„Ich wünsche mir eine linke Volkspartei“ – Sahra Wagenknecht im Interview mit dem Spiegel

13.01.2018

Wagenknecht2013Fraktionschefin Sahra Wagenknecht, 48, über die Versäumnisse der Linken, den Zustand der SPD und die Idee einer neuen sozialen Sammlungsbewegung

SPIEGEL: Frau Wagenknecht, Deutschland könnte bald wieder von einer Großen Koalition regiert werden. Kann die SPD weitere vier Jahre unter einer Kanzlerin Merkel überleben?

Wagenknecht: Wenn die SPD das wirklich macht, möchte ich mir nicht ausmalen, wie ihr nächstes Wahlergebnis aussieht. Mir ist völlig schleierhaft, warum die Sozialdemokraten nicht verstehen, weshalb sie in den letzten Jahren so viele Wähler verloren haben.

SPIEGEL: Wollen Sie es ihnen erklären?

Wagenknecht: Die SPD steht seit Gerhard Schröder für eine Politik, die zu einer wachsenden Ungleichheit und Lebensunsicherheit geführt hat. Weshalb sollen Menschen, die unter niedrigen Löhnen und Renten leiden, eine Partei wählen, die das wesentlich mitzuverantworten hat. Wenn eine sozialdemokratische Partei sich zunehmend einem neoliberalen Kurs verschreibt, dann fühlen sich die Wähler irgendwann nicht mehr vertreten. In Frankreich ist die Sozialdemokratie so bei sechs Prozent gelandet, in den Niederlanden bei fünf.

SPIEGEL: Das sind düstere Aussichten für eine linke Machtoption in Deutschland.

Wagenknecht: Traditionell gab es überall zwei große Parteien, die eine hat vor allem die Arbeitnehmer, die andere die bürgerlichen Wähler vertreten. Aber seit Jahren ist es nahezu egal, welche dieser beiden Parteien eine Regierung anführt. Es kommt immer die gleiche Politik heraus, die weder Arbeitnehmern noch kleinen Selbstständigen nützt, sondern vor allem die Interessen des großen Geldes bedient. Dadurch entsteht ein demokratischer Leerraum, in dem sich auch rechte Parteien tummeln. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die SPD endlich Konsequenzen zieht.

SPIEGEL: Was für Konsequenzen?

Wagenknecht: Es ist doch ein Trauerspiel. Es gibt heute im Bundestag keine Mehrheit für einen höheren Mindestlohn oder eine Vermögensteuer für Superreiche. Es gibt diese Mehrheiten aber in der Bevölkerung. Doch solange das allein die Linke vertritt, kann daraus keine Regierungspolitik werden. Deshalb wäre es gut, wenn Politiker unterschiedlicher Parteien, die für ein solches Programm stehen, sich zusammenschließen.

SPIEGEL: Wollen Sie eine Neuordnung des Parteiensystems und eine linke Sammlungsbewegung wie Ihr Mann, der Ex-Vorsitzende der Linken, Oskar Lafontaine?

Wagenknecht: Wir sehen doch, dass die traditionellen Parteien an Akzeptanz verlieren. In dem Augenblick, wo etwas Neues entsteht, wachsen die Chancen auf andere Mehrheiten. In Frankreich hat Macron die Präsidentschaftswahl gewonnen. Aber noch bemerkenswerter war: Der Linke Jean-Luc Mélenchon hat mit seiner Bewegung „La France insoumise“ aus dem Stand knapp 20 Prozent erreicht.

SPIEGEL: Warum kann die Linke als Partei diese Rolle nicht übernehmen?

Wagenknecht: Mit der Linken hat sich erstmals links von der SPD eine relevante Kraft etabliert. Aber wir stehen bei zehn Prozent. Das reicht nicht, um Politik wirklich zu verändern. Um eine linke Volkspartei zu werden, müssten wir noch viel an Breite und Akzeptanz gewinnen. Das wäre auch ein Weg, aber er würde länger dauern.

SPIEGEL: Sie wollen also bei SPD und Grünen wildern?

Wagenknecht: Ich bekomme viele Rückmeldungen von SPD-Wählern, auch von Mitgliedern – leider bisher nicht von Funktionären. Aber dem Anspruch, sozialer Politik in Deutschland wieder eine Machtoption zu verschaffen, kann sich doch kein verantwortungsvoller Mensch entziehen.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sich diese linke Sammlungsbewegung vor?

Wagenknecht: Natürlich wünsche ich mir eine starke linke Volkspartei. Am Ende kann es nur funktionieren, wenn prominente Persönlichkeiten mitmachen, die den Menschen die Hoffnung zurückgeben, dass sich politisch etwas in ihrem Sinne bewegt. Wir müssen das weiterdenken und dafür werben. Es muss ein Funke überspringen. Wir haben doch eine Krise der Demokratie, weil viele von der Politik gar nichts mehr erwarten. Manche kreuzen dann aus Wut AfD an.

SPIEGEL: Wie wollen Sie die entsprechenden Teile der SPD überzeugen?

Wagenknecht: Viele in der SPD sind unzufrieden. Wenn man gemeinsam etwas Neues angeht, ist die Hürde vielleicht geringer, als wenn man sie einfach nur auffordert, in die Linke zu kommen.

SPIEGEL: Wie relevant ist das alte Rechts-links-Schema für Parteien überhaupt noch?

Wagenknecht: Die alten Interessengegensätze existieren fort. Es gibt eine kleine Schicht, die vom entfesselten Globalkapitalismus profitiert. Und es gibt eine Mehrheit, die in einem starken Sozialstaat mit sicheren Jobs besser leben würde. Früher bedeutete links, sich für diese Mehrheit einzusetzen. Nachdem die Sozialdemokratie die Seiten gewechselt hat, begann sie in vielen Ländern, ihre neoliberale Politik mit traditionell linken Begriffen wie Internationalismus, Solidarität oder Emanzipation aufzuhübschen, obwohl sie das genaue Gegenteil bedeutete. Das hat viel dazu beigetragen, dass die Leidtragenden heute mit „links“ nicht mehr viel anfangen können.

SPIEGEL: Dann entstand erst die Linke und dann die AfD.

Wagenknecht: Die AfD hat leider viele angesprochen, die sich seit Jahren von der Politik im Stich gelassen fühlen.

SPIEGEL: Die Linke will doch genau diese Menschen ansprechen. Wieso ist das nicht gelungen?

Wagenknecht: Die Themen Migration und Flüchtlingspolitik haben den Wahlkampf in einer Weise geprägt, wie das nie zuvor der Fall war. Die Linke hat da nicht nur klug agiert. Wir müssen so sprechen, dass uns auch einfache Leute verstehen. Weltoffenheit etwa bedeutet in akademischen Kreisen die Ablehnung von Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, bei Arbeitern eher Schutzlosigkeit in einem globalen Wettbewerb, bei dem der Billigste den Zuschlag erhält.

Interview: Nicola Abé

Kampf gegen den Personalnotstand – Pflegekräfte wehren sich – Die offene Linke Ries wehrt sich auch : Demo gegen den Pflegenotstand in Nördlingen und Donauwörth am Samstag, den 13.01.2018

Heute in der jungen Welt:
https://www.jungewelt.de/artikel/324964.pflegekr%C3%A4fte-wehren-sich.html

Jahresrückblick 2017. Heute: Streiks in den Kliniken. Immer mehr Häuser werden in den Kampf gegen den Personalnotstand einbezogen

Von Johannes Supe

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Die Pflegestreiks in der Bundesrepublik haben an Fahrt aufgenommen. 2017 wurde mehr und stärker gegen den Notstand in deutschen Kliniken gekämpft als zuvor.
Ein Blick in das Jahr zuvor macht den Unterschied deutlich. Damals hatte die Gewerkschaft Verdi die »Tarifbewegung Entlastung« im Saarland angestoßen. »Mitte November rief die Gewerkschaft die Geschäftsführungen der 21 Kliniken des Bundeslands – darunter solche in kommunaler, kirchlicher und privater Hand – zu Verhandlungen über mehr Personal auf«, hieß es dazu in der jW, wohlgemerkt im Jahresrückblick 2016.
Zum Jahr 2017, möglichst kurz zusammengefasst, könnte man sagen: Die »Tarifbewegung Entlastung« gibt es noch, doch über das Saarland ist man längst hinaus.

Die ersten bedeutenden Arbeitskämpfe des Jahres fanden dennoch im kleinen Bundesland statt; eine direkte Folge der von Verdi ausgerufenen Bewegung. Rund um die anstehende Landtagswahl gelangten die Kolleginnen mit ihren Aktionen immer wieder in die Medien.
Kurz nach der Wahl Ende März traten dann die Beschäftigten von zwölf Kliniken in den Ausstand. Zwar gelangte man zunächst nicht zu den angestrebten Tarifverträgen für mehr Personal. Michael Quetting, der zuständige Ver.di-Sekretär, zeigte sich einen Monat später gegenüber jW dennoch zufrieden: »Keiner kommt an unserer Bewegung vorbei.« Tatsächlich hatten alle großen Parteien im Wahlkampf versprochen, sich für eine Verbesserung der Situation in den Kliniken einzusetzen.

Mitte Mai kündigte Verdi dann an, die Auseinandersetzung ausweiten zu wollen. »Ein Prozent aller etwa 2.000 Kliniken werden wir zu Tarifverhandlungen auffordern«, sagte Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler damals zu jW. In der Folge wurden Kliniken in neun Bundesländern zu Verhandlungen über einen Tarifvertrag für mehr Personal aufgefordert. »Die Zwischenbilanz ist positiv. In fast allen Kliniken laufen Gespräche, um zu prüfen, wie Entlastung organisiert werden kann«, heißt es in einer Stellungnahme der Gewerkschaft vom Jahresbeginn.

Das gewerkschaftliche Engagement hat auch zugenommen, weil sich bei den Gesetzen wenig tut. Zwar legte die Bundesregierung ein Gesetz vor, mit dem bis Mitte 2018 Personalvorgaben für »pflegesensitive Bereiche« gemacht werden sollten.
Doch was ein solcher Bereich ist, überließen CDU, CSU und SPD ausgerechnet den Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Beide haben kein Interesse an den Vorgaben – und machten sie entsprechend nur für wenige Bereiche.

