attac-Experten suchen nach einer neuen linken Strategie für Europa

Über das Thema mache ich mir auch schon lange Gedanken. Für mich fängt alles damit an, die Vorherrschaft der neoliberalen Medien zu überwinden.
Solange linke EU-Kritiker automatisch in die rechte Ecke gestellt werden und die Mehrheit der Einwohner ihnen das abkauft, ohne ihre eigenen Benachteiligungen mit der neoliberalen Blockpolitik in Verbindung zu bringen, können Leute wie Juncker, Schäuble, Schulz und bald auch der designierte neue Bundesfinanzminister Scholz ihre Schäfchen, und dazu gehören große multinationale Banken und Konzerne, ins Trockene bringen.
Gute Übersicht hier:
http://www.blickpunkt-wiso.de/post/2160
Auszüge:

LogoMit unseren bisherigen Positionen und Strategien zur EU sind wir heute in der Defensive.
Die folgenden Thesen sind die Basis für die Suche nach neuen Strategien.

1. Die positiven Seiten der EU dürfen uns nicht davon abhalten, eine grundlegende Kritik an ihr zu üben.

Die EU hat viele positive Aspekte. Dazu gehören etwa die Freiheit, in andere EU-Länder zu reisen oder dort zu arbeiten, Transferleistungen in strukturschwache Regionen oder die Chemikalienverordnung REACH.
Doch diesen positiven Aspekten stehen viele problematische Bereiche der EU-Politik, wie die Handelspolitik, die neoliberale Wirtschafts- und Kürzungspolitik, die Flüchtlings- oder Militärpolitik, gegenüber.

Auch viele der genannten Vorzüge, etwa Reisefreiheit und Personenfreizügigkeit, haben ihre Schattenseiten. Der Wegfall der Kontrollen bedeutet noch lange nicht reale Bewegungsfreiheit. So erhalten EU-Bürger_innen in anderen Ländern nicht automatisch Sozialleistungen. Denn die Personenfreizügigkeit der EU gibt letztlich Arbeitnehmer_innen nur das Recht, in einem anderen EU-Land eine Beschäftigung anzunehmen.
Und sie führt dazu, dass im reicheren Teil der EU Löhne gedrückt und Sozialstandards ausgehöhlt werden.

Zudem sind die Reise- und Personenfreizügigkeit die ersten Freiheiten, die politisch eingeschränkt werden, etwa vor internationalen Protesten oder im Zuge der Flüchtlingsbewegung. Selbst mobilitätsfördernde EU-Projekte wie Erasmus-Austauschprogramme sind letztlich nur einer kleinen Gruppe von Menschen zugänglich.
Kapital, Waren und Dienstleistungen können sich hingegen völlig frei bewegen, ihre Freizügigkeit wird kaum eingeschränkt.

2. Neoliberale Wirtschaftspolitik ist der Kern der EU. Daher ist sie nicht in unserem Sinn reformierbar.

Der Kern der EU-Politik ist die neoliberale wirtschaftliche Integration. Das zeigen die Eckpfeiler der EU, etwa die Funktionsweise des Euro und der Binnenmarkt: Die vier Freiheiten sind so gestaltet, dass sie den Standortwettbewerb anheizen und Löhne und Sozialstandards sowie Steuern auf Profite und Vermögen unter Druck setzen.
Die Art und Weise, wie der Euro konstruiert ist, vertieft diesen Wettbewerb und lässt Zentrum und Peripherie auseinander driften.
  Zusätzlich wurde die neoliberale Budget- und Wirtschaftspolitik über 20 Jahre hindurch von Maastricht bis zum Fiskalpakt immer stärker rechtlich verankert. Dieser rigide Rahmen nagelt die Staaten auf eine neoliberale Politik fest.

Bisher haben wir diesen Fehlentwicklungen die Vision einer grundlegend anderen, neu begründeten EU entgegengehalten.
Doch seit der Unterwerfung Griechenlands ist das nicht mehr möglich. Erstmals stellte eine linke Regierung in der EU die neoliberale Grundausrichtung offen infrage. Die europäischen Eliten haben sich geschlossen gegen sie gestellt: die EU-Kommission, die die Austeritätspolitik vorantreiben wollte; die Regierungen, die keinen Millimeter von ihren Verarmungsauflagen abwichen; die Europäische Zentralbank, die den griechischen Banken den Geldhahn zudrehte, um die Regierung zu erpressen.

Im Vergleich dazu setzt die EU – Mitgliedsstaaten und Institutionen – den Übertretungen von rechts kaum etwas entgegen.
Als die Visegrád-Staaten ein gemeinsames Vorgehen in der Flüchtlingspolitik verhinderten, geschah nichts.
Im Vergleich der beiden Auseinandersetzungen zeigt sich der wahre Charakter der EU: Die politischen Eliten der EU sind eher bereit, die europäische Integration existenziell zu gefährden, als ihren neoliberalen Kern aufzugeben.
Angesichts der aktuellen Kräfteverhältnisse ist eine tiefgreifende progressive Reform der EU unmöglich.

3. Mehr Europa bedeutet heute immer mehr Neoliberalismus und ist daher abzulehnen.

Solange der neoliberale Kern der EU nicht infrage gestellt wird, vertieft jeder neue Integrationsschritt die problematische Ausrichtung.
2016 veröffentlichten Jean-Claude Juncker, Mario Draghi, Donald Tusk, Jeroem Dijsselbloem und Martin Schulz ihren Fünf-Präsidenten-Bericht zur Zukunft der EU. Um die Wirtschafts- und Währungsunion zu vollenden, sollen das Recht der Parlamente, über das Budget zu entscheiden, weiter eingeschränkt und der Druck auf Löhne, Pensionen und Sozialleistungen erhöht werden.
Auch das Weißbuch der EU-Kommission aus dem Frühjahr 2017 bestätigt diesen Kurs. Die neoliberale Grundausrichtung auf mehr Handels- und Investitionsschutzabkommen, verschärften Standortwettbewerb und undemokratische Budgetregeln steht für die Eliten außer Frage.
Hinzu kommen gemeinsame Militärpolitik sowie strengere Migrations- und Grenzkontrollen.
Die Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion – oft als mehr Europa bezeichnet – ist eine Gefahr, keine Lösung.

4. Die Frage, ob ein Austritt aus EU und Euro sinnvoll ist, stellt sich in jedem Land anders.

Vom europäischen Standortwettbewerb profitieren in erster Linie Reiche und Konzerne, während die breite Bevölkerung verliert.
Das gilt prinzipiell in jedem Land, aber in manchen stärker als in anderen: Österreich zählt als Volkswirtschaft zu den Gewinnern von EU und Euro, auch wenn diese Gewinne höchst ungleich verteilt sind. Spanien oder Italien zählen insgesamt zu den Verlierern. Der Standortwettbewerb führte dazu, dass die lokale Industrie dort an Boden verlor oder ganz unterging.
Die negative Rolle der EU hat sich in der Krise noch verstärkt: In Griechenland und Portugal wurde der Sozialstaat gezielt von EU-Institutionen – als Teil der Troika – zerstört.

Aufgrund dieser Erfahrungen wird die Frage des Austritts bei Linken und sozialen Bewegungen in Südeuropa vermehrt diskutiert. Wenn es innerhalb der Wirtschafts- und Währungsunion keinen Spielraum für progressive Wirtschaftspolitik gibt, kann der Austritt ein notwendiger Schritt sein.
In Österreich und Deutschland ist diese Forderung hingegen vor allem von der Rechten besetzt. Unter den aktuellen Machtverhältnissen würde ein Austritt heute, ähnlich wie in Großbritannien, keine Spielräume für emanzipatorische Politik öffnen, sondern sie sogar weiter verengen. Ein solcher Bruch würde die rassistischen und autoritären Kräfte stärken, nicht Linke und soziale Bewegungen.
Daher halten wir bei aller Kritik an EU und Euro den Austritt Österreichs derzeit für keine sinnvolle Forderung.

5. Der Gegensatz Mehr EU oder zurück zum Nationalstaat ist falsch und führt uns in die Irre.

EU-Kritik wird von liberaler, konservativer und sozialdemokratischer Seite stets mit dem Vorwurf begegnet: Ihr wollt ja zurück zum Nationalstaat.
Doch erstens gibt es keine allgemeinen nationalstaatlichen oder europäischen Interessen. Es gibt Interessengegensätze verschiedener Klassen und gesellschaftlicher Gruppen, und damit verbunden unterschiedliche politische Ziele. Die allermeisten politischen Konflikte verlaufen heute nach dem Schema Wirtschaftliche und politische Eliten gegen die breite Bevölkerung – über Ländergrenzen hinweg.

Zweitens sind Nationalstaat und EU auf institutioneller Ebene und im politischen Prozess nicht trennbar. Wir müssen sie als ineinander verwachsene Blöcke begreifen.

Drittens fördert gerade die neoliberale Politik der EU den Nationalismus. Liberale und sozialdemokratische Eliten behaupten gerne, die EU würde uns vor FPÖ, AfD und Co. schützen.
Die Realität zeigt, dass die EU kein progressives Projekt gegen Nationalismus und Konservativismus ist. Gerade die EU-Austeritätspolitik, die Millionen Menschen in die Armut stürzt und berechtigte Existenzängste weckt, bereitet dem Aufstieg der Rechten den Boden.

6. Auch die Rechten stehen für neoliberale Politik – nur noch autoritärer.

Die Rechten sind bisher Hauptprofiteur der EU-Krise. Das liegt an der Schwäche der Linken und am Rechtsruck der sogenannten politischen Mitte. Seien es Obergrenzen fr Schutzsuchende, das Kopftuchverbot in Teilen des öffentlichen Dienstes oder die Ausweitung des Überwachungsstaates – die österreichische Regierung macht heute jene Politik, die noch vor einigen Jahren nur die extreme Rechte forderte.

Allen Rechten ist gemeinsam, dass sie ausgewählte Elemente des bisherigen Neoliberalismus eher vertiefen und noch autoritärer durchsetzen wollen. Die Rechten bauen an einem Europa, in dem Waren und Kapital weiterhin frei zirkulieren sollen, während die Grenzen für Menschen neu hochgezogen werden.

7. Für die Entwicklung der EU in den kommenden Jahren sind verschiedene Szenarien denkbar – und keines davon ist gut.

Wir sehen fünf Szenarien für die Zukunft der EU:

A. Weiterer Zerfall: Ob Frankreich, Deutschland oder Österreich: In vielen Ländern sind Parteien im Aufwind, die den EU- oder Euro-Austritt fordern. Kommen sie an die Regierung, ist ein weiterer Zerfall möglich.

B. Lähmung: Die Konflikte nehmen so stark zu, dass die Institutionen nicht mehr handlungsfähig sind. Eine solche Selbstlähmung könnte beispielsweise das Ende von TTIP bedeuten.

C. Durchwursteln: Es findet keine weitere Vertiefung statt. Immer mehr Länder brechen die Regeln und kommen damit durch. Das kann die Durchsetzbarkeit der neoliberalen Regeln aber nur abschwächen.

D. Taktische Zugeständnisse: Vor Wahlen könnte es etwa Ausnahmen von den Budgetregeln oder angekündigte Investitionspläne geben. Eine solche taktisch motivierte Lockerung ändert aber nichts an der Grundausrichtung der Eurozone. Auch die regelmäßigen Ankündigungen zur sozialen Union fallen in diese Kategorie.

E. Autoritäre Vertiefung: Seit dem Brexit-Votum predigen die Eliten Handlungsfähigkeit. Das heißt: Sie wollen den neoliberalen Kurs beibehalten, aber noch schneller und autoritärer durchsetzen. Die zwei wahrscheinlichsten Bereiche fr diese Vertiefung sind die Eurozone sowie die Militär- und Sicherheitspolitik, damit verbunden, die Flüchtlingspolitik.

All diese Szenarien sind schlecht. In jedem wandern die Regierungen weiter nach rechts und werden die Rechtsextremen gestärkt.

8. Aktuelle Initiativen wie DiEM25 oder Lexit greifen zu kurz.

Die Initiative DiEM25 (Democracy in Europe Movement 2025) des ehemaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis will die EU reformieren und demokratisieren. Ihre Ziele sind kurzfristig mehr Transparenz und Krisenbekämpfung, mittelfristig ein demokratischer Konvent. Sie knüpft an altere Diskurse über ein anderes Europa an und formuliert sie neu, teilweise radikaler.
Wir teilen die Grundideen von DiEM25, halten die Forderungen aber fr zu abstrakt. Sie sind kaum an real existierende Kämpfe gekoppelt und für viele Menschen wenig anschlussfähig. Menschen gehen vor allem im Rahmen konkreter Auseinandersetzungen für Transparenz und Demokratie auf die Straße, etwa im Kampf gegen Privatisierungen.

