht« zurückwerfen.

Die Waffen in diesem Krieg sind die friedlichen, zivilen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland; gerade weil die sich – besonders mit Deutschland und der EU – in den letzten Jahrzehnten so gut entwickelt und die russische Wirtschaft so tief durchdrungen haben, taugt ihr Abbruch zur Schädigung des Handelspartners in einem Grad, den er – jedenfalls der Absicht nach – nicht aushält. Der eigene Schaden ist dabei einkalkuliert; er besteht im Opfer des Nutzens aus dem beiderseitigen Geschäftsverkehr, auf den es sonst sehr ankommt. Mit der Benutzung der Wirtschaft als Waffe zur Brechung des fremden Staatswillens bekennen die Sanktionsmächte, dass der zivile Verkehr, den sie mit Russland wie mit anderen Staaten pflegen, die geschäftliche Be- und Ausnutzung der Handelspartner nicht der einzige und erst recht nicht der höchste Gesichtspunkt ihrer Beziehungen ist. Der zivile Verkehr ist nie nur zivil; in guten wie in schlechten Zeiten ist er zugleich das Instrument zur Beeinflussung und Kontrolle der fremden Hoheit und steht unter dem Vorbehalt, dass dies hinreichend gut gelingt.

Exportverbot und Finanzboykott

Die eine Abteilung der Sanktionen betrifft den Handel mit Gütern, auf die die russische Seite besonderen Wert legt. USA und EU verbieten ihren Geschäftsleuten den Export von auch militärisch nutzbaren »Dual use«-Technologien und zielen damit sowohl auf die Schwächung der kriegerischen Fähigkeiten Russlands, das wieder als Feind ins Auge gefasst wird, wie auch auf die Entwertung der Sorte Hightech, die es international anbieten kann: Flugzeuge, Weltraumtechnik und Waffen. Das Embargo für fortgeschrittene Technik zur Exploration und Förderung von Öl und Gas, besonders per Tiefseebohrung und Fracking, zielt auf die andere große internationale Einkommensquelle Russlands, den Export von Energierohstoffen. Beide Exportverbote sollen in der weiteren Zukunft das russische Geldverdienen am Weltmarkt erschweren oder verunmöglichen.
Praktisch und zuerst einmal verdient allerdings die deutsche, europäische, amerikanische Industrie durch diese Kampfmaßnahmen kein Geld mehr an Russland: Das muss schon sehr unbedingt auf diese Güter angewiesen sein, wenn es – wie die deutsche Regierung versichert – durch die Sanktionen mehr getroffen werden soll als die Seite, die den Export einstellt. Dem Gegner wird der Zugang zu wichtigen Gebrauchswerten entzogen, und er muss sehen, wie er Ersatz beschaffen oder schaffen kann. Der eigenen Geschäftswelt entziehen die Sanktionen ein Stück Weltmarkt und die Gelegenheit, Geld und Gewinn zu machen. Das aber ist schließlich der Zweck des grenzüberschreitenden Geschäfts, der Austausch von Gebrauchswerten nur das Mittel dafür. Der anderen Seite ihre Erzeugnisse nicht mehr abzukaufen, so wie es die Russen zur Vergeltung mit europäischen und amerikanischen Agrargütern halten, wäre eine andere Sache; aber das will sich Europa bei Öl und Gas nicht leisten.

Die Universalwaffe Finanzboykott umfasst ein ganzes Bündel von Maßnahmen, von denen einige schon in Kraft gesetzt, andere angedroht sind. Sie beginnen – Stufe 1 – mit Reiseverboten für Personen, die dem Kreml nahestehen, sowie dem Einfrieren von deren Vermögen auf Auslandskonten; sie werden fortgesetzt – Stufe 2 – mit dem Verbot für die großen russischen Banken und Energieriesen, auf den Dollar- und Euro-Kapitalmärkten eigene Schuldtitel (Anleihen wie Aktien) zu verkaufen. Schlagkraft haben diese Verbote, weil russische Banken, wenn sie auswärts Kapital aufnehmen, das in den etablierten Weltgeldern Dollar und Euro tun, also vorwiegend auch bei Banken aus diesen Währungsräumen, die unter der Jurisdiktion von USA und EU stehen und sich an deren politische Anordnungen zu halten haben.

Der nächste inzwischen beschlossene Schritt verbietet russischen Privatbanken nicht nur die langfristige Kapitalaufnahme, sondern auch die kurzfristige Refinanzierung auf Geldmärkten im westlichen Ausland. Und damit ist noch lange nicht Schluss: Erwogen wird, bestimmte russische Banken oder das ganze Bankensystem vom internationalen Zahlungsverkehr zwischen Banken auszuschließen. Für diese Kampfmaßnahme zahlt es sich aus, dass USA und EU nicht nur die Weltgelder besitzen und damit die international bedeutendsten Banken und Finanzplätze auf ihrem Boden haben, sondern dass sie obendrein die technische Infrastruktur des internationalen Zahlungsverkehrs bei der SWIFT-Organisation in Belgien zentralisiert und unter ihrer Kontrolle haben. (…) Der Ausschluss vom internationalen Zahlungsverkehr – eine Strafmaßnahme, mit der der Westen gegen Iran schon ernst gemacht hat – würde nicht nur den Waren-, sondern den ganzen Geldverkehr Russlands blockieren und seinen Außenhandel auf Barzahlung und Bartergeschäfte zurückwerfen. (…)

Das äußerste Sanktionsinstrument wäre schließlich der Ausschluss der russischen Zentralbank vom Zahlungsverkehr zwischen den Zentralbanken. Das hieße, dass auch sie keinen Zugang zu Devisen hätte und sogar diejenigen Bestände, die sie in Form auswärtiger Staatsschulden als Währungsreserven besitzt, immobilisiert und für sie unbrauchbar und entwertet wären. Denn die FED oder die EZB würden ihr diese Schuldtitel nicht mehr abnehmen und in liquide Mittel verwandeln

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