Über die ausbleibende Unterstützung durch die Regierung ärgert sich auch Pia Zimmermann, pflegepolitische Sprecherin der Linkspartei. »Einen Paradigmenwechsel hat es auch in diesem Jahr nicht gegeben, der Personalnotstand bleibt«, sagte sie zu jW.
Nur wenn die Gewerkschaft weiterhin in den Betrieben kämpfe, könne auch die Regierung unter Druck gesetzt werden, so Zimmermann.

Gestreikt wurde in diesem Jahr auch wieder in jener Klinik, die den Kampf um mehr Personal lostrat: der Berliner Charité. Hier war im Mai 2016 ein Tarifvertrag in Kraft getreten, der für die verschiedenen Stationen des Hauses Regelungen vorsah. Doch die hielt die Klinikführung häufig nicht ein, ab August dieses Jahres wurde deshalb für besser durchsetzbare Regelungen gekämpft. Die erreichte die Belegschaft auch. In der vergleichsweise kurzen Auseinandersetzung – 2015 hatte man für den Tarifvertrag zehn Tage streiken müssen – weigerte sich die Klinikleitung zunächst, eine von Verdi vorgelegte Notdienstvereinbarung zu unterzeichnen. Mit ihr wird geregelt, welche Stationen aufgrund eines Streiks geschlossen werden; die Patienten werden so geschützt. Das mutmaßliche Kalkül der Charité: Ohne Notdienstvereinbarung würden sich die Beschäftigten nicht in den Streik trauen.

Auf diese Karte setzten auch andere Kliniken. So etwa das Helios-Amperklinikum in Dachau. Als die Beschäftigten in der Folge ohne Notdienstvereinbarung streiken wollten, ging das Krankenhaus vor Gericht. Darin drückt sich eine Tendenz aus, die auch Verdi wahrnimmt: »Die Arbeitgeber versuchen zunehmend, die Streiks mit Hilfe der Gerichte zu verhindern«, heißt es in einer Verdi-Stellungnahme vom Januar 2018. Doch dieses Vorgehen löse bei den Kolleginnen »Empörung aus und das Gefühl ›jetzt erst recht!‹«.
Eine Haltung, die die Gewerkschaft teilt. Im Schreiben heißt es auch, dass die Bewegung 2018 fortgesetzt würde.

Am 27.12.2017 erschien dieser Artikel in den Lokalnachrichten / Donauwörth, der Augsburger Allgemeinen Zeitung:
http://www.augsburger-allgemeine.de/donauwoerth/Ein-Krankenhaus-reagiert-auf-den-Pflegenotstand-id43651346.html
Auszüge:

Ein Krankenhaus reagiert mit Zimmerschließungen auf den Pflegenotstand

In der Donauwörther Klinik war es irgendwann nicht mehr möglich, einen Schichtplan aufzustellen. Es fehlten zu viele Pflegekräfte. Jetzt wird zu besonderen Maßnahmen gegriffen.
Geschlossen. Prof. Alexander Wild drückt wie zum sichtbaren Beweis die Klinke des Patientenzimmers herunter. Vergeblich. Die Tür geht nicht auf. Der Raum ist ja auch leer. Wie fünf weitere Zimmer. #

18 von 40 Betten sind aktuell nicht belegt auf Station 8, der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulentherapie an der Donau-Ries Klinik Donauwörth.
Seit etwa zwei Wochen sei das schon so. Und nicht nur auf dieser Station bleiben Betten gezielt leer. Weil so viele Pflegekräfte im Haus fehlen. Weil die Pflegekräfte so dringend eine Entlastung forderten.

Die Schließung von Zimmern sind drastische Maßnahmen. Landrat Stefan Rößle weiß das. Er ist der Chef des Verwaltungsrates der Kliniken Donauwörth und Nördlingen.
Er hat dies mitveranlasst. Weil er sich zum Handeln gezwungen sah. Nun sitzt er an einem langen Tisch in seinem Büro im Landratsamt. Der Offene Brief im September habe ihn überrascht.
Vor allem aber geärgert. Stolz sei der Verwaltungsrat gewesen. Endlich habe das kommunale Krankenhaus wieder schwarze Zahlen geschrieben. Anders als andere Kliniken.
Und dann das: ein öffentlicher Brandbrief. Verfasst von den Pflegekräften und der Gewerkschaft Ver.di. Thema: der Pflegenotstand.

Kritisiert wurde, dass Verwaltungsrat und auch der Vorstand die Missstände gar nicht wahrnehmen würden. Gefordert wurde für die Klinik Donauwörth die kurzfristige Sperrung von 48 Betten, die Sperrung eines OP-Saals und ein „verbindlicher Zeitplan für eine psychische Gefährdungsbeurteilung“.
Stefan Jagel, bei Ver.di zuständig für den Gesundheitsbereich, sagt: „Wir konnten so nicht mehr weitermachen.“ Immer öfter sei in Donauwörth eine Pflegekraft für über 40 Patienten zuständig gewesen. Es sei einfach Schicht im Schacht gewesen.

Rößle wurmte die Kritik zwar. Doch er nahm sie ernst. Und er wollte sich selbst ein Bild machen. Eines Morgens stand er unangemeldet in der Klinik. Er sprach mit Pflegekräften. Was er zu hören bekam, habe ihn tief erschüttert: „Mir war wirklich nicht klar, in welcher ausweglosen Lage sich teilweise die Pflegekräfte sehen.“ Einen „Wahnsinnsdruck“ spürte er.

Jeden Handgriff am Patienten müsse sie in einem Computerprogramm festhalten

Den spürt Pflegedienstleiterin Michaela Deisenhofer schon lange. In ihrem Büro in der Klinik hängt an der Wand ein Lebkuchenherz. „Ein Küsschen für unsere Chefin“ ist in Zuckerguss darauf geschrieben. Wer der 32-Jährigen zuhört, ahnt, warum sie so ein Herz erhalten hat. Da sitzt jemand, der zuhört. Mitfühlt. Tröstet.
Weinend, völlig verzweifelt sitzen Pflegekräfte regelmäßig vor ihr, erzählt sie. Sie kennt die Arbeitsbedingungen auf den Stationen. Sie hat selbst in Donauwörth die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, anschließend dort gearbeitet. Sukzessive habe sich die Lage für die Pflegekräfte verschlechtert. Allerdings nicht nur in Donauwörth.
Denn die Fallpauschalen, die 2004 eingeführt wurden und die aus ihrer Sicht die Hauptursache der Misere sind, veränderten bundesweit die Arbeit.
Allein der Dokumentationsaufwand für Patienten hat sich ihrer Einschätzung nach dadurch um ein Vielfaches erhöht, der Druck auf Pflegekräfte massiv zugenommen.

Diese detaillierten Dokumentationspflichten sind es auch, die Wilma Heiß als Erstes nennt auf die Frage, was ihre Arbeit erschwert. Jeden Handgriff am Patienten müsse sie in einem umfangreichen Computerprogramm festhalten. Viel Zeit, die am Patienten fehle.
Zusammen mit ihrem Kollegen Stephan Schulz und Pflegeschülerin Antonia Kunze sitzt sie in einem kleinen Raum auf Station 8. Brote werden belegt. Es ist nach 18 Uhr. Mitten in der Spätschicht also. Um 21.10 Uhr beginnt die Nachtschicht. In der Früh wird in der Regel mit einem Team von vier Leuten begonnen, dann sollen zwei arbeiten, in der Nacht ist nur noch einer da. Gerade, dass nachts nur eine Pflegekraft allein für oft über 40 Patienten zuständig ist, empfinden sie als inakzeptabel. Es müssten zwei sein. Schließlich kommen auch nachts frisch operierte Patienten auf die Station. Schließlich treten auch nachts Komplikationen auf.

Im ersten Halbjahr kündigten sechs Pflegekräfte

Dennoch kam in Donauwörth der Punkt, wo selbst die verantwortungsbewusstesten Pflegekräfte nicht mehr mitmachten. Die Zahl der Patienten sei kontinuierlich gestiegen.
Aber immer häufiger habe man keine Schichtpläne mehr erstellen können. Weil so viele Pflegekräfte fehlten. Und ein Ausfallmanagement da sei.
Landrat Rößle sagt, dass allein im ersten Halbjahr sechs Pflegekräfte gekündigt hatten. Besonders hart habe ihn getroffen, dass es langjährige Pflegekräfte waren, die das Donauwörther Krankenhaus verließen. „Ein Alarmzeichen.“ Daher sei eine Million Euro investiert worden, um insgesamt 20 Stellen zu schaffen. Keine einfache Aufgabe.
„Der Markt für Pflegekräfte ist leer gefegt“, sagt Rößle. Aber es sei gelungen, allein für Donauwörth für 2018 zwölf Pflegekräfte einzustellen.

Und sie haben sich dort zu einem bemerkenswerten Schritt entschlossen: „Wir haben im Verwaltungsrat den Grundsatz beschlossen, dass sich künftig die Zahl der Patienten an der Zahl der vorhandenen Pflegekräfte orientieren muss“, sagt Rößle. Immer neue Patienten einfach auf die Stationen zu schieben und den Pflegekräften zu überlassen, diese gängige Methode werde nicht mehr geduldet.
Ausnahme bleiben Notfälle. Planbare Operationen müssen gegebenenfalls, wie Rößle erklärt, verschoben werden.
Für Ver.di-Mann Stefan Jagel ein Novum, das die Donauwörther Klinik bundesweit auszeichne. Dass ein Krankenhaus bewusst auf Patienten und damit auf Geld verzichtet, um seinen Pflegekräften die Arbeitsbedingungen zu erleichtern, suche seinesgleichen.