Einige Initiativen fordern einen Lexit, also einen linken Austritt aus dem Euro. ökonomisch spricht manches dafür, etwa die Möglichkeit, die neue Währung abzuwerten und eine eigenständige Geld- und Investitionspolitik zu betreiben.
Doch die Chancen werden tendenziell über- und die Risiken unterschätzt. In der Lexit-Debatte werden zudem häufig auch die unterschiedlichen ökonomischen und politischen Kontexte der Mitgliedsstaaten nicht reflektiert. Ein Austritt bedeutet in Spanien etwas anderes als in Österreich oder Finnland.

9. Wir brauchen Strategien, die uns handlungsfähig machen.

Wir müssen sowohl unsere Kritik an der EU, aber auch unsere Strategien für Veränderung auf neue Beine stellen. Es bringt uns nicht weiter, auf eine fundamentale Reform der EU zu hoffen, wenn die dafür nötigen Mehrheiten in der Realität in immer weitere Ferne rücken. Für die strategische Debatte stellen wir nachstehende Fragen in den Mittelpunkt:

  • Welche Spielräume gibt es innerhalb der bestehenden Strukturen, Prozesse und Institutionen, und für welche Bereiche müssen wir eigene Alternativen von unten aufbauen? 
  • Welche Themen eignen sich, um im Gefüge der EU sowie auf der Ebene der Mitgliedsstaaten Brüche zu erzeugen, die uns neue Handlungsspielräume eröffnen und emanzipatorische Politik möglich machen?
  • Wie können wir die Kräfteverhältnisse auf den verschiedenen Ebenen verändern und die nötige Macht aufbauen, so dass emanzipatorische Politik möglich wird?

Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen sind uns folgende Prinzipien wichtig:

  • Es gibt nicht die eine Strategie oder den einen Ansatz.
  • Wir müssen vieles ausprobieren und die Ergebnisse immer wieder prüfen: Was macht uns handlungsfähig? Wie erzeugen wir Brüche? Mit welchen Themen oder politischen Formen erreichen wir die Menschen?
  • Dabei müssen wir auf lokaler, nationaler, europäischer und globaler Ebene gleichermaßen ansetzen, je nachdem, wo wir verankert sind und Handlungsmöglichkeiten sehen. Behalten wir stets im Blick, wie diese Ebenen zusammenhängen und wo wir wann die größte Wirkung erzielen können.

Mit dem von Attac herausgegebenen Buch Entzauberte Union. Warum die EU nicht zu retten und ein Austritt keine Lösung ist (Mandelbaum Verlag 2017, 272 S., 15 EUR) will die globalisierungskritische Organisation die falsche Debatte zwischen pro- und antieuropischen Kräften überwinden und neue Perspektiven eröffnen. Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch.

Ralph Guth ist Politikwissenschaftler und studiert Rechtswissenschaften. Seit zwei Jahren ist er Vorstandsmitglied von Attac Österreich, wo er vor allem zur Krise, der EU und Konzernmacht aktiv ist.

Elisabeth Klatzer ist politische Ökonomin und Vorstandsmitglied von Attac. Sie setzt sich für eine demokratische und sozial gerechte Transformation und feministische Alternativen in der Ökonomie ein.

Lisa Mittendrein ist Soziologin und Sozioökonomin. Sie arbeitet bei Attac zu Eurokrise, Finanzmärkten und Steuern.

Valentin Schwarz ist Historiker. Er arbeitet bei Attac zu Handelspolitik, Eurokrise und politischer Kommunikation.

Jochen

SPD-Schulz schon 2015 beim Verbreiten von FAKE-NEWS erwischt !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Das ist schon  am 29. Juni 2015 zu seiner Zeit als EU-Parlaments-Präsident einigen Lesern der NachDenkSeiten aufgefallen:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=26591

Auszüge:

schulzSchulz’ Märchenstunde – ein neues Angebot an Griechenland, das weder neu noch ein Angebot ist

Martin Schulz und sein Parteichef Sigmar Gabriel haben gestern und heute über die Medien ihr Erstaunen zum Ausdruck gebracht, dass die griechische Delegation am Samstag ein angeblich „neues Angebot“ mit weitreichenden „neuen“ Zugeständnissen überhaupt nicht verhandeln wollte.

Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, hat sich dieses „neue Angebot“ einmal anschaut und mit den „alten Angeboten“ verglichen – „neu“ ist an diesem Angebot so gut wie nichts und „weitreichende Zugeständnisse“ sind auch nicht zu entdecken. Schulz und Gabriel erzählen Märchen und stricken an einer Legende, die mittlerweile die Lesart der deutschen Öffentlichkeit bestimmt. Das ist Manipulation hoch zehn. Von Jens Berger.

„Daraus [aus dem veröffentlichen „Angebot“/Anm.

JB] ist ersichtlich, dass fast alle Forderungen der griechischen Regierung erfüllt worden waren. Dass die dann mitten in der Nacht dieses Referendum angekündigt haben und die Leute aus den laufenden Verhandlungen abgezogen haben […] Das Papier war annehmbar. […] Und wenn er [Tsipras/Anm.

JB] dem Volk empfehlen würde dieses Paket, dass jetzt auf dem Tisch liegt, wo es keine Mehrwertsteuererhöhung gibt […]“

Vergleichen Sie selbst: Hier [PDF – 94 KB] http://blogs.ft.com/brusselsblog/files/2015/06/Table-compromise-250615-Version-CLEAN.pdf

finden Sie die „alte“ Version der Forderungen der Institutionen vom letzten Donnerstag und hier [PDF – 201 KB]

http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/150629-2606-listofprior-actions-version-of26June2000.pdf

finden Sie die „neue“ Version der Forderungen. Erkennen Sie einen signifikanten Unterschied? Ich nicht.

Ich erkenne auch keine Punkte, die auf eine „Umschuldung“ oder ein „Abfedern sozialer Härten“ hinweisen. Dafür sind die Mehrwertsteuererhöhungen, die laut Martin Schulz ja gar nicht mehr gefordert werden, sehr wohl eine zentrale Forderung.

Sicherlich kennen auch die Herren Schulz und Gabriel die beiden Dokumente.

Wenn Sie trotz besseren Wissens vorsätzlich Falschbehauptungen aufstellen, so handelt es sich dabei um handfeste Lügen.

Anhang I: Sven Giegold – Letztes Angebot an Griechenland: Die Augenwischerei der “großzügigen” Gläubiger

Die drei Institutionen (EU-Kommission, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds) haben für die griechische Regierung am letzten Freitag einen überarbeiteten Vorschlag erarbeitet. Dabei handelt es sich um die neuste Version eines Maßnahmenpakets, das im Klartext die Verlängerung der Austeritätspolitik bedeutet.

Die Gläubiger sprechen schon seit Wochen von einem “großzügigen Angebot”. Doch diese Selbstbeweihräucherung ist Augenwischerei.

Für die Beurteilung der Tragweite der neusten Vorschläge muss man die Vorgeschichte kennen: Ursprünglich hatte die griechische Regierung bereits eingelenkt und die ursprünglichen Forderungen der Gläubiger weitgehend akzeptiert. Tsipras hat zentrale Wahlversprechen über Bord geworfen und durch Einsparungen im Rentensystem und höhere Mehrwertsteuer ersetzt.

Und wie reagierten die Troika-Institutionen auf dieses Entgegenkommen? Sie setzten den Rotstift an und schrieben die Vorschläge der griechischen Regierung um.

Etwa die Hälfte des griechischen Textes wurde gelöscht und durch neue Maßnahmen ersetzt. So hat die EU-Behörde etwa das jährliche Einnahmeziel bei der Mehrwertsteuer deutlich erhöht (von rund 0,7% auf 1% des BIP) und die für den Tourismus wichtigen Restaurants der höchsten Steuerkategorie von 23% (anstatt 13%) zugeordnet.

Auch die Sparmaßnahmen bei den Renten sollten aus Sicht der Kommission vorgezogen und verschärft werden. So verlangten die drei Institutionen, dass die Mindestrente bis 2021 eingefroren werden soll.

Im “ZDF Heute Journal” hat der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, gestern für diesen neuen Vorschlag an die griechische Regierung geworben. Schulz behauptete, dass im überarbeiteten Paket keine Mehrwertsteuererhöhung und keine Kürzung der Mindestrenten mehr enthalten seien.

Ein Vergleich der Vorschläge der drei Institutionen zeigt jedoch, dass das neue Paket weiterhin eine effektive Rentenkürzung enthält sowie lediglich Hotels von der Erhöhung des Mehrwertsteuersatz auf 23% entbindet. Für Restaurants und Gastronomie, die eine wichtige Rolle für den Tourismus und die Binnennachfrage spielen, soll die Mehrwertsteuer weiterhin auf 23% erhöht werden.

Die Rentenkürzung wird durch die schrittweise Einstellung der solidarischen Unterstützung (sog. EKAS) vollzogen. Der Wegfall dieser Zulage bedeutet weniger Geld für Rentner. Ansonsten ist der Vorschlag der Institutionen in der letzten Woche unverändert geblieben.

Während Athen letzte Woche den Gläubigern mit umfassenden Zugeständnissen die Hand gereicht hat, reichen die Institutionen der griechischen Regierung höchstens den kleinen Finger. Auch das neuste Angebot der Institutionen ist nur die Fortführung der gescheiterten Austeritätspolitik.

Anhang II: Übersichtstabelle zu den verschiedenen Versionen der „Angebote“ [PDF

– 78 KB]

http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/150629-differenzen-institutionen-griechenland-inkl-angebot-vom-26062015.pdf

Quellen:

Kommentar: Ja, mit Schulzens Hilfe wurde Griechenland zum Armutslabor Europas gemacht.

Die Folgen sind so schlimm, dass mittlerweile selbst die Mitglieder der Troika sich schämen und zurück rudern – von Herrn Schulz habe ich diesbezüglich noch nichts gehört.

Jochen

Der Aderlass hat Griechenland geschadet – Schäuble belügt die Deutschen bis zum Wahltermin 2017 – Die Linke hat ein Alternativprogramm !

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Auf der Internetseite der sehr staatstragenden Bundeszentrale für politische Bildung darf der Ökonom Andrew Watt mal verbreiten, was sonst nur Flassbeck und wenige andere wissen:
http://www.bpb.de/politik/wirtschaft/schuldenkrise/227737/der-aderlass-hat-griechenland-geschadet
Auszüge:
Der Aderlass ist ein seit der Antike verbreitetes Heilverfahren, bei dem Patienten eine erhebliche Menge Blut entnommen wird. Heute ist belegt, dass er nur bei wenigen Krankheiten hilft. Deshalb ist er aus dem medizinischen Alltag verschwunden.

Der Glaube daran, dass man eine Wirtschaft „gesundschrumpfen“ kann, indem dem Wirtschaftskreislauf Kaufkraft („Blut“) entzogen wird, ist jedoch auch heute noch verbreitet. Eine restriktive Fiskalpolitik – Kürzungen, neue Steuern oder Abgaben – bringt danach die Staatsfinanzen wieder ins Lot, nicht nachhaltige Nachfrage wird korrigiert. Gleichzeitig werden unproduktive Firmen aus dem Markt gedrängt.
Die anderen müssen ihre Produktion effizienter gestalten, Kosten reduzieren und nicht benötigte Arbeitskräfte freisetzen. Um wieder in Beschäftigung zu kommen, müssen Letztere ihre Reallohnansprüche zurückschrauben.

Dieser Prozess wird, so die Theorie, unterstützt durch sogenannte Strukturreformen, die Arbeitnehmer in Lohnverhandlungen systematisch schwächen. Zudem machen Wohlfahrtsstaatsreformen die soziale Hängematte ungemütlich und die Aufnahme auch schlecht entlohnter Jobs attraktiv.
Im Ergebnis verbilligen sich heimische Produkte, das Land kann verstärkt exportieren. Die Erholung folgt – nach einem Tal der Tränen –, und erst dann, irgendwann, können auch Arbeitnehmer höhere Reallöhne erzielen und Steuerzahlerinnen zwar weniger, aber dafür effizientere öffentliche Dienstleistungen genießen.

Das ist im Kern auch die Kur, durch die Griechenland genesen sollte: fiskalische Austerität, Strukturreformen und im Vergleich mit den Wettbewerbern fallende Löhne und Preise – die sogenannte „interne Abwertung“. Sie hat nicht funktioniert.

Vorhersagen, die griechische Wirtschaft werde sich „im kommenden Jahr“ erholen, sind immer wieder verschoben worden.

Stattdessen ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) insgesamt um ein Viertel gefallen. Die Staatsschulden stiegen trotz hartem Sparkurs unaufhörlich auf fast die zweifache jährliche Wirtschaftsleistung. Der Lebensstandard (gemessen am BIP pro Kopf) fiel auf unter zwei Drittel des EU-Durchschnitts. Vor der Krise hatte es bei fast 90 Prozent gelegen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 25 Prozent. Gut ausgebildete Menschen verlassen in Scharen das Land.

