Verschickungsheime in den 1950ern: Trauma durch »Erholung«

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Das kann einen noch heute betroffen machen:
https://www.jungewelt.de/artikel/384643.verschickungsheime-trauma-durch-erholung.html

Nachtrag vom 30.3.2021: Ohrfeigen zum Mittagsschlaf

Wie Anja Röhls »Das Elend der Verschickungskinder« mein eigenes verschüttetes Trauma ans Licht holte
Von Jürgen Heiser – siehe weiter unten

Auszüge:

Klima von Angst und Erniedrigung: Verschickungsheime werden heute von 94 Prozent der ehemaligen »Kurkinder« negativ bewertet

Von Kristian Stemmler
VerschickungsheimeEs hat oft Jahrzehnte gedauert, bis Folgen und Kontinuitäten von Faschismus und Krieg offen debattiert werden konnten. Die ausgebliebene Entnazifizierung in der BRD etwa wurde erst spät zum Thema, ebenso die psychischen Deformationen, die diese Zeit in der Generation der Kriegskinder und mittelbar bei deren Kindern angerichtet hatte.
Ein Thema, das ebenfalls als trauriges Erbe der Nazizeit gesehen werden kann, blieb immer ausgespart: das Leid der sogenannten Verschickungskinder, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren.

Angesichts der hohen Zahl Betroffener ist es erstaunlich, dass erst jetzt, über 75 Jahre nach Kriegsende, eine Debatte über das Thema Fahrt aufnimmt.
Vom Kriegsende bis in die 1980er Jahre wurden, soviel steht heute fest, Hunderttausende Kinder in Verschickungsheimen an der See und in den Bergen gedemütigt, geschlagen, eingesperrt, angebunden, mit Medikamenten ruhiggestellt oder anderweitig misshandelt – und zwar so drastisch, dass viele bis heute unter dem Erlebten leiden. In diesen Heimen sorgte ein Personal, das meist in der Zeit des Faschismus gelernt und gearbeitet hatte, für ein Klima der Angst und der Erniedrigung.

Dass die Geschehnisse ans Licht kommen, ist dem ARD-Magazin »Report Mainz« zu verdanken, das mehrfach, zuletzt am 10. August, über das Thema berichtete, vor allem aber der Beharrlichkeit der Journalistin und Sonderpädagogin Anja Röhl, die auch Autorin von junge Welt ist. Ihr jW-Artikel über ihre eigenen Erfahrungen als Verschickungskind unter der Überschrift »Hände hoch, und dann bin ich verloren« war im September 2009 der erste Beitrag zu dem bis dahin nicht beachteten Thema.
»Im Laufe der Zeit hatte ich über 100 Berichte Betroffener auf meiner Autorenseite, die meine negativen Erfahrungen bestätigten«, sagte sie am Dienstag im Gespräch mit jW. Ab 2016 intensivierte Röhl dann ihre Nachforschungen. Ihre Recherchen ergaben, dass es sich um ein Massenphänomen handelte.
Nach Schätzungen wurden bis in die 1980er Jahre acht bis zwölf Millionen Kinder »verschickt«. Der Begriff knüpfte an die Kinderlandverschickungen vor 1945 an, es handelte sich aber um etwas anderes.
In der Nazizeit waren die Kinder auf Bauernhöfe oder in Zeltlager geschickt worden.
Die Verschickungen nach dem Krieg waren dagegen eine breit angelegte sozialmedizinisch-pädiatrische Maßnahme, die auf den ersten Blick an das Kurwesen in klassischen Erholungsorten der Kaiserzeit anknüpfte. Die Orte lagen beispielsweise auf den ost- und nordfriesischen Inseln, im Allgäu, im Schwarzwald, im Harz oder im Teutoburger Wald.

Ende der 1950er Jahre gab es offenbar Werbekampagnen der Träger der Heime. In Broschüren warben sie bei Hausärzten für die Verschickung. So kam es ab den 1960er Jahren zu einem Boom.
Nach Röhls Recherchen gab es 1964 mindestens 839 »Erholungsheime« mit mehr als 56.000 Betten. »Das Ganze war auch eine Industrie, mit uns wurde Geld verdient«, sagte sie.
Zu dünn, zu dick, zu blass – Ärzten reichten Kleinigkeiten, um den Eltern zu dieser Maßnahme zu raten. Per Sammeltransport ging es in die Kurorte, wo die Kinder den Betreuerinnen, den »Tanten«, überlassen wurden. Viele kamen traumatisiert zurück.