Gerade auch für die Ärzte sei dies kein leichter Schritt. „Die Ärzte verdienen dadurch weniger“, erklärt Rößle. Überzeugungsarbeit sei nötig gewesen. Aber dann hätten viele Verständnis gehabt.
Auch Prof. Alexander Wild, der Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulentherapie. Denn dass zu wenig Pflegekräfte da sind, das bestätigen einige Ärzte. Assistenzärztin Chiara Piva etwa. Oder Oberarzt Markus Heinrich.
Was Wild dagegen nicht gefällt, ist das Wort „Pflegenotstand“. Zu leicht könnten sich Patienten ängstigen. Das wäre aber völlig unangemessen.
Zumal gerade das Donauwörther Krankenhaus bei Patientenumfragen Zufriedenheitswerte von über 97 Prozent erhalte.

Man fragt sich natürlich, wenn der markt für Pflegekräfte leergefegt ist, warum dann nicht einfach höhere Löhne angeboten werden. Aber da ist die schwarze Null vor.

Am Samstag, den 13.01.2018 sind wir, die Offene Linke Ries e.V., von 9:30 – 11:30 in der Fußgängerzone in Nördlingen beim Wochenmarkt und ab 12:30 – 15:00 vor dem Haupteingang der Donau-Ries Klinik in Donauwörth. Wir werden zum Thema Personalmangel im Krankenhaus Inforationen verteilen.

Jochen

Gründungstagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft

Hier findet sich die echte kritische Medienwissenschaft zusammen, NICHT gesponsert durch die Atlantik-Brücke oder andere USA-gestützte Think Tanks. Einige der Teilnehmer wurden auch hier schon mehrfach zitiert.

Gründungstagung, 30.11.-1.12.2017

Auszüge:

Die mehr als sechzig Teilnehmenden spürten das Bedürfnis nach einem neuen gemeinsamen Ort für unterschiedliche kritische Stimmen in den Kommunikations- und Medienwissenschaften (KoWi). Ein Motto dieser Tagung war „Einheit in der Vielfalt“. Nach eineinhalb Tagen intensiven Austausches und reichlich positivem Feedback können wir berichten, dass der erste Schritt in diese Richtung gelungen zu sein scheint. Gleichwohl wachsen und verfeinern sich die Bedürfnisse.

Auftaktveranstaltung (Donnerstag, 30. November 2017)

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Michael Meyen bei der Anmeldung zur Tagung

Die Eröffnung der Tagung erfolgte am Donnerstagabend durch Annelie Boros‘ und Felix Hultschkritische Kurzfilme „Fuck White Tears“ und „Voicemail“.  In “Fuck White Tears” reflektiert Boros eindrucksvoll ihre Rolle als weiße, aus dem Westen stammende und mit guten Bildungschancen ausgestattete Regisseurin, die sich mit marginalisierten Gruppen in Südafrika solidarisch zeigen will: Dennoch muss sie feststellen, dass sie von den Betroffenen als Teil des Problems gesehen wird. Der Film gab uns einerseits sehr direkt einen Einblick in den von Rassismus geprägten Alltag und problematisierte andererseits die Rolle einer bloßen, wenn auch solidarischen, Berichterstattung.

„Voicemail” konfrontiert uns mit der Rücksichtslosigkeit eines auf Sensation zielenden journalistischen Systems und schildert plastisch die durch (aufmerksamkeits-) ökonomische Zwänge entfachte Amoralität derjeniger, die versuchen in diesem System erfolgreich zu sein.

Kaum war der Abspann zu Ende und das Licht wieder an, sprudelten aus dem Plenum Fragen an die beiden Filmschaffenden zu ihren ethischen Standpunkten, Produktionsbedingungen und nicht zuletzt zur Beziehung zwischen ihrer Arbeitspraxis und kritischer Wissenschaft.

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Plenumsdiskussion mit Annelie Boros und Felix Hultsch – moderiert von Dimitrij Umansky und Marlen van den Ecker

Tagung (Freitag, 1. Dezember)

Am nächsten Tag begann die Tagung mit einem Solidaritätsaufruf, Keynotes und Responses im ersten Teil des Tages und wurde am Nachmittag mit einem Barcamp und Workshops im zweiten Teil fortgesetzt. Der erste Teil wurde live übertragen und steht jetzt online zur Verfügung (Zeitübersicht siehe Videobeschreibung).

Solidaritätsaufruf, Keynotes und Responses

Noch vor der ersten Keynote rief Eylem Çamuroğlu Çığ zur Solidarität mit den Academics for Peace in der Türkei auf. Diese haben einen Friedensaufruf in der Türkei unterzeichnet und viele von ihnen wurden seitdem entlassen, verhaftet und oder an der Ausreise gehindert. Es wurde deutlich, dass kritische Wissenschaft ein erstes Opfer staatlicher Repression sein kann. Der Aufruf stieß auf breite Zustimmung, die einige Stunden später in einem  Foto zur gemeinsamen Solidaritätsbekundung festgehalten wurde.  

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Solidaritätsaufruf „Academics for Peace“

 

Für unsere Keynote-Vorträge am Freitag gab es einen Livestream, den Sie sich auf YouTube erneut anschauen können: KriKoWi-Livestream

Michael Meyen zeigte in der ersten Keynote die bisherige Marginalisierung kritischer Kommunikationswissenschaft mit Hilfe Bourdieus Praxistheorie auf. Vor allem betonte er die (Vernetzungs-) Defizite bei jenen, die im Ausgang der 68er-Bewegung kritisch forschten und mit dazu beitrugen, dass ihre Etablierung bislang scheiterte. Darüber hinaus machte er deutlich, dass es eine kritische Kommunikationswissenschaft auch zukünftig nicht leicht haben wird.

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Der erste Keynote-Vortrag von Michael Meyen – „Die konservative Wende der Kommunikationswissenschaft“

Zlatka Pavlova und Jochen Hoffmann forderten in ihren Responses „Diskursanwälte“ für „chancenschwache Ansätze“ und methodisch kritische „Meta-Analysen von Meta-Analysen“ ein.

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Response von Zlatka Pavlova „Diskursiver Journalismus als Gegenstand der kritischen Kommunikationswissenschaft“
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Jochen Hoffmann bei seinem Response-Vortrag „Kritische Kommunikationswissenschaft als Nestbeschmutzer – ein Plädoyer für Meta-Analysen von Mainstream-Forschung“

 

Rudolf Stumberger schloss das Panel mit persönlichen Erfahrungen zu seiner Zeit am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München der 1980er Jahre und sprach sich für eine materialistische Medientheorie aus:

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Rudolf Stumberger in seinem Response „Anmerkungen zur materialistischen Medientheorie und der Kommunikationswissenschaft in München der 1980er Jahre”

 

Manfred Knoche ordnete in der zweiten Keynote kritische Ansätze anhand ihrer Kritikverständnisse und ihrer „Nutzbarkeit“ für das Establishment. Um kritische/r Wissenschaftler/in zu sein, nicht nur mit dem Ziel, in den Kreis der Etablierten aufgenommen zu werden, müsse man „mutig“ sein, denn die eigene Existenzsicherung stehe hier (noch immer) auf dem Spiel.

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Manfred Knoche in seinem Keynote-Vortrag: „Kritische Kommunikationswissenschaft mit Kritik der Kommunikationswissenschaft: Wer ist wie kritisch unter welchen Bedingungen?”

Knoche schloss mit Empfehlungen, wie institutionelle Bedingungen für marxistische Ansätze verbessert werden können:

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Manfred Knoches Bedingungen für Kritik an Universitäten

 

Uwe Krüger erwiderte mit einem Plädoyer für einen gemeinsamen Diskurs von Vertretern verschiedener Kritikverständnisse und Theorierichtungen.

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Uwe Krüger: „Wann ist Kommunikationswissenschaft kritisch? Die Kritische Theorie, ihr Kritikbegriff und ihre Probleme mit den Maßstäben”

 

Im Anschluss demonstrierte Christian Fuchs die Aktualität eines dezidiert marxistisch orientierten Ansatzes der Kritik der Politischen Ökonomie der Medien für das Verständnis der Entwicklung neuerer Kommunikationstechnologien.

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Christian Fuchs bei seiner Keynote „Die Kritik der Politischen Ökonomie der Medien Kommunikation: Ein hochaktueller Ansatz”

 

Renatus Schenkel ging darauf mit persönlichen Beispielen kritisch-psychologischer Forschung (Holzkamp-Schule) ein, deren kommunikations- und medienwissenschaftliches Potenzial bis heute nicht eingelöst sei.

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Renatus Schenkel in seiner Response-Rede: „Aktuelle Erkenntnispotenziale historisch-materialistischer und marxistischer Ansätze in der Kommunikationswissenschaft”

 

Abschließend stellte Mandy Tröger in ihrer Keynote die Chancen und Schwierigkeiten einer Institutionalisierung kritischer Kommunikationswissenschaften am Beispiel des Institute of Communications Research an der Universität Illinois dar. Sie erteilte, aus der Perspektive einer neuen Generation kritischer Kommunikationswissenschaftler/innen, Grabenkämpfe innerhalb einer kritischen KoWi eine Absage und plädierte für einen konstruktiven Pluralismus.

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Mandy Tröger (University of Illinois at Urbana-Champaign): „Über die Chancen und Schwierigkeiten kritischer Kommunikationswissenschaft – eine transatlantische Perspektive“

 

Zum Abschluss des ersten Teils der Tagung argumentierte Hektor Haarkötter für die Stärkung hermeneutischer Methoden in den Kommunikationswissenschaften.

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Hektor Haarkötter von der HMKW Köln: „Die Kommunikationswissenschaft und das richtige Leben – Eine Kritik der kritischen Kritik”

Ein inputreicher erster Teil ging so zu Ende, wobei die Zeit für einen intensiven Austausch mit den Zuhörer/innen angesichts der sehr grundlegenden und provokanten aufgeworfenen Fragen zu kurz kam. Eine Kritik, die Eingang in die kommenden Konferenzplanungen finden wird. Kritische Anmerkungen zu den Keynotes und Responses hinterfragten u.a. die „Opferrolle“ kritischer Kommunikationsforschender. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass es Institutionalisierungs-Erfolge jenseits marxistisch inspirierter Ansätze gäbe und dies ein anzuerkennender Fortschritt sei.

