Verschickungsheime in den 1950ern: Trauma durch »Erholung«

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Das kann einen noch heute betroffen machen:
https://www.jungewelt.de/artikel/384643.verschickungsheime-trauma-durch-erholung.html
Auszüge:

Klima von Angst und Erniedrigung: Verschickungsheime werden heute von 94 Prozent der ehemaligen »Kurkinder« negativ bewertet

Von Kristian Stemmler
VerschickungsheimeEs hat oft Jahrzehnte gedauert, bis Folgen und Kontinuitäten von Faschismus und Krieg offen debattiert werden konnten. Die ausgebliebene Entnazifizierung in der BRD etwa wurde erst spät zum Thema, ebenso die psychischen Deformationen, die diese Zeit in der Generation der Kriegskinder und mittelbar bei deren Kindern angerichtet hatte.
Ein Thema, das ebenfalls als trauriges Erbe der Nazizeit gesehen werden kann, blieb immer ausgespart: das Leid der sogenannten Verschickungskinder, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren.

Angesichts der hohen Zahl Betroffener ist es erstaunlich, dass erst jetzt, über 75 Jahre nach Kriegsende, eine Debatte über das Thema Fahrt aufnimmt.
Vom Kriegsende bis in die 1980er Jahre wurden, soviel steht heute fest, Hunderttausende Kinder in Verschickungsheimen an der See und in den Bergen gedemütigt, geschlagen, eingesperrt, angebunden, mit Medikamenten ruhiggestellt oder anderweitig misshandelt – und zwar so drastisch, dass viele bis heute unter dem Erlebten leiden. In diesen Heimen sorgte ein Personal, das meist in der Zeit des Faschismus gelernt und gearbeitet hatte, für ein Klima der Angst und der Erniedrigung.

Dass die Geschehnisse ans Licht kommen, ist dem ARD-Magazin »Report Mainz« zu verdanken, das mehrfach, zuletzt am 10. August, über das Thema berichtete, vor allem aber der Beharrlichkeit der Journalistin und Sonderpädagogin Anja Röhl, die auch Autorin von junge Welt ist. Ihr jW-Artikel über ihre eigenen Erfahrungen als Verschickungskind unter der Überschrift »Hände hoch, und dann bin ich verloren« war im September 2009 der erste Beitrag zu dem bis dahin nicht beachteten Thema.
»Im Laufe der Zeit hatte ich über 100 Berichte Betroffener auf meiner Autorenseite, die meine negativen Erfahrungen bestätigten«, sagte sie am Dienstag im Gespräch mit jW. Ab 2016 intensivierte Röhl dann ihre Nachforschungen. Ihre Recherchen ergaben, dass es sich um ein Massenphänomen handelte.
Nach Schätzungen wurden bis in die 1980er Jahre acht bis zwölf Millionen Kinder »verschickt«. Der Begriff knüpfte an die Kinderlandverschickungen vor 1945 an, es handelte sich aber um etwas anderes.
In der Nazizeit waren die Kinder auf Bauernhöfe oder in Zeltlager geschickt worden.
Die Verschickungen nach dem Krieg waren dagegen eine breit angelegte sozialmedizinisch-pädiatrische Maßnahme, die auf den ersten Blick an das Kurwesen in klassischen Erholungsorten der Kaiserzeit anknüpfte. Die Orte lagen beispielsweise auf den ost- und nordfriesischen Inseln, im Allgäu, im Schwarzwald, im Harz oder im Teutoburger Wald.

Ende der 1950er Jahre gab es offenbar Werbekampagnen der Träger der Heime. In Broschüren warben sie bei Hausärzten für die Verschickung. So kam es ab den 1960er Jahren zu einem Boom.
Nach Röhls Recherchen gab es 1964 mindestens 839 »Erholungsheime« mit mehr als 56.000 Betten. »Das Ganze war auch eine Industrie, mit uns wurde Geld verdient«, sagte sie.
Zu dünn, zu dick, zu blass – Ärzten reichten Kleinigkeiten, um den Eltern zu dieser Maßnahme zu raten. Per Sammeltransport ging es in die Kurorte, wo die Kinder den Betreuerinnen, den »Tanten«, überlassen wurden. Viele kamen traumatisiert zurück.