Die Gründe für das Scheitern der Reformen lassen sich grob unter zwei Rubriken zusammenfassen: Einmal die Anwendung falscher Theorien über die Bestimmung von makroökonomischen Größen wie Output, Beschäftigung und Staatsschulden. Und dann das mangelnde Verständnis dafür, dass die Probleme Griechenlands (und die anderer Krisenländer) vor allem Ausdruck systemischer Probleme der Architektur des Euroraums sind – und dort auch gelöst werden sollten, und erst in zweiter Linie das Ergebnis nationaler Defizite.

Einzelne Arbeitnehmergruppen und Firmen können durch Verzicht auf höhere Löhne und Preise ihre Beschäftigungs- oder Absatzchancen erhöhen. Aber dieses einzelwirtschaftliche Denken funktioniert auf der Ebene einer Volkswirtschaft nur unter bestimmten Voraussetzungen. Denn letztlich müssen die angebotenen Dienstleistungen und Produkte auch von jemandem gekauft werden: Es muss eine effektive Nachfrage dafür geben – eine zentrale Einsicht des vor siebzig Jahren verstorbenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes.

Der wirtschaftspolitisch aufgezwungene Aderlass hat der griechischen Wirtschaft Nachfrage entzogen. Das kann gesamtwirtschaftlich nur funktionieren, wenn diese fehlende Nachfrage anderweitig ersetzt wird.

Die Strategen der Troika glaubten, dass das Ausland angesichts gestiegener preislicher Wettbewerbsfähigkeit griechischer Produkte und Dienstleistungen (nicht zuletzt des Tourismus) in diese Bresche springen. Sie vermuteten auch, dass der griechische Privatsektor (Haushalte und Unternehmen) seine Ausgaben erhöhen würde, wenn endlich entschieden gegen den überbordenden Staatssektor, Korruption und Steuerflucht vorgegangen wird. Die fiskalische Kontraktion sollte also durch sogenannte „nicht-keynesianische Effekte“ letztlich expansiv wirken.

Allerdings ist Griechenlands Wirtschaft eine der geschlossensten des Euroraums. Da ihre direkten südeuropäischen Konkurrenten ebenfalls kriselten, mussten sie sich wie die Griechen auf einen Wettlauf nach unten einlassen. Gleichzeitig weigerten sich reichere Partner wie Deutschland, ihre Wirtschaft zu stimulieren und Preise und Löhne im Vergleich zu den Krisenländern steigen zu lassen. Und schließlich fehlt Griechenland wie allen Mitgliedern der Eurozone die geldpolitische Autonomie, um die Wirtschaft monetär zu stimulieren und heimische Waren durch Abwertung konkurrenzfähiger zu machen.

Die Troika dokterte also am schwächsten Patienten herum, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass die Strukturen im gesamten Krankenhaus gesundheitsgefährdend waren.

Die Überschuldung Griechenlands war beispielsweise auch Ausdruck einer unverantwortlichen Kreditvergabe seitens der Banken in den Kernländern des Währungsraums. Und die schwache Wettbewerbsfähigkeit der Griechen war auch Ausdruck dessen, dass Deutschland auf Leistungsbilanzüberschüsse setzte, die mindestens ebenso inkompatibel mit einer stabilen Entwicklung des Euroraums sind wie die allseits kritisierten Lohnexzesse des Südens.

Sicher war die politische Lösungssuche im Euroraum nach Ausbruch der Krise schwierig. Eine optimale Politik war wohl nicht umsetzbar. Dies enthebt die politisch Verantwortlichen aber nicht von einer schweren Schuld.
Griechenland, die Wiege der europäischen Demokratie, ist fast verblutet. Hätte man die zwei grundlegenden Fehler vermieden wäre eine Gesundung zu erheblich niedrigeren Kosten sowohl für die griechische Bevölkerung wie auch für Europa insgesamt möglich gewesen.

Sahra Wagenknecht meint dazu: http://linksfraktion.de/pressemitteilungen/waehlertaeuscher-schaeuble

Jahrelang haben Wolfgang Schäuble und Angela Merkel die Wähler getäuscht.

Nun müssen sie zugeben, dass die öffentlichen Kredite an Griechenland, die zur Rettung von Banken und privaten Gläubigern eingesetzt wurden, nicht wie geplant zurückgezahlt werden.

Die Bundesregierung muss die Öffentlichkeit sofort darüber aufklären, ob den europäischen Steuerzahlern zusätzlich auch noch die faulen Kredite des Internationalen Währungsfonds an Griechenland aufgezwungen werden sollen“, kommentiert Sahra Wagenknecht das Ergebnis des Treffens der Euro-Finanzminister und die dazugehörigen Medienberichte. Die Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE weiter:

„Es ist ein kläglicher Versuch der Wählertäuschung durch die Bundesregierung, in Brüssel durchgesetzt zu haben, dass die konkreten Beschlüsse zu den Schuldenerleichterungen erst nach der Bundestagswahl gefällt werden sollen. Wer die Menschen andauernd plump zu täuschen versucht, braucht sich über den zunehmenden Rechtspopulismus nicht zu wundern.

Es gibt ein Alternativprogramm zum Euro-Rettungswahnsinn der Bundesregierung: Öffentliche Investitionsprogramme für Griechenland und die EU, Senkung der Staatsverschuldung durch eine EU-weit koordinierte Vermögensabgabe für Multimillionäre und Milliardäre und Kredite der Europäischen Zentralbank für öffentliche Investitionen statt unkontrollierter Flutung der Finanzmärkte.“

Jochen

Neue Kampagne der Frankfurter Banking-Community: Jens Weidmann gibt ein Musterbeispiel für Manipulation

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Norbert Häring ist aufmerksam geworden auf die neuen Lügen des Jens Weidmann:
http://norberthaering.de/de/27-german/news/532-jens-w
Auszüge:

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat auf dem Europäischen Bankenkongress in Frankfurt Ende 2015 eine verräterische Rede gehalten. Es lohnt sich, sie zu analysieren, um die vielen Falschdarstellungen zu entlarven, derer es bedarf, um die kapital- und bankenfreundliche Politik der Notenbanker zu rechtfertigen.
Aus Opfern werden Täter, aus Folgen werden Ursachen gemacht.

Wie können wir den wirtschaftlichen Herausforderungen des Euro-Raums begegnen“, fragt Jens Weidmann im Titel seines Vortrags. Ich interpretiere das „Wir“, gesprochen vor der Frankfurter Banking-Community als „Wir die Banking-Community“. Wie wir sehen werden, lässt sich diese Sichtweise ganz gut durchhalten. Zugegeben: das Wort Lüge ist strenger als üblich, für die interessengeleiteten Verdrehungen, die er zum Besten gibt. Aber die Versuchung, so die Klangähnlichkeit mit dem Roman von Ulrich Plenzdorf herzustellen, ist einfach zu groß.

Alles Relative wird wegdefiniert

Die Verdrehung der Realität fängt mit einer unzulässigen Verengung an, damit dass Weidmann für den Euroraum das Bild des Luxus-Sportwagens bemüht, einer in Frankfurt besonders häufig anzutreffenden automobilen Abart. Der Ferrari fahre nicht so schnell, wie er eigentlich könnte. Mit schnell ist Wirtschaftswachstum gemeint und schon hat Weidmann alles wegdefiniert, was tatsächlich die Hauptprobleme des Euroraums ausmacht, aber aus Sicht des deutschen Kapitals nicht problematisiert werden sollte, die Ungleichgewichte. Wenn er sie im Folgenden doch thematisiert, dann nur als Unwuchten, als Problem, das daraus entsteht, dass etwa ein Reifen weniger leistungsfähig ist als die Norm. Selbst Deutschland, mit seinen riesigen, nirgends im Vortrag erwähnten Außenhandelsüberschüssen, kann er deshalb auffordern, noch leistungsfähiger zu werden. Für volle Leistungsfähigkeit sollten ja alle Teile maximale Leistung bringen. Weidmann hat offenkundig hervorragende Redenschreiber.

Aus Wirkung wird Ursache

„Die Diskrepanz zwischen Preisen und Löhnen einerseits, und Produktivität andererseits war die Hauptursache für die Leistungsbilanzdefizite. Diese Defizite mussten extern finanziert werden und führten zu einer prekären öffentlichen und privaten Verschuldung.“

Tatsächlich war die Wirkungskette anders herum. Aufgrund der Nachfrageschwäche in Deutschland und des durch die Währungsunion stark sinkenden Zinsniveaus in den peripheren Ländern kam es zu einem starken Kapitalfluss aus Kerneuropa in die Peripherie. Aufgrund des leicht und billig zu habenden Kredits wurde auf Teufel komm raus investiert und gebaut. Die Kapitalflüsse waren zuerst da, die Lohnsteigerungen kamen später.
Das führte zu überproportionalen Lohn- und Preissteigerungen in diesen Ländern, aber wegen der ebenfalls stark steigenden Produktion erst einmal nicht oder kaum zu Produktivitätsproblemen. Die Probleme entstanden erst, als im Zuge der Krise die Produktion einbrach und in Relation zu den gestiegenen Löhnen und dem hohen Beschäftigungsgrad zu mickrig wurde.

Statt Weidmanns verdrehter Aussage, die Ursache der Krise sei eine falsche Lohnpolitik gewesen, wäre korrekt: Ursache waren von der Europäischen Zentralbank lange Zeit ignorierte und aktiv beschönigte Kreditblasen in den peripheren Ländern. Die EZB hat sogar extra ihren Referenzwert für die Geldmengenentwicklung eingemottet, weil er Alarm schlug.

Der junge W. macht weiter mit der nächsten Verdrehung:

Als die Märkte sich weigerten, die Defizite weiterhin zu langfristig tragfähigen Zinsen zu finanzieren, musste die Lücke geschlossen werden.“

„Sich weigerten“, trifft es nicht. Aufgrund der Subprime-Krise bekamen alle Banken ein akutes, existenzbedrohendes Liquiditätsproblem. Deshalb mussten sie die Kreditvergabe einstellen und strichen bestehende Kreditlinien, was Unternehmen, Konsumenten und Länder, die auf die ansonsten immer übliche Verlängerung von Kreditverträgen am Ende der ursprünglichen Laufzeit vertraut hatten, in existenzielle Probleme stürzte.
Richtig wäre also etwa die Formulierung: Als die Banken, die sich in den USA verzockt hatten, alle Kreditlinien strichen und ihrer Aufgabe der Kreditvergabe nicht mehr nachkommen konnten, kam es zu einer schweren Rezession.

Aus Nachfrageeffekt wird Angebotseffekt

„Die Preise und Löhne wurden stärker an die Produktivität angeglichen. Dadurch werden alle Krisenländer außer Griechenland und Zypern ihre außenwirtschaftlichen Defizite im laufenden Jahr in Überschüsse umkehren können.“

Die Löhne wurden definitiv gesenkt. Das stimmt. Es stimmt auch, dass dadurch das Außenhandelsdefizit abgebaut wurde. Gelogen ist allerdings, dass Letzteres vor allem mit dem Verhältnis von Löhnen und Produktivität zu tun hätte.
Im besten Fall, wie in Spanien, setzt die Zunahme der Exporte ihren langfristigen Trend fort, in den schlechteren Fällen sanken die Exporte trotz der höheren „Wettbewerbsfähigkeit“. Was das Schrumpfen oder Verschwinden der Defizite herbeiführte, war der Einbruch der heimischen Nachfrage aufgrund der gesunkenen Kaufkraft, der sich in einen Einbruch der Importe übersetzte. Die Bevölkerung dieser Länder wurde einfach zu arm gemacht, um sich Importe leisten zu können.

Die in den Brunnen gefallenen sollen mit Regenschirmen gegen schlechtes Wetter vorsorgen

Jens W. fragt dann, was man für mehr Wachstum tun könnte und kommt als Antwort unmittelbar auf die definitorische Feststellung:

„Bei Strukturreformen unterscheidet man zwischen Güter- und Arbeitsmarktreformen. Auf beiden Märkten kann viel erreicht werden. Hier würden Reformschritte zu Produktionssteigerungen führen, da Produktionsfaktoren leichter in Geschäftsfelder mit höheren Renditeerwartungen verschoben werden könnten. Und darüber hinaus wären die Länder besser in der Lage, angemessen auf unvorhergesehene Wirtschaftsereignisse und strukturelle Veränderungen, wie beispielsweise die Digitalisierung zu reagieren.“

Hier driftet der junge W. in eine modellhafte neoklassische Traumwelt ab. Er sagt es im ganzen Vortrag zwar nicht so deutlich, aber gemeint ist mit diesen Strukturreformen wie man weiß die Abschaffung von Arbeitnehmerrechten wie Kündigungsschutz und unbefristete Verträge und derartige „Friktionen“. In Ländern wie Spanien und Griechenland, die von der größten anzunehmenden ökonomischen Katastrophe getroffen wurden, sollen also Strukturreformen dieser Art umgesetzt werden, damit sie vorbereitet sind, wenn mal in der Wirtschaft etwas schief läuft.
Der zweite Grund ist ebenso weltfremd bizarr. In Ländern, in denen jeder vierte arbeitslos ist, soll die wichtigste Aufgabe darin bestehen, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die noch Beschäftigung haben, diese leichter verlieren können, damit die neuen Unternehmen und Geschäftsfelder, die es mangels Nachfrage und mangels Kredit nicht gibt, problemlos Arbeitskräfte finden würden, wenn es sie denn gäbe.