Barcamps und Workshops

Im zweiten Teil der Tagung wurde dem entfachten Gesprächsbedarf mit diskursiveren Formaten entsprochen. Im Barcamp ‘pitchten’, d. h. präsentierten Max Braun und Lena Hübner, Valentin Dander, Aljoscha Paulus, Gabriele Sprigath sowie Dimitrij Umansky knapp und pointiert für die thematische Relevanz ihre Einreichungen für die KriKoWi.

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Aljoscha Paulus bei seinem Barcamp-Vortrag „Organisiert euch?! Zu aktuellen und alternativen Ansätzen kollektiver Interessenorganisation in Medienwirtschaften (und -wissenschaften)”

Aufbauend darauf wurde dann in kleinen Gruppen über Lehrschulen der Kommunikationswissenschaft, kritische Medienpädagogik, Interessenorganisationen in Medienwirtschaften (und –wissenschaften), Ethik in der Forschungspraxis sowie Beschleunigung in Medien und Gesellschaft diskutiert.

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Beim gemeinsamen Kaffeetrinken wurde fleißig weiterdiskutiert.

Auf die Barcamps folgten Workshops zur Kritik der Politischen Ökonomie, zu Gesellschaftstheorien in der KoWi sowie zur Kritik des Journalismus mit kurzen Impulsvorträgen von Eylem Çamuroğlu Çığ & Ünsal Çığ, Friederike von Franqué, Katrin Fritsche, Martin R. Herbers, Heiko Hilker, Detlev Kannapin, Sebastian Köhler, Mandy Tröger und Marlen van den Ecker.

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Workshop zur Kritik des Journalismus, u. a. mit Friederike von Franqué, Katrin Fritsche, Heiko Hilker, Sebastian Köhler und Detlev Kannapin
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Workshop zur Kritik der Politischen Ökonomie der Medien und der Kommunikation, u. a. mit Eylem Çamuroğlu Çığ, Ünsal Çığ und Mandy Tröger
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Workshop zur Gesellschaftstheorie in der Kommunikationswissenschaft, u. a. mit Marlen van den Ecker und Martin R. Herbers

Nach den Impulsvorträgen schloss sich eine Diskussion an, die vielfach zur Gründung von festen Arbeitskreisen des Netzwerkes führte.

 

Abschluss

Mit rauchenden Köpfen und voller Motivation resümierten die Teilnehmenden nun die Gründungstagung. Im Zentrum stand ein Wohlgefühl, einen gemeinsamen Ort der kritischen Hinterfragung der KoWi gefunden zu haben und der Wunsch diesen weiter mit Leben zu füllen. Natürlich blieben am Ende Differenzen bezüglich der Kritikverständnisse, der Organisation des Netzwerks und zukünftiger Tagungen bestehen. Inwiefern gehören Marxismus, Poststrukturalismus, Feminismus, Cultural Studies, Colonial Studies und weitere Denkrichtungen gleichberechtigt zur KriKoWi? Ist Pluralismus ein normatives oder ein strategisches Ziel? Inwiefern kann er am Anfang des Austausches stehen oder muss erst von einem Standpunkt aus erarbeitet werden? Ist nicht alle Wissenschaft eigentlich kritisch? In welchem Verhältnis steht politischer Aktivismus zur KriKoWi? Inwiefern soll sich KriKoWi innovativer / alternativer Formate bei Einreichungen und Tagungsformaten bedienen?

Es wurde deutlich, dass das Ende der Tagung gleichzeitig ein neuer Beginn ist. Aber die Fragen sind gestellt und zwar voller Motivation. Antworten müssen nun erarbeitet und Impulse gemeinsam konkretisiert und verstetigt werden.  

Dank

Großer Dank gilt dem Gastgeber Michael Meyen und den Förderern, dem Verein zur Förderung und Lehre am Institut der Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München e.V., dem transcript-Verlag, Heiko Hilker vom Dresdner Institut für Medien Bildung und Beratung.

Einen großen Dank auch an das Organisationsteam vor Ort mit Kerem Schamberger, Natalie Berner, Janina Schier, Zlatka Pavlova und Sylvia Krampe.

Wir freuen uns schon auf die nächste Tagung 2018! – Ihr Organisationsteam (Sevda Can Arslan, Marlen van den Ecker, Uwe Krüger, Melanie Malczok, Kerem Schamberger, Sebastian Sevignani, Dimitrij Umansky)

(Der Bericht wurde von verfasst von von Dimitrij Umansky.)

Hier möchte ich auf den aktuellen Beitrag von Noam Chomsky verweisen: https://josopon.wordpress.com/2017/12/12/das-geschaft-mit-der-wahrheit-wie-medien-gesteuert-werden-noam-chomsky-und-edward-s-herman/

Kritischer Konsum als ERSATZHANDLUNG für Klassenkämpfe

Eine Mahnung, nicht das Wesentliche für die Emanzipation zu vergessen
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1074234.kapitalismuskritik-klassenkampf-statt-konsumkritik.html
Auszüge:

Für Hubertus Zdebel stabilisiert auch ein kritisches Einkaufsverhalten den Kapitalismus. Überwunden wird er durch diese »rein private Veranstaltung« nicht.

Zum üblichen Weihnachtsritual gehören nicht nur die Heerscharen von Menschen, die mit prall gefüllten Einkaufstüten die Fußgängerzonen bevölkern, sondern ebenso die Kritik an diesem »Konsumrausch«.
Gegen das blinde Konsumieren führen nicht nur die Kirchen Werte wie Familie, Freundschaft, Gemeinsinn, Besinnlichkeit und Demut ins Feld. Auch Teile des linken Spektrums können beim Lukas-Evangelium 22, 35 mitnicken: »So oft ich euch ausgesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.« Der Mangel wird in eine moralisch überlegene Position umgedeutet und Verzicht gepredigt.
Damit verwischen die Klassenunterschiede zugunsten einer angeblich allgemeinen »Kultur der Maßlosigkeit« in westlichen Gesellschaften.
Eine solche Kritik maßt sich an, für alle anderen das »gesunde Maß« festlegen zu können.

Exemplarisch für diese Verzichtsideologie steht der Ökonom Niko Paech, der völlig undifferenziert von einer »wattierten Nonstop-Rundumversorgung« spricht, an der die Gesellschaft kranke. Der Großteil der Bevölkerung kann damit nicht gemeint sein, denn viele sparen ein ganzes Jahr dafür, um sich an Weihnachten Geschenke leisten zu können.
Paech spricht von der sogenannten Bequemokratie, einem »ungebremst wuchernden Wohlstandsmodell« und sogar von einer »Konsum-Diktatur«. Damit rückt er in die Nähe von religiösen Moralaposteln, die den Menschen ihre Sündhaftigkeit einreden wollen.
Zu Paechs Verteidigung kann gesagt werden, dass er sich explizit an eine sogenannte Postwachstums-Avantgarde richtet, also jene Teile des Mittelstands, die sich nach Sinn und Erfüllung sehnen.
Für die Arbeiterklasse kann seine Argumentation kaum Teil der eigenen Lebensrealität sein.

Sie verkennt, dass die gesellschaftliche Anerkennung im Kapitalismus über Waren und Konsum vermittelt ist. Die Menschen sind im Kapitalismus nicht als Menschen anerkannt, sondern als Warenbesitzer. Eine Konsumkritik, die undifferenziert Verzicht fordert, greift die Menschen in ihren schwächsten Momenten an: in ihrer Bedürfnisstruktur, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, sondern die ein Produkt gesellschaftlicher Prägung ist.
Sie fällt außerdem deutlich hinter Karl Marx zurück; nicht Ausbeutung und Mehrwertaneignung sind das Problem, sondern der private Konsum. Marx kritisiert das Privateigentum an Produktionsmitteln, durch das diejenigen, die nichts besitzen außer ihrer Arbeitskraft, gezwungen sind, diese als Ware zu verkaufen.
Entfremdung bedeutet bei Marx nicht »Konsumwahn«. Sie ergibt sich für ihn aus dem Verhältnis von Lohnarbeit zu Kapital, das die gesamte Gesellschaft durchdringt und dem Einzelnen nicht persönlich anzulasten ist.

Im Kapitalismus fungiert kritischer Konsum als Ersatzhandlung für systemsprengende Klassenkämpfe und wirkt stabilisierend. Für kritisches Konsumverhalten muss sich niemand in Gewerkschaften oder Parteien organisieren.
Es ist eine im Grunde rein private Veranstaltung, die Handlungsmacht in Phasen schwacher Klassenkämpfe suggeriert. Als Linke haben wir die Aufgabe, der Privatisierung des Protests entgegenzuwirken, Arbeitskämpfe zu unterstützen und für gesamtgesellschaftliche Verbesserungen zu streiten.
Zum Jutebeutel statt zur Plastiktüte zu greifen, ist klimatechnisch sicher nicht verkehrt. Der individuelle Verzicht darf jedoch nicht das Ziel der kollektiven Aneignung ersetzen.
Damit wäre der Status quo – ein Großteil der Menschheit ist vom Genuss des gesellschaftlichen Reichtums ausgeschlossen – nur bestätigt.
Konsumkritik wird selbst zum antiemanzipatorischen Problem, wenn sie die Rückkehr in die Dorfgemeinschaft predigt und die grundsätzliche Kapitalismuskritik aufgibt.
In diesem Sinne lässt sich an Weihnachten viel über den Kapitalismus, aber auch seine verkürzte Kritik lernen.

Hubertus Zdebel ist Mitglied der Linksfraktion im Bundestag.

Während der Weihnachtstage werde ich mich auf diesem Blog etwas zurückhalten.
Jochen

„Nazi-Lego“ zu Weihnachten ? Stoppt nationalsozialistisches Spielzeug bei Amazon – bitte Online-Petition unterschreiben

Liebe Freunde, Kollegen, Genossen und -innen,
diese Kampagne hat in den letzten Wochen viel Aufmerksamkeit der Medien im In- und Ausland bekommen.
Unterstützen Sie die Petition von Manuel Hegel mit Ihrer Unterschrift?