Dass es sich bei den Misshandlungen nicht um Einzelfälle, sondern ein flächendeckendes Phänomen handelte, belegen mehr als 3.000 Berichte Betroffener. In den Heimen herrschte ein Ton der Einschüchterung, es gab drakonische Strafen für »Vergehen« wie das Öffnen der Augen beim Mittagsschlaf oder das Bedürfnis, auf die Toilette zu gehen.
Eine Betroffene berichtete, sie sei an den Haaren aus dem Bett gezogen worden. Ein anderes ehemaliges Verschickungskind erzählte: »Wer ungezogen war, wurde in den dunklen Keller gesteckt.«
Report Mainz wertete 1.000 solcher Berichte in einer Screening-Untersuchung aus. Die ergab, dass 94 Prozent der ehemaligen Kurkinder den Aufenthalt negativ bewerten.
67 Prozent gaben an, Bestrafungen erlebt zu haben. 61 Prozent erklärten, noch heute unter dem Erlebten zu leiden.

Im Sommer 2019 gründeten Anja Röhl und weitere Betroffene die »Initiative Verschickungskinder« und organisierten einen ersten Kongress im November 2019 auf Sylt mit 85 Teilnehmenden.
Ein Verein soll die Erforschung des Themas vorantreiben. Dazu wurde eine Website erstellt und ein von Röhl und der Sozialwissenschaftlerin Christiane Dienel entwickelter anonymisierter Fragebogen eingestellt.
Die Ergebnisse wird Röhl in ein Buch einfließen lassen, das im Januar 2021 im Psychosozialverlag erscheint.
Ein Professorenteam des Vereins der Initiative hat das Projekt »Bürgerforschung« konzipiert und im Bundesforschungsministerium eingereicht. Bereits rund 40 Gruppen der Initiative recherchieren zu ihren jeweiligen Kurheimen.
Aus der Politik gab es erste Signale, die Betroffenen zu unterstützen. So sicherte der Vorsitzende der Sozialministerkonferenz, Manfred Lucha (Grüne), im Gespräch mit »Report Mainz« zu, die Misshandlungen aufzuarbeiten. »Wir blicken da in einige Untiefen, in einige dunkle Löcher«, sagte er.

Hier findet sich auch ein Verweis auf die Sendung der ARD:

www.verschickungsheime.de

Hintergrund: Nazis als Kurheimleiter

Nicht zufällig wurden in sogenannten Verschickungsheimen Erziehungsmethoden des Faschismus praktiziert. Das Personal war meist in Ausbildung und Beruf noch in der Nazizeit geprägt worden.
Mehrere Kurheime wurden sogar von hochrangigen Nazis geleitet, wie das ARD-Magazin Report Mainz am 10. August berichtete.
So führte der verurteilte Kriegsverbrecher Werner Scheu jahrelang das Kinderkurheim »Mövennest« auf der Nordseeinsel Borkum. Er war Mitglied der Waffen-SS gewesen und 1941 als Offizier an der Erschießung von 220 litauischen Juden beteiligt. In seinem Heim wurden Kinder drangsaliert und gequält.

In St. Peter Ording führte Hugo Kraas in den 1970er Jahren das Kinderkurheim »Seeschloss«. Kraas war einer der ranghöchsten Generäle der Waffen-SS. Ihm wurden zahlreiche Kriegsorden verliehen.
Nach Recherchen von Report Mainz blieb er bis zu seinem Tod ein überzeugter Nazi.
1966 nahm er an der Beerdigung des SS-Oberst-Gruppenführers Sepp Dietrich teil, einem verurteilten Kriegsverbrecher. Dabei präsentierte er sich mit Ritterkreuz und weiteren Naziorden.

Im bayerischen Berchtesgaden war Albert Viethen ärztlicher Leiter des Kinderkurheims »Schönsicht«. Im Faschismus war er Mitglied in rund einem Dutzend Naziorganisationen gewesen – von der NSDAP über den NS-Ärztebund bis zur SS. Zudem hatte er sich an Euthanasie-Verbrechen beteiligt.
Aus seiner Klinik waren während in der Nazizeit rund 20 Kinder in eine Tötungsanstalt überwiesen und sieben von ihnen nachweislich ermordet worden.
1963 war Viethen wegen Beihilfe zum Mord angeklagt worden. Er kam aber davon, weil er behauptete, von den Mordaktionen nichts gewusst zu haben. (kst)

Über Kommentare hier würde ich mich freuen.
Jochen

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