Normalbegabte Menschen würden so etwas dumm, zynisch, absurd und alles mögliche andere nennen, aber den jungen W. in seiner Selbstsicherheit ficht das nicht an.
Wie der junge W. in Plenzdorfs Roman, der sich auch nach der Ablehnung durch eine Kunstschule weiter für ein verkapptes Genie hält, und er macht weiter. Seine Zuhörer sind ja vor allem Banker, die so etwas gerne hören.

Und so schießt er weiter aus seiner eigenen Adaption von Edgars „Old Werther“. Was diesem die Sprüche aus Goethes Werther, die er immer zitiert, wenn Situationen unangenehm werden oder er sich seiner Sache nicht mehr ganz sicher ist, sind dem Jens W. die angebotsorientierten Floskeln aus alten Sachverständigenratsgutachten, mit denen er ökonomischen Sachverstand vorschützt, wie Edgar W. seelischen Tiefgang.

Aus dem Champion wird ein Versager

Die Strukturreformen auf den Gütermärkten sind nicht ganz so politisch sensibel, wie die auf den Arbeitsmärkten, und so nennt der junge W. beispielhaft ein paar von den besonders wichtigen, die nötig sind, um die Probleme und die Wachstumsschwäche des Euroraums aufzulösen.

„Leider sind die bürokratischen Hürden aber bei Unternehmensgründungen in vielen Ländern Europas nach wie vor hoch. Dies gilt nicht zuletzt für Deutschland, das im Doing-Business-Report der Weltbank in dieser Hinsicht an 107. Stelle steht.“

Also: Der junge W. teilt uns mit, dass geringe bürokratische Hürden vor Unternehmensgründungen ganz, ganz wichtig sind für das Wachstum. Zum Beleg führt er Studien an, die angeblich belegen, dass, wenn man die Marktzutrittshürden von einem niedrigen Niveau wie in Dänemark auf ein mittleres wie in Spanien anhebt, die „totale Faktorproduktivität (das ist im Großen und Ganzen die Wirtschaftskraft) um volle zehn Prozent sinkt.
Und dann erwähnt er noch, dass das europäische Wachstumschampion Deutschland auf diesem Feld ganz schlecht abschneidet.

Regulierung wird eindimensional

Auch zur Regulierung des Finanzsektors äußert sich der junge W. mit Tiefgang:

„Regulierung ist eine Frage der Dosierung. Anscheinend existiert – analog zum Reifendruck – eine Art optimales Maß von Regulierung.“

Mit „Regulierung“ spielt der junge W. auf das weit über 1000 Seite dicke Regelbuch von Basel III und verwandte Konvolute an. Irgendetwas ermöglicht es ihm, diese vieldimensionalen Regelkonvolute auf die eindimensionale Frage zu reduzieren: „Solls ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger sein.“

Weg mit dem Sozialklimbim

Was die Finanzpolitik angeht, plädiert Weidmann nach einer wirren Vorrede dafür, den Staats-„konsum“, also allen Sozialklimbim zu kürzen, damit man mehr investieren kann. Das ist schnörkelloser Lobbyismus für das Kapital, wie man ihn von einem aufrechten Notenbanker erwartet.

Und weil Deutschland ein Gläubigerland ist, will das deutsche Kapital natürlich keine höhere Inflation. Deshalb soll die Europäische Zentralbank nach dem Wunsch Weidmanns ihr Inflationsziel von zwei Prozent tunlichst vergessen und die Wirkung der fallenden Ölpreise herausrechnen.
Vergessen ist, dass die EZB mehrmals den Forderungen der Falken aus dem D-Mark-Block nachgegeben und die Leitzinsen erhöht hat, nur weil steigende Ölpreise die Inflationsrate vorübergehend nach oben getrieben hatten. Für eine Gläubigernation ist eben jedes Argument für höhere Zinsen recht. Er erwähnt sogar die ungünstigen Wirkungen der Niedrigzinsen auf die Lebensversicherer. Er hätte auch Allianz sagen können. Denn was der Allianz frommt, ist bekanntlich gt für Deutschland.

Jens Weidmann fasst am Ende zusammen, was die Euro-Krise aus seiner Sicht lösen kann: mehr Taxifahrer und Friseure, die für weniger Geld arbeiten, und mehr Automation. Im O-Ton:

„Wir werden unser Ziel nur erreichen, wenn wir die immer noch vorhandenen Zutrittsbarrieren zu den Güter-Dienstleistungs- und Arbeitsmärkten sowie zum digitalen Markt niederreißen.“

Wenn das allein schon die Lösung ist, was ist dann „unser Ziel“, fragt man sich. Die Lösung der Krise des Euroraums sicherlich nicht. Bessere Kapitalverwertungsmöglichkeiten zu Lasten der Arbeitnehmer? Schon eher. Wessen Ziel das ist, ist klar. Das Ziel seiner Zuhörer auf dem Bankenkongress.

Der Unterstützung des deutschen Finanz- und Industriekapitals kann er sich sicher sein. Dieses weiß, dass die radikalen Sprüche dieses jungen W. so nicht in Politik umgesetzt werden. Denn die Bundesbank kann keine Politik mehr machen, sie kann nur bremsen und so dafür sorgen, dass der Finanzierungsvorteil der Deutschen von der EZB nicht ganz abgebaut wird. So wird das ökonomische Genie dieses jungen W. nicht so auf die Probe gestellt werden, wie das von Plenzdorfs Edgar W., der, ein „nebelloses Farbspritzgerät“ entwickelt und beim ersten Versuch, die selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, durch einen Stromschlag getötet wird.

Hinweis: Am 23. Januar habe ich zweieinhalb Absätze hinzugefügt, um den Bezug zu Die neuen Leiden des jungen W. expliziter zu machen.

P.S. Eine treue Leserin wies darauf hin, dass es sich bei den heute nachgefragten Maschinen nicht mehr so sehr um nebellose Farbspritzgeräte handle, sondern vermehrt um Unterbelichter, Nebelkerzenwerfer und Knut- und Federmaschinen für das marktkonforme Klickparkett.

Mein Kommentar: Herr Weidmann wird von uns Steuerzahlern bezahlt und sollte der Allgemeinheit dienen, nicht dem einen Prozent.

Das ganze passt in eine Linie mit der im SOMMER 2015 von dem Arbeiterfeind W.Clement herausgegebenen INSM-Ausbeutungsbibel, zu der ausgerechnet SPD-Gabriel das Weihrauchfass geschwenkt hat: https://josopon.wordpress.com/2015/07/09/arbeiterfeind-w-clement-gibt-insm-ausbeutungsbibel-heraus-spd-gabriel-schwenkt-das-weihrauchfass-dazu/

Jochen

Draghis Mahnung, das Scheitern der EZB und das Schweigen der deutschen Medien

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Dirk Ehnts von flassbeck economics ist es aufgefallen:

Draghi: Fiskalpolitik sollte die wirtschaftliche Erholung unterstützen

http://www.flassbeck-economics.de/draghi-fiskalpolitik-sollte-die-wirtschaftliche-erholung-unterstuetzen/

Auszüge:

Am 22. Januar 2016 gab Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank im Verlauf seiner Pressekonferenz ein bemerkenswertes Statement ab (hier der Link). Das Statement endete mit diesen Sätzen (eigene Übersetzung, eigene Unterstreichung):

Fiskalpolitik [Ausgabenerhöhungen des Staates und Steuersenkungen sind
gemeint] sollte die wirtschaftliche Erholung unterstützen, wobei sie in Übereinstimmung mit den fiskalischen Regeln sein sollte. Eine vollständige und konsistente Implementierung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes ist entscheidend, um das Vertrauen in das fiskalische Regelwerk aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig sollten alle Länder eine stärker wachstumsfreundliche Fiskalpolitik anstreben.“

Das aktuelle Problem der Eurozone ist eine Wachstumsschwäche mit ausgeprägter Massenarbeitslosigkeit in einigen Mitgliedsstaaten. Für die EZB ist das relevant, weil die schwache Nachfrage zu einem Einbruch der Preiszuwächse geführt hat, die durch den Fall des Ölpreises noch verstärkt wurde.
Aber die Inflationsrate hängt ja nicht nur an einem Preis, und schon vor dem Verfall des Ölpreises gab es ein Problem in der Eurozone mit zu geringen Inflationsraten.

Das wichtigste Ziel des Eurosystems kann man in Artikel 127 Absatz 1 des AEU-Vertrags nachlesen: „Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken (im Folgenden ,ESZB‘) ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten.“ Praktisch hat die EZB beschlossen, dass sie Preisstabilität als Inflationsrate von knapp unter 2% interpretiert. Dieses Ziel wurde in letzter Zeit deutlich verfehlt.

Abbildung 1: Inflationsrate in der Eurozone

 

Quelle: https://www.ecb.europa.eu/stats/prices/hicp/html/inflation.en.html

Die Inflationsrate wird von Ökonomen unterschiedlich erklärt. Auf der einen Seite sind die Monetaristen und Neoklassiker, die eine direkte Kausalbeziehung zwischen Geldmenge und Inflationsrate herstellen. Danach führt eine Erhöhung der Geldmenge zu einer etwa gleichstarken prozentualen Inflationsrate. Die Zentralbank, so wird dann geschlossen, ist alleinverantwortlich für die Inflation.

Dieser theoretische Standpunkt erklärt auch die Rolle der EZB. Bei ihrer Gründung wurde ihr ein Instrument mitgegeben, nämlich der Leitzins (sie setzt noch zwei andere Zinssätze, aber dies dient lediglich der Unterstützung des Leitzinses). Ist die Inflationsrate zu hoch, dann soll der Leitzins angehoben werden. Dadurch verteuern sich Kredite, es wird weniger investiert, und mit dem Absinken der Nachfrage hört auch der zu starke Preisauftrieb irgendwann auf. Bei zu niedriger Inflation werden entsprechend die Zinsen gesenkt, um die Inflationsrate durch zusätzliche Investitionen anzukurbeln.
Die Zentralbank hat folglich ein Ziel – Inflationsrate von knapp unter 2% – und ein Instrument: den Leitzins. Damit, so hoffte man bei der Konstruktion der Eurozone, ist das Problem der Inflation gelöst.

Praktisch ist das Experiment gescheitert.

Der Zins ist bei null, aber die privaten Investitionen wollen nicht anspringen. Selbst in Deutschland sind die Investitionen im historischen Vergleich relativ niedrig, die Investitionsquote sinkt im Trend. Die Unternehmen lassen sich also durch die niedrigeren Kreditzinsen nicht dazu verlocken, mehr Investitionen durchzuführen. Anscheinend liegt ihr Problem nicht auf der Kosten- oder Angebotsseite, sondern bei der Nachfrage. Die Kaufkraft der Europäer ist durch die Sparpolitik gesunken, zudem fragen Haushalte und Unternehmen weniger Kredite nach. Man hofft auf höhere Exporte, aber die globale Krise spricht dagegen.
Mit der quantitativen Lockerung ist der Euro im Vergleich zu anderen Währungen gesunken und hat durch den „wettbewerbsfähigeren“ Wechselkurs die internationale Position der europäischen Unternehmen verbessert. Allerdings reicht auch das nicht aus, um die Inflationsrate wesentlich zu erhöhen.
Die theoretische Grundlage der Geldpolitik ist also aktuell an den Klippen der Realität zerschellt.

Die Realität bestätigt allerdings den alternativen theoretischen Standpunkt. Nach diesem entstehen höhere Inflationsraten im wesentlichen durch Lohndruck.
Bei hoher Nachfrage haben Gewerkschaften eine bessere Verhandlungsposition und können so höhere Löhne durchsetzen. Die Unternehmen werden die höheren Kosten zumindest teilweise über höhere Preise auf die Verbraucher abwälzen, und dies erklärt den Anstieg der Inflation. Ob dabei die hohe Nachfrage durch mehr Investitionen, mehr Exporte oder mehr Staatsausgaben zustande kommt ist letztlich nicht entscheidend.
Auf jeden Fall kann der Staat mit seiner Fiskalpolitik indirekt die Inflationsrate beeinflussen. Dies bedeutet nicht, dass der Staat als einziger die Inflationsrate bestimmt, aber er spielt doch mindestens eine gewichtige Rolle.

Wenn Staaten jedoch ihre Ausgaben kürzen, dann fallen die Einnahmen der Haushalte und Unternehmen. Damit sinkt ihre Kaufkraft und auch die Inflationsrate. Insofern entsteht für die EZB ein Gegenwind, wenn die Staaten ihre (öffentlichen) Ausgaben kürzen, während die EZB zur Wahrung ihres Inflationsziels die (privaten) Ausgaben erhöhen möchte.
Entscheidend für die Inflationsrate sind sämtliche Nachfragekomponenten. Wenn der Staat durch Austeritätspolitik deflationäre Akzente setzt, dann kommt die Zentralbank dagegen unter Umständen nicht an.