Sie können jetzt sofort unterschreiben, indem Sie unten klicken oder tippen

Unterschreiben Sie diese Petition mit einem Klick

Und hier der Text:

Sehr geehrte Damen und Herren der Firmen LEGO und AMAZON,

mit einem Appell an Ihre Verantwortung gegenüber Kindern, möchte ich mich in diesem offenen Brief an Sie wenden und hoffe damit, bei Ihnen auf offene Ohren zu stoßen.
Auf der Suche nach LEGO Figuren auf Amazon bin ich auf etwas gestoßen, das für Sie von enormer Dringlichkeit ist, denn dort werden von anderen Herstellern Figuren im LEGO-Stil angeboten, die kompatibel sind zu den original LEGO Figuren, die jedoch Offiziere, Soldaten, usw. der Waffen-SS darstellen und somit den Nationalsozialismus verharmlosen.
Diese Figur ist ein Beispiel für viele andere:
https://www.amazon.de/Wehrmacht-Soldat-Heinz-MG-Sch%C3%BCtze-Prime-Line/dp/B016Z372VK/ref=sr_1_5?ie=UTF8&qid=1512506831&sr=8-5&keywords=wehrmacht+lego

Wie man unschwer erkennen kann, sehen diese Figuren den Original LEGO Figuren zum Täuschen ähnlich, zeigen aber Nationalsozialistische Symbole wie den Reichsadler, das Eiserne Kreuz und die Totenköpfe auf dem Kragen.
Zusätzlich verwenden die Hersteller dieser Figuren oft den Namen LEGO in ihrer Produktbeschreibung bzw. beanspruchen, original LEGO Teile zu verwenden.
Diese Figuren stellen eines der unmenschlichsten Regime der Weltgeschichte dar und durch das Spielen mit solchen akzeptieren Kinder diese Uniformen, Waffen, usw. als normal, was eine nicht zu akzeptierende Beeinflussung der Kinder darstellt. Darüberhinaus stellen solche Figuren eine große Gefahr für den Ruf der Firmen LEGO und AMAZON dar.

Aus diesem Grund bitte ich Sie inständig, gegen die Hersteller solcher Figuren, wenn möglich auch rechtlich, vorzugehen und auch Amazon auf diesen Fall aufmerksam zu machen, denn jedem anständigen Bürger kann es nur eine grauenhafte Vorstellung sein, dass solche Figuren bald unter dem Weihnachtsbaum liegen könnten und so in die Hände von Kindern geraten könnten.

Diese Petition wird versendet an:

  • Amazon
  • Lego

Neuigkeit zur Petition

Der Attentäter Amri wurde vom Geheimdienst geschützt, um ihn abzuschöpfen – wie beim NSU ?

Was die WELT am Sonntag heute vor einem breiten Publikum ausbreitete, haben wir schon längst vermutet.
Die Angehörigen der Attentatsopfer könnten die Behörden auf Totschlag durch Unterlassung verklagen.
Näheres auszugsweise hier:
https://www.welt.de/debatte/kommentare/article171675717/Das-Ende-von-Wir-schaffen-das.html

amri steckbrief

Das Ende von „Wir schaffen das“

Von Stefan Aust
Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, wurde professionell observiert, weil man seine Kontakte zum IS abschöpfen wollte.
Warum er dennoch morden konnte, muss ein Untersuchungsausschuss klären.

„Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die Regierungshandeln unterminieren“, das sagte der Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Klaus Dieter Fritsche, als er im Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Schreddern von V-Mann-Akten aus dem NSU-Umfeld befragt wurde.
Es ist ein Satz, der das gegenwärtige Regierungshandeln kennzeichnet – und damit unterminiert. Der Fall Anis Amri ist eine Katastrophe, für die Opfer und deren Angehörige, vor denen die Bundeskanzlerin am Montag in einem Treffen im Kanzleramt und am Dienstag in einer Trauerfeier zum Jahrestag des Anschlags vor der Gedächtniskirche sprechen will.

Und er ist eine Katastrophe für die deutschen Sicherheitsbehörden, die im Fall Amri hochprofessionell vorgegangen sind, die alles im Blick hatten und den Mordanschlag mit 12 Toten und über 60 Verletzten am Ende nicht verhindern konnten.
Und das Schlimmste: Sie wurden offiziell noch als totale Deppen und Versager dargestellt, eine Panne und eine Schlamperei jagte angeblich die nächste.

Ständig „unter Wind“

Die von der WELT AM SONNTAG vorgelegten Unterlagen belegen stattdessen eindeutig, dass Anis Amri über Monate ständig „unter Wind“ gehalten wurde, wie eine Rundumbeobachtung im Geheimdienstjargon heißt. Ganz offenkundig ging es darum, seine IS-Kontakte auszuspähen.

Und diese Kontaktleute in einem IS-Camp in Libyen wurden dann auf den Tag genau vier Wochen nach Amris Mordattentat auf dem Breitscheidplatz durch einen sorgfältig vorbereiteten Bombenangriff der US-Luftwaffe ausgeschaltet. „Odyssee Lightning“ hieß die Operation, mit der die mörderische Odyssee Amris durch einen Blitzschlag beendet wurde.

Es gab genug Hinweise auf ihn

Insofern eine „gelungene Operation“ – wenn man Anis Amri denn hätte daran hindern können, seinen Mordanschlag auf dem Weihnachtsmarkt zu begehen.

Hat man aber nicht. Man hat ihn bei dem Versuch, Deutschland zu verlassen, festnehmen lassen – und dann nach 44 Stunden im Gefängnis wieder auf freien Fuß gesetzt; schon juristisch ein absolutes Unding, denn es gab genügend Hinweise auf Anschlagsplanungen Amris, einen Abschiebebeschluss und dazu noch hatte er zwei gefälschte Ausweise bei sich.

Es war eine Anweisung „von oben“, der SiKo, der „Sicherheitskonferenz“ in Düsseldorf.
Herauszufinden, wer dieses veranlasst und zu verantworten hat, dürfte die Hauptaufgabe eines Bundestags-Untersuchungsausschusses werden.

Jochen

Eine üble Weihnachtsgeschichte: „Ballastexistenzen“ – bedürftige alte Menschen werden wie Rechtlose behandelt, auf deren baldiges Ableben von seiten der Behörden gesetzt wird

Folgendes trug sich, wie in der jungen Welt beschrieben, in Mannheim zu. Ähnliches Behördenhandeln gibt es auch vor meiner Haustür:
https://www.jungewelt.de/artikel/323698.ablehnung-in-toto.html
Auszüge:

grafeneck prpagandaplakat klAblehnung in toto: Wie lässt sich ein in Armut Verstorbener verwerten?

Ein Fallbeispiel aus Wiesbaden

Von Jürgen Schneider Am Abend des 26. Oktober 2017 verstarb Rudolf E. in einem Wiesbadener Krankenhaus. Herr E. war zuletzt in der hessischen Landeshauptstadt in einer Pflegeeinrichtung untergebracht.
Im Januar 2016 hatte er beim Wiesbadener Amt für Soziale Arbeit einen Antrag auf Hilfe zur Pflege zum 1. März 2016 gestellt.
Daraufhin bekam er drei Bescheide: zunächst eine Bewilligung (telefonisch), dann eine Ablehnung in toto und schließlich einen Bescheid, in dem Herrn E. mitgeteilt wurde, von seinem Bestattungsvorsorgevertrag in Höhe von 5.000 Euro müsse die Hälfte angerechnet werden, 2.600 Euro reichten für eine Beerdigung allemal aus.
Auch wenn die Stiftung Warentest ermittelt hat, dass Beisetzungen in Deutschland im Durchschnitt 7.000 Euro kosteten – eine Zahl, die auch von Richtern in Verfahren gerne angeführt wird.

Für den März 2016 zahlte das Amt Herrn E. also nichts. Und auch für den April musste er nach einem amtlichen Bescheid mehr zahlen, als notwendig gewesen wäre.
Hiergegen legte Herr E. wiederum Widerspruch ein, mit der Begründung, das Bundesverwaltungs- wie das Bundessozialgericht sähen in der Bestattungsvorsorge ein Schonvermögen, das nicht angerechnet werden dürfe. Dieser Widerspruch wurde zurückgewiesen.

Herr E. erhob im Oktober 2016 Klage beim Sozialgericht gegen den Magistrat der Stadt Wiesbaden als dem Amt für Soziale Arbeit übergeordnete Institution. Eine Klageerwiderung gab es erst Mitte Juli 2017, mit der Begründung, die zuständige Person sei in Urlaub gewesen.
Das zwischenzeitliche Bemühen des Herrn E., das Verfahren zu beschleunigen, wurde vom Sozialgericht Wiesbaden torpediert. Einen Grund zur Eile sah man dort nicht. Herrn E.s Argumentation, das Heim müsse schließlich die Pfleger und Betreuer entlohnen, prallte beim Sozialgericht ab. Da der strittige Punkt in der Vergangenheit liege, bestehe keinerlei Eile.
Die Heimleitung drohte Herrn E. mit einem Zivilverfahren.

Ein Urteil steht bis heute aus, d. h. über den Antrag des Herrn E. auf Hilfe zur Pflege ist auch nach fast zwei Jahren nicht abschließend entschieden.
Herr E. durfte in der Gewissheit sterben, dass bedürftige alte Menschen wie Rechtlose behandelt werden, auf deren baldiges Ableben von seiten der Behörden gesetzt wird – Ballastexistenzen*).

Ließen sich die Behörden viel Zeit, als Herr E. noch lebte, so handelte man nach seinem Tod blitzschnell.

Am Morgen des 27. Oktober – Herr E. war noch keine zwölf Stunden tot – fragte die Pflegeeinrichtung um 8.32 Uhr beim Amt für Soziales an, ob man die Auffassung teile, dass Herr E. nun »Selbstzahler« sei. Ob die ab April 2016 gezahlte Hilfe zur Pflege rückwirkend für den Monat Oktober 2016 gestrichen und der gezahlte »Barbetrag zur freien Verfügung«, womit das ohnehin nicht sonderlich üppige Taschengeld gemeint war, zurückgebucht werden könne.
Schließlich war Herr E. ja mehrere Tage im Krankenhaus gewesen und vor Monatsende gestorben. Und ein Toter benötigt kein Taschengeld.