Dass es sich bei den Misshandlungen nicht um Einzelfälle, sondern ein flächendeckendes Phänomen handelte, belegen mehr als 3.000 Berichte Betroffener. In den Heimen herrschte ein Ton der Einschüchterung, es gab drakonische Strafen für »Vergehen« wie das Öffnen der Augen beim Mittagsschlaf oder das Bedürfnis, auf die Toilette zu gehen.
Eine Betroffene berichtete, sie sei an den Haaren aus dem Bett gezogen worden. Ein anderes ehemaliges Verschickungskind erzählte: »Wer ungezogen war, wurde in den dunklen Keller gesteckt.«
Report Mainz wertete 1.000 solcher Berichte in einer Screening-Untersuchung aus. Die ergab, dass 94 Prozent der ehemaligen Kurkinder den Aufenthalt negativ bewerten.
67 Prozent gaben an, Bestrafungen erlebt zu haben. 61 Prozent erklärten, noch heute unter dem Erlebten zu leiden.

Im Sommer 2019 gründeten Anja Röhl und weitere Betroffene die »Initiative Verschickungskinder« und organisierten einen ersten Kongress im November 2019 auf Sylt mit 85 Teilnehmenden.
Ein Verein soll die Erforschung des Themas vorantreiben. Dazu wurde eine Website erstellt und ein von Röhl und der Sozialwissenschaftlerin Christiane Dienel entwickelter anonymisierter Fragebogen eingestellt.
Die Ergebnisse wird Röhl in ein Buch einfließen lassen, das im Januar 2021 im Psychosozialverlag erscheint.
Ein Professorenteam des Vereins der Initiative hat das Projekt »Bürgerforschung« konzipiert und im Bundesforschungsministerium eingereicht. Bereits rund 40 Gruppen der Initiative recherchieren zu ihren jeweiligen Kurheimen.
Aus der Politik gab es erste Signale, die Betroffenen zu unterstützen. So sicherte der Vorsitzende der Sozialministerkonferenz, Manfred Lucha (Grüne), im Gespräch mit »Report Mainz« zu, die Misshandlungen aufzuarbeiten. »Wir blicken da in einige Untiefen, in einige dunkle Löcher«, sagte er.

Hier findet sich auch ein Verweis auf die Sendung der ARD:

www.verschickungsheime.de

Hintergrund: Nazis als Kurheimleiter

Nicht zufällig wurden in sogenannten Verschickungsheimen Erziehungsmethoden des Faschismus praktiziert. Das Personal war meist in Ausbildung und Beruf noch in der Nazizeit geprägt worden.
Mehrere Kurheime wurden sogar von hochrangigen Nazis geleitet, wie das ARD-Magazin Report Mainz am 10. August berichtete.
So führte der verurteilte Kriegsverbrecher Werner Scheu jahrelang das Kinderkurheim »Mövennest« auf der Nordseeinsel Borkum. Er war Mitglied der Waffen-SS gewesen und 1941 als Offizier an der Erschießung von 220 litauischen Juden beteiligt. In seinem Heim wurden Kinder drangsaliert und gequält.

In St. Peter Ording führte Hugo Kraas in den 1970er Jahren das Kinderkurheim »Seeschloss«. Kraas war einer der ranghöchsten Generäle der Waffen-SS. Ihm wurden zahlreiche Kriegsorden verliehen.
Nach Recherchen von Report Mainz blieb er bis zu seinem Tod ein überzeugter Nazi.
1966 nahm er an der Beerdigung des SS-Oberst-Gruppenführers Sepp Dietrich teil, einem verurteilten Kriegsverbrecher. Dabei präsentierte er sich mit Ritterkreuz und weiteren Naziorden.

Im bayerischen Berchtesgaden war Albert Viethen ärztlicher Leiter des Kinderkurheims »Schönsicht«. Im Faschismus war er Mitglied in rund einem Dutzend Naziorganisationen gewesen – von der NSDAP über den NS-Ärztebund bis zur SS. Zudem hatte er sich an Euthanasie-Verbrechen beteiligt.
Aus seiner Klinik waren während in der Nazizeit rund 20 Kinder in eine Tötungsanstalt überwiesen und sieben von ihnen nachweislich ermordet worden.
1963 war Viethen wegen Beihilfe zum Mord angeklagt worden. Er kam aber davon, weil er behauptete, von den Mordaktionen nichts gewusst zu haben. (kst)

Und hier der Nachtrag:

https://www.jungewelt.de/artikel/399330.literatur-ohrfeigen-zum-mittagsschlaf.html

Es ist eine Binsenweisheit, dass Veränderungen nur durchsetzt, wer selbst quälende gesellschaftliche Verhältnisse erleidet. Sind die Betroffenen jedoch Kinder, kann es dauern. Oft können sie selbst erst als Erwachsene aktiv werden, wenn sie gelernt haben, wie das geht: Sich wehren, Widerstand leisten. Brennend aktuelles Beispiel ist das hundertausendfache Elend der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch kriminelle Täter der Amtskirchen und die Duldung und Vertuschung durch ihre Oberen.