Von daher ist die Botschaft in der obigen Aufforderung von Mario Draghi an die Fiskalpolitik klar. Der Präsident der EZB fordert hier mit diplomatischer Zurückhaltung die Regierungen der Eurozone auf, ihre Staatsausgaben zu erhöhen und/oder ihre Steuern zu senken, um mehr Wachstum und damit höhere Inflationsraten zu generieren.
Sollen alle Länder dabei mitmachen und zugleich der Stabilitäts- und Wachstumspakt eingehalten werden, kann das nur bedeuten, dass die Länder (wie Deutschland), die es sich auch im Rahmen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes leisten können, besonders viel tun müssen.
Sie sollten nicht ihre Staatsschulden abbauen, sondern den fiskalischen Rahmen komplett ausnutzen.

Dieses Statement könnte nun zu spannenden öffentlichen Diskussionen führen über die Sparpolitik, die Geldtheorie und die Konstruktionsfehler der Eurozone. Leider gehen die deutschen Medien einfach über diese Problematik hinweg und erwähnen mit keinem Wort die Fiskalpolitik – weder Spiegel Online (hier), noch FAZ (hier) oder Süddeutsche Zeitung (hier).
Im Ausland wurde dagegen durchaus Notiz genommen von Draghis Hinweis. So sagt die spanische Zeitung EL PAIS (hier): „Y Draghi vuelve a salir al rescate con el preanuncio de una nueva ronda de estímulos, junto con una advertencia: la política fiscal debe cambiar.“
Draghi hat also eine Warnung abgegeben: die Fiskalpolitik muss sich wandeln!
Ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Nachricht auch in der deutschen Öffentlichkeit ankommt?

 

Anmerkung: Die wichtigste deutsche Gewerkschaft, die IG Metall, fordert in den aktuellen Tarifverhandlungen 5% !!!

Zur Stabilisierung der Kaufkraft, zur Sanierung der Rentenkassen und zum Ausgleich der wirtschaftlichen Differenzen  in der Eurozone wären über einige Jahre Lohnerhöhungen von 10% erforderlich ! 

Jochen

Eine finanzpolitische Zeitbombe: Die geplante Kapitalmarktunion

Die geplante Kapitalmarktunion setzt auf noch mehr Deregulierung in der EU

https://monde-diplomatique.de/artikel/!5264078

von Frédéric Lemaire und Dominique Plihon

Auszüge:

Knapp sieben Jahre nach Beginn der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise steht die nächste Deregulierungswelle bevor. Die Panik, die im Herbst 2008 die Chefetagen der Banken erfasst hat, ist nur noch ferne Erinnerung, ebenso die seinerzeit geplanten Maßnahmen gegen diverse halsbrecherische Finanzoperationen.

EU-Finanzkommissar Jonathan Hill meint, es sei an der Zeit, in Europa „alte Schranken einzureißen und den freien Kapitalverkehr zwischen allen 28 Mitgliedstaaten zu erleichtern“ – weshalb die EU-Kommission der Kapitalmarktunion höchste Priorität einräumt. Der dazu im September verkündete Aktionsplan sieht bis 2019 eine Reihe von Konsultationen, Überprüfungsmaßnahmen und Gesetzesinitiativen vor.

Kritiker der neuerlichen Deregulierung speist Jonathan Hill mit den üblichen Argumenten ab: Das größte Risiko für die Stabilität sei nun einmal fehlendes Wachstum, deshalb sei die Belebung der Investitionstätigkeit so wichtig. Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die das Rückgrat der Gesamtwirtschaft bilden, könnten sich derzeit nicht angemessen finanzieren, weil die herkömmlichen Quellen für Investitionsgelder blockiert sind. Die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe beeinträchtige auch die kapitalaufwendigen Programme zum Erhalt und Ausbau der Infrastruktur, zumal die öffentlichen Investitionen aufgrund der Sparpolitik zurückgehen. Heute müsse, so Hill weiter, die Kapitalbeschaffung wieder vermehrt über die Finanzmärkte laufen, wozu eine Reihe von Reformen notwendig seien.

Maßgeschneiderte Verfahren sollen den bürokratischen Aufwand für die Unternehmen reduzieren, die Bonitätsprüfung vereinfachen und vor allem die „Privatplatzierungen“ fördern. Letztere erlauben es nicht börsennotierten Unternehmen, sich statt an kreditvergebende Banken direkt an Finanzinvestoren zu wenden, zum Beispiel an spezialisierte Anlagefonds und Versicherungen. Diese unterliegen weniger strengen Vorschriften als die Publikumsgesellschaften,1 die in der Regel der Börsenaufsicht und geregelten Berichtspflichten unterliegen. Dieser Markt für privates Beteiligungskapital erlebt derzeit einen enormen Aufschwung, sein Umsatz könnte in den nächsten Jahren auf bis zu 60 Milliarden Euro steigen.

Die französische Regierung unterstützt diese Formen der Direktvermittlung und damit die Rückkehr zu bankfremden Finanzierungsmethoden. Das von Wirtschaftsminister Macron eingebrachte und am 7. August 2015 verkündete „Gesetz für Wachstum, Beschäftigung und wirtschaftliche Chancengleichheit“ fördert die Kreditvergabe zwischen Unternehmen, die ohne Vermittlung der Banken abläuft und damit jeglicher Regulierung entzogen ist.

Andere Maßnahmen erleichtern privaten Investoren den Rückkauf von Kreditverpflichtungen der Unternehmen gegenüber Banken. Die Kommission schlägt zudem für institutionelle Investoren (vor allem Pensionsfonds und Versicherungen) steuerliche Anreize für den Erwerb von Verbindlichkeiten nicht börsennotierter Unternehmen vor, was für Investoren weitaus rentabler – weil riskanter – ist als der Kauf von Staatsanleihen. So hat die französische Großbank Société Générale 80 Prozent ihrer Kredite mit mehr als fünfjähriger Laufzeit an KMU oder Midcap-Unternehmen2 an die Versicherungsgesellschaft Axa veräußert. Ähnliche Geschäfte laufen zwischen den Großbanken Crédit Agricole, BNP Paribas und Natixis und anderen Versicherungsunternehmen.

Das Leuchtturmprojekt der Kommission ist jedoch die Verbriefung der Bankenkredite. Sie erlaubt es den Banken, die von ihnen ausgegebenen Kredite auf den Kapitalmärkten weiterzuverkaufen und damit ihre Risiken zu entsorgen, ohne Verlust der Provisionen, die sie bei der Darlehensvergabe eingestrichen haben. Diese Möglichkeit haben sie Mitte der nuller Jahre exzessiv genutzt, als sie den Investoren massenhaft die zu Aktienpaketen „umgestrickten“ US-Immobiliendarlehen andrehten.

Freilich haben diese Verbriefungen, über die die Banken ihr Risiko an andere weiterreichen, nicht nur die Komplexität, sondern auch die Vernetzung und die wechselseitige Abhängigkeit der Finanzmärkte erhöht. Die Folge war, dass 2008 die Subprime-Blase platzte und die Finanzmarktkrise sich zu einer globalen Wirtschaftskrise ausweitete.

Legende vom Nutzen für kleinere Unternehmen

Weil die EU-Kommission um die Brisanz des Vorhabens weiß, plädiert sie für eine „hochwertige“ und möglichst „transparente“ Verbriefung – während die Bankenlobby schon an der Formulierung möglichst schwacher Regeln arbeitet. Finanzkommissar Hill hat bereits angekündigt, er werde eine Abmilderung der Regeln nicht verhindern, nach denen die Banken bislang wenigstens einen Teil der aus verbrieften Schuldforderungen resultierenden Risiken in ihren Bilanzen halten müssen.

In den Augen der europäischen Regierungen ist das stärker von den Märkten bestimmte US-Finanzsystem geradezu vorbildlich – und eine Sicherheitsgarantie für die Unternehmen. So erklärt die Kommission in ihrem Grünbuch allen Ernstes: „Die stärkere Abhängigkeit von Bankkrediten macht die europäische Wirtschaft und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KUM) insgesamt anfälliger, wenn die Bedingungen für die Vergabe von Bankkrediten – wie in der Finanzkrise der Fall – strenger werden.“3 Dass ebendiese Finanzmärkte und ihre Deregulierung die Krise verursacht haben, ist offenbar längst vergessen.

Die Anwälte der Liberalisierung legen sich argumentativ schwer ins Zeug. So behaupten sie etwa, die Anpassung des europäischen Finanzsystems an die angelsächsischen Regeln werde der Kapitalmarktunion dauerhaft mehr Wachstum und Beschäftigung und den KMU einen leichteren Zugang zu Finanzmitteln bescheren. Gerhard Hue­mer, Chefökonom beim Europäischen Dachverband der KMU (­UEAPME), hat da erhebliche Zweifel: „Für die überwältigende Mehrheit der Kleinunternehmen wird der Bankkredit auch künftig die Hauptfinanzierungsquelle bleiben. Die Kapitalmarktunion kann die Funktionsstörungen der Bankenfinanzierung und deren Folgen nicht ausgleichen.“4 Auch beim marktfreundlichen Washingtoner Thinktank Brookings Institution hält man die Vorteile der Kapitalmarktunion für die KMU für „stark überschätzt“.5

Hill hat selbst zugegeben, dass er den Nutzen seines Projekts für die kleinen Unternehmen übertreibt, um die eigentlich Geprellten zu besänftigen – nämlich die europäischen Bürger. So erklärte er bei einer Diskussion in Washington: „Wenn wir in der europäischen Debatte über die Kapitalmarktunion die kleinen und mittleren Unternehmen in den Vordergrund stellen, dann deshalb, weil sie als ein wichtiger Wirtschaftsfaktor wahrgenommen werden und weil es leichter ist, die Öffentlichkeit mit Vorschlägen zu überzeugen, die diese Unternehmen stärken.“6 Dagegen kritisieren die Nichtregierungsorganisation Finance Watch und der deutsche Spitzenverband der genossenschaftlichen Kreditwirtschaft (BVR) die Kapitalmarktunion als ein Vorhaben, dessen Hauptziel die Rentabilitätssteigerung der Großbanken sei.

Die Kapitalmarktunion wird überdies die Schattenbanken begünstigen, die schon für die Krise 2008 maßgeblich verantwortlich waren und deren Verbriefungsprodukte nun bewusst gefördert werden, um die strengeren Regeln, denen das offizielle Bankensystem unterstellt ist, zu umgehen.

Die verstärkte Beteiligung von Versicherungen, Pensionsfonds und spekulativen Zweckgesellschaften an der Finanzierung der Wirtschaft birgt ein weiteres Risiko. Solche Investoren haben oft zu wenig Erfahrung, um die Qualität der gehandelten Anleihen zu beurteilen. Sie glauben, sie könnten den Sachverstand und den Kundenkontakt der Banken durch abstrakte Risikokalküle ausgleichen. Aber genau die versagen bekanntlich, wenn es auf den Finanzmärkten zu überraschenden Turbulenzen kommt. Das Platzen einer Kreditblase wäre für die Verbriefungsmärkte besonders dramatisch, weil spekulative Investoren im Fall der Fälle nicht – wie die Bankhäuser – auf die Rettungsmaßnahmen der Zentralbanken zählen können.

Eigentlich müssten sich die Banken gegen die Kapitalmarktunion wehren, denn damit schwindet ihr Einfluss. Aber sie sind eifrige Befürworter, und zwar, weil sie selbst längst im System der Schattenbanken mitmischen. Das Engagement auf den Verbriefungsmärkten erlaubt auch ihnen, die für herkömmliche Bankenkreditgeschäfte geltenden Vorschriften zu umgehen, etwa dank neuer komplexer Finanzprodukte, die außerhalb der Börse auf dem ungeregelten und undurchsichtigen „Over-the-counter“-Markt gehandelt werden.

Zutaten für die nächste schwere Krise

Zur Finanzierung ihrer spekulativen Transaktionen können die Banken in Zukunft sogar die Europäische Zentralbank (EZB) in Anspruch nehmen, die beschlossen hat, die Hinterlegung solcher verbrieften Kredite beim Austausch gegen frisches Geld als Sicherheitsgarantie anzuerkennen. Diese Beihilfe der EZB soll die Kreditvergabe an die „Realwirtschaft“ beleben. Dabei deutet alles darauf hin, dass damit vor allem die Geschäfte der Schattenbanken gefördert werden: Die von der EZB bereitgestellte Liquidität kann für spekulative Anlagen eingesetzt werden, so dass wiederum neue Spekulationsblasen entstehen – und platzen – können.