Um 8.44 Uhr, also nur zwölf Minuten später, signalisierte das Amt seine Zustimmung, und das Heim, ausgestattet mit einer Abbuchungsvollmacht für Heim- und Nebenkosten, buchte den »Barbetrag zur freien Verfügung« vom Girokonto des toten Herrn E. zurück und ließ auf dem Konto ein Soll entstehen.
Einen amtlichen Bescheid über dieses Vorgehen, wie es das Gesetz vorsieht, hat das Amt bis heute nicht verfasst.

Damit aber noch nicht genug. Der Sohn des Herrn E. bat das von ihm beauftragte Bestattungsinstitut, die Armbanduhr des Toten bei der Überführung mitzunehmen. Diese Armbanduhr war jedoch verschwunden.
Auch konnte nicht geklärt werden, welche andere Habe Herr E. bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus mit sich führte. Seitens der Klinik wurde dem Sohn schließlich nach vielen Telefonaten mitgeteilt, Recherchen hätten ergeben, dass Herr E. die Armbanduhr getragen habe, als er starb. Es ließe sich jedoch nicht feststellen, wie diese Uhr verschwunden sei.

Mitte November füllte der Sohn die ihm vom Krankenhaus übersandte Schadensmeldung aus und hörte fortan nichts mehr. Auf eine Strafanzeige gegen Unbekannt hatte er verzichtet, nachdem ihm vom Qualitätsmanagement der Klinik eine rasche Schadensbegleichung zugesichert worden war.
Als er nun nachfragte, wann denn damit zu rechnen sei, wurde ihm von einem Beschäftigten mitgeteilt: »Urlaubsbedingt übernehme ich derzeit die Bearbeitung von Schadensfällen. Ich werde die von Ihnen eingereichten Unterlagen anfordern und der Versicherung weiterreichen. Sobald das geschehen ist, teile ich Ihnen die Schadensnummer sowie die Kontaktdaten unseres Versicherungsdienstes mit.«
Es war ja weiter nichts passiert, als dass die Uhr vom Handgelenk des Verstorbenen gestohlen und die Schadensmeldung trotz gegenteiliger Zusage ad acta gelegt war.

Herr E. wurde mittlerweile eingeäschert, die Urne beigesetzt.
Es ist wohl nicht völlig ausgeschlossen, dass in den Institutionen, von denen hier die Rede war, darüber nachgedacht wird, den toten Herrn E. weiterer Verwertung zu unterziehen.

*) Meine Anmerkung aus https://de.wikipedia.org/wiki/Ballastexistenzen:
Ballastexistenzen war ein Propagandaterminus, der 1920 vom Freiburger Arzt und Euthanasie-Befürworter Alfred Hoche eingeführt wurde.[1][2] Im Zuge der Weltwirtschaftskrise und zunehmender Kosten-Nutzen-Erwägungen begleitete er die rhetorisch-theoretische Gnadentod-Diskussion in der Zeit der Weimarer Republik, während im Nationalsozialismus deren praktische Umsetzung durch Zwangssterilisation, Zwangsabtreibung und Krankenmord erfolgte.

Das nationalsozialistische Herrschaftssystem erhob den Kampf gegen die „Ballastexistenzen“ zu seinem Programm.[6]
In der Agenda 2010, für die die SPD sich heute noch rühmt, hieß das dann „Fördern und Fordern“.

Jochen

Dazu ein aktueller Kommentar unseres Lesers FHG:
Hi Jochen!!
So sieht es leider aus in unserem “ach so reichem ”,aber leider total unsozialen Land.Wer so blauäugig wie ich war, und im Jahr 1965 von Österreich nach Deutschland ,in das Land meines Vater`s umgesiedelt ist und dabei unbedacht die braunen Gene der Herrenrasse außer acht gelassen hat,der muss natürlich mit der gewinnbringenden Verwertung seines Körpers rechnen.Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern,und ab Januar 2018 auch Österreich,welche die Regresspflicht und Sippenhaftung im Pflegeheim abgeschafft haben.

Kurz ein kleiner böser Witz von mir: Kommt ein alter gebrechlicher Mann zu seinem Bürgerbüro und fragt nach einem Pflegeplatz im Heim,antwortet ihm eine gepflegte Dame: Haben Sie für uns Häuschen (zum drangeben) so haben wir für Sie ein Plätzchen.

Entstanden ist dieser böse Witz den Tatsachen geschuldet mit welcher Intensität sich manche Gemeinderäte um die Verwertung solcher Immobilien kümmert.

 

Das Geschäft mit der Wahrheit: Wie Medien gesteuert werden (Noam Chomsky und Edward S. Herman)

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Übrigens: ich bin ab heute abend wieder auf dem handy erreichbar!
Und hier auszugsweise der Artikel https://kontrast.at/manufacturing-consent-chomsky-herman/:

Medien sollen die Bevölkerung informieren und die Herrschenden kontrollieren, um damit zu einer funktionierenden Demokratie beizutragen. So stellt man sich zumindest ihre idealtypische Rolle vor. In der Realität wird durch politische und ökonomische Machtstrukturen bestimmt, ob und wie Nachrichten die Bevölkerung erreichen.

Noam ChomskyEine genaue Beschreibung dieses Phänomens haben Noam Chomsky und Edward S. Herman in ihrem Propaganda-Modell gegeben. Diese Theorie, die erstmals 1988 im Buch „Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media“ (auf Deutsch “Die Konsensfabrik. Noam Chomsky und die Medien”) publiziert wurde, beschreibt, wie die politischen und ökonomischen Eliten ein Propagandasystem durch die Massenmedien aufbauen. Dieses wird dazu verwendet, die öffentliche Meinung zu lenken und gesellschaftlichen Konsens zugunsten einer Oberschicht zu produzieren. Gleichzeitig bleibt jedoch die Illusion von freien Medien und demokratischer Meinungsbildung gewahrt.

Medien als Instrument zur Sicherung der Macht

Die Medien werden nach Herman und Chomsky ganz grundsätzlich von den Eliten als Instrument zur Sicherung ihrer Macht und Interessen missbraucht.
Während die Eliten in totalitären Staaten Gewalt zu ihrer Legitimierung nützen, wird in Demokratien die Berichterstattung systematisch beeinflusst, um so Konsens im Interesse der Oberschichten zu erzeugen. Chomsky selbst fasst das mit diesem Zitat zusammen:

„Ohne Knüppel, ohne Kontrolle durch Gewalt, muss man das Denken kontrollieren.
Dazu greift man zu dem, was in ehrlicheren Zeiten Propaganda genannt wurde.“

Dabei geht es den beiden Wissenschaftlern hier nicht um das Aufdecken einer großen Verschwörung, sondern einfach darum, tendenziöse Berichterstattung als Produkt ökonomischer Sachzwänge begreifbar zu machen.

Die fünf Filter

Um darzustellen, wie die Berichterstattung beeinflusst wird, nennen Herman und Chomsky fünf Filter. Diese stellen die wirtschaftlichen und politischen Einflussfaktoren dar, die bestimmen, ob und wie eine Nachricht vermittelt wird.
Dieser Prozess geschieht oftmals nicht öffentlich und von journalistischer Seite nicht einmal bewusst. Somit bleibt die Illusion von unabhängigen Medien und demokratischer Konsensbildung in der Bevölkerung erhalten. Die Wirkung dieser Filter wurde auch immer wieder in internationalen Fallstudien untersucht.

Filter 1: Die EigentümerInnen und ihre (finanziellen) Interessen

Um das Verhalten jeder Institution leichter zu verstehen, ist es sinnvoll, zuerst einen Blick auf die inneren Strukturen zu werfen. Darum handelt es sich beim ersten Filter im Propaganda-Modell um die Besitzverhältnisse eines Mediums.
Die Interessen der EigentümerInnen wirken sich natürlich auch auf die Berichterstattung ihrer Medien aus. Beispielsweise gehörte der große US-Fernsehsender NBC bis 2009 zu 100 % und bis 2013 zu 49 % dem Großkonzern General Electric. Dieser Misch-Konzern war aber nicht nur in der Medienbranche tätig, sondern unter anderem auch in der Rüstungsindustrie. General Electric (GE) versuchte somit die Berichterstattung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Der Sender musste tendenziell potentielle Kriege unterstützen und negative Berichterstattung über Konflikte, in denen mit GE Waffen gekämpft wird, zurückhalten.

Bei diesem Filter muss außerdem festgehalten werden, dass die Besitzverhältnisse besonders durch zwei Faktoren geprägt werden.
Erstens benötigt man enorm viel Geld, um ein Medium mit relevanter Reichweite zu gründen. Die Medienlandschaft wird also hauptsächlich von großen Konzernen geprägt.
Zweitens kann man einen Prozess der Medienkonzentration beobachten. Es gibt zwar eine scheinbare Medienvielfalt, doch tatsächlich besitzen einige wenige große Unternehmen die Mehrheit der Zeitungen, TV- und Radiosender. Herman und Chomskys Analyse beschränkt sich zwar nur auf den US-Markt, sie gehen aber davon aus, dass diese Punkte für alle entwickelten Demokratien gelten.
Wie es genau um die Besitzverhältnisse der österreichischen Medien bestellt ist, haben wir bereits hier dargestellt.

Filter 2: Die Einnahmequellen: Werbung macht Inhalt

Um als Medium langfristig erfolgreich sein zu können, reicht es nicht, vermögende EigentümerInnen zu haben. Diese wollen nämlich auch Profite sehen.
Zeitungen decken beispielsweise ihre Kosten längst nicht mehr durch den Verkauf, sondern machen ihre Gewinne vor allem mit den Inseraten. Schätzungen gehen davon aus, dass österreichische Tageszeitungen im Durchschnitt 90 % ihrer Einnahmen aus Inseraten lukrieren.