Das »Elend der Verschickungskinder« in der BRD, von dem jetzt das gleichnamige Buch von Anja Röhl berichtet, war lange Zeit als individualisiertes Leiden verschüttet. Viel zu lange, wie auch der Autor dieser Buchbesprechung bestätigen kann, der selbst im Alter von neun Jahren »Erholungskind« war, wie das im Rheinland der 1960er Jahre hieß. Der Vater, Straßenbahnfahrer bei der Düsseldorfer Rheinbahn, war glücklich, seinen Jüngsten über das Sozialprogramm seiner Firma sechs Wochen ins Allgäu schicken zu können. »Damit unser Kleiner endlich mal essen lernt und zunimmt«, hofften die Eltern. Doch nach der sechswöchigen »Erholung« fiel ihnen am Bahnhof ein schluchzendes Kind in die Arme.

Was war nur passiert mit ihrem Kind in der Obhut der katholischen Schwestern des »Kinderkurheims Maria Theresia« in Kaufbeuren? Entsetzt erfuhren die Eltern, dass dort Essensentzug als Strafe verhängt wurde und tagtäglich ein zweistündiger Bettzwang zur Mittagszeit mit Ohrfeigen durchgesetzt wurde. Normale kindliche Regungen der Neun- bis Zwölfjährigen empfanden die Schwestern als »ungezogenes Benehmen« und ahndeten es oft mit urplötzlichen Züchtigungen. Angst war das Alltagsbrot unter der Obhut dieser sadistischen Truppe von Gottes Gnaden.

Was die Kinder nach Hause schrieben, wurde zensiert. »Du willst doch auch, dass Mama und Papa nur Schönes zu lesen bekommen, oder?« Also wurde die Ansichtskarte unter Aufsicht neu geschrieben. Reiner Psychoterror. Für viele Kinder waren die Trennung von der Familie und das Ausgeliefertsein in fremder Umgebung der erste wirkliche Schock ihres Lebens.

Von solchen Vorkommnissen berichtet die Sonderpädagogin und Journalistin Anja Röhl in ihrem Buch zu Hauf. Das Leiden betraf, so die Autorin, »mindestens acht bis zwölf Millionen Kinder«, die »in den 1950er bis 1990er Jahren Erholungs- und Kuraufenthalte in Kinderheimen und Kinderheilstätten« der BRD verbrachten. Seit Röhl, die selbst »Verschickungskind« war, das Problem in die Öffentlichkeit brachte, fassten viele Menschen Mut und trugen »Tausende von Erinnerungen« an »ein ganzes System von Gewalt und Erniedrigung« zusammen, wie es im Buch heißt.

Die Autorin schildert, wie die »Verschickungskinder« erst erkennen mussten, dass sie nicht allein waren. So wie es auch dem Verfasser erging, dem die Buchbesprechung unverhofft zum Selbstzeugnis wurde. Da schrieb plötzlich das Kind aus dem Rheinland mit, das hoffte, zur »Erholung« im Allgäu auch endlich in so ein »tolles Ferienlager« zu reisen, wie es ihm seine beneidenswerten DDR-Freunde von ihren Pionier- und FDJ-Ferienlagern erzählten, wenn er jährlich einige Wochen bei der Familie seiner Mutter nahe Karl-Marx-Stadt verbrachte. Der Traum vom Abenteuer im Ferienlager verwandelte sich jedoch in den Alptraum eines Straflagers.

So zeigte sich dem Rezensenten, dass dieses Buch ein Glück für alle ist, die noch ähnliche verschüttete Erfahrungen ans Licht zu holen haben. Röhls Grundlagenwerk steht für den Beginn einer Auseinandersetzung mit einem verschwiegenen Stück Elend der Kinder der Westrepublik. Es analysiert anhand der Betroffenenberichte den bislang von der Wissenschaft ignorierten Forschungsgegenstand, geht bis in die »Kinderheilkunde« des Nazifaschismus zurück und belegt, dass sich in den BRD-Kinderkurheimen das Unheil der »strafenden Pädagogik« der »NS-Schwesternschaft« fortsetzte. Es untersucht auch das lukra­tive Geschäftsmodell »Kinderkuren«. Aber es macht vor allem Mut, weil es davon zeugt, wie die früheren »Verschickungskinder« das individuelle Unglück heute in ein kollektives Erkenntnisprojekt verwandeln, um sich von diesem Trauma zu befreien.

Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder. Psychosozial-Verlag, Gießen 2021, 305 Seiten, 29,90 Euro

Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung e. V.: https://verschickungsheime.de/wissenschaft-und-forschung

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Jochen

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