Die geplante Kapitalmarktunion droht also, die großen „Universalbanken“ in finanzielle Zeitbomben zu verwandeln. Dabei schützt der scheinbar rein fachliche Charakter des Themas das Projekt vor den Blicken der Öffentlichkeit, sodass die EU-Kommission in aller Ruhe die Zutaten für die nächste schwere Krise zusammenmischen kann.7 Im Oktober hat sie unter Leitung ihres Präsidenten Juncker ein Beratungsverfahren eingeleitet – unter anderem, um „unnötige regulatorische Belastungen und andere Faktoren“ zu ermitteln, „die sich langfristig negativ auf Investitionen und Wachstum auswirken.“8 Mit dem Argument könnte man auch die Finanztransaktionssteuer (Financial Transaction Tax, FTT) aushebeln, über die derzeit mühselige Verhandlungen zwischen elf europäischen Regierungen laufen.9 So forderten in einem Schreiben vom 6. November 2015 elf nationale Unternehmerverbände – unter der Führung des Dachverbands Business Europe – die europäischen Finanzminister auf, die FTT zu begraben. Schließlich gebe es „klare Beweise für die schädlichen Wirkungen der FTT im Hinblick auf Investitionen, Wachstum und Arbeitsplätze“.10

Nutzen zweifelhaft, Risiken beträchtlich – die „Bilanz“ der Kapitalmarktunion fällt eher negativ aus. Sie beruht von vornherein auf einer Fehldiagnose, weil die Kommission eine der zentralen Ursachen für die wirtschaftlichen Stagnation im Euroraum schlicht verdrängt: die staatliche Sparpolitik und die Lohnzurückhaltung. Dass die kleineren und mittleren Unternehmen nicht genug investieren, liegt vor allem an der geringen Nachfrage. Und die wird auch dadurch abgewürgt, dass die öffentliche Hand „den Gürtel enger schnallt“.

Bleibt die Frage, warum die EU dieses riskante Projekt so rasch vorantreibt? Ob das Ganze nur als Beruhigungssignal an Großbritannien gedacht ist, um einen „Brexit“ abzuwenden? Misstrauisch stimmen auch die Verbindungen, die Juncker und Hill zu Finanzkreisen unterhalten. Juncker war immerhin von 1995 bis 2013 Regierungschef in Luxemburg, einer der großen europäischen Steueroasen. Und Hill ist der Gründer von Quiller Consultants, einer auf den Finanzsektor spezialisierten Unternehmensberatung, die in der Londoner City unter anderem für die britische HSBC Bank gearbeitet hat.

1 Publikumsgesellschaften sind Personen- oder Kapitalgesellschaften mit vielen Großanlegern oder Anteilseignern, wie zum Beispiel Aktiengesellschaften.

2 Mid Caps sind Unternehmen mit einem Börsenwert zwischen 500 Millionen und 2 Milliarden Euro/Dollar.

3 „Schaffung einer Kapitalmarktunion“, Grünbuch der EU-Kommission, Brüssel, 18. Februar 2015, S. 8.

4 Siehe: Maximising the Capital Market opportunity for SMEs and Start-ups; www.accaglobal.com/za/en/discover/news/2015/05/capital-markets.html.

5 Douglas J. Elliott, „Capital markets union in Europe: Initial impressions“, Brookings Institution, 23. Februar 2015; http://ec.europa.eu/finance/consultations/2015/capital-markets-union/docs/green-paper_de.pdf.

6 Diskussionsforum am 25. Februar 2015.

7 Siehe Sven Giegolds Blog-Eintrag vom 30. September 2015: www.sven-giegold.de/2015/kapitalmarktunion-darf-nicht-fuer-deregulierungswelle-missbraucht-werden.

8 „Kapitalmarktunion: Ein Aktionsplan für mehr Unternehmens- und Investitionsfinanzierung“. Pressemitteilung der Europäischen Kommission, 30. September 2015: europa.eu/rapid/press-release_IP-15-5731_de.htm.

9 Siehe Stephan Schulmeister „Die vernünftigste Steuer in diesen Zeiten“, Le Monde diplomatique, Dezember 2014.

10 Siehe: www.sven-giegold.de/wp-content/uploads/­2015/­11/2015-11-06-Letter-on-FTT-to-ECOFIN-Council-No­vember-Min-Gramegna-LU.pdf.

Aus dem Französischen von Ulf Kadritzke

Frédéric Lemaire ist Doktorand am Centre d’économie der Universität Paris-Nord (CEPN). Dominique Plihon ist Professor für Finanzökonomie an der Universität Paris XIII. Beide sind Mitglieder von Attac France.

Ein extremes Jahr, meint H.Flassbeck

http://www.flassbeck-economics.de/ein-extremes-jahr/flasbeck2013kAuszüge:
Vieles ist passiert und wir hoffen, dass es bald wieder einmal Normalität im besten Sinne geben wird. Wir haben sehr viele neue Freunde in diesem Jahr gewonnen. Wir sind aber auch nicht davor zurückgeschreckt, die Dinge auf den Punkt zu bringen und damit Widerspruch zu provozieren. Aufklärung ist mehr denn je gefordert. Die Widersprüche in unserer Welt werden von Tag zu Tag größer und viele Menschen finden sich nicht mehr zurecht.

So beschließen die Regierungen aller Nationen in Paris, durch Einsparung von fossilen Rohstoffen den Klimawandel zu verhindern, gleichzeitig sinkt weltweit der Ölpreis, real gerechnet, auf einen Wert wie zu Beginn der siebziger Jahre und die reichen Nationen verbrauchen Öl auf Teufel komm raus.

Das gleiche Deutschland, dass monatelang Russland des Bruchs des Völkerrechts beschuldigt hat, beteiligt sich an einer eindeutig völkerrechtswidrigen Intervention in Syrien und fast alle schweigen.

Man fordert in unglaublicher Penetranz Obergrenzen für die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland, sagt aber nicht, wer die übrig gebliebenen Flüchtlinge aufnehmen soll.

Die Finanzminister der Eurogruppe fordern die Staaten auf, um jeden Preis zu sparen, und die europäische Zentralbank versucht mit Nullzinsen verzweifelt, das Verschulden anzuregen.

In den Krisenstaaten Europas wählen die Bürger die gescheiterten Konzepte des ökonomischen Mainstream ab, aber die Mächtigen in Europa setzen sie gegen den Willen des Volkes dennoch durch. In England wählt eine Partei einen Vorsitzenden, der anders denkt, und er wird von der Presse gnadenlos verfolgt, weil er nicht die „richtigen“ Konzepte hat.

Das alles sind Zeichen für eine schwere Krise jenseits der vielen aktuellen Krisen. Es ist eine Krise des geistigen, des intellektuellen Zusammenlebens. Intellektuelle Auseinandersetzung, das Infrage stellen dessen, was oft allzu leichtfertig geglaubt wird, ist der Kern jedes vernünftigen Miteinanders. Es ist zuallererst der Staat, der die Voraussetzungen dafür schaffen muss, dass es eine offene und faire Auseinandersetzung um den besten Weg in die Zukunft gibt. Versagt er, weil er selbst Vertreter von Einzelinteressen wird, fällt die Gesellschaft denen anheim, die mächtig genug sind, ihre Positionen ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Deutschland ist leider ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, die offene intellektuelle Auseinandersetzung auszuhebeln und durch einfache Glaubenssätze zu ersetzen. In solchen Gesellschaften wird nicht nur Demokratie zu einem hohlen Begriff, solche Gesellschaften können auch einfach ihre Probleme nicht mehr lösen.

Aus der intellektuellen Verarmung entsteht eine gefährliche Sekundäruntugend. Weil wir nicht mehr in der Lage sind, uns intellektuell und fair auseinanderzusetzen, sorgen die sich auftürmenden politischen und wirtschaftlichen Probleme bei manchen Mitbürgern für enorme Verunsicherung und provozieren ein noch schlimmeres Phänomen: Die um sich greifende Diskriminierung bestimmter Menschengruppen. „Ausländer“ oder „Flüchtling“, „Grieche“ oder „Linker“ werden scheinbar zu einer Beschreibung von Menschen und man glaubt, man könne die eigene Haut damit retten, dass man andere in eine emotional negativ beladene Kategorie verschiebt, die ihnen automatisch die Schuld für das kollektive Versagen gibt.

Wehret den Anfängen! Europa und Deutschland brauchen eine neue Kultur der intellektuellen Auseinandersetzung, um eine neue Kultur der Zwischenmenschlichkeit zu schaffen. Wir brauchen eine wahre Willkommenskultur.

Und der Kernsatz dieser Willkommenskultur muss lauten: Ganz gleich, ob Sie Mann oder Frau sind, ganz gleich, ob Sie an einen Gott glauben oder nicht, ganz gleich, an welchen Gott Sie glauben, woher Sie kommen, welche Hautfarbe Sie haben, welche Sprache Sie sprechen, wie Sie ihr Privatleben gestalten, wo Sie leben wollen und welche politischen Überzeugungen Sie haben: Wir werden Sie akzeptieren so wie Sie sind, wenn Sie den universellen Grundsatz beherzigen, den Immanuel Kant den kategorischen Imperativ genannt hat.

Wenn Sie bereit sind zu akzeptieren, dass alle Menschen, die mit anderen zusammenleben wollen, sich so verhalten, dass ihre eigenen Verhaltensnormen zu einer allgemeinen Norm des menschlichen Zusammenlebens gemacht werden können, sind Sie bei uns herzlich willkommen, wenn Sie in ihrer Heimat nicht mehr leben können.

In diesem Sinne wünschen wir allen unseren Lesern schöne Ferien- und Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Heiner Flassbeck und das gesamte Team von flassbeck-economics

Jochen und das Soziale Forum Nordschwaben

Finanzriese Blackrock warnt vor Risiken in Europa: Wesentlich ist ein Nachfrageproblem

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Selbst der Erzkapitalist von Blackrock hat erkannt, was hier unter der Schäublokratie falsch läuft.
Interessantes Interview auf SPIEGEL online:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/blackrock-vize-hildebrand-kritisiert-europaeische-behoerden-a-1063828.html
Auszüge:

Hildebrand ist Vizechef von Blackrock, jenes amerikanischen Finanzgiganten, der in den vergangenen Jahren zum größten Vermögensverwalter der Welt aufgestiegen ist. 4,7 Billionen Dollar hat Blackrock zur Verfügung – eine gigantische Summe. Mehr als das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Rund vier Mal so viel wie die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank.

Hildebrand ist für die Betreuung der ganz großen Investoren zuständig. Doch wenn er spricht, merkt man, dass noch viel von seinem alten Job in ihm steckt: Bis Anfang 2012 war er Präsident der Schweizer Nationalbank und nahm die Großbanken des Landes an die Kandare. Dann kam heraus, dass seine Frau mit Währungen spekuliert hatte – ohne sein Wissen, wie er beteuerte. Trotzdem trat er zurück.

Nun ist Hildebrand ein Handlungsreisender der Finanzwelt. Gerade kommt er aus Miami, wo er mit Arnold Schwarzenegger zu Abend gegessen hat. Er ordert einen Espresso, gegen den Jetlag.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hildebrand, die Terroranschläge von Paris verunsichern die Menschen in Deutschland und in ganz Europa. Viele fragen sich: Kann man noch ins Fußballstadion gehen? Kann man noch auf den Weihnachtsmarkt gehen oder mit dem Zug fahren? Lähmt so eine Unsicherheit auch die Wirtschaft?

Hildebrand: Diese tragischen Ereignisse bringen natürlich einen weiteren Unsicherheitsfaktor in die Wirtschaftslage. Das könnte negative Effekte vor allem für den Konsum mit sich bringen. Bis zu einem gewissen Grad könnten auch Probleme beim Handel dazukommen, etwa wenn es an den Grenzen strengere Kontrollen für Güter gibt. Auf der anderen Seite rechne ich aber infolge der Anschläge auch mit gesteigerten Staatsausgaben, die wachstumsunterstützend wirken werden.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Hildebrand: Ich denke, dass die Ereignisse von Paris die Fiskalpolitik der EU verändern werden. Es ist jetzt allen klar geworden, dass ganz Europa im Visier der Terroristen ist. Die staatlichen Ausgaben für Sicherheit werden deshalb deutlich steigen. Das verstärkt einen Trend, den es bereits seit einigen Monaten gibt: Die Phase der Austeritätspolitik ist nun endgültig vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission hat ja schon signalisiert, dass Frankreich den Stabilitätspakt erst mal nicht mehr einhalten muss und höhere Staatsdefizite machen kann als eigentlich erlaubt. Könnten diese Ausnahmen auch für andere Länder gemacht werden?

Hildebrand: Ja, es lässt sich wohl nicht verhindern, dass Europa mehr Geld für Sicherheit ausgeben wird. Das gilt auch für Deutschland, auch wenn Wolfgang Schäuble hier alles tun wird, um Vorsicht walten zu lassen. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Der Stabilitätspakt der Eurozone wird mindestens temporär durch einen Sicherheitspakt ersetzt. Dies wird einerseits die Nachfrage stützen, aber andererseits bauen sich hier langfristig möglicherweise erneut Schuldenprobleme auf.