Fernsehsender leben fast ausschließlich von TV-Spots. Um gewinnbringend wirtschaften zu können, ist man also von den Werbeeinnahmen und damit von anderen Unternehmen abhängig.
Die inserierenden Konzerne bestimmen dadurch die Auswahl und Vielfalt der Medieninhalte wesentlich mit.
Diese Abhängigkeit führt auch dazu, dass die Medien stark dazu neigen, werbetaugliche Inhalte zu publizieren.

Banalisierung der Inhalte

Formate werden also für die Werbetreibenden erstellt und nur in zweiter Linie für die LeserInnen, HörerInnen, SeherInnen. Dadurch kommt es unter anderem zu einer Banalisierung des Angebotes. Unternehmen meiden beunruhigende oder kontroverse Inhalte als Plattform für ihre Produkte, da sie die Kaufstimmung beeinträchtigen könnten.
Somit werden eher leichte Programminhalte produziert, da diese billiger zu erzeugen sind und vor allem auch mehr Werbeeinnahmen generieren.

Selbstzensur: Die Schere im Kopf

Eine weitere Auswirkung ist die Selbstzensur der Medien. Um Werbekunden nicht zu vergraulen, wird bewusst auf Inhalte verzichtet, die ihnen schaden würden. So wird ein Medium einen Bericht über vermehrte Fettleibigkeit unter Kindern eher zurückhalten, wenn ein großer Sponsor ein Fast-Food Konzern ist.
Diese Einflussnahme auf die Blattlinie erfolgt oftmals ohne direktes Einwirken der Werbenden und wird durch vorauseilenden Gehorsam automatisch durchgeführt. Dieser Mechanismus wird auch die Schere im Kopf genannt.

Filter 3: Quellen: Wer produziert die News?

Medien brauchen für ihre Arbeit vor allem eines: Informationen. Der steigende Kostendruck in der Branche führt zu einer Ausdünnung der Redaktionen und somit nimmt der Anteil der selbst recherchierten Meldungen ab.
Die Hauptzulieferer von Informationen sind heute PR- und Nachrichtenagenturen.
Wir erleben eine Professionalisierung der Pressearbeit von Unternehmen und politischen Gruppen, wobei auch hier gilt: Je finanzstärker diese sind, desto erfolgreicher können sie PR-Arbeit leisten.

Win-Win-Situation „Copy & Paste“

Oftmals übernehmen JournalistInnen einfach Meldungen, die sie auf Pressekonferenzen oder durch Aussendungen erhalten, damit verwandeln sie PR-Berichte in vermeintlich journalistische Fakten.
Für die PR-Arbeiter ist dies der optimale Fall, weil der Absender seine Argumente 1:1 und ohne Widerspruch ans Publikum bringt. Das Medium wiederum erspart sich Recherche und wirkliche Bearbeitung des Themas.

“Laut einer Untersuchung des britischen Journalisten Nick Davies gehen gerade mal 12 Prozent der Artikel in britischen Qualitätsmedien auf tatsächliche Eigenrecherche von Redakteuren zurück. 41 Prozent beinhalteten PR-Material und 13 Prozent unterschieden sich nur unwesentlich von PR-Texten.
Zeitungssterben und Profitlogik haben auch die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen verschlechtert: JournalistInnen haben heute um zwei Drittel weniger Zeit als noch in den 1980er Jahren.
Während die Zahl der Redakteure leicht abgenommen hat, hat sich die Menge an Texten, die sie produzieren müssen verdreifacht.
Dazu kommt, dass mittlerweile mehr Menschen dafür bezahlt werden, die öffentliche Meinung im Sinne der Unternehmen und Politiker zu beeinflussen als es Journalisten gibt.” (1)

Die Rolle der Nachrichten-Agenturen

Die zweite wesentliche News-Quelle sind Nachrichtenagenturen wie z.B. die APA. Ein guter Teil aller Zeitungs-Nachrichten besteht lediglich aus mehr oder weniger gekürzten Agentur-Meldungen.
Aber wer bestimmt, was Agentur-Text wird und was nicht?

Unter anderem sind die Agenturen bei ihrer Arbeit sehr auf die Kooperationsbereitschaft von Regierungen und Konzernen angewiesen. Zudem sortieren sie Meldungen aus, die sie als wenig relevant oder nicht medientauglich erachten.
Insgesamt schaffen es also vielfach Nachrichten nur in die Öffentlichkeit, wenn Institutionen ein Interesse daran haben und wenn sie den medialen Verwertbarkeitskriterien entsprechen.

Filter 4: Abweichung wird bestraft: Öffentliche Kritik oder Geldentzug

Berichte oder Sendeformate, die den politisch und wirtschaftlich Mächtigen unangenehm sind, werden systematisch mit negativen Reaktionen beantwortet.
Das können von PR-Agenturen gesteuerte negative Leserbriefe, Anrufe oder Forenkommentare sein, aber auch persönliche Drohungen, Beschwerden oder Werbekunden, die mit dem Stopp von Inseraten drohen.

In Deutschland blieb etwa eine Reihe von Artikel und Reportagen über streikende Lufthansa Piloten nicht ganz ohne Folgen für die Süddeutsche Zeitung:
Als Reaktion hat die deutsche Fluglinie dem Management der Süddeutschen Zeitung angedroht, ihre rund 10.000 Abonnements zu senken.
Wegen der Signalwirkung solcher „Einzelfälle“ ist ein häufiges direkt drohendes Eingreifen nur selten notwendig, in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Mächtigen werden kritische Artikel von vornherein vermieden.

So berichtet die britische Journalistin Kate Connolly, dass eine ganze Reihe von anderen Zeitungen und Magazinen ihre gut recherchierten Berichte über die Lufthansa-Piloten gleich von vornherein abgelehnt haben.

Filter 5: Antiideologie

Chomsky und Herman haben ihr Propaganda-Modell unter den Eindrücken einer bipolaren Welt im Kalten Krieg entwickelt. Darum nannten sie folgenden Filter erst Antikommunismus, später aktualisierte Herman den Begriff auf Antiideologie.

Im Wesentlichen geht es hierbei um das Setzen von Grenzen akzeptabler Meinungen. Darf etwa eine bestimmte Religion oder Religion an sich abgelehnt werden?
Wie viele Wirtschaftsjournalisten haben während der Griechenland-Krise die fetischhafte Kürzungspolitik Deutschlands kritisiert?
Werden in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen steigende Aktienkurse und Gewinne mit damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen und sozialen Kennzahlen verglichen?

Krieg gegen Kommunismus, Krieg gegen Terror

Für die USA nennen Herman/Chomsky als Beispiel die Schaffung eines gemeinsamen Feindes, wie es früher der Kommunismus und heute der islamische Terrorismus ist. Beides erzeugte oder erzeugt Unterstützung für die herrschende Politik.
Wer also im Kalten Krieg die US Unterstützung für faschistische Organisationen in Lateinamerika kritisierte, wurde schnell als KommunistIn gebrandmarkt.
Ganz unter dem Motto: Wer gegen uns ist, ist für die anderen und die sind das absolut Böse. Daher ist ihre Meinung nicht legitim.
Heute gilt dasselbe beim Kampf gegen den Terror. Somit wird jede Meinung, die zu weit vom politischen Mainstream abweicht, durch diesen Filter delegitimiert, bzw. wird dafür gesorgt, dass diese gar nicht erst in den Medien unterkommen.

Kritiker von Anti-Terror-Maßnahmen geraten in diesem System rasch in der Nähe von Terror-Unterstützern.
Im Deutschland der 70er Jahre wurden Linke ganz oft kollektiv als „Sympathisanten“ der RAF gebrandmarkt, um ihrer politischen Willensäußerungen die Legitimität abzusprechen.

Beweise und Beispiele für das Funktionieren der Filter

Herman und Chomsky versuchten auch ihre Thesen mit Fallbeispielen zu untermauern. Das wohl bekannteste ist ihr Vergleich zwischen der Berichterstattung in den US-Medien über die Genozide in Kambodscha und Osttimor. Beide Verbrechen geschahen Ende der 70er jahre und gelten in ihrer Art als ähnlich.
Der wichtigste Unterschied: In Kambodscha wurde es von den kommunistischen Roten Khmer begangen in Osttimor von der US-freundlichen indonesischen Regierung.
Den beiden Wissenschaftlern fiel auf, dass über den Völkermord in Kambodscha deutlich öfter berichtet wurde. Daraufhin fingen sie an Meldungen zu zählen und abgedruckte Flächen zu vergleichen, um ihre These zu stützen. Das Ergebnis: Die New York Times druckte beispielsweise insgesamt 29,84 m in Spaltenbreite über die Geschehnisse in Kambodscha und nur 1,78 m über Osttimor.

Wirkung der Filter am Beispiel der Kriegsberichterstattung

Bei diesem Beispiel treten die Filter deutlich zum Vorschein:

– In Osttimor wurde mit US-amerikanischen Waffen gekämpft, Berichte über die dortigen Verbrechen hätte zu Verlusten von MedieneigentümerInnen (Filter 1) und Inserierenden (Filter 2) geführt.

– Das US-Außenministerium war natürlich an einer Delegitimierung von kommunistischen Regimen interessiert und versorgte die Medien gerne mit Informationen über die Verbrechen in Kambodscha, wohingegen Indonesien als wichtiger Verbündeter in der Region galt (Filter 3).

– Bestrafung für Abweichung ist immer schwer nachweisebar, da diese meist verdeckt geschieht. Jedoch wurde Chomsky selbst heftig für seine Analyse der Kriegs-Berichterstattung kritisiert (Filter 4).

– Der hier wohl auffälligste Filter ist jener der Antiideologie (Filter 5). Der Genozid in Osttimor wurde lang nicht als solcher bezeichnet, da er mit der Bekämpfung der kommunistischen FRETELIN Partei versucht wurde zu begründen. Wohingegen die Verbrechen in Kambodscha von KommunistInnen begangen wurden.