SPIEGEL ONLINE: Man sollte meinen, kaum jemand kennt die deutsche Wirtschaft so gut wie Blackrock. Ihre Fonds halten große Aktienpakete an Dutzenden deutschen Unternehmen. Können Sie uns sagen, wie es um die deutsche Wirtschaft wirklich steht?

Hildebrand: Grundsätzlich geht es der deutschen Wirtschaft gut, sie ist sehr wettbewerbsfähig. Aber es gibt auch Probleme. So hat Deutschland enorm von dem historisch einmalig starken Aufschwung Chinas profitiert – und der kann so nicht weitergehen. Das wird man auch in der deutschen Wirtschaft spüren.

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Schwäche Chinas und anderer Schwellenländer ist die Nachfrage aus dem Ausland ja schon jetzt sehr gering, ebenso wie die Investitionen. Das Einzige, was den deutschen Aufschwung am Laufen hält, ist der Konsum. Wenn der nun wegen der Terrorangst auch noch schwächelt, sieht es schlecht aus.

Hildebrand: Es ist richtig, dass es bei den Investitionen einen großen Nachholbedarf in Deutschland gibt. Aber ich würde, was den Konsum betrifft, nicht den Teufel an die Wand malen. Erfahrungsgemäß sind die Effekte nicht von langer Dauer – es sei denn, es kommt noch zu weiteren Anschlägen. Das ist die entscheidende Frage.

SPIEGEL ONLINE: Im Zuge des VW-Skandals wurde ja schon das Ende von „made in Germany“ ausgerufen. Hat die Affäre um manipulierte Abgaswerte dem Ruf Deutschlands wirklich so geschadet?

Hildebrand: Nein, dafür sehe ich keine Anzeichen. Aber was mich schon besorgt, ist das Muster, dass frappantes Fehlverhalten europäischer Firmen immer wieder von amerikanischen Behörden aufgedeckt wird. Das scheint mir das wahre Problem zu sein. Ich denke da nicht nur an VW, sondern auch an die Banken oder an die Fifa.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das? Haben es die amerikanischen Behörden besonders auf die europäischen Firmen abgesehen?

Hildebrand: Das ist die Reaktion, die dann instinktiv aus Europa kommt – die scheint mir aber zu kurz gegriffen. Ich glaube, dass Europa die Pflicht hat, an seine Unternehmen die höchsten Ansprüche zu stellen, sei es in puncto Unternehmensführung oder auch im Hinblick auf den Umweltschutz. Dies wird in der langen Frist für das europäische Wachstum positiv sein. Was hier aber passiert, ist besorgniserregend. Das darf Europa auf Dauer nicht zulassen. Ich habe das selbst erlebt bei den Banken, wo Europa es jahrelang versäumt hat, die mangelnde Kapitalausstattung zu beheben. Die Amerikaner dagegen sind das Problem schon 2009 angegangen, und die Banken sind schnell wieder gesundet. In Europa hat man es unter den Teppich gekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass die Behörden hier in Europa nicht hart genug durchgreifen? Wollen sie die eigenen Unternehmen schützen?

Hildebrand: Ich kann das aus der Nähe am besten für den Finanzbereich beantworten. Da war es schon ein riesiges Problem, dass die nationale Bankenaufsicht immer sehr eng mit der Politik verbunden war. Dieser Nexus wurde erst jetzt durch die Einführung der europäischen Bankenaufsicht gebrochen. Außerdem hatte man in Europa nie wirklich den Mut, in großem Ausmaß öffentliches Geld in die Banken zu stecken – oder dies zumindest anzudrohen, wie man es in den USA gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund dafür, dass die europäischen Banken von den amerikanischen so abgehängt wurden?

Hildebrand: Absolut. Und nicht nur das. Es ist auch einer der Gründe dafür, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Europa so viel schlechter war als in den USA. In Europa ist die Wirtschaft so stark von den Banken abhängig, dass es ein riesiger Fehler war, die Finanzinstitute so lange so schwach und unterkapitalisiert zu lassen. Wir haben dafür einen hohen Preis gezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Banken dann keine Kredite an Unternehmen und Verbraucher vergeben.

Hildebrand: Ja. Europa ist ein Wirtschaftsraum, der maßgeblich von Banken finanziert wird. Wenn wir schwache Banken haben, haben wir schwaches Wachstum.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäische Zentralbank versucht, dem schwachen Wachstum durch Gelddrucken zu begegnen. Sie wird Anfang Dezember womöglich verkünden, dass sie noch mehr Anleihen aufkauft als bisher oder sogar den Strafzins für Banken erhöht, wenn sie Geld bei ihr parken. Ist das richtig?

Hildebrand: Europa hat zwei Probleme, und ein wesentliches davon ist ein Nachfrageproblem: Die Wirtschaft ist nicht ausgelastet, auch die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor zu hoch. Und die Inflation liegt nahe null. Hier muss man Verständnis haben, wenn sich die EZB über weiteren Handlungsbedarf Gedanken macht. Sie ist angesichts ihres gesetzlichen Mandats, stabile Preise zu gewährleisten, sogar verpflichtet, weitere Maßnahmen in Betracht zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Hildebrand: Europa hat auch ein Strukturproblem. Arbeits- und Produktmärkte sind überreguliert. Investitionen lohnen sich zu wenig. Das Wachstumspotenzial ist zu gering. Und hier kann die Geldpolitik nichts machen. Da braucht es die Bereitschaft der Politik, bestehende Strukturen aufzubrechen. Je länger man damit wartet, diese fundamentalen Probleme anzugehen, desto höher wird der Preis sein.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Deutschland?

Hildebrand: Natürlich. Deutschland muss in Europa vorangehen. In den vergangenen Jahren hat Deutschland, was Strukturreformen angeht, seine Führungsrolle immer weniger wahrgenommen. Man hat zwar noch viel darüber gesprochen, aber in einigen Bereichen ist man sogar rückwärtsgegangen, etwa bei der Rente mit 63. In den südeuropäischen Krisenländern wie Spanien oder Portugal dagegen gab es sehr wohl Reformen – und das ist auch der Grund, warum es dort jetzt wieder aufwärtsgeht.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Notenbank Fed hat angedeutet, dass sie im Dezember erstmals seit sieben Jahren wieder die Zinsen anheben könnte. Die halbe Finanzwelt zittert davor. Wie schlimm wird es wirklich?

Hildebrand: Die jahrelange Nullzinsphase in den USA war ein bisher einmaliges Experiment, das nun hoffentlich zu Ende geht. Das wird mit stärkeren Schwankungen an den Finanzmärkten verbunden sein. Aber ich bin überzeugt, dass dieser erste Schritt uns wieder in ein besseres Gleichgewicht bringen wird. So wird es auch für die anderen Notenbanken der Welt leichter, irgendwann wieder zur Normalität zurückzufinden. Je länger wir in dem jetzigen System der Nullzinsen gefangen sind, desto schwieriger wird es, da jemals wieder rauszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Schon seit Monaten gibt es enorm starke Schwankungen an den Märkten. Bankenvertreter behaupten, das liege daran, dass die Banken keinen Handel mehr auf eigene Rechnung betreiben dürften und deshalb in schwierigen Marktsituationen als Käufer ausfielen. Stattdessen regierten Vermögensverwalter wie Blackrock den Markt, die immer dann kaufen und verkaufen, wenn andere das auch tun – also den Herdentrieb verstärken. Stimmt das?

Hildebrand: Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass man nicht immer auf das Gejammer der Bankenvertreter hören sollte. Es stimmt, dass der Eigenhandel der Banken verboten oder sehr teuer gemacht wurde. Wenn Sie aber schauen, in welchen Bereichen die Schwankungen besonders groß sind, dann sehen Sie, dass das ausgerechnet die Märkte mit einer hohen Liquidität sind, wo also viel gehandelt wird und es ganz offensichtlich nicht an Marktteilnehmern mangelt: bei amerikanischen oder deutschen Staatsanleihen etwa oder bei Aktien. Die Analyse dieser Bankenvertreter scheint mir also sehr kurz gegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Ausschläge dann trotzdem so viel stärker als früher?

Hildebrand: Es ist enorm viel Unsicherheit im System. Das liegt zum einen an der extrem lockeren Geldpolitik, die ein historisch einmaliges Experiment darstellt. Niemand weiß genau, was geschieht, wenn diese Politik einmal umgekehrt wird. Aber es gibt noch andere Unsicherheiten: den technischen Wandel etwa, die neuen Regulierungen, die Umwälzungen in China – und nun auch noch die Sicherheitsängste wegen der Terroranschläge. Wir müssen damit rechnen, dass die Ausschläge an den Finanzmärkten stark bleiben.

Jochen

Ein Plan B für Europa – Fassina, Konstantopoulou, Lafontaine, Mélènchon, Varoufakis

Lafontaine_PlanB

Am 13. Juli wurde die demokratisch gewählte griechische Regierung von Alexis Tsipras durch die Europäische Union in die Knie gezwungen. Die »Einigung« vom 13. Juli ist ein Staatsstreich. Sie wurde dadurch erreicht, dass die Europäische Zentralbank die Schließung der griechischen Banken erzwang und drohte, diese nicht wieder öffnen zu lassen, bis die griechische Regierung eine neue Version eines gescheiterten Programms akzeptiert. Warum? Weil das offizielle Europa die Idee nicht ertragen konnte, dass ein Volk, das unter einem zerstörerischen Austeritätsprogamm leidet, es wagt, eine Regierung zu wählen, die entschlossen »Nein« sagt.

Durch mehr Austerität, zusätzlichen Ausverkauf öffentlichen Eigentums, größerer Irrationalität im Bereich der Wirtschaftspolitik als je zuvor, und massiver Menschenverachtung im Bereich der Sozialpolitik, wird das neue Memorandum nur dazu dienen, Griechenlands große Depression zu verschlimmern und Griechenlands Reichtum nicht-griechischen und griechischen Oligarchen zur Beute zu machen.

Aus diesem Finanz-Staatsstreich müssen wir unsere Lehren ziehen. Der Euro ist das Werkzeug politischer und ökonomischer Dominanz einer kleinen europäischen Elite geworden. Diese Oligarchie versteckt sich hinter der deutschen Regierung, erfreut darüber, dass Frau Merkel all die Schmutzarbeit macht, zu der andere Regierungen unfähig sind. Dieses Europa schafft Verletzungen, sowohl innerhalb der Länder, als auch zwischen ihnen: Massenarbeitslosigkeit, scharfes Sozialdumping und Beleidigungen gegen die europäische Peripherie, die der deutschen Führung zugeschrieben werden, aber von allen »Eliten«, auch denen der Peripherie, nachgeplappert werden. Die Europäische Union ist so zur Vertreterin eines extrem rechten Ethos geworden sowie zu einem Werkzeug, um demokratische Kontrolle über Produktion und Verteilung in Europa auszuhebeln.

Es ist eine gefährliche Lüge, zu behaupten, dass der Euro und die EU den Europäerinnen und Europäern dienen und sie von Krisen abschirmen würden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Europas Interessen im eisernen Käfig aus den Regeln der Eurozone und den europäischen Verträgen geschützt werden könnten. Die Methode Präsident Hollandes und Ministerpräsident Renzis, sich wie Musterschüler, oder tatsächlich wie »Mustergefangene« zu verhalten, ist eine Form der Kapitulation, die nicht mal Milde finden wird. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat es klar gesagt: »Es kann keine demokratische Wahl gegen die europäischen Verträge geben«. Das ist die neoliberale Adaption der Doktrin der »beschränkten Souveränität«, erfunden von Breschnew in 1968. Damals haben die Sowjets den Prager Frühling mit ihren Panzern niedergeschlagen. Diesen Sommer hat die EU den Athener Frühling mit ihren Banken zerschlagen.

Wir sind entschlossen mit diesem »Europa« zu brechen. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, die Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern und Ländern auf neuer Basis wiederaufzurichten. Wie können wir eine Politik umsetzen, die gute Arbeitsplätze vor allem für junge Menschen schafft, die Wohlstand umverteilt, eine ökologische Wende herbeiführt und die Demokratie wieder herstellt, in den Beschränkungen dieser EU? Wir müssen dem Irrsinn und der Unmenschlichkeit der aktuellen europäischen Verträge entkommen und sie von Grund erneuern, um die Zwangsjacke des Neoliberalismus abzustreifen, den Fiskalpakt aufzuheben und TTIP zu verhindern.

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten und sind mit einer wahrhaften Notlage konfrontiert. Die Demokratien der Mitgliedsstaaten brauchen Luft zum Atmen und den politischen Raum, der ihnen die Möglichkeit gibt, sinnvolle Politik auf einzelstaatlicher Ebene voranzubringen, ohne Angst vor dem harten Eingreifen einer autoritären Eurogruppe, dominiert von den Interessen des stärksten Mitgliedsstaates und von Großkonzernen, oder einer EZB, die als Dampfwalze droht, jedes »unkooperative Land« niederzuwalzen, wie mit Zypern und Griechenland geschehen.

Dies ist unser Plan A für ein demokratisches Europa:

Wir werden alle in unseren Ländern, und alle zusammen überall in Europa, auf eine vollständige Neuverhandlung der europäischen Verträge hinarbeiten. Bis diese Neuverhandlung erreicht ist, beteiligen wir uns in einer Kampagne des europäischen zivilen Ungehorsams gegenüber willkürlichen, europäischen Praktiken und irrationalen »Regeln« an den Kämpfen der Europäerinnen und Europäer überall in Europa.

Zu allererst muss die Eurogruppe rechenschaftspflichtig gemacht werden. Zudem muss die Mär beendet werden, dass die EZB »unpolitisch« und »unabhängig« wäre, wenn sie (auf schädlichste Weise) höchst politisch agiert, vollständig abhängig von bankrotten Bankern und deren politischen Handlangern, und bereit ist, Demokratie mit einem Knopfdruck zu beenden.

Die Mehrheit der Regierungen, die die europäische Oligarchie repräsentieren und sich hinter Berlin und Frankfurt verstecken, haben ebenfalls einen Plan A: Statt der Forderung der Menschen Europas nach Demokratie nachzugeben deren Widerstand brutal zu beenden, wie im Juli in Griechenland geschehen. Warum haben sie es geschafft, einer demokratisch gewählten Regierung die Luft abzuschneiden? Weil sie auch einen Plan B hatten: Griechenland im schlechtesten möglichen Zustand aus der Eurozone zu werfen, indem das Bankensystem zerstört und die Wirtschaft zum Stillstand gebracht wurden.

Angesichts dieser Erpressung benötigen wir unseren eigenen Plan B

als Abschreckung gegen den Plan B, den Europas reaktionärste und anti-demokratische Kräfte verfolgen. Dies ist zur Stärkung unserer Position notwendig, im Angesicht ihres brutalen Bekenntnisses, zu einer Politik, die die Mehrheit im Interesse einer kleinen Minderheit opfert. Aber auch, um dem einfachen Prinzip neue Geltung zu verschaffen, dass Europa den Interessen der Europäerinnen und Europäern dienen muss und dass Währungen Werkzeuge sind, um den gemeinsamen Wohlstand zu mehren, nicht Folterinstrumente oder Waffen zur Abschaffung der Demokratie: Wenn der Euro nicht demokratisiert werden kann, wenn sie weiter darauf bestehen, den Menschen die Luft abzuschnüren, dann werden wir uns erheben und ihnen in die Augen sehen und sagen: Versucht es nur! Eure Drohungen ängstigen uns nicht. Wir werden einen Weg finden, um sicherzustellen, dass die Europäerinnen und Europäer ein Geldsystem haben, das für sie arbeitet, nicht gegen sie.

Unser Plan A für ein demokratisches Europa, gestützt durch einen Plan B, der den Mächtigen zeigt, dass sie uns durch ihre Erpressung nicht unterwerfen können, ist offen und zielt darauf, die Mehrheit der Europäerinnen und Europäer anzusprechen. Dies erfordert ein hohes Maß an Vorbereitung. Die Debatte wird die technischen Elemente verstärken. Viele Ideen gibt es bereits: Die Einführung eines parallelen Zahlungssystems, Parallelwährungen, digitalisierte Eurotransaktionen, ein Austritt aus der Eurozone sowie die Umwandlung des Euro in eine (demokratische) Gemeinschaftswährung.

Kein europäisches Land kann sich in Isolation befreien. Unsere Vision ist internationalistisch. In Erwartung dessen, was in Spanien, Irland – möglicherweise wieder in Griechenland, abhängig von der Entwicklung der dortigen politischen Situation – und in Frankreich 2017 passieren könnte, müssen wir auf einen konkreten Plan B hinarbeiten, unter Berücksichtigung der Besonderheiten in jedem einzelnen Land.

Wir schlagen deshalb vor, einen internationalen Gipfel für einen Plan B für Europa einzuberufen, der allen interessierten Bürgerinnen und Bürgern, Organisationen und Intellektuellen offen steht. Diese Konferenz könnte bereits im November 2015 stattfinden. Wir werden den Prozess am Samstag, den 12. September, während der Fête de l’Humanité in Paris beginnen. Schließen Sie sich uns an!

Oskar Lafontaine (ehem. Bundesfinanzminister und ehem. Vorsitzender der SPD sowie von DIE LINKE)
Jean-Luc Mélènchon (ehem. Minister für Berufsbildung im Kabinett Jospin und Präsidentschaftskandidat der Linksfront)
Stefano Fassina (ehem. stv. Finanzminister Italiens)
Prof. Yanis Varoufakis (ehem. Finanzminister Griechenlands)
Zoe Konstantopoulou (ehem. Präsidentin des Parlaments der Hellenischen Republik Griechenland

Die Bundesregierung hat im Umgang mit Griechenland die rechten Kräfte in Europa gestärkt.

Jochens SOZIALPOLITISCHE NACHRICHTEN

Ein aktueller Kommentar von Gregor Gysi.
Gregor Gysi war als Wirtschaftssenator der ersten rot-roen Koalition Anfang 2002 in einem ähnlichen Dilemma. Konfrontiert mit solchen Kabinettskollegen wie Thilo Sarrazin hat er damals schweren Herzens aufgegeben.
Und hier in der ZEIT:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/europaeische-union-griechenland-gregor-gysi
Auszüge:

Griechenland trägt keine Schuld

Die Bundesregierung war im Umgang mit Griechenland kompromisslos und schürte Ängste, schreibt der Linkenfraktionschef. Sie habe die rechten Kräfte in Europa gestärkt.

Die Syriza-Regierung ist mit ihrem Anliegen, bei der Bewältigung der griechischen Schuldenkrise einen für alle Seiten vertretbaren Kompromiss auszuhandeln, eher gescheitert. Das ist nicht ihre Schuld, zumindest nicht in der Hauptsache.
Erkennbar liegt die Hauptursache im Unwillen der deutschen Regierung, über einen anderen Weg bei der Bewältigung des Schuldenproblems auch nur nachzudenken.

Der Weg hätte darin bestehen können, die Problematik der dringend erforderlichen institutionellen Modernisierungen Griechenlands, einschließlich der ebenso dringenden wirtschaftlichen Anschübe, von der Bewältigung des Schuldenproblems zu trennen. Für Letzteres hätte es eine gesamteuropäische Lösung geben müssen.

Stattdessen ist die Europäische Union in einen Zustand eingetreten, in dem die einzelnen Staaten als egoistische Nutzenmaximierer gegeneinander konkurrieren. Die Alternative wäre eine solidarische Gemeinschaft, in der Kooperationsgewinne zur Entfaltung des wirtschaftlichen Lebens, zum Ausbau öffentlicher Infrastrukturen und sozialer Sicherungssysteme genutzt würden. Offenbar herrscht insbesondere in Deutschland die fast schon paranoide Vorstellung, dass es sich alle anderen EU-Länder auf Kosten Deutschlands gut gehen lassen könnten, ohne einen Finger krumm machen zu müssen.

Das Resultat deutscher Dominanz: die AfD

Diese Angst ist – unter aktiver Mitwirkung der Bild-Zeitung – auf Griechenland projiziert worden. Aber es geht nicht nur um Griechenland, sondern ebenso um Italien und Frankreich.
Was mich besonders beunruhigt: Die Politik Merkels und Schäubles – ich habe mich zwischendurch gefragt, wer eigentlich die Regierung führt – stärkt die europafeindlichen Kräfte im In- und Ausland. Die deutsche Dominanz führte zur AfD und stärkt den Front National.

Am 23. April 1998 hielt ich im Bundestag eine Rede zur geplanten Euro-Einführung. Leider habe ich mit vielem, was ich damals prognostizierte, recht behalten müssen. Es war wirklich eine Illusion zu glauben, dass eine Währungsunion zwischen sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften ohne flankierende Maßnahmen zu einer Angleichung führt und nicht zu einem weiteren Auseinandertreiben.

Aber Rechthaberei nützt niemandem etwas. Denken wir den Kurs der Herstellung von Wettbewerbsfähigkeit weiter.
Weil die südeuropäischen Länder keine währungspolitischen Mittel hatten, ihre Wettbewerbsposition auf dem europäischen und Weltmarkt zu verbessern (durch Abwertung), wurde ihnen eine „innere Abwertung“ aufgenötigt. Im Klartext heißt das, Menschen wurden nur als Kostenfaktoren betrachtet, und da müssen eben Menschen durch Senkung von Löhnen, Renten und Sozialausgaben „abgewertet“ werden. Schon bei dieser Sprache muss man sich Sorgen um die Zukunft des europäischen Projekts machen.

Aber welches Resultat hätte denn eine derartige Abwärtsentwicklung für deutsche Exporte? Zunächst würde deren Absatzmarkt schrumpfen. Zudem erhielten deutsche Exporte eine stärkere Konkurrenz durch die wettbewerbsfähiger gewordenen Volkswirtschaften. Schließlich hieße es wieder, Deutschland sei der „kranke Mann Europas“.
Am Ende stünde dann eine Agenda 2020 statt 2010. Das wird, natürlich ganz „alternativlos“, eine Abwärtsspirale für alle.

Viele Länder wollen kein deutsches Europa

Dabei weiß es Deutschland eigentlich besser. Es gibt sogar ein Modell. Schon bevor die staatliche Einheit Deutschlands hergestellt wurde, war der Weg einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion beschritten. Man wusste sehr wohl, dass die mit der Währungsunion einhergehende Verteuerung der Exportwirtschaft der damaligen DDR zu deren Zusammenbruch führen würde, dass aber auch die Binnenwirtschaft einen Anpassungsschock erfahren würde. Daher war eine Sozialunion dringend erforderlich, um die Auswirkungen dieses Schocks auffangen zu können. Eine reine Währungsunion, ohne kompensatorische Elemente, kam damals nicht in Frage.

Aufbau Ost verhinderte Massenverelendung

Mit der Vereinigung kamen die neuen Länder auch in den Genuss der innerstaatlichen Lastenausgleichssysteme einschließlich „Aufbau Ost“. Das konnte die Frustration vieler Menschen der ehemaligen DDR nicht verhindern, wohl aber eine Massenverelendung. Es hat für die meisten einen Weg eröffnet, den gemeinsamen Staat, bei aller Skepsis, doch anzunehmen.

Natürlich ist ein Unterschied zu damals offenkundig. Im Falle der deutschen Einheit war die Fahrtrichtung klar: eben die deutsche Einheit in der Form eines Beitritts der DDR zur Bundesrepublik unter Vermeidung einer Verfassungsdebatte, die politisch nicht gewollt war – im Gegensatz zu den Autoren des Grundgesetzes. Heute, im Fall der europäischen Integration, haben wir das Problem, dass es keinerlei Finalitätsüberlegungen gibt. Auch deshalb ist der Integrationsprozess zu einem reinen Elitenprogramm verkommen und immer mehr Menschen artikulieren ihre Distanz, ihre Entfremdung. Daraus schlagen Nationalisten und Rechtspopulisten politisches Kapital.

Es fehlt eine Finalitätsidee der Bürger

Das Fehlen einer Finalitätsperspektive erzeugt daher zusätzliche Legitimationsprobleme, selbst wenn die EU einen Weg beschreiten würde, der mir vorschwebt: eine Ausgleichsunion, die zurzeit von CDU/CSU und wohl auch von der SPD, wenn ich Sigmar Gabriel richtig verstehe, abgelehnt wird.
Wäre in der EU eine Perspektive der Angleichung von Lebensverhältnissen auf ähnliche Weise verpflichtend, wie das in Deutschland der Fall ist, käme man um Instrumentarien des wirtschaftlichen Ausgleichs nicht umhin. Aber etwas so Staatstypisches wie ein Bündel von Ausgleichssystemen lässt sich nur legitimieren, wenn es eine dafür geeignete und auch von den Bürgerinnen und Bürgern Europas akzeptierte Finalitätsidee gäbe.

Weil es diese nicht gibt, nicht einmal eine politische Debatte darüber, finden wir uns zurückgeworfen auf den Status quo, samt seiner neoliberalen ideologischen Verblendungen.
Die Europäische Integration droht an ihrem Modus zu scheitern. Der Sieg über die Tsipras-Regierung mag darüber hinwegtäuschen. Aber ewig kann es nicht gut gehen, dass Deutschland die Rolle der Hegemonialmacht einnimmt.

Viele wollen kein deutsches Europa

Die anderen Länder, die anderen Völker beginnen, sich dagegen zu wehren, sie wollen kein deutsches Europa. Vielleicht erzwingen sie eine wirkliche europäische Integration, statt den Rumpf einer gemeinsamen Währung, die eher spaltet als vereint.
Deutschland erleidet zurzeit einen starken Ansehensverlust, den unsere Bevölkerung bezahlen muss. Im Augenblick erscheint Deutschland wie der Sieger. Aber Sieger, die nicht aufhören können zu siegen, verlieren später, aber deutlich.
Ich hoffe, nicht so deutlich, dass ein europäisches Deutschland unerreichbar bleibt.

Jochen