Die Spitze des Eisbergs: Berichte von Krieg und Konkurrenz

Ganz generell kann gesagt werden: Zuspitzung und Exempel von medialer Propaganda bieten immer die Kriegsberichterstattung und die Inhalte des Ressorts Wirtschaft.
Die Konzerne befinden sich ja auch im permanenten Dauerkriegszustand. Mit den Konkurrenten sowieso, nicht selten mit der Belegschaft und oftmals auch mit Interessen einer Gesellschaft oder Teilen davon.

Geistige Selbstverteidigung

Wenn wir also eine Zeitung aufschlagen, muss uns bewusst sein, dass die Nachrichten keinesfalls die ganze Wahrheit darstellen. Wir bekommen lediglich gut gefilterte Informationshäppchen serviert.
Die medial dargestellte Realität ist eine Realität, die die Interessen der Eliten schützt.

Doch mit dem Wissen um diese Filter ist schon der erste Schritt getan, um aus dem massenmedialen Propagandasystem auszubrechen.
Nur informierte BürgerInnen können sich gegen Propaganda und Kontrolle verteidigen, postulieren Chomsky und Herman.

TEILE DIESEN ARTIKEL!
Wer den zweiten Schritt gehen möchte: Informiert andere darüber und teilt den Artikel. Denn wie Noam Chomsky sagte: „Die Bürger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse für geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu können.“

Weiterführendes und Literatur:

Journalismus und soziale Herkunft

Der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg hat im Jahr 2005 in seiner Studie „Die Souffleure der Mediengesellschaft: Report über die Journalisten in Deutschland“ zur sozialen Herkunft von Journalisten gezeigt, dass lediglich 8,6 % der Journalisten aus Arbeiterhaushalten kamen. 43 % entstammten Angestelltenhaushalten, 24 % Haushalten von Beamten, 23 % von Selbständigen.
Es darf vermutet werden, dass dieser persönliche Hintergrund sowohl die Themenwahl als auch die Bewertung von Nachrichten beeinflußt.

Auf statistiker-blog.de schreibt dazu Tilmann Weigel in seinem Text “Die soziale Herkunft von Journalisten“:

“Allerdings dürfte auch der schwierige Zugang zu dem Beruf eine Rolle spielen. Es gibt viele Bewerber für die offenen Stellen und es wäre naiv zu glauben, dass da die Herkunft nicht helfen kann.
Wobei es wichtig ist festzuhalten, dass natürlich nicht jedes Kind eines Beamten oder Angestellten aus der oberen Mittelschicht stammt. Auch Verkäuferinnen sind Angestellte, der Polizeihauptmeister im Mittleren Dienst ist auch ein Beamter.”

Interessant zu wissen wäre hierzu noch, wie die statistischen Zahlen bei RessortleiterInnen und ChefredakteurInnen aussehen.

Über Kommentare auf meinem Blog unter https://josopon.wordpress.com/ würde ich mich freuen.
Wenn Ihr den Nachrichtenbrief nicht mehr beziehen wollt, schickt mir bitte eine kurze Elektropost.

Jochen

Von der Großmutter bis zum Enkel: epigenetische Übertragung von Gewalterfahrungen nachgewiesen !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Ein bedenkenswertes Resultat, das erklären kann, warum vielen meiner Pat. noch die Angst der Großeltern vor Krieg und vertreibung buchstäblich in den Knochen steckt:
https://idw-online.de/de/news686009

Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Thomas Elbert bestätigt epigenetische Übertragung von Gewalterfahrungen

Gewalterfahrung der Großmutter während der Schwangerschaft noch in der DNA der Enkelgeneration nachweisbar

DNA-Mythilierung als zugrundeliegender molekularer Mechanismus
Ergebnisse im Wissenschaftsjournal Translational Psychiatry veröffentlicht

In den Kriegsjahren 1944 bis 1945 erlebten die Niederlande einen Hungerwinter. Untersuchungen ergaben, dass Kinder der Mütter, die während dieser Zeit schwanger waren, Tendenzen zu Übergewicht und Zivilisationskrankheiten aufwiesen. Die Kinder der Frauen, die während der Belagerung von Leningrad im Zweiten Weltkrieg schwanger waren, zeigten keine dieser Neigungen.
Der Unterschied: Im Gegensatz zur Sowjetunion entwickelte sich in Holland nach 1945 eine Wohlstandgesellschaft, in der es im Überfluss Nahrung gab. Die niederländischen Kinder waren jedoch auf eine ressourcenarme Hungerwelt programmiert.

Solche Codierungen ändern sich nicht innerhalb einer Generation. Tierexperimente belegen die Übertragung auf mehrere Generationen von Nachfahren. Auch bei den Menschen ist nach bisherigen Untersuchungen davon auszugehen, dass in der Enkelgeneration noch epigenetische Spuren in der DNA zu finden sind, die auf die Erlebnisse der Großmütter zurückgehen.
Der Konstanzer Klinische Psychologe Prof. Dr. Thomas Elbert und sein Team liefern nun eine weitere Bestätigung für die Hypothese. Das Wissenschaftsjournal Translational Psychiatry veröffentlichte dazu Ergebnisse einer Datenerhebung von Dr. Fernanda Serpeloni in einer Region des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro, wo häusliche Gewalt und Gewalt in der Gemeinde verbreitet sind. Fernanda Serpeloni ist Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Neuropsychologie von Thomas Elbert.
Die Studie konzentriert sich auf den Nachweis, dass massive Gewalterfahrung während der Schwangerschaft die Lesbarkeit der Gene auch noch bei den Enkelkindern beeinflusst.

Im Rahmen ihrer Dissertation entnahm Fernanda Serpeloni gemeinsam mit eigens geschulten Kolleginnen 386 Personen Speichelproben – Großmüttern, deren Töchtern und Enkelkindern.
Die Großmütter und Töchter wurden zusätzlich nach ihren Gewalterfahrungen in der Partnerschaft und in der Gemeinde vor, während und nach der Schwangerschaft befragt.

Ein Fünftel der Großmütter berichtete von Gewalt durch den Partner während der Schwangerschaft, ein weiteres Fünftel hat Gewalt in der weiteren Familie und in der Gemeinde erfahren, sieben Prozent gaben an, während ihrer Schwangerschaft beiden Formen von Stress ausgesetzt gewesen zu sein.
Aufgrund der Speichelproben ließ sich an fünf Orten der DNA das Erbgut der Enkel vorhersagen – anhand der Gewalterfahrungen der Großmutter, während sie mit der Mutter der Enkel schwanger war. „Unsere Untersuchungen ergaben, dass insbesondere Gewalterfahrungen während der Schwangerschaft zu unterschiedlichen Methylierungen bei den Kindern führen. Das ist sowohl bei Gewalt durch den Partner als auch in der Gemeinde der Fall“, fasst Thomas Elbert zusammen.

Die sogenannte DNA-Methylierung beschreibt den biologischen Mechanismus, dass bestimmten DNA-Bausteinen eine Methylgruppe angehängt wird. Sie stellt eine Reaktion des Erbguts auf die Umwelt dar, durch die Gene an- beziehungsweise abgeschaltet werden.
Der Mechanismus funktioniert epigenetisch, da nicht die Gensequenz, sondern lediglich die Umsetzung der Erbinformation – ihre Lesbarkeit – verändert wird.

Die Studie bestätigt auch die Rolle der DNA-Methylierung bei der Übertragung von Stress zwischen den Generationen.
„Methylierungsmuster sollten eigentlich Anpassungen an die Umwelt erleichtern“, sagt Thomas Elbert. Es besteht die Möglichkeit, dass die Kinder mit dem veränderten DNS-Methylierungsmuster entweder ängstlicher werden, bis hin zur Depressionsneigung, oder dass sie nach außen aggressiv und wenig sensitiv anderen gegenüber werden. „Es steht mittlerweile außer Frage, dass pränataler Stress die Entwicklung des Nervensystems, die psychische Gesundheit und das Risiko für psychiatrische Störungen beeinflussen“, so Thomas Elbert.
Pränatale DNA-Methylierungsmuster könnten künftig als Biomarker eingesetzt werden.

Originalveröffentlichung:
Serpeloni, F., Radtk,e K., de Assis, S., Henning, F., Nätt, D., Elbert, T. (2017): Grandmaternal stress during pregnancy and DNA methylation of the third generation: an epigenome-wide association study. Tanslational Psychiatry, 7 :e1202.
http://dx.doi.org/10.1038/tp.2017.153

Faktenübersicht:
• Untersuchung zur epigenetischen Übertragung von Gewalterfahrungen in São Gonçalo, Brasilien, durch den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Neuropsychologie von Prof. Dr. Thomas Elbert
• Teilnahmen von insgesamt 386 Personen aus drei Generationen
• Unterstützt durch den ERC Advanced Grant MEMO TV (Memories of trauma and violence).

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: + 49 7531 88-3603
E-Mail: kum
– uni.kn

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Jochen

Die große Konfusion der großen Koalition

Was bleibt jenseits der Illusionen ?

politische Analyse

Jamaika ist gescheitert. Damit steht die Regierungsbildung in Deutschland wieder da, wo sie am Wahlabend gestanden hatte. Nur für die SPD ist die Lage noch schwieriger geworden. Nach den vollmundigen Erklärungen ihres Vorsitzenden Schulz muss sie nun die Rolle rückwärts schaffen. Wie erklärt die SPD nun ihren Mitgliedern, den Wählern und der Welt, dass ihr Geschwätz von gestern sie heute nicht mehr interessiert? Oder beugt sie sich wieder dem Grundsatz, dass das Wohl des Staates über dem der Parteien und der Bürger steht?

Es schien doch alles so einfach nach der verlorenen Wahl. Statt der Analyse der politischen Wirklichkeit blies Schulz zum Aufbruch in Hoffnung machende Traumwelten. Die Große Koalition war schuld an den Verlusten der SPD. Heil und politischer Neuanfang sollten gesucht und vor allem gefunden werden in der Opposition. Hatte noch vor nicht allzu langer Zeit ein anderer großer Vorsitzender das Verständnis und politische Weltbild der SPD mit…

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